Die ukrainische Literatur zum Krieg im Donbas

Von Alexander Chertenko (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Zusammenfassung
In der ukrainischen Literatur nach 2014 spielt der Krieg im Donbas eine formative Rolle. Die einschlägigen literarischen Texte, die im Land bis heute eine hohe Konjunktur genießen, zeigen den umkämpften Donbas bzw. die ganze Süd- und Ostukraine in Anlehnung an den orientalisierenden Diskurs der 1990–2000er-Jahre als eine kulturell unterlegene, »feindliche« Region und die militärische Auseinandersetzung als Folge eines »clash of civilizations«. Diese Deutung verleiht dem »literarisch« ausgetragenen Krieg im Donbas die Züge einer Kolonisierung, die als Teil des antikolonialen Kampfes gegen Russland imaginiert wird.

Einleitung

2014 fand eine lange kriegslose Periode in der Geschichte der Ukraine, die viel länger als in den meisten postsowjetischen Ländern andauerte, ihr abruptes Ende. Das ereignisvolle Jahr brachte den gewaltsamen Ausgang des Euromajdans mit sich; diesem folgten das Auftauchen der »grünen Männchen« ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim und die rasche Annexion der Halbinsel durch Russland, die Unruhen in der Süd- und Ostukraine und die von Russland unterstützten bewaffneten Auseinandersetzungen im ukrainischen Donbas, die einen bis heute andauernden Krieg hervorgebracht haben. Seinen tragischen Höhepunkt markierten einerseits die schmerzlichen Niederlagen der ukrainischen Armee bei den Einkesselungen um Ilowajsk (August – September 2014) und um Debalzewe (Februar 2015), andererseits die Umsiedlung von rund 1,5 Mio. Menschen aus dem Donbas. Gerade angesichts des jahrzehntelangen Friedens wurde der Krieg im Donbas von der ukrainischen Öffentlichkeit, der ukrainischen Politik und der ukrainischen Kultur als eine extrem traumatische historisch-kulturelle Zäsur aufgefasst, welche die Geschichte der unabhängigen Ukraine in »vor 2014« und »nach 2014« bzw. »vor dem Majdan/Krieg« und danach teilte. Der folgende Artikel analysiert, wie diese Zäsur die Literatur in der Ukraine geprägt hat und wie sie literarisch verarbeitet wurde.

Die Literatur erfindet den Kriegsfeind

Zu den leitenden Medien, in denen die Aufarbeitung des Krieges am intensivsten stattfindet, gehört von Anfang an die ukrainophone und russophone Literatur aus der Ukraine. Nach der Phase der anfänglichen Archivierung, in der die schockartige Einwirkung der Kriegserlebnisse von Teilnehmer*innen und Beobachter*innen zumeist selbst erzählt worden ist und die sich nach dem Ende der aktiven Gefechtshandlungen im Jahr 2015 weitgehend erschöpft hat, wird der Krieg im Donbas zum wichtigen Thema auch für professionelle Literat*innen wie Serhij Zhadan, Andrej Kurkow, Wolodymyr Rafeenko oder Haska (Halyna) Schyjan. Auch gehen aus einer literarischen Beschäftigung mit dem Krieg neue Autorennamen hervor, etwa Walerij Pusik oder Horicha Sernja (eigentlich Tamara Duda), die, wie einst Erich Maria Remarque oder Wiktor Nekrassow, mit ihren Kriegsdarstellungen sofort in die erste literarische Liga aufsteigen. Die von ihnen produzierten Kriegsnarrative kodifizieren die heterogenen Darstellungs- und Deutungsstrategien, welche in den faktografischen Kriegstexten der Anfangsphase entworfen und ausprobiert wurden, und verleihen diesen Strategien einen publikumswirksamen Charakter, indem sie das Kriegsthema ins Zentrum des ukrainischen literarischen Kanons rücken.

