Russland und die Welt: Feinde, Konkurrenten, Partner

Von Lewada-Zentrum (Moskau)

Zusammenfassung
Das Lewada-Zentrum führte 2025 repräsentative Umfragen zu Russlands Rolle und Außenpolitik durch, deren Ergebnisse hier in kurzer Form dargelegt werden. Als Hauptfeinde Russlands gelten demnach diejenigen Länder, die die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg unterstützen. Ihre vermeintlich »feindliche Gesinnung« Russland gegenüber sichert weiterhin die massive Unterstützung der Bevölkerung für die russische Führung und ihren politischen Kurs. Die Lenkung der öffentlichen Meinung und Verschärfung der antiwestlichen Propaganda sind notwendige Instrumente für das gegenwärtige Regime. Die Hinwendung zu anderen symbolischen Partnern soll den Eindruck der internationalen Isolation des Landes verwischen. Dabei behält die russische Öffentlichkeit ein widersprüchliches Verhältnis zu den westlichen Ländern bei, bestehend aus Anziehung, Abgleich, Ressentiments und Ablehnung, sowie ein eindeutiges Verhältnis zum Selbstbild als Großmacht.

Einführung

Die kollektive Identität der Bevölkerung im heutigen Russland besteht aus Überresten der alten sowjetischen Identität und antiwestlicher Ressentiments. Diese basiert vor allem auf der funktionalen Bedeutung des Feindbildes (als negative Identität). Die wenigen Erfolge, die Russland erzielt hat, konnten die unerfüllten Erwartungen und Illusionen an Reformen der 1990er Jahre nicht kompensieren. Der Glaube an externe Kräfte, die den Übergang zur Demokratie behindern, dient deshalb als Erklärung und als Kompensation für Misserfolge und Traumata des gescheiterten Übergangs zur Demokratie, der das gesellschaftliche Wohlergehen behindert.

Solche von der Propaganda aufgezwungene Vorstellungen verwandeln sich in Ressentiments, Frustrationen und Gefühle kollektiver oder nationaler Unzulänglichkeit. Die gesamte Verantwortung wird auf äußere oder innere »Feinde« übertragen, auf angeblich an der aktuellen Lage Schuldige. Auf diese Weise wird die Realität »erklärt«. Für die Kultur eines Landes, das sich in einer »aufholenden« oder »unvollendeten Modernisierung« befindet, erst recht in einer gescheiterten Modernisierung, wird die imaginäre Anerkennung des Wertes des eigenen Landes äußerst wichtig. Dabei wird diese »Anerkennung« gerade von denen erwartet, die als ideale Vorbilder eines »normalen Landes« fungierten, an dem sich die Bevölkerung innerlich orientiert – also stets die entwickelten westlichen Länder. Das Scheitern des Übergangs führt zu dem Bedürfnis, diese Vorbilder zu diskreditieren und herabzuwürdigen, den Westen zu entidealisieren, ihm negative Eigenschaften und Merkmale zuzuschreiben, etwa »Feindseligkeit«, »Respektlosigkeit« gegenüber Russland (»Russophobie«), Aggressivität gegenüber Russland usw.

Die Putin-Propaganda nutzt diese Ressentiments aus, um die Attraktivität und Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu untergraben und die phantomhaften Vorzüge des »tausendjährigen Russlands« und seiner »traditionellen Werte« als Gegenargument zu Protesten gegen die Usurpation der Macht, Korruptionsvorwürfe gegen das Putin-Regime, Verstöße gegen das Gesetz und die Verfassung sowie andere Verbrechen gegen die Gesellschaft zu untermauern. So entsteht ein mythisches Paar: die Großmacht Russland und der feindliche Westen, der das starker und einflussreicher werdende Russland demütigen, schwächen oder zerstören will.

Die absolute Dominanz der offiziellen Informationskanäle in der öffentlichen Meinung, die ein verzerrtes Bild der Ereignisse und ihrer Interpretation vermitteln, bleibt der Hauptfaktor für die massive Unterstützung der Politik des Putin-Regimes.

