Am 24.02.2026 gibt die Zeitung »Rossijskaja Gaseta« bekannt, dass russische Behörden die Tätigkeiten von Telegram-Gründer Pawel Durow im Rahmen eines Strafverfahrens wegen Beihilfe zu terroristischen Aktivitäten prüfen. Das Verfahren stützt sich auf Untersuchungen des Innenministeriums und des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB), in dem Telegram vorgeworfen wird, als Infrastruktur für zehntausende Straftaten zu dienen, darunter mehrere tausend als Terrorakte eingestufte Delikte wie der Überfall auf die Konzerthalle »Crocus City Hall« 2024 oder die Anschläge auf die Propagandisten Darija Dugina und Maxim Fomin.
Im Verlauf des Jahres 2025 kommt es in Russland zunächst in einzelnen Regionen, später landesweit, zu Zugriffssperren und Störungen in den Messengern Telegram und WhatsApp, über die sich Nutzer beschweren. Am 13.08.2025 bestätigt die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor, dass sie Sprach und Videoanrufe über WhatsApp und Telegram teilweise einschränkt. Roskomnadsor wirft den Betreibern vor, wiederholte Forderungen russischer Behörden zur besseren Bekämpfung von Betrug, Erpressung und Rekrutierung für Sabotage und Terror ignoriert zu haben, und erklärt, die Beschränkungen könnten aufgehoben werden, wenn WhatsApp und Telegram russische Gesetze vollständig erfüllten. Ab Oktober beginnt Roskomnadsor offiziell mit einer schrittweisen Blockierung der beiden Messenger-Dienste, die nun auch den Versand von Nachrichten einschließt. In beinahe der Hälfte der russischen Regionen ist die Nutzung der Dienste massiv gestört oder vollständig blockiert; betroffen sind zu der Zeit unter anderem der Süden Russlands, der Ural, Sibirien sowie später Großstädte wie Moskau, St. Petersburg, Kasan und Kaliningrad. Der Internetaktivist Michail Klimarew von der »Gesellschaft zum Schutz des Internets« erklärt, WhatsApp sei in Teilen Russlands faktisch bereits blockiert und die sukzessive regionale Ausweitung der Störungen entspreche einem Testszenario für eine landesweite Vollsperrung beider Dienste – ähnlich dem Vorgehen bei der später kompletten Blockade von YouTube.
Parallel kommt es im Verlauf des Jahres 2025 zu immer flächendeckenderen und längeren Abschaltungen des mobilen Internets im Land. Im November ist Moskau von großflächigen Zugangsproblemen auch im kabelgebundenen Internet betroffen. Das mobile Internet wird in mehr als 50 russischen Regionen nahezu täglich abgeschaltet. Während der Abschaltung sind nur Webseiten und Apps einer sogenannten »weißen Liste« zugänglich, eine Listung staatlicher Ressourcen, die vom Ministerium für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien geführt wird. Behörden begründen die Abschaltung des Internets mit Sicherheitsmaßnahmen wie die Abwehr ukrainischer Drohnen und empfehlen in diesem Zusammenhang der Bevölkerung, sich auf langfristige Einschränkungen vorzubereiten.
Im Februar erreichen die Maßnahmen zur Kontrolle des Internets eine neue Ebene indem russische Behörden zum einen damit beginnen, gesperrte und verbotene Webseiten aus der staatlichen Nationalen Domainnamen‑Systemdatenbank zu entfernen, die im Rahmen der Reformen der Gesetze über Telekommunikation und Gesetze über Information, Informationstechnologie und Informationsschutz von 2019 (auch das Gesetzt über das »souveräne Runet« genannt) geschaffen wurde. Die gelöschten Seiten verschwinden aus dem staatlich kontrollierten Raum.
Zum anderen unterzeichnete Präsident Wladimir Putin am 20.02.2026 eine Gesetzesreform, die Mobilfunkanbieter und Provider verpflichtet, Mobilfunkverbindungen und den festen Internetzugang auf Anforderung des Inlandsgeheimdienstes FSB zu blockieren; die Sperrungen dürfen in allen vom Präsidenten per normativem Rechtsakt (z. B. per Erlass) definierten Fällen erfolgen, ohne dass eine konkrete »Bedrohung der Sicherheit« gegeben sein muss, wie im Gesetzesentwurf anfänglich formuliert. Damit können allerlei Kommunikationsdienste in einzelnen Regionen oder landesweit auf Entscheidung des Präsidenten und ohne Begründung ausgesetzt werden. Das Gesetzt ist durch ein beschleunigtes Verfahren am 27.01.2026 in erster Lesung, am 18.02.2026 in zweiter und dritter Lesung in der Staatsduma angenommen worden.
Parallel zu den Entwicklungen wird seit Jahresbeginn in Russland eine Debatte geführt zur Notwendigkeit von Telegram und dem Schaden, der mit der Drosselung und Blockierung des Dienstes für russische Soldaten an der Front entsteht, denn der Messenger wird umfassend für die Kommunikation an der Front genutzt. Zu den Einschränkungen von Telegram kommt die des Starlink-Systems hinzu. Russische Truppen können die satellitengestützten Internet-Terminals, die hauptsächlich zur Steuerung von Drohnen, aber auch zur Stabilisierung des Internets genutzt werden, nicht mehr einsetzen wie bisher, weil das Unternehmen Space X in Abstimmung mit der Ukraine technische Maßnahmen ergriffen hat, die die unbefugte Nutzung durch russische Einheiten an der Front blockieren. Gleichzeitig führt die Ukraine ein Register für Starlink‑Terminals ein (»weiße Liste«), die nach Registrierung freigeschaltet werden.
Im Folgenden sind Reaktionen auf die Ereignisse um die Beschränkungen des Zugangs zu den Messenger-Diensten Telegram und WhatsApp sowie zum Internet in Form von Zitaten nachgezeichnet.
Kommentare zu Zugangsbeschränkung zu Telegram in Russland
Inoffizielle Übersetzungen ins Deutsche durch die Redaktion der Russland-Analysen
Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor fordert von Telegram u. a. die Speicherung von Benutzerdaten in Russland sowie das Löschen von Inhalten und begründet am 10.02.2026 das anhaltende Blockieren des Dienstes mit fehlender Kooperation:
«Leider sind einige Messenger-Apps, darunter Telegram, diese Verstöße nicht angegangen. Die russische Gesetzgebung wird weiterhin nicht durchgesetzt, personenbezogene Daten bleiben ungeschützt, und es gibt keine wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung von Betrug und der missbräuchlichen Nutzung der Messenger-App für kriminelle und terroristische Zwecke.»
Zitiert nach Pressedienst der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor bei Interfax https://m.interfax.ru/1072012
Pavel Durov, Gründer von Telegram, 10.02.2026
»Russland schränkt den Zugang zu Telegram ein, um seine Bürger zum Wechsel zu einer staatlich kontrollierten App zu zwingen, die für Überwachung und politische Zensur entwickelt wurde.
8 Jahre zuvor unternahm der Iran dieselbe Strategie und scheiterte. Er verbot Telegram unter fadenscheinigen Vorwänden, um die Bevölkerung zu einer staatlichen Alternative zu zwingen.
Trotz des Verbots nutzen die meisten Iraner weiterhin Telegram (und umgehen so die Zensur) und bevorzugen es gegenüber überwachten[sic] Apps.
