Ein neues Wettrüsten?

Von Peter Rutland (Wesleyan University)

Zusammenfassung
Aus Anlass des Endes von »New START« gibt der Beitrag einen Überblick über die Entwicklung der Atomwaffenverträge zwischen Russland und den USA. Auf dieser Grundlage wird die aktuelle Lage analysiert. Zentral sind dabei der russische Eroberungskrieg gegen die Ukraine und der Politikwechsel der USA unter Präsident Donald Trump. Das Ergebnis ist eine »unsichere Zukunft«.

Einleitung

Am 5. Februar 2026 lief der New-START-Vertrag zur nuklearen Rüstungskontrolle aus. Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges besteht kein Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle mehr zwischen den USA und Russland. Thomas DiNanno, der amerikanische Unterstaatssekretär für Rüstungskontrolle, hielt am 6. Februar 2026 in Genf eine Rede, in der er das Ende der Ära einer einseitigen Zurückhaltung der USA in der Rüstungskontrolle verkündete. DiNanno erklärte, der »eklatanteste Mangel des New-START-Modells« sei das Scheitern, Russland an der Modernisierung seiner Atomwaffen zu hindern. Er argumentierte zudem, dass der Ausbau des chinesischen Atomwaffenarsenals ein neues Rüstungskontrollregime erforderlich mache, das alle drei führenden Atommächte einbeziehe.

Infolge des Auslaufens des New-START-Vertrags stellte das Bulletin of the Atomic Scientists seine Weltuntergangsuhr auf 85 Sekunden vor 12 vor – der geringste Zeitabstand zur Katastrophe seit der Einführung im Jahr 1947. Dies spiegelte nicht nur das Auslaufen des New-START-Vertrags wider, sondern auch die Kriegsgefahr aufgrund des iranischen Atomprogramms und die anhaltenden Spannungen zwischen den Atommächten Indien und Pakistan.

Die Federation of American Scientists schätzt das US-Atomwaffenarsenal auf 5.177 Sprengköpfe, das Russlands auf 5.459, jeweils einschließlich stillgelegter Sprengköpfe, und das Chinas auf 600. Neun Staaten besitzen zusammen über 12.000 Atomsprengköpfe, ein Rückgang gegenüber dem Höchststand von 70.000 im Jahr 1991 (siehe Grafik 1 auf S. 10 für Zahlen ohne stillgelegte Sprengköpfe).

Zurück in die Zukunft

In den 1970er Jahren schlossen die USA und die Sowjetunion eine Reihe wegweisender Verträge, die das nukleare Wettrüsten verlangsamten. Dazu gehörte der ABM-Vertrag von 1972, der die Stationierung von Systemen zum Abschuss anfliegender Interkontinentalraketen stark einschränkte. Dies war zentral für die Wahrung der gegenseitigen garantierten Abschreckung.

Das Ende des Kalten Krieges wurde durch den INF-Vertrag von 1987 zwischen den USA und der Sowjetunion eingeläutet. Dieser verbot Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 5.500 Kilometern und führte zur Demontage von 2.600 Raketen. Der Vertrag enthielt eine Bestimmung zur Vor-Ort-Inspektion, um die Einhaltung der Vorgaben zu gewährleisten. Der START-I-Vertrag von 1991 begrenzte die strategischen atomaren Streitkräfte der USA und Russlands auf 1.600 Trägersysteme und 6.000 Sprengköpfe. Er umfasste ein Inspektionsregime mit Datenaustausch, regelmäßigen Inspektionen der jeweiligen Standorte und sogar Benachrichtigungen bei jeder Verlegung einer Atomwaffe. 1992 verhandelten dann Russland und die USA den Vertrag über den Offenen Himmel (Open Skies Treaty). Dieser erlaubte den Unterzeichnerstaaten, kurzfristig Überwachungsflüge über dem jeweiligen Territorium durchzuführen (die mehr Daten liefern als Satelliten). Der Vertrag trat 2002 in Kraft.

