Einführung
Für Belarus*innen, die nach den Massenprosten von 2020 gegen die umstrittenen Präsidentschaftswahlen vor den politischen Repressionen flohen und fliehen, sind Polen und Litauen zu den beiden wichtigsten Zielländern geworden. Diese Proteste bedeuteten für viele Belarus*innen den Übergang von politischem Dissens zu anhaltendem Exil. Russlands Vollinvasion in die Ukraine seit 2022 hat diesen Migrationskontext zusätzlich gewandelt: In den Zielländern haben sich der rechtliche Rahmen, die öffentliche Wahrnehmung und die institutionellen Kapazitäten verändert. Beide Staaten hatten anfangs Schutz und Unterstützung geboten. Seitdem haben sich jedoch bestimmte gesellschaftliche und institutionelle Umgebungen entwickelt, die auf unterschiedliche Weise das Leben der belarusischen Migrant*innen prägen.
Auf der Grundlage von Fokusgruppenforschungen, die 2025 in Polen und Litauen durchgeführt wurden, untersucht dieser Beitrag, wie die unterschiedlichen Kontexte die Alltagserfahrungen und Adaptionsstrategien der Belarus*innen prägen. Die Analyse geht über rein institutionelle Beschreibungen hinaus und konzentriert sich eher auf soziale Auswirkungen.
Die Daten für den Artikel wurden im Rahmen des Projekts »Porträt exilierter Belarus*innen und die Rolle Belarus‘ im russischen Krieg gegen die Ukraine« erstellt, das vom European Council on Foreign Relations (ECFR) e.V. durchgeführt wurde. Das Projekt wurde im Rahmen des Programms EU4Belarus – SALT II (Support for Advanced Learning and Training) finanziert.
1. Polen und Litauen: Zwei gesellschaftliche Kontexte für Exil, die sich in unterschiedlichen Richtungen bewegen
Polen wird von Teilnehmer*innen der Fokusgruppen konsequent als de facto sicherer Hafen für Belarus*innen beschrieben. Die Situation in Bezug auf Erlangung eines legalen Aufenthaltsstatus, einer Anstellung und den Zugang zu grundlegenden Diensten wird als relativ berechenbar wahrgenommen, insbesondere von jenen, denen in Litauen eine Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde, oder die als unerwünscht eingestuft und später von dort abgeschoben wurden. Gleichzeitig betonten Respondent*innen, dass es nach 2022 eine allmähliche Erosion der Hilfsstrukturen gegeben habe. Rechtliche Hilfe, psychologische Unterstützung und zielgerichtete Programme für Belarus*innen seien schwächer geworden und hätten überwiegend vulnerable Gruppen wie Rentner*innen, ehemalige politische Gefangene, LGBTQIA+-Personen, alleinerziehende Mütter sowie Personen mit gesundheitsbedingten Bedürfnissen betroffen. Polen ist zwar weiterhin offener als seine Nachbarstaaten, doch reduzierten die Überlastung der Institutionen und die veränderten Prioritäten zunehmend die Sichtbarkeit und Anerkennung der Emigrant*innen als Flüchtlinge oder humanitär Schutzbedürftige ein.
Litauen hingegen wird als eher eine fragmentierte und unsichere Umgebung beschrieben. Teilnehmer*innen der Fokusgruppen hoben das dortige Fehlen eines zentralisierten und zuverlässigen Systems migrationsrelevanter Informationen hervor, wobei sich die Vorschriften häufig änderten und unklare Kriterien eine langfristige Planung komplizierter machten. Der Kontext in Litauen wird neben der verwaltungstechnischen Unsicherheit auch durch symbolgeladene Spannungen rund um den sogenannten Litwinismus (siehe hierzu die Diskussion unten) und die historischen Bezüge zum Großfürstentum Litauen geprägt. Die meisten der Befragten betonten allerdings, dass sich die litauische Gesellschaft im Großen und Ganzen unterstützend verhalte. Allerdings würden diese Geschichtsdiskussionen dazu beitragen, dass der kulturelle Kontext heftiger umstritten und die Wahrnehmung der eigenen Zugehörigkeit betroffen sei.
