Einleitung
Die Russlandbilder der Deutschen können losgelöst von der Realität der Innen- und Außenpolitik Russlands existieren und genau dadurch an politischer Bedeutung gewinnen. Ein genaueres Verständnis von Russlandwahrnehmungen ist eng mit Russlands außenpolitischen Handlungsspielräumen verknüpft, denn Projektionen lassen sich politisch mobilisieren und bieten gezielter Desinformation direkte Anknüpfungspunkte. Die Bilder von Russland – und vom »Anderen« generell – sind soziale Konstrukte. Genauer hinzuhören, wie Menschen über Russland sprechen und nachdenken, hilft dabei, die Konturen dieser Konstrukte greifbar zu machen. Die Ergebnisse meiner Forschung dazu sind umfangreich in meinem Buch »Russland – eine deutsche Erfindung. Warum so viele bei uns Putin falsch einschätzen« dargelegt. Im Mittelpunkt stehen neben Umfragen wiederholte Fokusgruppendiskussionen und zahlreiche Interviews mit Menschen, die ganz unterschiedliche soziodemographische Charakteristika und politische Affinitäten mitbringen. Der gesprochenen Sprache wird bewusst Raum gegeben, um den Perspektiven »von unten« gerecht zu werden. Diese Sprache ist nicht immer schön, aber ihre Direktheit vermittelt Einblicke in Denk- und Argumentationsmuster.
Ausgangspunkt
Der Ausgangspunkt zum mehrjährigen Projekt hinter diesem Buch begann mit einem Unbehagen über die in den Medien und in der Politik überstrapazierte These, dass Ostdeutsche bzw. in der DDR sozialisierte Menschen russlandfreundlicher seien als Westdeutsche bzw. in der BRD sozialisierte Menschen. Diese meist ohne Widerspruch hingenommene These enthält mehrere problematische oder zumindest empirisch zu überprüfende Annahmen. Die Sowjetunion von damals wird nahtlos als das heutige Russland weitergedacht. Diese Simplifizierung gilt für die deutsche Erinnerungspolitik in Ost und West, wird aber in der ostdeutschen Politik nicht nur von der AfD und dem BSW, sondern auch von den Ministerpräsident*innen der CDU und SPD immer wieder hervorgehoben – manchmal beschrieben als aus der Vergangenheit abgeleitete »Russlandexpertise«, mal als nostalgische Erinnerung an den Russischunterricht in der DDR, die (begrenzten) Reisen in die Sowjetunion und (ebenfalls begrenzte) Begegnungen mit sowjetischen Soldaten oder Offizieren in der Nähe ihrer Armeestützpunkte. Der Begriff der deutsch-sowjetischen Freundschaft scheint heute populärer zu sein als zu DDR-Zeiten. Eine vermeintlich kritische Grundhaltung gegenüber jeglicher politischer Staats- und Parteirhetorik und Medienberichterstattung wird als in der DDR gelernte Fähigkeit verstanden. Auch die als Notwendigkeit dargestellten engen wirtschaftlichen Verflechtungen bzw. Abhängigkeiten von Russland sowie ein Prozess der Diversifizierung seit 1990 bzw. 2022 variieren stark zwischen den ostdeutschen Bundesländern und markieren somit keine klare Ost-West-Differenz.
Die Unterscheidung zwischen Ost- und Westdeutschland ist ohnehin zunehmend ungenau geworden. Generations- und Strukturwandel, Mobilitäten sowie unterschiedliche individuelle Erfahrungen während der Transformation verwischen die einst klare Grenze. Dennoch bleibt die Unterscheidung im öffentlichen und politischen Diskurs sehr präsent. Die Wahlerfolge der AfD in den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern lenken den Blick vor allem auf das Wahlverhalten in Ostdeutschland und die darunter liegende Unzufriedenheit, doch die Dynamik in westdeutschen Bundesländern ist ähnlich.