Die Freiheit der Bürger einzuschränken ist niemals der richtige Weg. Telegram steht für Meinungsfreiheit und Privatsphäre, ungeachtet des Drucks.«
Via Telegram https://t.me/durov/470%2010.02.2026
Russischer Militärangehöriger aus dem Sektor Saporischschja, 10.02.2025
»Hallo! Kurze Nachricht zu einem dringenden Problem. Der Zugführer hat gerade wütend erklärt, dass diejenigen, die Telegram blockieren, in der Hölle schmoren sollen. Fast die gesamte Kommunikation läuft über Telegram, und wir haben [hier] einen Zug zur Bergung und Evakuierung Verwundeter an der Front – nur für alle Fälle. Es lädt überhaupt nicht. Ich bin einfach nur noch aufgewühlt, mir fehlen die Worte…«
Zitiert beim Z-Blogger Zergulio via Telegram https://t.me/SergeyKolyasnikov/75448
LikbeZ, Militärblogger, 10.02.2026
»Unter Bedingungen der Spezialoperation entwickelte sich Telegram zur grundlegenden Kommandoinfrastruktur. Es übermittelt Befehle, Koordinaten und Drohnendaten und ermöglicht Besprechungen zwischen Hauptquartier und Front. Das Militär gibt offen zu: Ein erheblicher Teil der taktischen Kommunikation ist an diesen Messenger gebunden. Der Grund ist einfach: Alternativen sind entweder veraltet oder funktionieren bei instabilen Internetverbindungen nicht.
Der Versuch, die Armee zum Wechsel auf die Messaging-App MAX zu zwingen, ist technologisch gesehen ein aussichtsloser Weg. Anders als das angepasste Telegram sind Regierungsdienste eng mit zentralen Servern im Hinterland verbunden, und das Fehlen lokaler Kommunikationsknotenpunkte an der Front macht diese Apps bei der geringsten elektronischen Kriegsführung zu nutzlosen Symbolen auf Smartphone-Bildschirmen. […]
Anfang Februar 2026, als die Starlink-Satellitenkommunikation in mehreren Gebieten ausfiel, brach die Kontrolle praktisch zusammen, und Angriffe mussten eingestellt werden. […]
Darüber hinaus ist Telegram eine wichtige Plattform für Kriegsberichterstatter. Bis zu 90 % der armeefreundlichen Kanäle operieren dort außerhalb des offiziellen Medienregisters.«
Via Telegram https://t.me/likbezzru/4904
Dmitrij Peskow, Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin, am 11.02.2026 gefragt nach Bedenken von Militärbloggern, die Verlangsamung von Telegram würde die Koordinierung der Einsätze der russischen Streitkräfte im Zentralen Militärbezirk behindern
»Ich bin kein Experte. Diese Fragen sollten an das Verteidigungsministerium gerichtet werden. Ich halte es für unvorstellbar, dass die Kommunikation an der Front über Telegram oder einen anderen Messenger abgewickelt wird. Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich so etwas vorzustellen. Auf jeden Fall sollten Experten diese Frage diskutieren.«
Zitiert bei RBK https://www.rbc.ru/politics/11/02/2026/698c498f9a7947d6945db961
Wjatscheslaw Gladkow, Gouverneur der Oblast Belgorod, 11.02.2026
»Gestern bemerkten wir alle, dass Telegram deutlich langsamer geworden ist. Warum bin ich besorgt? Mein Telegram-Kanal war während unserer gesamten Kommunikation die wichtigste Informationsquelle, insbesondere zu Ihrer Sicherheit angesichts der sich schnell verändernden Lage. Ich befürchte, dass die Verlangsamung die Übermittlung von Einsatzinformationen an Sie beeinträchtigen könnte, sollte sich die Situation verschärfen, und wir befinden uns in einer Frontregion. Daher bitte ich Sie: Um Informationen zu Ihrer Sicherheit und der Ihrer Angehörigen zu erhalten, müssen Sie sich selbstverständlich für den Messenger MAX registrieren. Ich hoffe auf Ihr Verständnis und Ihre Unterstützung. […] Einen schönen Tag, Gesundheit und alles Gute!
