Einen frohen Tag des Vaterlandsverteidigers!

Jedes Jahr wird in Russland am 23. Februar der Tag des Vaterlandsverteidigers gefeiert. Das Datum aus dem Jahr 1918 gilt als der Gründungstag der Roten Armee. 1922 wurde der Feiertag als »Tag der Roten Armee und Flotte« eingeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in »Tag der sowjetischen Armee und Kriegsmarine« umbenannt. Im Laufe der Zeit wurde der 23. Februar gleichzeitig und inoffiziell zum »Tag des Mannes« – ein Tag, an dem alle Männer, auch wenn sie nicht in der Armee gedient haben, von den Frauen beglückwünscht und beschenkt wurden. Im Jahr 2002 erhielt der 23. Februar seinen heutigen Namen und wurde zum arbeitsfreien Feiertag erklärt.

Kritiker sagen, dass das Datum für den Tag des Vaterlandsverteidigers ausgesprochen unglücklich ist, da der eben gegründete sowjetische Staat im Februar 1918 vom kaiserlichen Deutschland militärisch gedemütigt, und kurz danach – am 3. März – gezwungen wurde, den Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit zahlreichen Zugeständnissen zu unterschreiben. Die ZK-Sitzung, auf dem beschlossen wurde, wieder an den Verhandlungstisch in Brest-Litowsk zurückzukehren, fand gerade am 23.2. statt.

Der Krieg in der Ukraine, die politische Konfrontation mit dem Westen und die zunehmende Militarisierung Russlands geben den Debatten über die Bedeutung des sowjetischen Feiertages im modernen Russland neue Impulse. Ihre Einstellung zum Tag des Vaterlandsverteidigers sowie »Gratulationen« formulierten u. a. der Politologe Sergej Markow (Direktor des »Instituts für politische Forschung«), der Wirtschaftswissenschaftler Alexej Melnikow (Mitglied der Partei »Jabloko«), die Publizistin Olga Tuchanina (Zeitung »Komsomolskaja Prawda«), Nikolaj Starikow (Mitbegründer der Bewegung »Antimaidan« und Geschäftsführer des Senders »Perwyj Kanal – St. Petersburg«) und der Journalist Matwej Ganapolskij (Radiosender »Echo Moskwy«).

Markow: »Gratuliere allen zum Tag des Vaterlandsverteidigers!«

»Heute ist Russland wieder unter Beschuss. Die Kriegspartei der NATO-Staaten hat einen hybriden Krieg gegen Russland entfesselt. Russland wird heute sowohl an der diplomatischen Front verteidigt, als auch an der Sanktions-, der Informations-, der politischen Front, sowie gegen die 5. und 6. Kolonne, und natürlich in der besetzten Ukraine, wo das Volk des Donbass sich gegen die Junta erhoben hat. Aber wir erinnern uns, dass die Unseren auch den Großen Vaterländischen Krieg vor 70 Jahren gewonnen, Napoleon zerschlagen haben und noch viele andere, die Russland auf der Jagd plündern wollten. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen, wenn wir Russland jetzt verteidigen, werden wir den friedlichen Himmel sicherstellen! Durch Macht und Verstand! Darin besteht heute der Sinn dieses Feiertages, und nicht etwa darin, allen zu gratulieren, die eine Hose und nicht einen Rock tragen. Das Recht, am 23. Februar beglückwünscht zu werden, muss verdient werden!«

Sergey Markow auf Facebook, 23. Februar 2015; <https://www.facebook.com/sergey.markov.5/posts/623718154422520>

Melnikow: »Tag des angreifenden Vaterlandes«

»Jeder Feiertag des modernen russischen Staates, der mit einem Militärthema verbunden ist, wird nach der Aggression von W. W. Putin in der Ukraine, die mit der Eroberung der Krim durch russische Armeeangehörige und deren nachfolgendem Anschluss begonnen wurde, einen Schatten nicht nur der Zweideutigkeit, sondern der offenen Lüge tragen.

Das betrifft sowohl den heutigen Tag des Vaterlandverteidigers als auch die kommenden Feierlichkeiten, die dem 70. Jubiläum der Beendigung des Zweiten Weltkriegs gewidmet sind.

Dass die eitrige Geschwulst sowjetischen Revanchismus’ sich in die Ukraine ergossen hat, zeigt nur eines: Die Verwesung der Überreste der formal vor fast einem Vierteljahrhundert verschwundenen UdSSR ist längst noch nicht abgeschlossen.

Und die Tatsache, dass die sowjetischen formalen Feiertage, die unser Land geerbt hat, immer noch begangen werden, ist ein weiterer Beweis dafür. […]«

Alexej Melnikow auf Livejournal, 23. Februar 2015 <http://echo.msk.ru/blog/alex_melnikov/1498922-echo/>

Tuchanina: Warum es einigen Leuten schwerfällt, sich über Feiertage zu freuen

»Für den Durchschnittsbürger ist der 23. Februar ein gewöhnlicher Festtag, ein ›Herrentag‹. Betriebsfeier, Tanz. Die Mädchen machen den Jungs Geschenke, selbst dann, wenn die Mädchen fast vierzig sind, und die Jungs nächstes Jahr in Rente gehen. Selbst wenn das Mädchen ein Scharfschütze einer Spezialeinheit ist, und der Junge in seinem Leben außer einer Geige nichts in der Hand gehabt hat. So hat es sich ergeben. Am 8. März wird es auch Betriebsfeier und Tanz geben, und dann werden die Jungs den Mädchen gratulieren und ungelenke, rührende Gedichte mit holprigen Reimen und tanzender Silbenzahl in den Zeilen schreiben. Das ist das Leben.

Anders wirken die im Kalender rot markierten Tage auf die Geistesfürsten. Denen erlaubt das Gewissen nicht, den Bürgern ein banales ›Gratuliere!‹ zu sagen. Gratuliere – aber wozu eigentlich? Man muss sich doch auseinandersetzen. Jeder Feiertag muss – ganz wie eine Münze – mit den Zähnen geprüft werden, mit dem Eckzahn. Ist er nicht etwa falsch, wie der Weihnachtsbaumschmuck, der keine Freude bringt? Was feiern wir nun eigentlich? Den Tag des Vaterlandsverteidigers? Und welches Vaterlandes? Hat es sich überhaupt gelohnt, dieses Vaterland zu verteidigen? Wissen Sie denn nicht, dass das Datum zurechtgeschustert ist? Es sind keine Siege an diesem Tag errungen worden. Man ist nur geflohen und hat sich ergeben, hat sich ergeben und ist geflohen – in eben jenem Jahr achtzehn des vorigen Jahrhunderts. Nichts als Mythen, die die stalinistische Propaganda anschließend erfunden hat. Apropos, wie mundet euch der Salat, wo doch an diesem tragischen Tag ganze Völker [Tschetschenen und Inguschen im Jahr 1944; d. Red.] deportiert wurden? […]«

Olga Tuchanina auf kp.ru (»Komsomolskaja Prawda«), 22.Februar 2015 <http://www.kp.ru/daily/26345.7/3227828/>

Starikow: Frohen Tag des Vaterlandsverteidigers!

»Wenn du die eigene Armee nicht fütterst, fütterst du eine fremde. Russland hat seine Verteidiger gefüttert und geehrt, deswegen auch hat Napoleon, der Urheber des obigen Ausspruchs, Armee und Krone verloren, als es ihm einfiel, unser Land anzugreifen.

Ein Militärangehöriger hat in Russland immer Respekt genossen. Und dann, als unser Volk, geblendet von Propaganda und Manipulatoren, für kurze Zeit aufhörte, seine Armee und seine Verteidiger zu vergöttern, da badete er im Blut, fing an zu hungern. Die Jahre 1917 und 1991 sind klare Belege dafür.

›Russland hat nur zwei Verbündete, seine Armee und seine Flotte‹, hat Kaiser Alexander III. gesagt. Ich erlaube mir, diese Aussage meines Lieblingsherrschers ein wenig zu ergänzen.

›Russland hat nur drei Verbündete, seine Armee, seine Flotte und seine Spezialdienste‹.

Frohen Tag des Vaterlandsverteidigers!«

Nikolai Starikov auf nstarikov.ru, 23. Februar 2015 <http://nstarikov.ru/blog/49308>

Ganaposlkij: Mütter, wartet auf die Särge!

»[…] Die Hälfte der Bevölkerung der Russischen Föderation (50 %) sei davon überzeugt, dass die allgemeine Wehrpflicht und der obligatorische Dienst in der Armee in der Zukunft beibehalten werden sollten. An diesen Zahlen wäre nichts Verwunderliches, wenn dieser Wert nicht 10 Prozentpunkte höher läge als im Vorjahr (40 %), berichtet das angesehene ›Lewada-Zentrum‹.

Das ›Unersättliche Monstrum‹, also in diesem Fall unser Staat, kann den nächsten Sieg feiern: Der Grad an räudiger TV-Propaganda, das Schüren von Hass gegen den nächsten Nachbarn, die Märsche gegen nicht existierende Maidane, das alles hat das seinige getan: Mamas und Papas sind bereit, ihr Kind in den Rachen des Monstrums zu werfen.

Und hier muss man verstehen, wofür die Mütterchen und Väterchen eigentlich stimmen. Dass man in der Armee dienen muss, das ist keine Frage. Aber gerade deswegen auch hat die Gesellschaft all die Jahre mit der Armeemaschine gekämpft, damit der Dienst [dort] eine Arbeit wird, damit man einen Vertrag unterzeichnet, in dem das Wesen des Dienstes beschrieben wird, damit dieser Vertrag keine Zeile enthält, dass für einen General eine Datscha gebaut werden muss, nur so als Beispiel. Damit das wichtigste Recht eines Militärangehörigen festgeschrieben ist, nämlich: zu verstehen, was die Militärmaschine mit ihm vorhat.

Die Mamas und Papas aber, die sich an russischen Fernsehprodukten sattgesehen haben, sind bereit, ihr Kind im gewöhnlichen Einzugsverfahren zum Wehrdienst in die Armee zu schicken, also in eine rechtslose, ungeteilte und absolute Nutzung durch den Staat. Damit man aus ihm unverzüglich einen ›Urlauber‹ macht, zum Beispiel. Damit dieser ›Urlauber‹ in den Donbass fährt, als Bergmann oder Mähdrescherfahrer verkleidet; so wird es jetzt ›von oben‹ empfohlen.

Und damit dann ein Zinksarg nach Hause kommt.

Und dann kommt das Weinen der Mama um den getöteten Sohn, und die Aufnahmen bei irgendwelchen ›Lifenews‹, in denen sie, im schwarzen Kopftuch und mit verweinten Augen, stammelt: ›Es war also notwendig, für das Land!‹ […]«

Matwej Ganapolskij bei »Echo Moskwy«, 23. Februar 2015; <http://echo.msk.ru/blog/ganapolsky/1498866-echo/>[der hier zitierte Blogeintrag wurde am Folgetag von »Echo Moskwy« gelöscht; Anm. S. Medvedev]

Ausgewählt und zusammengefasst von Sergey Medvedev, Berlin(Die Blogs, auf die verwiesen wird, sind in russischer Sprache verfasst)


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