Denkraum Russland
In meinem Buch dehne ich die Diskussion über das »ungleich vereinte« Deutschland (Steffen Mau 2024) auf den Denkraum Russland aus. Der Begriff »Denkraum« beschreibt hier einen Raum, in dem sich Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen zu Ideen verdichten und eine gesellschaftspolitische Wirkmacht entfalten. Denkräume sind nicht statisch, sondern bleiben in Bewegung. Sie können nebeneinander existieren, sich überlappen und zugleich Zwischenräume definieren. Sie sind ein wichtiges Element bei der Einordnung der deutschen Russlandpolitik. Auf der Ebene der politischen und wirtschaftlichen Eliten ist diese in den letzten Jahren ausführlich thematisiert und recherchiert worden. Politik entsteht jedoch nicht nur auf der Ebene der politischen Eliten, sondern in einer Wechselwirkung mit der Gesellschaft als Resonanzraum und Ideengeber.
Auf der Grundlage von empirischer Sozialforschung (2019 bis 2025) zeichnet dieses Buch drei Denkräume nach, aus denen sich die politisch relevanten Russlandbilder speisen:
- Russland als Faszination/Alternative
- Russland als Partner/Freund
- Russland als Risiko/Feind.
Jeder dieser Denkräume ermöglicht Bewegung entlang einer Achse – vom Gefühl der Faszination bis zu Ideen von Russland als Alternative zum Westen, vom Partner zum Freund, vom Risiko bis zum Feind. Diese Denkräume beschreiben auch längere historische Linien.
Das Buch ist eine Art Reise durch ein Forschungsprojekt und diskutiert in jeder der drei Projektphasen auch die gewählten methodologischen Zugänge samt ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile bzw. ihrer inhärenten Herausforderungen. Diese Art von Grundwissen ist in den heutigen Zeiten auch außerhalb der Wissenschaft von Bedeutung, um Forschung und aus ihr abgeleitete Behauptungen besser einordnen zu können. Es wird dabei deutlich, dass jede Datenerhebung einer Kontextualisierung und tieferen Interpretation bedarf, egal ob es sich um quantitative oder qualitative Forschung handelt. In ihrer Kombination kann es gelingen, über unterschiedliche Zugänge übergreifende, repräsentative Trends mit empirischen Tiefenbohrungen zu verbinden. Letztere sind von der Definition her nicht repräsentativ, fördern aber im Detail Muster im Sprechen und Denken über Russland zutage. Umfrageforschung läuft immer Gefahr, dass sich der politische Diskurs oder die Berichterstattung einzelne Ergebnisse in der Form von Prozentzahlen herausgreifen und dabei versäumen darauf hinzuweisen, dass sich Umfragen über einen Zeitraum hinweg nur vergleichen lassen, wenn wirklich dieselben Leute wiederholt befragt wurden. Noch dazu variiert die Fragestellung zwischen Umfragen häufig – und wie eine Frage gestellt wird, beeinflusst die Antworten. Bei einer Fokussierung auf die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bei einer Frage, mag aus dem Blick geraten, dass trotz regionaler Unterschiede die Mehrheit Deutschlands einer Meinung ist. In diversen ZOiS-Umfragen, die im Buch diskutiert werden, habe ich mich bemüht, die Fragen anders bzw. offener zu formulieren. Dies erleichtert keinesfalls die Analyse, geht aber über eine Frage der Art »Ist Russland eine Bedrohung?« hinaus.
Positive Russlandbilder 2019
In der ersten Phase des Projekts 2019 ging es mir vor allem um ein besseres Verständnis der russlandfreundlichen Wahrnehmungen. Meine ZOiS-Umfrage zu unterschiedlichen möglichen Putin-Assoziationen zeigte, dass positive Assoziationen bei der Nennung von Putins Namen eine klare autoritäre Grundhaltung zum Ausdruck bringen. Häufig wurde diese Haltung als Projektion auf die deutsche Handlungsfähigkeit kontextualisiert: Man wünscht sich den Führungsstil Putins samt vermeintlicher Entscheidungs- und Durchsetzungskraft in der deutschen Politik. Diese im positiven Putin-Bild angelegte Grundhaltung spiegelt sich in der Stimmenabgabe für die AfD. Diejenigen mit Geburts- und/oder Wohnort in der DDR/Ostdeutschland, Männer und – auf den ersten Blick paradoxerweise – Menschen mit persönlichen Kontakten nach Russland sahen in Putin eher einen effektiven Präsidenten, nahmen Russland weniger als Bedrohung wahr und wünschten sich engere deutsch-russische Beziehungen. Persönliche Kontakte nach Russland pflegte schon zu diesem Zeitpunkt insgesamt nur eine Minderheit (ca. 14 % im Jahr 2019). Diese Kontakte waren unter jüngeren und in Westdeutschland ansässigen Menschen verbreiteter und damit nicht in erster Linie mit einer Sozialisierung in der DDR/Ostdeutschland verbunden. Persönliche Kontakte werden bis heute als authentische Informationsquelle gesehen, vermitteln aber eher einen positiveren Blick auf Russland.