Es lassen sich mehrere Aspekte nationaler Ressentiments herausarbeiten:

  • 1. Russland ist eine Großmacht, die nun dabei ist, ihren verlorenen Einfluss und ihre Autorität wiederherzustellen. Der Westen steht Russlands zunehmender Macht feindselig bzw. neidisch gegenüber. Russland, das sich gegen die feindseligen Handlungen westlicher Länder verteidigt, gewinnt dadurch Selbstachtung, Stolz und Zusammenhalt, Einheit zwischen Regierung und Volk.
  • 2. Defensive Selbstisolation: Russland ist eine besondere Zivilisation, die sich von den westlichen Ländern unterscheidet. Die westliche Kultur ist für Russland ungeeignet und giftig für das russische Selbstbewusstsein und seine Traditionen. Die Erfahrungen der Reformen der 1990er Jahre haben gezeigt, dass die Werte und Traditionen Russlands und des Westens miteinander nicht vereinbar sind.
  • 3. Postimperiales Syndrom: Russland hat in den Augen der ehemaligen Sowjetrepubliken und Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts seine Wertattraktivität und Autorität verloren. Auf die wachsende Abkehr von Russland als ehemalige Metropole reagiert die Putin-Führung äußerst empfindlich, indem sie mit Gewalt und wirtschaftlicher Erpressung versucht, die zentrifugalen Prozesse zu blockieren – und wenn dies nicht möglich ist, jene Länder zu diskreditieren, die eine Abkehr von Moskau und einen Kurs hin zu EU und NATO verkündet haben. Sie werden des »Nazismus«, des Verlusts ihrer »Souveränität« und der Gefahr von Staatsstreichen (»farbigen Revolutionen«, vorgeblich organisiert von den USA) beschuldigt.
  • 4. Die Verurteilung der aggressiven Politik Russlands durch die Weltgemeinschaft und die Verhängung internationaler Sanktionen führten zu einer Neuausrichtung der russischen Außenpolitik – weg vom Westen und hin zum »globalen Süden«. Die Hinwendung zu anderen symbolischen Partnern soll eine neue Legitimationsgrundlage für das Putin-Regime schaffen und den Eindruck der internationalen Isolation des Landes verwischen.
Feinde und Konkurrenten

Die größte Abneigung empfindet die russische Bevölkerung nicht etwa gegenüber den USA, sondern gegenüber den ehemaligen Ostblockstaaten bzw. Sowjetrepubliken Polen, Litauen, Lettland und Estland. Diese Länder wurden nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erfolgreiche Mitglieder der westlichen Gemeinschaft und zu NATO- und EU-Mitgliedern. Die USA und in geringerem Maße Großbritannien und Deutschland werden weniger als Feinde, sondern vielmehr als Rivalen betrachtet, also als Länder, mit denen sich das kollektive Bewusstsein in Russland heute zu vergleichen versucht (siehe Grafik 1).

Als »militärische Bedrohung« gelten im kollektiven Bewusstsein nur die einflussreichsten und mächtigsten Staaten – allen voran die USA und – in geringerem Ausmaß – Großbritannien, die Russlands Vorgehen in der Ukraine verurteilten. 62

»Freunde«

Die nach der Krim-Annexion 2014 verhängten Sanktionen wurden von der Kreml-Propaganda als Fortsetzung einer langjährigen russlandfeindlichen Politik seitens führender europäischer Staaten interpretiert. Um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass Russlands Politik im Ausland als verbrecherisch angesehen wird, konzentriert sich die Propaganda auf Kontakte mit Ländern in Asien, Lateinamerika und Afrika. Dieser Fokus auf neue »Freunde« sollte dem Westen demonstrieren, dass Moskau seine Isolation überwunden hat. Doch diese offizielle Rhetorik hat den Großteil der Bevölkerung nicht besonders überzeugt. Erst mit der Vollinvasion von 2022 glauben wieder mehr Menschen, dass Russland seine internationale Isolierung überwunden hat und seit 2025 ist das wieder die Mehrheitsmeinung, wenn auch nur knapp.