1993 verhandelten beide Seiten den START-II-Vertrag, der Mehrfachsprengköpfe auf Interkontinentalraketen verbot. Die Ratifizierung verzögerte sich jedoch, und der Vertrag trat nie in Kraft, da Russland ihn an die Bedingung knüpfte, den ABM-Vertrag aufrechtzuerhalten. Die USA traten hingegen 2002 aus dem ABM-Vertrag aus, da sie die Möglichkeit eines Angriffs durch eine Atomrakete von Staaten wie Nordkorea oder Iran befürchteten. 2007 setzte Russland seine Teilnahme am Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa von 1990 aus, der Truppenverlegungen begrenzte. 2015 erfolgte der russische Austritt.

Anstelle von START II wurde 2002 der Vertrag über die Reduzierung strategischer Offensivwaffen (SORT) unterzeichnet, der die Anzahl der stationierten Atomsprengköpfe beider Seiten auf 1.700 bis 2.200 begrenzte. 2011 wurde dieser durch den New START-Vertrag ersetzt, der die USA und Russland auf 1.550 in Trägersystemen stationierte Atomsprengköpfe beschränkte und 18 Vor-Ort-Inspektionen pro Jahr vorsah.

Einen Überblick über die Laufzeiten der Atomwaffenverträge und die Zahl der von USA und Russland gelagerten Atomwaffen gibt Grafik 2 auf S. 10.

Russland und die USA haben sich regelmäßig gegenseitig beschuldigt, gegen diese Rüstungskontrollverträge zu verstoßen. Russland protestierte gegen die US-Pläne zur Stationierung von Raketenabwehrsystemen in Osteuropa, während die USA Russland vorwarfen, Raketen zu entwickeln, die gemäß dem INF-Vertrag verboten seien. Infolgedessen lief der INF-Vertrag 2019 aus. 2020 kündigte US-Präsident Donald Trump den Vertrag über den Offenen Himmel, und Russland folgte diesem Beispiel 2021. Eines der wenigen noch gültigen Abkommen ist der Vertrag von 1967 zum Verbot von Atomwaffen im Weltraum.

Die Vor-Ort-Inspektionen von Atomwaffen wurden im März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie eingestellt. Der New-START-Vertrag wurde jedoch im Januar 2021 um fünf Jahre verlängert. Im August 2022 verweigerte Russland die Wiederaufnahme der Vor-Ort-Inspektionen. Inmitten gegenseitiger Vorwürfe kündigte der russische Präsident Wladimir Putin im Februar 2023 an, seine Teilnahme am Vertrag auszusetzen, aber die Beschränkungen für die Zahl der Atomsprengköpfe weiter zu beachten.

Atomwaffen und der Krieg in der Ukraine

Der Hauptzweck von Atomwaffen besteht darin, einen Angriff einer anderen Macht auf das eigene Land abzuschrecken. Dies hat funktioniert: Es gab bisher keine Kriege zwischen Atommächten, und seit 1945 wurden keine Atomwaffen mehr eingesetzt – das sogenannte »Atomtabu«. (Tannenwald 2007)

Russlands großangelegter Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 ging mit einer alarmierenden Zunahme atomarer Drohungen seitens des Kremls einher. Seit Kriegsbeginn erinnerten russische Politiker die NATO regelmäßig daran, dass sie bereit seien, als erstes Land Atomwaffen einzusetzen, falls sie eine »existenzielle Bedrohung« für Russland sähen. (Was sie als »existenzielle Bedrohung« betrachten würden, blieb dabei bewusst vage.) Schon im Juni 2020 veröffentlichte der Kreml ein Dokument, in dem die Bedingungen für einen russischen Atomwaffeneinsatz dargelegt wurden. Dazu gehörte unter anderem »der Fall einer Aggression gegen die Russische Föderation mit konventionellen Waffen, wenn die Existenz des Staates selbst bedroht ist.« Eine überarbeitete Fassung der Doktrin von 2024 lieferte weitere Einzelheiten. Ein konventioneller Angriff seitens eines Lands mit Unterstützung einer Atommacht wurde mit aufgenommen.

Putin nutzte Atomwaffen nicht nur, um einen Angriff der USA abzuschrecken, sondern auch, um die westlichen Mächte von einer Beteiligung am Ukraine-Krieg abzuhalten. Diese Ansicht findet in der russischen Öffentlichkeit teilweise Unterstützung: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2023 halten 29 Prozent der Befragten einen Einsatz von Atomwaffen durch Russland für gerechtfertigt. Eine andere Umfrage ergab, dass 55 Prozent der Deutschen glauben, Wladimir Putin könne Atomwaffen gegen die Ukraine einsetzen. (Re-Russia 2023) Im Juni 2023 stationierte Russland demonstrativ taktische Atomwaffen in Belarus.

Diese Strategie der nuklearen Bedrohung war – bis zu einem gewissen Grad – erfolgreich. Aus Angst vor einer nuklearen Eskalation verzichteten die USA und ihre NATO-Verbündeten darauf, eigene Streitkräfte in der Ukraine einzusetzen und beschränkten zunächst einige Arten von Waffenlieferungen an die Ukraine. Die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen hielt Putin jedoch davon ab, die Nachschubwege, über die Waffen durch Polen, ein NATO-Mitglied, in die Ukraine gelangten, offen anzugreifen. Russland führte allerdings Sabotageakte in Polen und anderen Teilen Europas durch. (Jones 2025)

Der Trump Faktor

Als Donald Trump 2017 sein Amt antrat, signalisierte er seine Unzufriedenheit mit dem New-START-Vertrag, der von seinem Vorgänger Barack Obama ausgehandelt worden war. Trump setzte allerdings eine andere Maßnahme von Obama fort: die Modernisierung des Atomwaffenarsenals. Dieses Projekt wird über eine Billion Dollar kosten, wovon 90 Milliarden Dollar im Jahr 2026 investiert werden sollen. (CBO 2025) Zusätzlich zeigte Trump Interesse an einem »Golden Dome«, der das US-amerikanische Heimatland vor ballistischen Raketenangriffen schützen soll und dem israelischen »Iron Dome« nachempfunden ist.

Im Oktober 2025 ordnete Trump die Wiederaufnahme von Atomtests an (obwohl unklar bleibt, welche Folgen das hat). Die USA haben den Atomteststopp-Vertrag von 1996 nie ratifiziert, aber seit 1992 keinen Atomwaffentest mehr durchgeführt. Hinzu kommt, dass der Atomwaffensperrvertrag von 1970, der die Atommächte verpflichtet die Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern und Abrüstung zu fördern, nächstes Jahr erneuert werden muss. Die Aussichten dafür sind schlecht. Russland hat alle Bemühungen zur Blockierung des nordkoreanischen Atomprogramms aufgegeben und unterstützt das Land aktiv bei der Entwicklung von Atomraketen, wobei das Ausmaß dieser Unterstützung unklar ist.

Die USA betrachten allerdings mittlerweile China als Hauptgegner, dessen Atomwaffenarsenal bis 2030 voraussichtlich von 600 auf 1.000 Sprengköpfe anwachsen wird. Russland hingegen beschreibt die US-amerikanische Nationale Verteidigungsstrategie 2026 als eine »anhaltende, aber beherrschbare Bedrohung«. Die Hauptverantwortung für die Bewältigung dieser Bedrohung wird bei den europäischen NATO-Mitgliedern gesehen, während sich die USA auf die Eindämmung der chinesischen Expansion im Indopazifik konzentrieren. So erklärte US-Außenminister Marco Rubio am 4. Februar 2026: »Angesichts des riesigen und rasant wachsenden chinesischen Atomwaffenarsenals ist es unmöglich, etwas zu unternehmen, das China nicht einbezieht«. Die USA vertreten den Standpunkt, dass jedes neue Rüstungskontrollabkommen Russland und China einschließen muss – eine Forderung, die weder Moskau noch Peking gefällt.

Am 6. Februar 2026 lief der New-START-Vertrag aus. Im September 2025 hatte Putin vorgeschlagen, den Vertrag um ein Jahr zu verlängern, während über ein neues Abkommen verhandelt wurde. Die USA zeigten jedoch kein Interesse. Trump erklärte damals: »Wenn er ausläuft, läuft er aus.« Der Experte Ulrich Kühn bemerkte »die ziemliche Stille der Washingtoner Gesetzgeber zum Scheitern von New START.« (Belfer Center 2026) Die öffentlichen Debatten über die Angst vor Atomwaffen wurden weitgehend von den rasanten Entwicklungen in den Bereichen Informationskrieg, Cyberkrieg, künstliche Intelligenz und Drohnen verdrängt.

Am 5. Februar 2026 kündigte das Europäische Kommando der Vereinigten Staaten die Wiederaufnahme des militärischen Dialogs mit Russland an, auch ohne ein entsprechendes Abkommen. Einer der Hauptvorteile von Rüstungskontrollverträgen war der Austausch von Daten und das Anzeigen von Manövern, wodurch die Gefahr von Fehlwahrnehmungen und einer unbeabsichtigten Eskalation verringert wurde. Daher ist die Wiederaufnahme einiger routinemäßiger militärischer Kontakte zu begrüßen.

Eine unsichere Zukunft

Es ist unklar, wie es jetzt weitergeht. Einige Analysten befürchten ein unkontrolliertes nukleares Wettrüsten zwischen Russland, China und den USA. Die USA erwägen beispielsweise, durch die Nutzung von gelagerten Sprengköpfen die Gesamtzahl der einsatzbereiten Atomsprengköpfe auf 3.500 zu erhöhen. Unter anderem der Militäranalytiker Michael Kofman geht davon aus, dass sowohl die USA als auch Russland ihre Waffensysteme außerhalb des New-START-Vertrags modernisiert hätten und die grundlegende Architektur der gegenseitigen Abschreckung weiterhin bestehe. Matthew Bunn argumentiert hingegen, Putin wolle sich auf konventionelle Waffen konzentrieren, weshalb ein unkontrolliertes nukleares Wettrüsten für ihn keine gute Idee sei.

Russland ist in der Tat vollständig mit der Produktion von Drohnen und Raketen für Angriffe auf die Ukraine beschäftigt und kann daher kaum Ressourcen aufbringen für die Herstellung und den Einsatz neuer Waffensysteme wie der schweren Interkontinentalrakete Sarmat, dem interkontinentalen Nukleartorpedo Poseidon, dem nukleargetriebenen Marschflugkörper Burewestnik, der U-Boote der Borei-Klasse mit Bulawa-Raketen oder dem Stratosphären-Gleitflugkörper Awangard (mit einer Geschwindigkeit von Mach 20). Diese Systeme weisen offenbar erhebliche Probleme bei der Zuverlässigkeit auf, die ihren Einsatz behindern.

Russland betrachtet diese neuen Waffen als asymmetrische Absicherung gegen zukünftige technologische Durchbrüche, die Russlands Zweitschlagfähigkeit untergraben könnten. Es ist besorgt über die stetigen Verbesserungen der US-amerikanischen Kapazitäten in den Bereichen Raketenabwehr, Präzisionsschläge über große Entfernungen und die Stationierung von Waffensystemen in Europa. Da die konventionellen Streitkräfte Russlands jedoch in der Ukraine Patt gesetzt sind und die Wirtschaft stagniert, wird Putins Bestreben, den Status einer Großmacht zurückzuerlangen, weiterhin auf dem Einsatz des russischen Atomwaffenarsenals beruhen.

Es bleibt unklar, ob die Trump-Regierung einen Plan vorlegen kann, der Moskau und Peking zu dreiseitigen Rüstungskontrollgesprächen bewegt. Trotz aller Reden von strategischer Partnerschaft ist die Zusammenarbeit zwischen Russland und China pragmatisch und transaktionsorientiert. Daher ist es wahrscheinlicher, dass Trump separate, bilaterale Verhandlungen mit Russland und China verfolgen wird.

Lesetipps / Bibliographie

  • Sinovets, Polina and Muhammed Alkış. 2025. “Deterrence, compellence, or credibility fatigue? Russian nuclear threats in the war on Ukraine.” Journal for Peace and Nuclear Disarmament, 8 (2): 393–408.
  • Tannenwald, Nina. 2007. The Nuclear Taboo. The United States and the Non-Use of Nuclear Weapons Since 1945. New York: Cambridge University Press.

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