In beiden Ländern verwiesen die Emigrant*innen auf Diskiminierungserfahrungen, wenn auch in unterschiedlicher Form. In Litauen erfolge die Diskriminierung öfter aufgrund einer Signalisierung von Verdacht oder einer symbolhaften Stigmatisierung (einige Belarus*innen wurden von Sicherheitsbehörden wegen einzelner Umstände ihrer Biographie als »Gefahr für die nationale Sicherheit« eingestuft). In Polen hingegen manifestiere sich die Diskriminierung in bürokratischer Vernachlässigung und beschränkter Anerkennung durch Institutionen. Bei Fällen dieser Art sei aber nur selten zu verzeichnen, dass sie gezielt gegen Belarus*innen gerichtet waren. Allerdings führe es dazu, dass man verstärkt das Gefühl der eigenen Unsichtbarkeit und weniger eine offene Diskriminierung wahrgenommen habe.
Polen und Litauen sind in Bezug auf Exil unterschiedliche Landschaften. Dabei sind die jeweiligen Kontexte nicht notwendigerweise für individuelle Ergebnisse verantwortlich. Aber sie schaffen die Bedingungen, unter denen die Migrant*innen tagtäglich agieren müssen. Auch das zivilgesellschaftliche Engagement und die Integrationspfade werden davon beeinflusst. Im Weiteren wird der Frage nachgegangen, wie diese unterschiedlichen Umgebungen den Alltag und die Anpassungsstrategien der Emigrant*innen im Laufe der Zeit beeinflussen. Die Konzentration gilt hier eher den sozialen Folgen als nur dem institutionellen Setup.
2. Rechtliche Rahmenbedingungen und alltägliche Ungewissheit
Für Belarus*innen im Exil ist der rechtliche Status ein zentraler Faktor, der ihr Leben in Polen wie auch in Litauen prägt. Die Unterschiede im jeweiligen nationalen Rechtsrahmen führen zu unterschiedlichen Formen der Ungewissheit, etwa hinsichtlich des Zugangs zu einer Beschäftigung oder zu medizinischer Versorgung. Ungewissheit verhindert eine langfristige Planung. Provisorische rechtliche Regelungen fungieren weniger als Übergangsphase, sondern werden oft zu Dauerzuständen, was sich auf die tagtäglichen Entscheidungen der Migrant*innen auswirkt und die Aussichten auf Integration einschränkt.
In Litauen werden die Verfahren zur Erlangung eines Aufenthaltstitels weitgehend als langwierig und destabilisierend wahrgenommen. Während eines Asylverfahrens oder eines Verfahrens zur Gewährung eines humanitären Aufenthalts, sehen sich Migrant*innen längeren Phasen ausgesetzt, in denen sie nicht legal arbeiten, bezahlte Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen oder vollwertig am öffentlichen Leben teilnehmen können. Dieses rechtliche Vakuum kann für humanitär Schutzsuchende bis zu vier Monaten dauern und für Asylsuchende beträchtlich länger, bis zu sechs Monaten. Selbst dann, wenn ein legaler Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt wurde, hält die Ungewissheit an: Arbeitgeber sind oft zurückhaltend, Personen in prekärer Lage einzustellen, und der Zugang zu vielen regulierten Berufe bleibt Migrant*innen verwehrt. Dadurch werden viele hochqualifizierte Migrant*innen in geringqualifizierte Beschäftigungen, informelle Beschäftigung oder zu einer weiteren Migration gedrängt, meist nach Polen.
Ein Thema, das von den Befragten immer wieder erwähnt wurde, ist das Fehlen eines zentralisierten und zuverlässigen Informationssystems. Vorschriften, die sich häufig ändern, unklare Kriterien und eine lückenhafte Kommunikation machten es schwierig, Zugang zu rechtlichen Optionen zu finden oder im Voraus zu planen. Sich in diesem System zu bewegen, erfordert somit eine starke Hinwendung zu informellen Netzwerken, was das Risiko von Fehlinformationen und juristischen Fehlern erhöht, mit entsprechenden langfristigen Konsequenzen.
