Die politische Elite im Jahr 2025

Zur Bedeutung des Rankings

Das Ranking, das die »Nesawisimaja gaseta« monatlich publiziert und dann einmal im Jahr zusammenfasst, misst nicht reale Macht. Es gibt Einschätzungen der befragten Politiker und Experten wieder. Dokumentiert werden also Perzeptionen politischer »Wichtigkeit«; die Führungselite wird über einen Reputationsansatz identifiziert, nicht aufgrund der Position oder des – ohnehin nur sehr schwer messbaren – Einflusses auf Entscheidungsprozesse.

Die Rankings, die erstmals 1993 publiziert wurden, geben also die Wahrnehmungen der politischen Klasse wieder und erlauben – mit der gebührenden Vorsicht – Rückschlüsse auf die Entwicklung des politischen Systems. Gruppiert man die Politiker nach ihren Funktionen, dann wird deutlich, dass sich die Gewichte innerhalb der Führungsebene durchaus verschieben können – am deutlichsten zwischen 1993 und 1999 –, dass sich aber seit dem Amtsantritt Wladimir Putins als Präsident im Jahr 2000 eine stabile Mehrheit von Vertretern der Exekutive (Präsidialadministration, Regierung, Wirtschaftspolitiker, Machtapparate) herausgebildet hat. Die zweitwichtigste Gruppe sind die Wirtschaftsakteure, die staatliche oder private Großunternehmen und Banken leiten. Es ist diese Verzahnung von Exekutive und Kapital, die die politische Realität Russlands seit 25 Jahren bestimmt.

Das Verhältnis zwischen den Elitengruppen verschiebt sich seit 2000 nur unwesentlich (Ausnahme ist allein das Krisenjahr 2009). Es ist in den letzten Jahren beinahe ins Stocken geraten. Parallel dazu vollzieht sich eine Konsolidierung der oberen 20 Ränge, wie in den Jahren zuvor; in die Ränge 9 bis 50 ist im Vergleich zu den Vorjahren wieder mehr Bewegung gekommen, die Plätze 1 bis 8 mit Wladimir Putin, Michail Mischustin, Anton Wajno, Sergej Sobjanin, Sergej Kirijenko, Dmitri Medwedew, Anton Siluanow und Sergej Lawrow bleiben seit 2019 beinahe unverändert.

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Im Ansehen gestiegen sind Persönlichkeiten wie etwa der seit Mai 2024 als Verteidigungsminister dienende Andrej Belousow. Sein Amt übernahm er von Sergej Schojgu, der zum Sekretär des Sicherheitsrates herabgestuft wurde (um 19 Plätze auf Platz 50; 2024 war er noch auf Platz 31 und 2023 noch auf Platz 8). Zu den weiteren Aufsteigern gehören der 2024 ernannte Erste stellvertretende Ministerpräsident Denis Manturow (um 11 Plätze von Platz 32 auf Platz 21), als auch Wladimir Jakuschew (um 12 Plätze von Platz 39 auf Platz 28). Jakuschew ist seit 2024 Erster stellvertretender Vorsitzende des Föderationsrates und Sekretär des Generalrates von »Einiges Russland«. Alle drei steigerten in den letzten Jahren kontinuierlich ihre Platzierung.

In den unteren Rängen machte Wladimir Medinskij einen erheblichen Sprung um 33 Plätze und den größten Sprung innerhalb der Liste der Top 100 (Platz 47 von zuvor Platz 80). Er ist seit 2020 Berater des Präsidenten und leitete zwischen 2022 und 2025 die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Er ist außerdem Mitverfasser von Geschichtsbüchern für den Unterricht der 10. und 11. Klassen, mit einem Geschichtsbild zu Gunsten Russlands. Seit 2025 ist er zudem Vorsitzender des russischen Schriftstellerverbandes. Stärker gestiegen sind ebenso der Vorstandsvorsitzender der staatlichen Entwicklungsbank WEB.RF (früher Vneschekonombank), Igor Schuwalow (um 14 Plätze auf 48 von Platz 62), Sergej Ziwilew, seit 2024 Energieminister (um 10 auf Platz 44 von Platz 54), oder Jurij Tschichantschin, Leiter des Föderalen Dienstes der Finanzaufsicht Rosfinmonitoring (um 8 Plätze auf Platz 50 von Platz 58). Neben Schuwalow und Medinskij, die neu in die Top 50 gekommen sind, schafften es ganz neu auf die Liste und zugleich unter die Top 50 der Berater des Präsidenten für Außenpolitik, Jurij Uschakow (Platz 40) und Kirill Dmitrijew (Platz 46), seit 2025 Sonderbeauftragter des Präsidenten für außenwirtschaftliche Zusammenarbeit und Investitionen und Geschäftsführer des staatlichen Direktinvestitionsfonds. Dmitrijew verhandelte 2025 den 28-Punkte-Plan zur Beilegung des Kriegs in der Ukraine mit.

Ein großer Sprung gelang auch dem ehemaligen Gouverneur der Oblast Kaliningrad, Anton Alichanow (um 23 Plätze von Platz 78 auf Platz 56), obwohl er es nicht in die Top 50 schaffte. 2024 wurde er zum Minister für Wirtschaft und Handel ernannt.

All diese Aufstiege sind bedingt durch eine Beförderung auf eine neue, bedeutendere Position oder es sind Positionen, die Finanzinstitutionen kontrollieren. Auffällig ist auch der Bedeutungsgewinn in der Wahrnehmung der Experten des Rankings von Medinskij und Dmitrijew, die beide in ihrer Rolle bei Verhandlungen um den Krieg gegen die Ukraine sehr präsent waren. Durch die oben genannten Personen werden die russischen Eliten verjüngt. Bei den Absteigern ist es genau umgekehrt, die zumeist aus alten Kadern bestehen.

Von den befragten Experten werden die altbekannten Namen als etwas einflussreicher wahrgenommen. Dazu zählen Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender von »Gazprom« (Platz 12), Walentina Matwijenko, Vorsitzende des Föderationsrates (Platz 18), der stellvertretende Ministerpräsident Alexander Nowak (Platz 30), Walerij Gerassimow, Chef des Generalstabs der Streitkräfte und Vertreter des Verteidigungsministers (Platz 41), Boris Kowaltschuk, Vorsitzender des Rechnungshofs (Platz 42), und Konstantin Ernst, Generaldirektor des Fernsehsenders »Erster Kanal« (Platz 45), ebenso wie der Sekretär des Staatsrates und Berater des Präsidenten, Alexej Djumin (Platz 32), der Generalstaatsanwalt Igor Krasnow (Platz 34) und Dmitrij Tschernyschenko, stellvertretender Ministerpräsident (Platz 38). Dieser Zuwachs an Einfluss geht einher mit einem Anstieg um 4 – 7 Plätze in der Rangliste.

Einen leichten Bedeutungsverlust mussten Igor Setschin, Präsident von »Rosneft« (Platz 16), Maxim Oreschkin, stellvertretender Leiter der Präsidialadministration (Platz 22), und Andrej Jarin, Leiter der Abteilung für Innenpolitik in der Präsidialadministration (Platz 37), hinnehmen. Sie alle haben 4 bis 7 Plätze eingebüßt.

Erheblich an Einfluss verloren hat der Berater des Präsidenten Nikolaj Patruschew (Platz 33 von zuvor Platz 23). Patruschew war zuvor seit 2008 Sekretär des Sicherheitsrates der Russländischen Föderation und trat das Amt 2024 an Sergej Schojgu ab, der ebenfalls herabgestuft wurde und den stärksten Verlust an den Rand der Platzierung in den Top 50 hinnehmen musste (Platz 50 von zuvor Platz 31). Patruschew seinerseits war bis 2008 Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. Zwischen 2021 und 2023 bewegte er sich noch stabil in der Top 10 des Rankings, ähnlich wie Schojgu als Verteidigungsminister. Der Unternehmer Gennadij Timtschenko verlor 11 Plätze (Platz 39 zuvor Platz 28).

Aus den Top 50 schieden die Unternehmer und Milliardäre Roman Abramowitsch (Platz 54) und Alischer Usmanow (Platz 55) aus, ebenso wie Jurij Borissow (Platz 57). Borissow war bis 2025 Generaldirektor von »Roskosmos« und Staatsberater 1. Klasse. Über einen mehrwöchigen Posten als Sonderbeauftragter wurde er zum Senator im Föderationsrat für die Oblast Archangelsk versetzt. Ähnlich erging es Dmitrij Kosak (Platz 58), der bis September 2025 stellvertretender Leiter der Präsidialadministration und ein langer Weggefährte Putins war. Seine aktuelle Position ist unklar. Lediglich Igor Lewitin (Platz 53), Berater des Präsidenten sowie Staatsberater 1. Klasse, als auch Sergej Nowikow (Platz 73), Leiter der Präsidialdirektion für öffentliche Projekte, sind unter Beibehaltung ihres Postens im Vergleich zum Vorjahr im Ranking abgestiegen.

Der Einfluss der Topmanager der größten Staatskonzerne und Aktiengesellschaften sowie der Unternehmer, die den Entscheidungszentren nahestehen, wirkte in 2025 in viele Richtungen durch: Alexej Miller (12), Sergej Tschemesow (19), Jurij Kowaltschuk (20), German Gref (27), Andrej Kostin (35) und Gennadij Timtschenko (39), trotz des wachsenden Drucks und Schwierigkeiten wie etwa Sanktionen, schwankende Energiepreise und hohe Zinsen, denen die unterschiedlichen Branchen ausgesetzt sind.

Hauptvertreter der parlamentarischen Opposition spielen kaum eine Rolle und tauchten in den letzten Jahren nicht unter den 50 einflussreichsten politischen Akteuren in Russland auf. Lediglich 2022 schaffte es Gennadij Sjuganow (Platz 49), der Vorsitzende des Zentralkomitees der KPRF, erstmals seit 2017 wieder unter die Top 50. Politische Eliten der außerparlamentarischen Opposition und von Protestbewegungen wurden traditionell im Ranking zur Wahl gestellt, schafften es jedoch nicht, in das Ranking aufgenommen zu werden. Mit Beginn des Krieges gegen die Ukraine 2022 befindet sich ein großer Teil ihrer Vertreter ohnehin im Ausland oder im Gefängnis.

Zur Methodik

Ermittelt wird das Ranking durch die Befragung von Politikern, Politik- und Medienexperten (monatlich schwankend zwischen 24 und 27), die eine Liste ausgewählter Akteure auf einer 10-Punkte-Skala bewerten. Sie können auch ihrerseits Personen benennen, die dann der Liste hinzugefügt werden. Drei Punkte sind für die Einordnung wichtig: Erstens werden in dem Zeitungsranking für gewöhnlich Personen als wichtig eingestuft, die oft im Scheinwerferlicht stehen, etwa Pressesprecher Dmitrij Peskow und Außenminister Sergej Lawrow. Zweitens ist eine Befragung von Politikern und Experten Grundlage der Rangliste. Bei der Interpretation des Rankings muss man sich der speziellen Perspektive der Juroren bewusst sein. Zu den Experten zählt zum Beispiel auch Sergej Briljow vom Staatssender Rossija, der verantwortliche Redakteur Dmitrij Orlow ist Funktionär bei der Partei »Einiges Russland«. Drittens ergibt sich das Jahresranking aus dem Mittelwert der einzelnen Monate. Allerdings werden nur Personen berücksichtigt, die mindestens sechs Monate in den Top 100 vertreten waren. Manche Verschiebungen, wie eine Kabinettsumbildung oder allgemeine Postenwechsel bildet die Rangliste daher nicht vollständig ab.

Die Auswahl der Eliteakteure beschränkt sich nicht auf Inhaber von Regierungsämtern, Abgeordnete und Parteipolitiker, sie bezieht auch Regionalvertreter, Juristen, Medienvertreter, Kirchenleute und Wirtschaftsakteure mit ein. Das Ranking ist also tatsächlich der Versuch, eine Liste der mächtigsten Russen zu erstellen. Aus den Punktewertungen werden Durchschnittswerte ermittelt. Die Punktzahl entscheidet schließlich über den Platz im Ranking. Am Ende des Jahres werden aus den Monatsrankings Durchschnittswerte ermittelt, aus denen sich dann das Jahresranking der »100 führenden Politiker« ergibt. Hier abgebildet sind Vertreter politischer Eliten der Plätze 1 bis 20 mit sehr hohem Einfluss und der Plätze 21 bis 50 mit hohem Einfluss.

Die Redaktion der Russland-Analysen

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