In der öffentlichen Meinung in Russland gibt es zwei widersprüchliche Tendenzen: Einerseits die Hoffnung (und den Wunsch), dass die Konflikte mit den wohlhabenderen europäischen Ländern nach einem Ende des Krieges von pragmatischen und für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen ersetzt werden. Zum anderen gibt es viel Unterstützung für bessere Beziehungen zu China und anderen asiatischen Ländern, um aus der Isolation herauszukommen.

Putins Politik des Aufbaus einer neuen multipolaren Weltordnung ohne US-Hegemonie unterstützen 57 % der Befragten. Am stärksten ist die Befürwortung bei den Moskauerinnen und Moskauern, die den Krieg, die Ideologie des Regimes und den Status Quo mehr als andere soziale Gruppen unterstützen. In Moskau konzentriert sich die Putinsche Bürokratie, hier laufen alle Finanzströme aus den Regionen zusammen, die Einkommen sind eineinhalb bis zweimal so hoch wie in den meisten anderen Regionen. Seit der Niederschlagung der Proteste von 2010 bis 2013 und der Krim-Annexion zeichnet sich Moskau durch einen besonderen imperialen Geist und maximale Unterstützung (67 %!) für das autoritäre Putin-Regime aus.

Am geringsten ist die Unterstützung für Putin bei den Jüngsten (46 %) und den Ärmsten (49 %). Vertreter dieser Gruppen geben auch häufiger an, dass sie für die Wiederherstellung von vorteilhaften Beziehungen mit westlichen Ländern sind – insgesamt möchten das 28 % der Befragten.

Seit mehr als drei Jahren zeigen junge Russen die geringste Unterstützung für den Krieg in der Ukraine unter allen Altersgruppen. Diese Haltung erklärt sich aus dem Unwillen, selbst zu kämpfen und aus der Furcht vor einer Mobilmachung. Eine moralische Verurteilung des Krieges kommt auch unter Jugendlichen praktisch nicht vor. Bei der Mehrheit der jungen Menschen herrscht eine Distanz zur Politik sowie Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern eines Krieges, der weit weg von ihnen geführt wird. Das verdrängt jegliches Verantwortungsgefühl.

Insgesamt sind es also die ärmsten und sozial niedrigstehenden Menschen am Rande der russischen Gesellschaft, die dem Krieg kritisch gegenüberstehen. In diesen Schichten überwiegt die Meinung, dass die enormen Ausgaben für den Krieg besser für soziale Bedürfnisse wie Gesundheit, höhere Renten und bessere Lebensstandards in den Provinzen eingesetzt werden sollten.

Die Kreml-Propaganda, die das Narrativ einer Bedrohung durch den »kollektiven Westen« bedient, stellt diesem die »partnerschaftlichen« und »freundschaftlichen« Beziehungen zu den Ländern des Globalen Südens entgegen. Das wiederum mildert das bedrückende Bewusstsein internationaler Isolation und die Vorstellung, ein Schurkenstaat bzw. »Aggressor« zu sein. Länder wie China, Indien und die Türkei helfen Russland, die Sanktionen zu umgehen, oder leisten, im Fall von Nordkorea, militärische Unterstützung. Im Januar 2025 befürworteten 56 % der Russen den Einsatz nordkoreanischer Soldaten gegen die Ukraine (mit der verbreiteten Meinung: »Besser, die Nordkoreaner sterben als unsere.«).

An erster Stelle der von der Propaganda und der von ihr gelenkten russischen Öffentlichkeit als »befreundet« genannten Länder stehen einige der repressivsten Regimes – Nordkorea, China und Iran, obwohl sie für die überwältigende Mehrheit der Russen keine attraktiven Modelle gesellschaftlicher Entwicklung darstellen. Nach ihnen kommen Indien und die Türkei, deren Politik gegenüber Russland als neutral bezeichnet werden kann.

Seit Kriegsbeginn 2014 und nochmal 2022 verzeichnen wir für China, Indien und Iran einen erheblichen Anstieg ihres Status als »Freunde«. In noch stärkerem Maße betrifft das Belarus, das de facto am Krieg gegen die Ukraine teilnimmt. Der Anstieg positiver Einstellungen zu Belarus begann erst mit der Enttäuschung über die Reformen in Russland bzw. mit dem antiwestlichen Umschwung unter Putin – siehe Grafik 2.