Als Merkmale dieses Kanonisierungsprozesses gelten u. a. das stetig anwachsende – und im Ausland nur sehr marginal bekannte – Textkorpus, das zurzeit einige hundert Publikationen umfasst, sowie vergleichsweise hohe Auflagen einzelner Kriegstexte wie Jewhen Poloschijs Roman »Ilowajsk« (2015) oder Serhij Zhadans Roman »Internat« (2017, dt. 2018). Nicht weniger aufschlussreich ist die steigende Dominanz der literarischen Repräsentationen des Krieges im Donbas bei der Verleihung der ukrainischen Literaturpreise. Schaut man z. B. auf die Preisträgerliste des Literaturpreises »LitAkzent des Jahres« (LitAkzent Roku), so stellt man fest, dass während 2014 keine Kriegstexte ausgezeichnet wurden und 2015 nur ein solcher Text – nämlich Wladislaw Iwtschenkos Roman »2014« – in der Kategorie »Prosa« den Preis gewann, 2016 bereits zwei von drei ausgezeichneten Texten zur Kriegssparte gehörten, 2017 zwei von zwei und 2019, nach einem »kriegslosen« literarischen Jahr, sogar vier von vier. Noch symptomatischer sind die Ergebnisse des Literaturpreises »Espreso. Leser wählen« (Espreso. Wybir tschytatschiw), der vom Fernsehsender »Espreso TV« 2017 etabliert wurde. Hier repräsentieren zwei von bislang drei mit dem Preis ausgezeichneten Büchern – Zhadans »Internat« (2018) und Haska Schyjans »Hinter dem Rücken« (Sa spynoju, 2019) – die Literatur, die sich mit den Folgen des Krieges im Donbas beschäftigt.

Texte dieser Art schildern das Ereignisjahr 2014 und alles, was danach kam, fast ausnahmslos als einen innerukrainischen, oft auch gesamteuropäischen Wendepunkt und geben hierdurch einen Interpretationsansatz wieder, der auch in den ukrainischen Medien und im politischen Diskurs dominiert. Gleichzeitig werden in den einschlägigen literarischen Texten stets Versuche unternommen, die durchs Eintreten der Zäsur verlorene Normalität wiederherzustellen. Dabei greifen jeweilige Autor*innen ganz im Sinne der vom Historiker Jörn Leonhard formulierten Bedeutungsklammer von »Bellizismus und Nation« auf das Narrativ über die essentialistisch verstandene ukrainische Nation zurück. Als zentraler Bestandteil der literarischen Kriegsoptik, der ein solches Narrativ zugrunde liegt, fungiert die für die nationalistische Sicht entscheidende Dichotomie des »Eigenen« und des »Fremden«, wobei das Letztere unter Kriegsbedingungen als das zu bekämpfende »Feindliche« angesehen wird. Die Rolle des Hauptfeindes übernimmt hierbei paradoxerweise nicht Russland, das von der überwiegenden Mehrheit der Autor*innen als der wirkliche Kriegsgegner und der Widersacher im antiimperialen Kampf verstanden wird, sondern der Donbas bzw. die ganze Süd- und Ostukraine. Diese Paradoxie schlägt sich in den allermeisten Fällen gleich auf drei Ebenen nieder. Erstens ist Russland im Gegensatz zum »Osten« wegen seiner zumeist getarnten, »hybriden« Beteiligung am Krieg in den literarischen Texten nur selten sichtbar und ist somit als Feind nur begrenzt darstellbar. Zweitens trägt eine deutliche Überlegenheit der russischen Truppen dazu bei, dass die Konfrontation mit ihnen kaum Erfolgschancen verspricht; die Auseinandersetzung mit den deutlich schwächeren »Rebellen« sich dagegen viel eher als »Sieg« inszenieren lässt und gerne inszeniert wird. Drittens werden die Vertreter*innen des Donbas, nicht zuletzt wegen ihrer Sichtbarkeit und ihrer engen historischen Verflechtung mit der »Kernukraine«, als die »eigentlichen« Verursacher des Krieges dargestellt, die die Ukraine »verraten« und durch ihre »unpatriotische« Art die russische Einmischung – gewissermaßen eine Rache des Imperiums – erst ausgelöst haben. Die konkreten Parameter, die dem zum Feind gewordenen Donbas (der Süd- und Ostukraine) zugeschrieben werden, und die Strategien seiner (ihrer) Disziplinierung im Sinne des ukrainischen Patriotismus variieren hierbei je nachdem, ob die jeweiligen Autor*innen aus der Zentral- und Westukraine oder aus der Süd- und Ostukraine bzw. aus dem Donbas stammen (oder sich mit diesen Regionen identifizieren), d. h. ob sie die umkämpfte Region »von außen« oder »von innen« sehen und beschreiben.

Der Blick von außen

Im ersten Fall wird der Donbas (oder die ganze Süd- und Ostukraine) überwiegend – z. B. bei Jewhen Poloschij, Bohdan Scholdak, Wassyl Schkljar, Wladyslaw Iwtschenko, Marija Matios, Artem Tschech, Andrij Zaplienko u. v. a. – als ein prinzipiell fremdartiger Raum dargestellt, dem eine Rückständigkeit anhaftet. Seine Bewohner*innen stehen in solchen Texten nur ausnahmsweise auf »proukrainischen« Positionen, weswegen ihre Identitäten bestenfalls als nichtig, schlimmstenfalls als »feindlich« wahrgenommen werden. In den Augen des Betrachters erscheinen sie deswegen als »ukrainisierungsbedürftig«, wobei diese Ukrainisierung im Reich des Hypothetischen bleibt.

Eine solche Sicht auf den Donbas (oder die Süd- und Ostukraine) hat in der ukrainischen Kultur Tradition. Wie der Historiker Andrij Portnov gezeigt hat, schließen sich viele »patriotische« Reaktionen auf den Krieg im Donbas an den Diskurs der inneren Orientalisierung in Bezug auf die Region an. Dieser Diskurs wurde in den Schriften der sog. »galizischen Reduktionisten«, von denen Jurij Andruchowytsch und Taras Prochasko wohl die bekanntesten sind, noch in den 1990er–2000er-Jahren entwickelt. Der national »verschwommenen« Hybridität des Donbas und der Süd- und Ostukraine hielt er eine »ukrainische« Identität essentialistischer Prägung entgegen. In der Kriegsliteratur von heute wird der Donbas‘sche »Feind« – im Unterschied zum »fremden« Donbas der Friedenszeiten – allerdings mit Hilfe einer viel radikaleren Rhetorik umrissen, die entsprechend einen viel härteren Umgang mit der »rebellischen« Region und ihrer Bevölkerung voraussetzt.

Exemplarisch ist in diesem Sinne das Donbas-Bild in dem bereits erwähnten Roman »Ilowajsk« von Jewhen Poloschij. Der Autor aus dem nordöstlichen Sumy schildert in ihm die opferreiche Einkesselung der ukrainischen Armee, vor allem der Freiwilligenbataillone, in der ostukrainischen Stadt Ilowajsk. Ganz im Stil von Andruchowytsch erscheinen die Bewohner*innen des Donbas hier ausschließlich als degradierte Proleten »in abgefetzten Sporthosen und schmutzigem Trikot wie die Alkoholiker es tragen«; sie reden wirres Zeug über »die ukrainische Einheit, DNR [Volksrepublik Donezk] und Putin« und erwähnen die Ukraine mit solchem Befremden, »als ob sie auf Kap Verde geboren wären«.

Der gravierende Unterschied in den Schlussfolgerungen, die der Anhänger der unitären Ukraine Poloschij und der »galizische Reduktionist« Andruchowytsch aus der Fremdartigkeit des Donbas ziehen, erklärt sich vor allem aus einer unterschiedlichen Einschätzung der Gefahr, die von dieser Fremdartigkeit vermutlich ausgeht. Entsprechend einer »akuten Lebensgefahr«, die den zumeist unsichtbaren oder imaginierten Vertreter*innen des Donbas in »Ilowajsk« zugeschrieben wird, plädieren Romanfiguren wie der Romanautor selbst nicht für eine Abgrenzung von der problematischen Region (wie dies bei den »Reduktionisten« der Fall gewesen ist), sondern für deren offensive »Zivilisierung«. Diese macht vor einer gewaltsamen Unterwerfung, im äußersten Fall sogar vor der physischen Vernichtung aller als »Separatis*innen« abgestempelten Bewohner*innen der Region sowie vor ihrer Tilgung aus dem kollektiven Gedächtnis keinen Halt. Eine entsprechende Legitimation wird bereits am Anfang des Romans im Dialog zwischen dem Neuling mit dem Rufnamen »Greg« und dem erprobten Soldat »Max« geliefert. Auf die Frage hin, wie man Separatisten und ihre Sympathisanten, die Schuldigen und die Unschuldigen aus dem Donbas unterscheiden kann, bekommt Greg folgende Antwort:

