Ukrainian Studies? – Fehlanzeige: Die Ukraine im Spiegel der Wissenschaft in Deutschland

Von Susann Worschech (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder))

Zusammenfassung
Der Bedarf an wissenschaftlicher Expertise zur Ukraine ist seit dem Euromaidan deutlicher denn je geworden und seither noch gestiegen. Wie hat sich die deutsche Forschungslandschaft in Bezug auf die Ukraine seit der Unabhängigkeit der Ukraine und insbesondere seit 2014 verändert, und welche Leerstellen in Forschung und auch in der Lehre gilt es noch zu füllen? