Geschäfts- und Investitionsklima im Agrarsektor Russlands nach den Lebensmittelsanktionen: Ergebnisse einer Befragung russischer und deutscher Unternehmen

Von Ihtiyor Bobojonov, Linde Götz, Alisher Tleubayev (alle Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien – IAMO)

Zusammenfassung
Diese Analyse berichtet aus einer Expertenbefragung von Unternehmen des Agribusiness in Russland und Deutschland aus dem Jahr 2017. Im Mittelpunkt der Befragung stehen die Auswirkungen der russischen Agrarpolitik und der makroökonomischen Bedingungen auf den russisch-deutschen Agrar- und Lebensmittelhandel und das Produktionspotential in der Milch- und Tierproduktion in Russland. Die Analyse berücksichtigt sowohl die Auswirkungen der russischen Importsanktionen sowie der Sanktionen der EU gegenüber Russland. Die Expertenbefragung wurde in Deutschland in Kooperation mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AG Agrarwirtschaft) durchgeführt.

Die Entwicklung der Lebensmittelexporte Deutschlands nach Russland

Die Veränderungen des Umfelds deutsch-russischer Geschäftsbeziehungen und des Geschäftsumfelds in Russland sind nicht erst seit der Einrichtung des russischen Agrar- und Lebensmittelembargos im August 2014 gegenüber westlichen Ländern von besonderem Interesse. Denn Milch- und Fleischimporte aus Deutschland wurden bereits seit Dezember 2012 seitens der russischen Regierung mit selektiven Importstopps gegenüber einzelnen Unternehmen oder gegenüber Unternehmen einzelner Bundesländer beschränkt und mit der Nichteinhaltung von Qualitäts- und Hygieneanforderungen begründet (s. Tab. 1).

Als Folge sind die deutschen Exporte von Fleisch und Fleischprodukten sowie Käse nach Russland – diese Nahrungsmittel stellen die wichtigsten Produkte des außereuropäischen Exportmarktes dar – stark zurückgegangen bzw. wurden eingestellt. Der Anteil der Exporte von deutschen Unternehmen nach Russland an den außereuropäischen Exporten dieser Produktgruppen lag ursprünglich zwischen 50 % und 60 % (s. Grafik 1).

Auch wenn Russland einige Nahrungsmittelimporte aus Deutschland gestoppt hat, so sind dennoch die Nahrungsmittelexporte der deutschen Agar- und Lebensmittelwirtschaft nach Russland nicht vollständig zum Erliegen gekommen.

Aus Grafik 2 wird ersichtlich, dass der Umfang dieser Exporte von Deutschland nach Russland im Jahr 2017 ca. 36 % der durchschnittlichen Exporte 2008 – 2012 betrug. Insgesamt zeichnete sich sogar im Jahr 2017 wieder ein leichter Anstieg der Nahrungsmittel- und Agrarexporte nach Russland seit den Importsanktionen ab. Während Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die sich vor allem auf den Export von Schweinefleisch konzentrierten, den stärksten Rückgang verzeichneten, sind diese in Bayern im Vergleich zur Periode vor den Importsanktionen sogar gestiegen.

Zu den von den Lebensmittelsanktionen ausgenommenen Produktgruppen zählen z. B. konservierte Fertiggerichte aus Fleisch (wie Schnitzel und Frikadellen; keine Wurst) und Fisch, Zucker, Nudelgerichte, Backwaren, Getreide, Mehl, Schokolade, Konserviertes Obst und Gemüse, einschließlich Marmeladen, Obstsäfte, Kartoffeln, Hopfen, Bier und Wein.

Die Zunahme der Exporte Bayerns nach Russland basieren vor allem auf dem Anstieg des Exports von Bier und Hopfen. Daneben werden verarbeitete Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs, Backwaren und Eier nach Russland exportiert. Auch in Hessen ist der Rückgang der Exporte nach Russland überschaubar, und es werden weiterhin vor allem verarbeitete Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs nach Russland exportiert. In den letzten beiden Jahren zeichnet sich hier sogar ein Anstieg der Exporte nach Russland ab.