Aus den in ost- und westdeutschen Städten (Erfurt, Leipzig, Rostock, Essen, München) Ende 2019 durchgeführten Fokusgruppen zeigen sich verschiedene typische Argumentationslinien hinter den russlandaffinen Einstellungen – in Ost und West:
- Auf offene Fragen nach persönlichen Russland-Assoziationen ist die positive Erinnerung an Gorbatschow und die friedliche Wiedervereinigung sehr prominent und prägt bis heute die Bilder von Russland.
- Putin wird mit emotional besetzten Begriffen wie »Stärke«, »Stabilität« und »Sicherheit« beschrieben.
- Putins Volksnähe und ein Gefühl für Werte und Nationalstolz spielen in den positiven Bildern eine Rolle und werden mit empfundenen Leerstellen in Deutschland kontrastiert.
- Auffällig ist die Unsicherheit der Teilnehmenden, die regelmäßig einwerfen, dass sie nicht viel über Russland wüssten und sich noch nicht genauer damit auseinander gesetzt hätten.
- Es herrscht eine allgemein negative Haltung gegenüber Sanktionen – u. a. denen, die seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 von der EU verhängt wurden. Die Argumentation konzentriert sich jedoch auf die Annahme, dass Sanktionen immer die Falschen treffen, d. h. die Bevölkerung. Daraus folgt, dass Fragen über die Zustimmung oder Ablehnung von Sanktionen in Umfragen nur bedingt aussagekräftig sind, da sie vom konkreten Kontext abstrahieren.
- Die Bilder von Russland dienen also meist der Gegenüberstellung mit einem wahrgenommenen Manko in Deutschland. Sie fungieren als Projektionen, die eine Positionierung in Bezug auf die Bundesregierung und ihre Politik ermöglichen. Die zwei prominenten Denkräume waren 2019 »Russland als Faszination/Alternative« und »Russland als Partner/Freund«.
Vor und nach dem 24. Februar 2022
Die zweite Phase des Projekts fiel eher zufällig auf die Wochen vor dem Beginn des vollumfänglichen Angriffs Russlands auf die Ukraine: Ende Januar und Anfang Februar 2022 fanden in denselben Städten wie zuvor Fokusgruppen statt, diesmal jeweils mit nach Antworten im Rekrutierungsfragebogen getrennten russlandfreundlichen und russlandkritischen Gruppen. Die Argumentationslinien in den russlandfreundlichen Gruppen waren denen von 2019 sehr ähnlich. Insgesamt erwartete die Mehrheit der Teilnehmenden keine Eskalation, obwohl Russland bereits über hunderttausend Truppen an der russisch-ukrainischen Grenze zusammengezogen hatte. Eine weitere Gemeinsamkeit – unabhängig von einer eher positiven oder eher negativen Haltung gegenüber Putin und Russland – war die weitgehende Übereinstimmung, dass die angespannte Lage gleichermaßen auf Russland und die NATO zurückzuführen sei. Wiederum herrschte wenig Faktenwissen, so z. B. über die 1997 NATO-Russland-Grundakte, in der Russland das Prinzip der NATO-Osterweiterung nach Ostmitteleuropa anerkannt hatte. Nach Beginn der Vollinvasion war es möglich, an Teilnehmende aus den Fokusgruppen zurückzugehen und sie in längeren Einzelinterviews zu möglichen Veränderungen ihrer Einstellungen und Bilder zu befragen. Hierbei wurde ersichtlich, dass Russlandbilder nicht statisch sind und sich anpassen bzw. bewusst angepasst werden. Nicht alle Teilnehmenden waren sich der Veränderung ihrer Sichtweisen bewusst und einige sahen sich nun schon immer als kritisch oder neutral gegenüber Putin eingestellt. Deutlich zu spüren war in den langen Einzelgesprächen, wie stark der Krieg die Menschen beunruhigte. Sie brachten das Thema mitunter nicht selbst auf, antworten auf die explizite Nachfrage jedoch mit Angstgefühlen. Ein genereller Trend war der Versuch, Putin zu psychologisieren und aus dem ansonsten positiv bleibenden Russlandbild herauszutrennen. Ein positiver Blick auf Putin fällt nach dem 24. Februar 2022 schwer, aber die Personifizierung der Gewalt und Eskalation hinterlässt ein positiv verklärtes Bild von einer Gesellschaft in einem autoritären System, das seit Jahrzehnten an seinem Erhalt gearbeitet hat.