Die Zusammenarbeit mit China stufen 89 % der Befragten als »nützlich« für Russland ein. Nur weniger als ein Fünftel der Befragten meint, dass China eine Bedrohung für Russland darstellen könnte. Innerhalb dieser Gruppe geben die meisten (50 %) an, sie fürchteten eine »Kolonisierung Russlands« und Pekings Unberechenbarkeit.

Die USA

Das Amerika-Bild der russischen Bevölkerung bündelt die wesentlichen Merkmale der Haltung Russlands gegenüber dem Westen und ist grundsätzlich ambivalent.

Einerseits erscheinen die USA als idealisierte Verkörperung von Stärke, Wohlstand, Freiheit, Demokratie und hohem technologischen Niveau – eine Utopie von Überfluss und militärischer Macht. Die funktionale Bedeutung des Amerika-Bildes ist der des Maßstabs, mit dem der Kreml über die gesamte sowjetische Geschichte hinweg seine eigenen Leistungen maß. Andererseits existiert die Vorstellung der USA als des wichtigsten »potenziellen militärischen Gegners«. Sie neutralisiert dabei die Faszination für die USA als Inbegriff der Modernität.

Mit dem NATO-Beitritt der Baltischen Staaten 2004 nahm die antiwestliche Demagogie in der russischen Staatsführung stark zu. Von einem »Aufzwingen von Demokratie« und provozierten »Farbrevolutionen« wie in der Ukraine und Georgien war die Rede. Gleichzeitig kam es zu einem radikalen Wandel der Position des Kremls gegenüber den USA. Russlands Krieg gegen Georgien von 2008 wurde von der Propaganda als Konfrontation mit den USA dargestellt, die hinter der georgischen Führung stehe und Russland aus seiner traditionellen Einflusszone verdränge.

Der (bisherige) Höhepunkt der negativen Einstellungen zu den USA war 2016, als die Sanktionen gegen Russland verschärft wurden. Dennoch hielt die russische Bevölkerung wahrend der gesamten Phase der Verschlechterung der Beziehungen (2008 – 2024) an der Hoffnung fest, dass die Konfrontation enden und die Beziehungen sich wieder normalisieren. Das implizite Gefühl, dass die USA überlegen sind, erweist sich als viel starker und widerstandsfähiger, als es die bösartige Propaganda des russischen Fernsehens und kremlfreundlicher Blogger vermuten ließe.

Der Trump-Effekt

Besonders hervorzuheben ist der »Trump-Effekt«: Auf Donald Trumps Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2024 und seine damit verbundenen Versprechen, den Krieg mit der Ukraine unverzüglich zu beenden, folgte ein deutlicher Rückgang der negativen Einstellung gegenüber den USA. Trump wurde zur Personifizierung der Illusionen der russischen Bevölkerung, die den Glauben verloren hat, die Entscheidungen ihrer Regierung beeinflussen zu können.

Im Januar 2025 gingen die negativen Einstellungen gegenüber den USA deutlich zurück: Waren es 2022 noch 89 %, fiel dieser Wert im Februar 2025 auf 63 %. Nach dem Treffen Putins mit Trump in Anchorage im August waren es nur noch 30 %. Umgekehrt verhält es sich mit den positiven Einstellungen gegenüber den USA: Sie stiegen von 12 % im Jahr 2022 auf 31 % Anfang 2025.

Als aber im Herbst 2025 Trump seinen Ton änderte und mangels sichtbarer Ergebnisse seines Drucks auf beide Kriegsparteien die Hoffnungen auf eine schnelle Friedenslösung sanken, kehrte in Russland allmählich die übliche Unzufriedenheit mit Washington zurück. Die negativen Bewertungen der USA stiegen im Oktober wieder auf 45 %, wahrend die positiven Bewertungen von 48 % im August auf 34 % im Oktober zurückgingen.