Das ist alles Gewöhnungssache. Krieg ist immer Schmutz und Blut, du wirst hier noch schlimmere Dinge erfahren. Schlag dir all das aus dem Kopf, was du dir zu Hause unter Krieg vorgestellt hast, da wird es dir bessergehen. Unschuldige gibt es hier keine.

Der patriotische Donbas

Die von Poloschij gewählte Darstellungsperspektive ist für die Kriegstexte, die »aus der Tiefe der Ukraine« (Poloschij) geschrieben werden, höchst charakteristisch, und zwar nicht nur wegen der Verwendung des orientalisierenden Stereotyps als einer Begründung für die militärische Unterwerfung. Genauso typisch ist die konsequente Auslöschung der Stimmen von Donbas-Vertreter*innen, die Poloschij in einem Interview zum Programm erhebt: »Ich gehöre nicht zu den Menschen, die aus Separatisten Helden machen können. Ich werde über unsere Helden schreiben«. Zu den ganz wenigen Donbas-Darstellungen »von außen«, in denen die Region nicht schweigt und nicht die Stimme eines unedlen Wilden spricht, gehören der Erzählband »Glückliche Fälle« (Stschastliwye padenija, 2018, dt. 2019) von Yevgenia Belorusets und der Roman »Die Tochter« (Dozja, 2019) von Horicha Sernja (das Pseudonym der Autorin ist ein Zitat aus der ersten Zeile des berühmten Gedichtes von Iwan Franko, das zum ukrainischen Volkslied wurde). Belorusets unternimmt in ihrem Buch den Versuch, »unser gegenseitiges Missverstehen« zu überwinden, indem sie sich, ähnlich wie Walter Benjamin, auf »ein[] tiefere[s] Eindringen der traumatischen historischen Ereignisse in die Fantasie und Alltagserfahrung«, lies: auf »das Unbedeutende und Kleine, das Zufällige und Überflüssige, das Verdrängte« fokussiert. Im Endergebnis werden aber die regionalen Unterschiede zwischen den Figuren, die alle Frauen sind, alle unter Traumatisierung leiden und alle gleiche oder ähnliche Überlebensstrategien entwickeln, aufgehoben, so dass der Leser (die Leserin) ohne den Hinweis auf den Herkunftsort der jeweiligen Protagonistin kaum sagen kann, ob sie aus Donezk, Antrazit, Slowjansk oder eben aus Kyjiw stammt.

Anders geht die ebenso wie Belorusets aus Kyjiw stammende Autorin Horicha Sernja vor. In ihrem Roman konstruiert sie eine exemplarische »Donbas-Identität« sozusagen aus dem Herzen des ukrainischen »Kernlandes«. Ihre namenlose Protagonistin, die in Dubrovica in der Nordwestukraine geboren und noch als Kind ihrer Großmutter in Donezk in Pflege gegeben wurde, verlässt am Ende die von Krieg geplagte Region und zieht in die »richtige« Ukraine. In diesem Sinne verkörpert sie die Hauptintention des Romans, den Donbas zu »hören« bzw. zu »verstehen«. Die Stimme des Donbas, die das Kernland bereit ist zu hören, fällt allerdings recht tendenziell aus. Um die These der liberalen ukrainischen Medien zu illustrieren, nicht alle Bewohner*innen des Donbas seien jene sprichwörtlichen – etwa von Poloschij beschworenen – Alkoholiker*innen, Putinanhänger*innen und/oder ehemaligen Kriminellen, privilegiert die Autorin auf narrativer Ebene nur jene Vertreter*innen des Donbas, die über eine ukrainisch-patriotische Gesinnung verfügen. Zu ihnen gehören die Protagonistin selbst, die als begabte Glasfenstermeisterin arbeitet und zugleich als Volontärin »im Rücken des Feindes« ihren Dienst tut, sowie ihre Helfer*innen und Gesinnungsgenoss*innen. Obwohl »Dozja« vor 2013 genauso wie ihre Kompatriot*innen aus dem Donbas ein durchaus apolitisches Leben führte, nimmt sie den Euromajdan und den anschließenden Krieg als Anlass wahr, die »richtige« ukrainische Identität endlich anzunehmen. Diese innere Verwandlung, die ihre Donbas-Identität verändert, aber nicht annulliert, resultiert in einer doppelten Optik, die für sie die einzig mögliche Form des Sehvermögens darstellt: »Ich und meine Mitbürger [aus dem Donbas] befinden uns nun in den Parallelwelten; nur kann ich sie sehen, und sie sehen mich nicht, warum auch immer«.

Der Donbas, den sie als ukrainische Patriotin (oder: patriotische Ukrainerin) sehen kann, wird emphatisch als »Appendizitis«, »Wundbrand, verfaultes Fleisch« oder – in biblischen Koordinaten – als ein verfluchter Ort beschrieben, aus dem man »fliehen [muss], ohne sich umzuschauen, ohne nach den Gerechten in sodomischen Steppen zu suchen«. Hier geht es weniger um eine Abkehr von dem Donbas, vielmehr um die Perspektive einer – wiederum rein hypothetischen – »Heilung«. Diese wird unter anderem in der Episode angesprochen, wo die Protagonistin das ukrainische Volkslied »Oh, in dem Kirschgarten« (Oj u wyschnewomu sadu) singt und hierdurch bei ihren nicht unbedingt proukrainischen Nachbar*innen eine Art Katharsis auslöst:

Wir sangen und sangen, ohne Unterbrechung. […] Die Nachbarn näherten sich uns; es schien, als ob sich alle Nachbarn mitreißen ließen. Niemand eilte in den Luftschutzkeller, alle erstarrten. Ich habe keine Gesichter im Dunkeln gesehen, ich hörte nur, wie mir Tränen über die Wangen rollen, wie meine Stimme zittert, und genauso zitterten die Stimmen meiner Nachbarinnen – und brachen ab.

Der Blick von innen

Während eine solche Heilungsperspektive in den Texten, die den Donbas »von außen« darstellen, eher ungewöhnlich ist, wird sie in der literarischen Produktion der Autor*innen, welche entweder in der Süd- und Ostukraine leben (z. B. Boris Chersonskij in Odesa oder Serhij Zhadan in Charkiw) oder dort einen beträchtlichen Teil ihres Lebens verbracht haben (Olena Stepova, Pawel »Paschtet« Beljanskij, Oleksij Tschupa, Maxim Butschenko, Wolodymyr Rafeenko, Olena Stjaschkina u. a.), zu einem handlungsbildenden Element. Als Träger*innen dieses »Blicks von innen« treten in ihr, genauso wie in Horicha Sernjas »Die Tochter«, eine oder mehrere Zentralfiguren auf, die für den Donbas (oder: die Süd- und Ostukraine) stehen. Dabei kommen, wiederum wie in Horicha Sernjas Roman, überzeugte »Separatist*innen« bzw. prononcierte Anhänger*innen Russlands nur selten zu Wort. Geschieht dies trotzdem, so erweisen sie sich zumeist als lebendige Bestätigungen des orientalisierenden Stereotyps und somit als Feinde, die entweder zu den ukrainischen Patrioten »umerzogen« oder – falls dies nicht geschieht – beseitigt werden müssen.