In Polen waren die rechtlichen Wege für politische Migrant*innen aus Belarus traditionell offener. Die Verfahren für humanitäre Visa, Aufenthaltsgenehmigungen und Asylanträge in Polen wurden als relativ berechenbar wahrgenommen. Das galt insbesondere für die Zeit nach der Niederschlagung der Proteste von 2020. Für viele, die in Litauen rechtliche Sackgassen erlebt hatten, stellte die Weiterreise nach Polen eher eine Strategie zur rechtlichen Stabilisierung als einen Schritt wirtschaftlich motivierter Mobilität dar. Allerdings haben Befragte und auch Rechtsexpert*innen auf eine schrittweise Verschärfung der Verfahren verwiesen, die seit 2023/24 einsetzte: Längere Wartezeiten, verringerter Zugang zu humanitären Visa und eine zunehmende bürokratische Komplexität haben dazu geführt, dass Ungewissheit auch im polnischen Kontext immer mehr zu einem Thema wurde.
In beiden Ländern hat die Anwendung der Dublin-Verordnung wesentlich dazu geführt, dass sich die Ungewissheit für Migrant*innen aus Belarus verstärkt. Belarus*innen, die ursprünglich über die litauische Grenze in die EU gelangten und später nach Polen weiterzogen, beschrieben ihre Situation als zwischen verschiedenen Rechtssystemen gefangen. Sie mussten Verlegungsbescheide erwarten, trotz glaubwürdiger Schutzbedürfnisse. Besonders betroffen sind ehemalige politische Gefangene und Familien mit Kindern. Für diese bedeuten langwierige Verfahren und eine mögliche erzwungene Rückkehr heftigen Stress und Instabilität. Der Rahmen des Dublin-Verfahrens fördert weniger den Schutz, als dass es vielmehr oft die Mobilität einschränkt und Migrant*innen daran hindert, unter Bedingungen Schutz zu suchen, die sie eher als hilfreich empfinden.
Die rechtliche Ungewissheit trifft vor allem vulnerable Gruppen, unter anderem ältere Migrant*innen, Menschen mit Behinderungen, LGBTQIA+–Personen, ehemalige politische Gefangene und Familien mit abhängigen Kindern. Eine häufige Sorge ist die mögliche Verfolgung von Angehörigen: Verwandte von politischen Gefangenen stehen in Belarus oft unter Druck, haben aber keine Aussicht auf Schutz oder Familienzusammenführung in der EU. Eine weitere strukturelle Lücke betrifft Kinder im Übergang zum Erwachsenenalter, die ihren Status als Abhängige verlieren könnten, obwohl sie jahrelang aufenthaltsberechtigt waren und zur Schule gingen. Dann würden sie ohne eine sichere rechtliche Option verbleiben.
Insgesamt bewirkten die rechtlichen Rahmen in Polen und Litauen eher eine langwährende Ungewissheit als verlässliche Wege zur Inklusion. Unterschiede zwischen den Staaten spielen zwar eine Rolle, doch ist das Ergebnis insgesamt ein Warten, das das alltägliche Verhalten prägt, zu kurzfristigen Strategien ermuntert und die zivilgesellschaftliche und soziale Partizipation reduziert. Die bestehenden rechtlichen Regelungen verstärken also oft Vorsicht, Rückzug und die Stützung auf informelle oder grenzüberschreitende Netzwerke, statt Integration zu befördern.
3. Von anfänglicher Solidarität zu sozialer Distanz
Teilnehmer*innen an den Fokusgruppen berichteten sowohl in Polen wie auch in Litauen, dass es mit der Zeit einen klaren Wandel in ihren Alltagserfahrungen gab. Die anfängliche Phase des Ankommens (insbesondere nach den Protesten von 2020) wurde weithin als eine Zeit wahrgenommen, die von Offenheit, Empathie und starker gesellschaftlicher Unterstützung geprägt war. Mit der Zeit und besonders nach 2022 wich diese anfängliche Solidarität ambivalenteren und stärker distanzierenden gesellschaftlichen Entwicklungen.