Die NATO

Die von Propaganda befeuerte Wahrnehmung, dass die Reformen der 1990er Jahre und der Übergang zur Demokratie gescheitert seien, wird in eine angebliche Verschwörung des Westens gegen Russland umgedeutet. Demnach herrscht im Westen eine ewige Russophobie und die NATO-Staaten verhalten sich geringschätzig gegenüber Russland. Diese tiefsitzenden Ressentiments zeigen sich in zahlreichen Umfragen. Entscheidend ist, dass Länder wie Deutschland, die skandinavischen Staaten und andere in der russischen Öffentlichkeit als »erfolgreich« wahrgenommen werden. Für die Meinungsforschung ergibt sich der Eindruck: »Wir lieben sie von ganzem Herzen … aber sie mögen uns nicht«. Diese Einstellung wird in eine a priori feindselige Haltung sublimiert und rechtfertigt eine abwehrende Reaktion aus Antipathie und Negativität gegenüber dem vermeintlichen Neidobjekt. Im Ergebnis haben sich bis 2025 das Ausmaß von Feindseligkeit und Angst in der russischen Gesellschaft gegenüber dem Westen sowie das Ausmaß der anderen Ländern zugeschriebenen Angst vor Russland praktisch angeglichen.

Wellen der Feindseligkeit gegenüber der NATO gab es 1999, als NATO-Flugzeuge Serbien bombardierten, 2014 nach der Kritik und den Sanktionen des Westens wegen der Krim-Annexion und insbesondere seit dem russischen Großangriff 2022 gegen die Ukraine. Die bekannten Ängste vor einer Bedrohung durch die NATO gehen wahrend des nationalistischen Aufschwungs und der Selbstbeweihräucherung nach der Krim-Annexion etwas zurück, nehmen aber mit Beginn der zweiten Kriegsphase ab 2022 wieder zu.

Die Propaganda verband diese unbestimmten Ängste mit einer imaginären aggressiven Ost-Expansion der NATO und behauptete, dass die neuen Bündnismitglieder nicht freiwillig beigetreten seien, um sich der Vorherrschaft Russlands zu entziehen, sondern dass dies Ausdruck einer russophoben Politik des Westens sei, um Russland zu schwächen oder zu zerstören und um dessen ehemalige Verbündete abzuspalten. Sie schürt diese Ängste bereits seit 2003, als klar wurde, dass die Baltischen Staaten dem Bündnis beitreten würden. Die schon seit dem ersten Maidan 2004 erkennbare Ausrichtung der Ukraine hin zu einem EU- und NATO-Beitritt verstärkte die »Rechtfertigung« des Krieges gegen die Ukraine durch die Notwendigkeit, Russland vor der Expansion einer feindlichen Allianz zu schützen.

Die vom Putin-Regime aufgezwungene Angst vor denjenigen Ländern, die früher als Vorbilder galten, wurde durch die Demonstration militärischer Macht und der Überlegenheit kompensiert. In dieser militaristischen Selbstverherrlichung fand die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus verwirrte und desorientierte russische Gesellschaft Trost und Anlass zur Wahrung ihrer Selbstachtung.

Das Verhältnis zu Deutschland, der EU und Ukraine

Die öffentliche Meinung gegenüber Deutschland war in Russland bis 2014 wohlwollend und positiv. Mit der Krim-Annexion und den ersten Sanktionen des Westens änderte sich das. Die scharfe negative Reaktion der europäischen Länder auf die russische Großinvasion in die Ukraine 2022 löste eine weitere Verstärkung der feindseligen russischen Propaganda aus. Bereits im Mai 2022 erreichten die negativen Bewertungen Deutschlands in der öffentlichen Meinung Russlands einen Höchststand: 66 %; 2025 waren es 58 %, 25 % der Befragten hatten da eine »gute Meinung« von Deutschland. Am negativsten gegenüber Deutschland eingestellt sind ältere Befragte (70 %), Moskauer (75 %), diejenigen, die Putins Arbeit als Präsident gutheißen (62 %), und diejenigen, die dem Fernsehen als Informationsquelle vertrauen (69 %). Am positivsten gegenüber Deutschland eingestellt sind junge Menschen unter 25 Jahren (48 %), diejenigen, die glauben, dass die Dinge im Land falsch laufen (34 %), diejenigen, die Putins Arbeit als Präsident nicht gutheißen (38 %), sowie diejenigen, die alternative Informationsquellen nutzen (vor allem Telegram). Ähnliches gilt für die EU.