Wjacheslaw Gladkow ist bei MAX verfügbar.«
Via Telegram https://t.me/vvgladkov/19228
Maksut Schadajew, Minister für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien, 18.02.2026
»Telegram ignorierte 150.000 Anfragen zur Entfernung von Kanälen, Materialien und Beiträgen, die verbotene Informationen enthielten.«
»Seit Beginn der Spezialoperation wurden mehr als 100.000 Anfragen gestellt, um Material zu entfernen oder Kanäle zu sperren, die Informationen verbreiten, die unsere Streitkräfte diskreditieren, sowie Falschmeldungen über die Spezialoperation. Auch diese Anfragen blieben völlig unbeantwortet.«
Bei einer Sitzung des Ausschusses der Staatsduma für Informationspolitik, zitiert bei Interfax https://www.interfax.ru/amp/1073377
Dmitrij Peskow, Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin, 18.02.2026
»Der Kreml blockiert weder Telegram noch andere Plattformen. Das ist Aufgabe von Roskomnadsor.«
Zu Journalisten bei einer Pressekonferenz, zitiert bei TASS https://tass.ru/politika/26482305
Dmitrij Peskow, Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin, auf die Frage, ob der Kreml-Pressedienst Telegram und einen VPN nutze, 19.02.2026
»Irgendwo schon … Wissen Sie, wir haben viele Landsleute im Ausland. Viele Ausländer interessieren sich für die Agenda des Präsidenten. Und es liegt in unserem Interesse, ihnen diese Agenda zu vermitteln«
Zu einem Journalisten, zitiert bei TASS https://tass.ru/ekonomika/26494069
Kommentare zu Zugangsbeschränkung zu weiteren Plattformen sowie dem Internet in Russland
Inoffizielle Übersetzungen ins Deutsche durch die Redaktion der Russland-Analysen
Das Projekt »Na swjasi« (dt. »In Verbindung«) listet am 11.02.2026 die Löschung von 13 Ressourcen aus dem nationalen Domain Name System. Damit ist der Zugriff auf diese Seiten ohne zusätzliche Programme wie VPNs in Russland nicht möglich:
- YouTube (www.youtube.com)
- WhatsApp (www.web.whatsapp.com)
- Facebook (www.facebook.com), Facebook Messenger (www.messenger.com)
- Instagram (www.instagram.com)
- Windscribe (www.windscribe.com)
- Apkmirror (www.apkmirror.com)
- Nastojaschtschee wremja (www.currenttime.tv)
- Deutsche Welle (www.dw.com)
- Radio Swoboda (www.svoboda.org)
- The Moscow Times (www.themoscowtimes.com)
Zitiert bei Novaya Gazeta Europe https://novayagazeta.eu/articles/2026/02/11/ne-prosto-blokiruiut-a-slovno-stiraiut
WhatsApp, Messenger des Konzerns Meta, 12.02.2026
»Heute versuchte die russische Regierung, WhatsApp vollständig zu blockieren, um die Bevölkerung zur Nutzung einer staatlichen Überwachungs-App zu drängen. Der Versuch, über 100 Millionen Nutzer von privater und sicherer Kommunikation abzuschneiden, ist ein Rückschritt und führt zwangsläufig zu einer geringeren Sicherheit für die Menschen in Russland. Wir setzen alles daran, die Kommunikation unserer Nutzer aufrechtzuerhalten.«
Via X https://x.com/WhatsApp/status/2021749165835829485
Dmitrij Peskow, Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin, gefragt nach der Zukunft von WhatsApp in Russland, 11.02.2026
»Die Frage ist, ob Gesetze befolgt werden. Wenn die Meta Corporation dem nachkommt, wird sie mit den russischen Behörden in Dialog treten, und dann ist eine Einigung möglich«
»Wenn der Konzern an seiner kompromisslosen Haltung festhält und, wie ich sagen würde, keinerlei Bereitschaft zeigt, sich an russisches Recht zu halten, dann besteht keine Chance«
Interview mit Nju TASS https://tass.ru/ekonomika/26422597
Iwan Lebedew, stellvertretender Minister für Digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien zur Abschaltung des Internets durch den FSB, 13.02.2026
»Wir werden auch Regulierungs- und Rechtsakte entwickeln, die das Verfahren detailliert beschreiben, damit … nun ja, ich sage es Ihnen ganz offen, damit unsere Feinde es nicht vollständig verstehen. Es ist klar, dass diese Akte als geheim eingestuft werden, um detailliert Mechanismen zu bestimmen, was, wann und in welchem Umfang deaktiviert werden soll.«
Zitiert bei Nastojaschtschee wremja https://www.currenttime.tv/a/fsb-rossii-poluchit-pravo-otklyuchat-svyaz/33675430.html