In Litauen ist dieser Wandel eng mit den erwähnten symbolbeladenen und kulturellen Spannungen verbunden. In den Fokusgruppen wurde wiederholt auf Debatten um den sogenannten Litwinismus verwiesen – eine in Belarus verbreitete geschichtspolitische Strömung, die das Großfürstentum Litauen als primär belarusisch-slawisches Staatswesen interpretiert und damit litauische nationale Narrative infrage stellt. Ebenso wurden Konflikte um die Verwendung historischer Symbole angesprochen, insbesondere um das Reiterwappen »Pahonja« (belarusisch) bzw. »Vytis« (litauisch), das sowohl in der litauischen Staatsikonographie als auch in der belarusischen Oppositionsbewegung seit 2020 eine zentrale Rolle spielt. Die parallele symbolische Aneignung desselben historischen Zeichens wird dabei nicht selten als identitätspolitisch heikel wahrgenommen. Diese Debatten würden zwar von Randfiguren geführt, doch habe deren Präsenz in den Medien und in der öffentlichen Diskussion Auswirkungen auf die alltägliche Interaktion. Einige der Befragten berichteten, sie hätten versucht, ihr Verhalten anzupassen, um weniger exponiert zu sein. Hierzu gehörte auch, in der Öffentlichkeit möglichst nicht Belarusisch oder Russisch zu sprechen und die Beteiligung an kulturellen Initiativen in Grenzen zu halten. Auch wenn die litauische Gesellschaft immer noch als weitgehend hilfsbereit wahrgenommen wird, spiegeln solche Anpassungsversuche das wachsende Gefühl wider, dass eher eine bedingte Akzeptanz herrscht als offene Inklusion.
In Polen nahm die veränderte gesellschaftliche Dynamik andere Formen an. Die Teilnehmer*innen an den Fokusgruppen berichteten weniger von symbolbeladener Konfrontation; sie betonten vielmehr ein zunehmendes Gefühl der Unsichtbarkeit. Da die öffentliche Aufmerksamkeit und die institutionellen Ressourcen zunehmend größeren Migrant*innengruppen gelten, haben Belarus*innen verstärkt den Eindruck, dass sie nicht so sehr aktiv ausgeschlossen als vielmehr einfach übersehen werden. Solchen Erfahrungen umfassen typischerweise keine Fälle offener Feindseligkeit. Sie tragen gleichwohl zu Frustrationen bei und schwächen das Vertrauen in die Institutionen. Mit der Zeit reduziert die Wahrnehmung, zu einer »nicht vorrangigen Gruppe« zu gehören, die Motivation für öffentliches Engagement und sie bewirkt, dass sich die Menschen stärker aus sichtbaren Formen der Partizipation zurückziehen.
Die Teilnehmer*innen berichteten in Bezug auf beide Länderkontexte von Diskriminierungserfahrungen, die allerdings unterschiedlich geartet waren. In Litauen wurde Diskriminierung öfter mit einer Signalisierung von Verdacht und mit symbolhafter Fehlwahrnehmung assoziiert, unter anderem dadurch, dass man mit »den Russen« in einen Topf geworfen oder durch das Prisma generalisierender geopolitischer Narrativer dargestellt oder wahrgenommen wurde. In Polen gab es häufiger die Erfahrung bürokratischer Gleichgültigkeit und begrenzten Zugangs zu zielgerichteter Hilfe. In beiden Fällen wurde das nicht als etwas wahrgenommen, was insbesondere Belarus*innen betrifft, verstärkte aber das Gefühl der Unsichtbarkeit.