Im Unterschied zu »Die Tochter« wird dieser »Umerziehung« in den »inneren« Darstellungen des Donbas (der Süd- und Ostukraine) eine viel größere Rolle beigemessen. Anders als »Dozja«, die aus dem ukrainischen Kernland stammt und vielleicht deswegen schon früh in das ukrainische Lager wechselt, nehmen die »schwer erziehbaren« Donbas-Bewohner*innen hierfür oft den ganzen Handlungsablauf in Anspruch. Als Modell kann hier der wohl bekannteste ukrainische Text zum Krieg im Donbas, der Roman »Internat« von Serhij Zhadan dienen. In ihm beschreibt der Autor eine innere Verwandlung des Protagonisten Pascha infolge seiner Konfrontation mit dem Krieg. Bei dem Versuch, seinen Sohn aus dem Internat in dem seit kurzem besetzten Gebiet zu retten, sieht sich Pascha, der als Lehrer für ukrainische Sprache und Literatur im Donbas tätig ist, dazu gezwungen, seine apolitische Haltung und sein Außenseitertum zu überdenken, zumal er nun gerade darin die Hauptursache des Kriegs sieht. Nachdem der Protagonist mit seinem Sohn durch die Hölle des nicht mehr ukrainischen Donbas hindurchzieht, gerät er gegen Ende des Romans ins »Purgatorium« des ukrainischen Militärspitals. Dort wird aus einem ängstlichen und gleichgültigen Donbas-Bewohner wie durch ein Wunder ein selbstbewusster ukrainischer Bürger, ja beinahe ein Held, der sich hingebungsvoll um seinen Nächsten kümmert. Zhadans Namenswahl – Pascha ist eine Kurzform von »Pawel«, d. h. Paul, Paulus – macht aus dieser Bekehrung zum Patriotismus durch den Krieg, die in dem Beruf des Protagonisten bereits verborgen lag, einen universellen Akt der Selbstverwirklichung, der an Dozjas paradigmatische Flucht weg von »sodomischen Steppen« erinnert.

Ähnliche »Bekehrungsgeschichten« werden in vielen »inneren« Texten über den Krieg im Donbas als Geschichten einer »Therapie« inszeniert. Diese Strategie nimmt das Bild des »kranken« Donbas auf, das in Horicha Sernjas Roman eine eher marginale Rolle spielt, und rückt diese ins Zentrum des imagologischen Repertoires. Auf diese Weise wird die Spreu der »kranken« Separatist*innen vom Weizen der »gesunden« ukrainischen Patriot*innen aus derselben Region getrennt und den Letzteren die Berechtigung zugewiesen, ihre Nachbar*innen – soweit dies geht – zu einer patriotischen Gesinnung zu erziehen. Die proukrainischen Donbas-Bewohner*innen, zu denen sich ja auch die Autor*innen solcher Texte zählen, werden hiermit zu den selbsternannten »Therapeut*innen« und sichern sich einen klaren Konkurrenzvorteil im innerukrainischen, vom Krieg ausgelösten Identitätskampf. So werden beispielsweise in Olena Stepovas (eigentlich Elena Stepanez) in Buchform publiziertem Facebook-Blog »Alles wird die Ukraine sein oder Die Geschichten aus der ATO-Zone« (Wse budet Ukraina , ili Istoriji is sony ATO, 2014) die antiukrainischen »sie« konsequent als Kranke dargestellt, die an »LNRismus« (LNR = »Volksrepublik Luhansk«) oder der »Wattenkrankheit« (Andeutung auf die pejorative Bezeichnung der Donbas-Bewohner*innen als »Watniki« – Träger von Wattejacken) leiden, ja sogar als Verbreiter der »Infokrankheitserreger«, denen man am besten nicht nahe stehen soll. Den proukrainischen »wir«, zu denen auch die Bloggerin gehört, wird dagegen der Status der von der Krankheit Verschonten zugeschrieben, deren Mission in der Suche nach einem »Impfstoff« besteht. Diesem Bild entspricht im Buch von Stepova auch eine spezifische Vorstellung vom Krieg als einer »Entseuchung« der Region, die allem Anschein nach nur dann ukrainisch werden kann, wenn alle dortigen »Unheilbaren« ausgerottet und die »Heilbaren« von den Patriot*innen vor Ort auskuriert werden.