Die negative Einstellung gegenüber der Europäischen Union bleibt weiterhin hoch zwischen rund 60 und 70 %, ist allerdings nicht sehr stabil und schwächt sich mit der Zeit ab, selbst wenn die allgemeine Ausrichtung der Propaganda anhält. Die Umfragen deuten auf einen inneren Widerspruch in der öffentlichen Meinung hin: Das idealisierte Bild von Europa als latenter Wertemaßstab für Russlands Entwicklung, als Vorbild für eine moderne Gesellschaft und Kultur, steht im Widerspruch zur antiwestlichen Politik Putins und seiner Propaganda.

Die Haltung der russischen Öffentlichkeit gegenüber der Ukraine erfordert eine gesonderte Analyse. Wir beschränken uns daher hier auf die Darstellung der allgemeinen Dynamik der öffentlichen Meinung über dieses Land.

Der Anstieg antiukrainischer Stimmungen unter dem Einfluss der Putin-Propaganda wurde erst 2006 – 2007 spürbar, als die russische Führung das Ausmaß der Protestbewegung in der Ukraine (nach den Wahlen 2003 – 2004 und der »Orangen Revolution«) erkannte. Zu einem echten Anstieg der antiukrainischen Propaganda kam es aber erst im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen Georgien im Jahr 2008, als die ukrainische Führung den russischen Einmarsch verurteilte. Die Krim-Annexion und die allgemeine Verurteilung der russischen Politik durch Kyjiw festigten nur die Feindseligkeit gegenüber der Ukraine in der öffentlichen Meinung. Dabei ist der Krieg gegen die Ukraine kein zufälliger tragischer Konflikt, sondern die logische Fortsetzung der Kreml-Politik der »negativen Integration« von Gesellschaft und Staat zum eigenen Machterhalt sowie zur Bildung eines autoritären, repressiven und militaristischen Regimes.

Russland und Europa – Komplexe einer Großmacht

In den letzten 10 bis 15 Jahren antiwestlicher Propaganda hat das symbolische Bild von »Europa« als Utopie »normaler Länder« – also der demokratischsten Länder mit hohem Wohlstand und zahlreichen Errungenschaften in Wissenschaft und Kultur – stark an Bedeutung verloren. Die »Entleerung« des übergeordneten Begriffs »Europa« zeigt sich darin, dass er zunehmend auf eine rein geografische Bezeichnung reduziert wird (35 %). Zweitwichtigster Trend ist die wachsende Entfremdung von Europa (siehe Tabelle 2).

Die Mehrheit der Russen würde auch heute eine Annäherung an den Westen begrüßen. Aber das Bewusstsein, dass »normale Menschen« keinen Einfluss auf die Politik der Landesführung haben, ruft eine heftige ablehnende Reaktion gegenüber den Befürwortern einer Europäisierung und demokratischer Reformen hervor: »Russland sollte nicht danach streben, ein europäisches Land zu werden/zu sein«, »Wir sollten unseren eigenen Weg der Entwicklung und unserer Existenz suchen«. So denken 76 % der Befragten, wobei diese Meinung am stärksten bei den wohlhabendsten Gruppen, denjenigen mit dem höchsten Status, vertreten ist – bei gebildeten Fachkräften (84 %), Unternehmern (81 %), Beamten, mittleren Führungskräften (80 %) sowie der konservativsten Kategorie der russischen Bevölkerung: den Rentnern (86 %). Gleichzeitig wird der Wunsch geäußert, dass »Ausländer sich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen sollen« (66 %) und »aufhören sollen, uns ihre Ideen aufzuzwingen« (81 %; 2024).

Großmacht und »Feinde«

Die Zugehörigkeit zu einer Großmacht, die auf militärischer Stärke und einer großen Bevölkerungszahl basiert, spielt eine sehr wichtige kompensatorische Rolle bei der Akzeptanz der täglichen Strapazen im Zusammenhang mit einem armen und langweiligen Leben in einem repressiven Staat. Die Wiederherstellung des Status als Großmachtstatus ist in der öffentlichen Meinung mit militärischen Kampagnen verbunden (zweiter Tschetschenienkrieg ab 2000, Krieg mit Georgien 2008). Nach 2014 schließlich festigte sich die Überzeugung, in einer Großmacht zu leben. Dieses Ideologem dient als Entlastung für eine Gesellschaft, die ihrer Rechte und ihres Einflusses beraubt ist, von der Verantwortung für deren Innen- und Außenpolitik. Der Glaube an einen solchen Mythos erklärt die anhaltend hohe Unterstützung für den Krieg gegen die Ukraine (bei gleichzeitig noch größerem Wunsch nach Beendigung der Kampfhandlungen).

Die Antinomie der kollektiven Meinung zeigt sich deutlich im Verständnis dessen, dass Russlands Status als »Großmacht« nur durch eine Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung gesichert werden kann. Auf die Frage, was vorzuziehen sei – eine Großmacht zu sein oder materieller Wohlstand –, fallen die Antworten fast zu gleichen Teilen aus.

Das Hauptkriterium für eine »Großmacht« ist für die russische Gesellschaft, die in mehreren Generationen unter den Bedingungen erzwungener Armut und eines totalen Defizits gelebt hat, der Wohlstand. Obwohl er laut diesem Verständnis vorhanden sein sollte, ist er es nicht). Dafür steigt ein anderer Indikator – »Besitz von Atomwaffen, militärische Macht«.

Mit der zunehmenden Betonung militaristischer Elemente in der kollektiven Identität der russischen Bevölkerung geht zugleich eine abnehmende Bedeutung der moralischen Verantwortung für die Verbrechen des sowjetischen bzw. russischen Staates einher.

Die Meinung, dass »Russland nie Aggressor von Konflikten« sei, stieg in 26 Jahren um beinahe das doppelte an, wobei der allgemeine Ton solcher Urteile immer entschiedener wurde – und das, obwohl Russland in den letzten 34 Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur sechs Jahre lang nicht im Krieg mit anderen Staaten war oder an inneren Kriegen beteiligt war (wie der Unterdrückung tschetschenischer Separatisten).

Solche Veränderungen werden durch die Propaganda befeuert und getragen von Befürwortern der Wiederherstellung des früheren Feindbildes und damit der Vorstellung von der Notwendigkeit nationaler Konsolidierung um die Staatsmacht. Seit 1989 ist der Anteil der Befragten, die überzeugt sind, dass Russland tatsächlich Feinde hat, kontinuierlich gestiegen bei gleichzeitigem Sinken des Anteils prowestlich und demokratisch orientierten Russen.

Auf die direkte Frage »Hat das Russland aktuell Feinde?« antwortet eine noch größere Zahl der Befragten mit Ja – 92 % (Oktober 2025):

In der Propaganda werden zwei sich endlos wiederholende Techniken kombiniert:

  • 1. die Entmenschlichung, Abwertung und öffentliche Anprangerung des Westens; die ukrainische Führung wird als vom Westen abhängig und faschistisch dargestellt;
  • 2. eine ununterbrochene Selbstbeweihräucherung.

Ein solcher Zustand des kollektiven Bewusstseins folgt nicht länger rationalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, vielmehr nimmt sich die nationale Gemeinschaft als Opfer unbestimmter äußerer Kräfte wahr. Im Kern handelt es sich dabei um ein dauerhaft transformiertes Gefühl von Selbstmitleid und Unterbewertung, das sich in der Überzeugung von der Feindseligkeit bzw. Feindschaft anderer äußert.

Die Prozesse der Überwindung nationaler Minderwertigkeitsgefühle und von Demütigungen, aus denen sich die russische Gesellschaft ohne eine radikale Transformation des sozio-politischen und wirtschaftlichen Systems nicht befreien kann, erfordern den Rückgriff auf immer archaischere Kompensationsmechanismen. Eine zentrale Rolle bei der Wiederherstellung des kollektiven Selbstwertgefühls spielt die Aktivierung militaristischer und imperialistischer Vorstellungen sowie einer fiktiven heroischen Vergangenheit Russlands, die als Grundlage zur Legitimierung der Macht und Politik des Putin-Regimes dient. Diese ideologische Strategie zeigt deutliche Wirkung, wenn man die wachsende Selbstzufriedenheit der russischen Gesellschaft betrachtet (Grafik 3): Je mehr Russland anderen Ländern Angst einflößt, insbesondere den »unfreundlich« gesinnten, desto größer ist die Zufriedenheit der Russinnen und Russen selbst.

Um der gewachsenen Bedeutung des Militärs sowie der demonstrativen Zurschaustellung von Stärke und Einfluss willen ist die russische Gesellschaft bereit, eine gewisse Verschlechterung des Lebensstandards und der Beziehungen zu einer Reihe anderer Länder hinzunehmen (siehe Grafik 4).


Die Ergebnisse der Analyse beruhen auf repräsentativen Umfragen, die im Verlauf des Jahres 2025 unter 1.612 Personen aus der erwachsenen russischen Bevölkerung aus 137 Ortschaften und 50 Subjekten der Russischen Föderation durchgeführt wurden, wenn nicht anders angegeben.

Diese Veröffentlichung erfolgt mit Genehmigung der Deutschen Sacharow Gesellschaft (DSG), in deren Auftrag das Lewada-Zentrum die Untersuchung durchgeführt hat. Die Autoren und Mitarbeiter der Untersuchung tragen keine Verantwortung für weitere Nachdrucke des Materials. Eine vollständige Fassung der Studie ist unter https://sacharow.de/lewada-studie-2025 sowie unter https://sacharow.de/wp-content/uploads/dsg_Lewada-Studie_2025.pdf verfügbar.


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Analyse

Wenn nebenan Krieg ist: Wie die Bewohner:innen einer russischen Grenzregion den Krieg gegen die Ukraine interpretieren

Von Svetlana Erpyleva
Dieser Beitrag untersucht, wie Bewohner:innen der Oblast Kursk, einer Grenzregion, die direkt vom Krieg gegen die Ukraine betroffen ist, den Krieg interpretieren und damit umgehen. Gestützt auf ethnografische Feldforschung im Herbst 2024, als Teile der Oblast kurzzeitig von ukrainischen Truppen besetzt wurden und es täglich Luftangriffe gab, arbeitet die Studie heraus, dass die Bewohner:innen sich weder hinter ihren Staat stellten noch sich gegen ihn wandten. Trotz des Umstandes, dass sie unmittelbar von Gewalt und Vertreibung betroffen waren, gingen sie bei politischen Bewertungen und Werturteilen über den Krieg auf Distanz. In den seltenen Fällen, in denen sie den Krieg beurteilten, wechselten sie flexibel zwischen Kri- tik und Rechtfertigung, je nach dem Kontext der Unterhaltung. Faktoren wie ein Gefühl der Hilflosigkeit, sich widersprechende Narrative in den Medien und der Versuch des russischen Staates, in Kriegszeiten eine Normalisierung der Lage zu erreichen, haben zu dieser Distanzierung beigetragen.
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Analyse

Unsichtbarer Widerstand: Handlungsfähigkeit und Solidarität im Angesicht des Autoritarismus

Von Marija B.
Eine aktuelle Studie des Hannah-Arendt-Zentrums zeigt, dass die Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Initiativen Russ:innen hilft, horizontale Beziehungen aufrechtzuerhalten und auszubauen und gemeinsam mit anderen aktiv und politisch handlungsfähig zu bleiben. Angesichts der stärker gewordenen Repressionen, mangelnder Ressourcen und der fehlenden Aussicht auf baldige Veränderungen in Russland blieben viele Aktivist:innen im Untergrund, indem sie keine NGO registrieren und Öffentlichkeit meiden. Die Notwendigkeit, »unter dem Radar« der Repressionsmaschinerie zu bleiben, führt zu kreativen Lösungen, horizontaler Koordination und einer verstärkten Rolle von Ressourcenzentren und Plattformen, die Zusammenarbeit ermöglichen. Gegenwärtig ist es in Russland aufgrund der Gefahr politischer Repression nicht möglich, Aktivismus so transparent und zentralisiert zu organisieren wie in Demokratien. Dennoch leisten Aktivist:innen zivilgesellschaftlichen und politischen Widerstand.
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