Das gesellschaftliche Klima, das sich in den beiden Ländern hieraus entwickelte, hat nicht zu einer offenen Konfrontation geführt. Es ermutigte die Migrant*innen vielmehr zu einem adaptiven Rückzug. Viele Belarus*innen sind weiterhin wirtschaftlich aktiv und sozial eingebunden, sie reduzieren jedoch ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit auf ein Engagement in vertrauenswürdigen Netzwerken. Bürgerschaftliche Partizipation erfolgt eher seltener, eher informell oder grenzüberschreitend als lokal eingebunden. Dieser Wandel stellt eine pragmatische Reaktion auf Ungewissheit und Fehlwahrnehmung dar. Fehlendes Interesse an einer Integration oder an Solidarität spielen hier weniger eine Rolle.
Soziale Distanz ist in diesem Sinne nicht eine bewusste Entscheidung, sondern die Folge einer Kombination aus langwährender rechtlicher Ungewissheit und alltäglichen sozialen Erfahrungen. Es ist sehr wichtig, diese Dynamik zu verstehen, um zu untersuchen, auf welche Weise Inklusion auch ohne explizite Ausgrenzung langsam erodieren kann.
4. Zivilgesellschaftliche Ermüdung und Muster des Rückzugs
In den Diskussionen der Fokusgruppen in Polen und Litauen wurde auch ein allmählicher Wandel des zivilgesellschaftlichen Engagements von Belarus*innen im Exil thematisiert. War die Frühphase der Vertreibung noch von starker Sichtbarkeit und gemeinschaftlicher Mobilisierung gekennzeichnet, so wurde es mit der Zeit zunehmend schwierig, dieses Niveau an Engagement aufrecht zu halten. In diesem Wandel spiegelt sich weniger eine nachlassende Einsatzbereitschaft wider; es wirken vielmehr verschiedene Formen zivilgesellschaftlicher Ermüdung, hervorgerufen durch die Bedingungen vor Ort und langwährende Ungewissheit.
In Litauen wurde die Abkehr von sichtbarer zivilgesellschaftlicher Aktivität oft als eine Strategie des Selbstschutzes beschrieben. Die anhaltende rechtliche Unsicherheit führt in Kombination mit verstärkten Überprüfungen und symbolbezogenen Spannungen dazu, dass öffentliches Engagement als riskant empfunden wird. Sichtbarkeit, etwa durch Teilnahme an Protesten oder Kulturinitiativen oder durch öffentliche Stellungnahmen, wird zunehmend als eine potenziell belastende Pflicht wahrgenommen. Daher nahmen die Befragten bewusst Abstand von organisierten Aktivitäten und schoben ihr Engagement auf, bis eine rechtliche Stabilität hergestellt sein würde. Insbesondere für ehemalige politische Gefangene und kürzlich freigelassene Aktivist*innen fungiert ein solcher Rückzug eher als eine Form von Erholung und Risikomanagement und ist keine Abkehr von Engagement.
In Polen erfolgt zivilgesellschaftliche Ermüdung auf einer anderen Bahn. Teilnehmer*innen der Fokusgruppen berichteten, dass der Rückzug weniger aufgrund von Furcht oder wegen Überprüfungen geschah. Vielmehr wurde von einer Fragmentierung und einer Diffusion des Engagements gesprochen. Der Umfang der belarusischen Gemeinschaft hat es – zusammen mit der abnehmenden institutionellen Unterstützung – schwierig gemacht, die kollektiven Strukturen aufrechtzuerhalten, die in früheren Phasen der Mobilisierung entstanden waren. Die Organisationen stehen vor Herausforderungen: Burnout von Mitwirkenden, schwindende Finanzierung und eine beschränkte Kapazität an Freiwilligen führen dazu, dass es eher kurzfristige Initiativen und eine ad hoc-Koordinierung gibt als eine stabile öffentliche Präsenz. Die bürgerschaftliche Energie wurde mit der Zeit eher auf Fragen der Beschäftigung, familiäre Verpflichtungen und persönliche Überlebensstrategien umgelenkt.