Fazit: Eine literarische Kolonisierung

Beide Perspektiven auf die umkämpfte Region, nämlich der orientalisierende Blick von außen und der pathologisierende Blick von innen, machen einen literarischen Darstellungskanon des Krieges aus, der in den allermeisten ukrainischen Texten zum Thema aufgegriffen wird. Im Rahmen dieses Kanons werden der Donbas und seine »ukrainefeindliche« Bevölkerung – oder generalisierend die Süd- und Ostukraine – als unzivilisiertes, unkultiviertes, schmutziges, unpatriotisches und undankbares Objekt der geopolitischen Spiele gesehen, das um jeden Preis (zurück-)erobert, zivilisiert, kultiviert und nationalisiert werden muss, damit das als überlegen wahrgenommene Eigene auch weiterhin Bestand haben kann. Dieser Kampf um Deutungshoheit und Macht im Osten der Ukraine, der in den literarischen Texten zum Thema in Form der Kriegsbeschreibungen und -deutungen fast immer ausgetragen wird, offenbart bei genauerem Hinsehen eine kolonisatorische Dimension, die angesichts der eigenen, oft als »kolonial« wahrgenommenen Geschichte der Ukraine besonders paradox wirkt. Laut klassischer Definition von Jürgen Osterhammel ist Kolonialismus eine »Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven«, bei welcher »kulturell andersartige« Kolonialherren unter Verwendung »sendungsideologische[r] Rechtfertigungsdoktrinen« »die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten« treffen. Bezüglich des Donbas bestand die Leistung der Literatur – neben anderen soziokulturellen Diskursen und Medien – gerade darin, diese »Andersartigkeit« zu konstruieren und die Vorstellung von eigener »kultureller Hochwertigkeit« im ukrainischen »Kernland« durchzusetzen. In den Texten der »galizischen Reduktionisten« wird der Donbas bzw. die ganze Süd- und Ostukraine in den 1990er und 2000er Jahren als innerer »Fremde« konstruiert und diskursfähig gemacht, auch wenn die Idee einer kolonialistischen Homogenisierung durch »Zivilisierung« den Autoren aus Galizien weitgehend fremd bleibt. Sobald dieser »Fremde« aber genau das macht, was die »galizischen Reduktionisten« für sich beanspruchten, nämlich dem als ideelle Einheit imaginierten ukrainischen Territorium sowie der »hochwertigen« ukrainischen Kultur den Rücken kehrt, aktiviert er – nun als »Feind« – die kompensatorischen Mechanismen zur Vervollständigung der verlorenen Integrität. Diese Mechanismen nehmen gerade darum die Form einer Kolonisierung an, weil die kulturellen Unterschiede zwischen den ukrainischen Regionen als Ausdruck kultureller Hierarchie vorab konzeptualisiert wurden. So wird der Krieg im Donbas in den meisten einschlägigen ukrainischen Texten zum Kampf der Zivilisationen, deren Form in antikolonialer Manier die »russischen« (d. h. Russland zugeschriebenen) kolonisatorischen Praktiken nachahmt, damit diese im Sinne des Nationalismus als Mittel zur Wiederherstellung des »bereinigten« ukrainischen Nationalkörpers anwendet werden können.

Lesetipps

  • Yevgenia Belorusets: Glückliche Fälle, aus dem Russischen von Claudia Dathe. Berlin: Matthes & Seitz 2019.
  • Andrej Kurkow: Graue Bienen, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing. Zürich: Diogenes 2019.
  • Serhij Zhadan: Internat, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr und Juri Durkot. Berlin: Suhrkamp 2018.
  • Roman Dubasevych/Matthias Schwartz (Hg.): Sirenen des Krieges. Diskursive und affektive Dimensionen des Ukraine-Konflikts. Berlin: Kadmos 2020.
  • Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. München: Beck 1995.
  • Andrij Portnov: Ausschluss aus dem eigenen Land. Der »Donbass« im Blick ukrainischer Intellektueller. In: Osteuropa 6-7/2016, S. 171–184.
  • Gerhard Gnauck: Willkommen am Nullpunkt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2020, S. 13.

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