Makroökonomische Rahmenbedingungen

Von den russischen Lebensmittelsanktionen profitieren zwar die inländischen Agrarproduzenten, die Endverbraucher jedoch sind mit weiter steigenden Lebensmittelpreisen konfrontiert. Gleichzeitig, und sicherlich beeinflusst durch die Preisentwicklungen auf dem Rohölmarkt und möglicherweise auch in begrenztem Umfange von der genannten »Sanktionsspirale«, ist die russische Wirtschaft, und damit auch die Agrar- und Ernährungswirtschaft, von einem instabilen makroökonomischen Umfeld betroffen. Dies mündete nicht zuletzt in die massive Abwertung der heimischen Währung im Jahr 2015 und hohen Zinssätzen, welche im Agrarsektor zum starken Anstieg der Importpreise von Vorleistungen wie Maschinen, Saatgut und Pflanzenschutzmitteln führten und schließlich in einem Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität endete. Damit verbunden ist ein Einkommensrückgang der Bevölkerung, der auch in verändertem Konsumverhalten der Endverbraucher zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus treibt die Abwertung der inländischen Währung bei Gütern mit einem hohen Importanteil, wie beispielsweise bei Rindfleisch, das inländische Preisniveau. Daher stellt sich die Frage, inwiefern diese inländischen politischen und makroökonomischen Rahmenbedingungen, gepaart mit den Entwicklungen auf internationalen Märkten, das Investitions- und Geschäftsklima und die Wettbewerbsfähigkeit der russischen Agrarwirtschaft beeinflussen.

Ergebnisse der Befragung im Agribusiness

Grundlage der Studie bilden Befragungen von russischen, deutschen und russisch-deutschen Betriebsleitern von Unternehmen im Agrarsektor und der Ernährungsindustrie aus dem Jahr 2017. Unter russisch-deutschen Unternehmen werden hier deutsche Unternehmen mit einem Tochterunternehmen in Russland verstanden.

Die Ergebnisse der Analyse der so erhobenen Daten weisen auf unterschiedliche Beeinträchtigungen von russischen und ausländischen bzw. deutschen Unternehmen durch die russischen Importsanktionen hin. Während ca. 40 % der befragten russischen Firmen von Beeinträchtigungen durch die Sanktionen berichteten, gaben ca. 60 % der deutsch-russischen und 62 % der deutschen Firmen an, von den Sanktionen behindert worden zu sein. Es zeigt sich daher, dass sich ausländische bzw. deutsche Firmen sowie russische Unternehmen mit deutscher Beteiligung durch die Sanktionen stärker beeinträchtigt sahen als heimische russische Unternehmen.

Die Unternehmen sahen sich jedoch abhängig von deren Produktionsausrichtung in unterschiedlichem Ausmaß von den Importsanktionen behindert. Zum Beispiel gaben lediglich 23 % der milchproduzierenden Unternehmen, hingegen mehr als 52 % der befragten fleischverarbeitenden Unternehmen an, von den Restriktionen behindert gewesen zu sein. Dies lässt sich auf den infolge der Sanktionen stark angestiegenen Preis von Fleisch, das für die verarbeitende Industrie den entscheidenden Produktionsfaktor darstellt, zurückführen. Ein Anstieg des Fleischpreises impliziert die Erhöhung der Preise verarbeiteter Fleischprodukte, infolgedessen die Nachfrage der Endverbraucher sinkt. Die Unternehmen gaben an, dass mit den Importsanktionen das relativ günstige importierte Fleisch nicht mehr zur Verfügung steht und die Unternehmen folglich ausschließlich auf das teurere heimische Fleisch angewiesen sind, wodurch die Produktionskosten angestiegen sind.