In beiden Länderkontexten ist allgemein ein Übergang zu stillen Formen der Partizipation festzustellen. Informelle Unterstützungsnetzwerke, alltägliche Akte gegenseitigen Beistands und betreuungsbezogene Praktiken lösen zunehmend den sichtbaren Aktivismus ab. Diese Formen des Engagements werden selten als zivilgesellschaftliche Partizipation betrachtet. Gleichwohl spielen sie eine wichtige Rolle bei der Wahrung des sozialen Zusammenhalts innerhalb der Diaspora. Gleichzeitig reduziert die begrenzte Sichtbarkeit die Möglichkeiten für kollektive Repräsentation und schwächt die Fähigkeit, auf öffentlichen Bühnen gemeinsame Anliegen zu artikulieren.
Die Auswirkungen von Ermüdung, Fragmentierung und Rückzug führen kumuliert zu einer allmählichen Erosion von kollektiven Kapazitäten. In Litauen manifestiert sich das in verringerter Sichtbarkeit und zunehmender Isolation. In Polen führt es dazu, dass Initiativen verstreut und nur kurzlebig sind und eine begrenzte institutionelle Reichweite haben. In beiden Ländern entsteht dadurch eine wachsende Kluft zwischen alltäglichen Bedürfnissen und der Fähigkeit, auf die öffentlichen Agenden einzuwirken. Das Wissen um diese Muster ist von größter Bedeutung, wenn untersucht werden soll, wie langwährende Ungewissheit das zivilgesellschaftliche Leben verändert, wenn die Mobilisierung nicht mehr durch Krisen befeuert wird.
5. Was die Gemeinschaften zusammenhält
Ungeachtet der langwährenden rechtlichen Ungewissheit, der sich wandelnden gesellschaftlichen Klimata und der geschwundenen öffentlichen Sichtbarkeit, weisen die belarusischen Gemeinschaften in Polen wie in Litauen weiterhin beträchtliche Merkmale sozialen Zusammenhalts auf. Dieser Zusammenhalt wird allerdings nicht mehr durch eine kollektive Mobilisierung oder gemeinsame politische Agenden befördert, sondern jetzt durch Alltagspraktiken aufrechterhalten, die direkt auf unmittelbare Bedürfnisse oder Verwundbarkeiten reagieren.
In beiden Ländern haben Teilnehmer*innen der Fokusgruppen die zentrale Rolle betont, die informelle Netzwerke bei der Bewältigung des alltäglichen Lebens haben. Informationen zu rechtlichen Verfahren, Beschäftigungsmöglichkeiten, Wohnungen, Gesundheitsversorgung und Bildungsoptionen werden vorwiegend über persönliche Kontakte und Onlinekanäle der Gemeinschaften eingeholt, weniger von offiziellen Institutionen. Diese Netzwerke fungieren im Alltag als Infrastruktur und kompensieren die die Fragmentierung der Verwaltungssysteme und die Begrenztheit der institutionellen Unterstützung. In Litauen, wo die Verfahren als intransparent und nicht vorhersagbar wahrgenommen werden, stützt man sich besonders stark auf informelle Informationen; in Polen helfen solche Netzwerke eher, die institutionelle Überlastung und das Schwinden zielgerichteter Hilfe zu bewältigen.
Betreuungsbezogene Praktiken stellen eine weitere wichtige Säule des Zusammenhalts dar. Teilnehmer*innen der Fokusgruppen haben auf die überaus große Rolle verwiesen, die gerade Frauen zufällt, wenn es um die Organisation gegenseitiger Hilfe und emotionaler Unterstützung oder die Versorgung vulnerabler Personen geht, etwa von älteren Migrant*innen, Neuankömmlingen oder jenen, die vor rechtlichen oder psychischen Problemen stehen. Diese Formen des Engagements gehen über rein familiäre Zusammenhänge hinaus und helfen, Schocks abzufedern, die durch Ungewissheit entstehen können. Sie werden zwar nur selten als zivilgesellschaftliche Partizipation betrachtet, doch sind sie für die Aufrechterhaltung sozialer Bindungen und die Verhinderung einer weiteren Marginalisierung von größter Bedeutung.