Denkraum Sicherheit
Im November/Dezember 2025 fand die vorerst letzte Phase des Projekts statt: eine weitere Abfolge von Umfrage, Fokusgruppendiskussionen (ergänzt um KI-Nachbefragungen) und Einzelinterviews. Hier lag der Fokus auf dem Begriff »Sicherheit«. Die Umfrage zeigte sofort einen Widerspruch: Während sich eine Zweidrittelmehrheit in Deutschland generell sicher fühlt, sagen etwa genau so viele, dass sie der Krieg in der Ukraine etwas angehe. Ein höherer Bildungsstand und ein höheres Einkommen sind die einzigen soziodemographischen Faktoren, die bei diesem Sicherheitsgefühl eine Rolle spielen. Ost-West-Unterschiede finden sich hier nicht. Allerdings ist eine deklarierte AfD-Affinität deutlich mit dem Gefühl der allgemeinen Unsicherheit, aber auch mit der These, dass der Krieg die Deutschen nichts angehe, verbunden. Die Fokusgruppen und Einzelinterviews vertieften diesen Aspekt und zeigten weit verbreitete Verdrängungsmechanismen in Bezug auf Nachrichten über den Krieg. Eine Frage nach den Hauptassoziationen bzw. Prioritäten beim Konzept »Sicherheit«, zeigt darüber hinaus, wie eng Sicherheit vor allem im Alltag gedacht wird: Die persönliche Sicherheit im öffentlichen Raum, Familie und Freunde sowie die finanzielle Absicherung sind die Hauptantworten (je etwa ein Drittel, ein Viertel und ein Fünftel der Bevölkerung). Den Krieg in der Ukraine nannten lediglich 6 %, noch weiter hinten lagen Institutionen wie die NATO, die EU oder die Bundeswehr.
Diese große Diskrepanz zwischen »innen« und »außen« stellt eine große Herausforderung für die Politik dar. Es ist offensichtlich, dass die Angst vor Russland und seinem Krieg weit verbreitet ist, dass sich aber viele Menschen – über Bildungs-, Einkommensunterschiede und Parteiaffinitäten hinweg – ganz bewusst dem Medienkonsum entziehen, da er sie zu sehr belastet. Eine Gesellschaft, die lieber wegguckt, wenig Faktenwissen oder Interesse hat, ist anfälliger für die Erzählungen autoritärer und populistischer Kräfte im Land und aus Russland selbst. Somit sind die Russlandbilder in ihrer Realitätsfremdheit für die Demokratie in Deutschland und in Europa von großer Bedeutung – insbesondere in Zeiten, in denen Deutschland zu einem Zentrum für hybride Angriffe durch Russland geworden ist. Die Tatsache, dass die Deutschen häufig vor allem oder nur über sich selbst sprechen, wenn sie über Russland sprechen, ist ein Problem. Diese Mechanismen aufzuzeigen ist nur ein erster Schritt. Die Fokusgruppen zeigen aber auch, dass sich ganz unterschiedliche Menschen über Themen wie die Erinnerung an die Sowjetunion, ihre persönlichen Russlandbilder und ihr Verständnis von Sicherheit austauschen wollen und selbst die Fokusgruppen als eine positive Erfahrung in dieser Hinsicht beschrieben. Was in einer Art Labor unter wissenschaftlicher Aufsicht gelingt, könnte vielleicht auch im Alltag das Bedürfnis nach persönlichem Austausch aufgreifen.