Weiterhin wurden die Unternehmen nach spezifischen Belastungen durch die Sanktionen seitens Russlands aber auch der EU befragt. Die EU hatte im März 2014 Sanktionen gegenüber Personen und Institutionen Russlands sowie wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland initiiert. Neben dem Einfrieren von Vermögenswerten und Einreiseverboten einzelner Personen und Firmen, insbesondere Finanzinstituten, wurde die Ausfuhr von Gütern und Technologien mit doppeltem Verwendungszweck im Bereich der Erdölförderung und für militärische Zwecke, und die Tätigung von Finanzgeschäften mit bestimmten Unternehmen (Finanzinstitutionen) sanktioniert.

Aus Grafik 4 wird ersichtlich, dass den Angaben der russischen und russisch-deutschen Unternehmen entsprechend diese vom russischen Lebensmittelembargo besonders betroffen wurden, während die westlichen Sanktionen für diese Unternehmen kaum von Bedeutung waren. Die befragten deutschen Unternehmen gaben hingegen an, dass diese stärker von den EU-Sanktionen betroffen wurden. Beispielsweise ist der Absatz von deutschen Agrartechnik-Unternehmen in Russlands stark eingebrochen. Die verschlechterten Finanzierungsmöglichkeiten russischer Geschäftspartner lassen sich jedoch weniger – wie von den deutschen Unternehmen angenommen – auf die EU-Sanktionen, als auf die ungünstigen makroökonomischen Entwicklungen in Russland zurückführen.

Hinsichtlich des Einflusses der Sanktionen auf das Investitionsverhalten geht aus unserer Befragung hervor, dass ca. 26 % der Unternehmen Investitionen seit 2014 verschoben haben. Dieses Ergebnis gilt gleichermaßen für deutsche, russische und russisch-deutsche Unternehmen.

Als weitere Gründe für die Aufschiebung von Investitionen wurden unsichere und sich häufig ändernde rechtliche Rahmenbedingungen genannt. Die daraus resultierenden notwendigen Anpassungen erfordern einen hohen Zeit- und Kostenaufwand seitens der Unternehmen. Darüber hinaus weisen unsere Ergebnisse auf eine große Belastung der Märkte durch die politische Unsicherheit sowie den mit dem wirtschaftlichen Abschwung verbundenen Rückgang der Nachfrage seitens der Endverbraucher hin.

Das Wachstumspotential des russischen Lebensmittelmarkts wird von den russischen Unternehmen deutlich niedriger eingeschätzt im Vergleich zu den russisch-deutschen Unternehmen. Deutsche Unternehmen schätzen dessen Marktpotential sogar als hoch bis sehr hoch ein.

Es zeigt sich, dass sowohl russische als auch deutsche Unternehmen geplant haben, ihre gemeinsamen Geschäftsbeziehungen mit dem jeweiligen Land nach der Aufhebung der beidseitigen Sanktionen wieder aufzunehmen. Seitens der russischen Unternehmen waren sogar 82 % der Befragten daran interessiert, ihre Geschäftsbeziehungen in die EU wieder aufzunehmen. Russische Unternehmen schätzen insbesondere die hohe Qualität deutscher Produkte und deren gutes Preis-Leistungsverhältnis (s. Grafik 5).

Fazit

Als Folge der russischen Importsanktionen ist der Export von Agrargütern und Lebensmitteln von Deutschland nach Russland auf 36 % des Durchschnitts in den Jahren vor dem Importembargo gesunken. Jedoch zeichnete sich in 2017 wieder ein leichter Anstieg der Nahrungsmittel- und Agrarexporte nach Russland ab.

Die Ergebnisse der Expertenbefragung von Unternehmen in Deutschland, Russland und von russisch-deutschen Unternehmen haben gezeigt, dass eine Reihe von Einschränkungen bestehen, welche die deutsch-russischen Geschäfts- und auch die Investitionsmöglichkeiten in Russland verschlechtert haben.

Auf der Seite Russlands sehen sich Unternehmen der Fleischwirtschaft besonders von den russischen Importsanktionen betroffen, während einige der befragten deutschen Unternehmen Umsatzeinbußen als Folge von Finanzierungsschwierigkeiten russischer Unternehmen erlitten, die vor allem durch die makroökonomischen Entwicklungen verursacht wurden. Befragte Unternehmen aus Deutschland schätzen zukünftige Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten in Russland im Vergleich zu russischen Unternehmen deutlich optimistischer ein. Sowohl russische als auch deutsche Unternehmen haben geplant, ihre Geschäftsbeziehungen nach der Aufhebung der beidseitigen Sanktionen wieder aufzunehmen. Russische Unternehmen könnten insbesondere von dem relativ günstigen Import von hochwertiger Technologie und Vorleistungen profitieren, während für deutsche Unternehmen der Zugang zu einem großen Absatzmarkt attraktive Einkommensmöglichkeiten schafft.

Daher sollten deutsche Unternehmen aus dem Agribusiness ihre bestehenden Beziehungen zu Geschäftspartnern im Agribusiness und staatlichen Einrichtungen in Russland aufrechterhalten und pflegen. Dies ermöglicht bei einer Aufhebung des russischen Importembargos eine schnelle Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen und Zugang zu den russischen Märkten.

Lesetipps / Bibliographie

  • Kylina, O. (2018): Bayrische Lebensmittelwirtschaft: Perspektiven im russischen Markt und Analyse der betroffenen Produktsparten, Vortrag auf dem Workshop »Chancen für bayerische Lebensmittel in Russland in Zeiten der Sanktionen«, Bayrisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 4. Juli 2018.
  • Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (2015): Geschäftsklima Russland 2015. 12. Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer.

Zum Weiterlesen

Analyse

Entwicklungen in der russischen Agrarwirtschaft während des Importverbots für Agrargüter und Lebensmittel

Von Linde Götz, Tinoush Jaghdani, Maximilian Heigermoser, Alisher Tleubayev
Die seit einigen Jahren von der russischen Regierung verfolgte Substitutionspolitik bei Agrarimporten, welche 2014 in die Lebensmittelsanktionen gegenüber den westlichen Ländern gipfelte, vermochte zwar die Entwicklung des Schweinefleischsektors in Russland zu forcieren, konnte jedoch keine Dynamik im Milchsektor katalysieren. Die Persistenz der Probleme in der Milchwirtschaft hängt mehr mit der hohen makroökonomischen und politischen Instabilität zusammen, welche ein hohes Marktrisiko und damit Geschäftsrisiko bergen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Erhöhung der makroökonomischen Stabilität und Stärkung der politischen Stabilität geeignetere Maßnahmen darstellen als eine protektionistische Handelspolitik, um die Entwicklung der Milchwirtschaft zu fördern. Im Unterschied zu den Importsektoren der russischen Agrarwirtschaft ist die Getreidewirtschaft nicht direkt von der Agrarimportsubstitutionspolitik betroffen. Vielmehr hat der Weizenexport von der Abwertung des russischen Rubels im Jahr 2015 stark profitiert und den Aufstieg Russlands zum weltweit größten Weizenexporteur forciert.
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Analyse

Der Milchmarkt in Russland

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Die Milchwirtschaft in Russland bleibt einer der größten Problemsektoren der russischen Wirtschaft. Die Milchproduktion ist zwar im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr um rund 1 % auf 31,1 Millionen Tonnen gestiegen, doch sind die Produktionszahlen der Milchkühe seit Jahren rückläufig (2017 gab es einen Rückgang von 0,7 % gegenüber dem Vorjahr). Diese Steigerung der Milchproduktion im Jahr 2017 wird nur von der steigenden Milchleistung der Kühe getragen. Jedoch sind einige Experten der Ansicht, dass die Produktionszahlen von Rohmilch in den offiziellen Statistikdaten nicht mit den tatsächlichen Produktionsmengen übereinstimmen, sondern nach oben korrigiert sind. Demzufolge würden angeblich jährlich bis zu 14 Millionen Tonnen Milch (oder fast 45 % der angegebenen Gesamtproduktionsmenge) nur auf dem Papier existieren und gar nicht in Russland produziert. (…)
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