Auch eine lokale Einbindung kann die Resilienz auf der Mikroebene fördern. Stabile Beziehungen zu Nachbar*innen, Schulen, zum Beschäftigungsumfeld oder lokalen Initiativen fungieren als wichtige Verankerungen in einem ansonsten unsicheren Lebensumfeld. Wenn solche Verbindungen bestehen, gibt es – Berichten von Teilnehmer*innen zufolge – mehr Vertrauen und emotionale Stabilität. Ist das Gegenteil der Fall, führt das Fehlen solcher Verbindungen dazu, dass man sich stärker auf grenzüberschreitende Netzwerke stützt. Und es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man sich zurückzieht oder erneut migriert.
Gleichzeitig sind die Kapazitäten informeller Netzwerke und auf Versorgung basierenden Zusammenhalts begrenzt. Die Praktiken sind ganz wesentlich auf persönliche Ressourcen angewiesen und reproduzieren dabei oft interne Ungleichheiten. Burnout, ungleiche Verteilung von Zuständigkeiten und mangelnde institutionelle Anerkennung gefährden die Nachhaltigkeit. Teilnehmer*innen der Fokusgruppen betonten, dass die Resilienz, die aus der Gemeinschaft erwächst, zwar groß sei, jedoch nicht verlässliche rechtliche/legale Rahmenbedingungen und inklusive öffentliche Institutionen ersetzen könne. Ohne strukturelle Unterstützung läuft informeller Zusammenhalt Gefahr, zu einem Kompensationsmechanismus zu werden, der zwar das Leben im Alltag stabilisiert, dabei aber die zugrundeliegenden Vulnerabilitäten unbewältigt lässt.
6. Schlussfolgerungen: Unterschiedliche Pfade, ähnliche gesellschaftliche Folgen
Die im Beitrag erörterten Erfahrungen werfen ein Licht auf eine Reihe unbeabsichtigter sozialer Folgen, die sich aus dem Zusammenwirken von Rechtsrahmen, Verwaltungspraktiken und den alltäglichen sozialen Dynamiken in den aufnehmenden Gesellschaften ergeben. Polen und Litauen verfolgen in Bezug auf belarusische Migrant*innen zwar unterschiedliche institutionelle Ansätze, doch machten die Diskussionen in den Fokusgruppen deutlich, dass in beiden Kontexten mit der Zeit ähnliche Ergebnisse zu beobachten waren: Langwährende rechtliche Ungewissheit, sich wandelnde öffentliche Aufmerksamkeit und begrenzte institutionelle Anerkennung untergraben allmählich die Bedingungen für eine stabile Integration.
Ein sehr wichtiger Aspekt ist hier, dass das Provisorium zu einer Normalität wurde. Maßnahmen, die als kurzfristige Antworten entwickelt wurden, werden zunehmend zu dauerhaften Arrangements, die zu risikovermeidendem Verhalten führen und von einem langfristigen Engagement abhalten. Statt eine allmähliche Integration zu befördern, führen diese Bedingungen eher verstärkt zu Vorsicht, episodenhaftem Engagement und einem Rückgriff auf informelle Netzwerke. Gleichzeitig sorgen Anpassungsstrategien, die die Exponiertheit reduzieren sollen (etwa verringerte Sichtbarkeit oder nur selektive Beteiligung), für zunehmende gesellschaftliche Distanz und verringerte öffentliche Präsenz.
Diese Entwicklungen sind nicht das Ergebnis bewusster Ausgrenzung, verändern aber die Muster von Partizipation und Zugehörigkeit. Wenn die Anpassung an den Alltag als schwindendes Engagement fehlinterpretiert wird, bleibt die stille Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts unbemerkt. Die belarusische Diaspora eher als soziales, von lebendigen Erfahrungen geprägtes Phänomen und weniger in politischen oder strategischen Kategorien zu betrachten, ist somit von größter Bedeutung, wenn man verstehen will, warum Inklusion allmählich ins Stocken geraten kann, selbst in einer – formal gesehen – unterstützenden Umgebung.
Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder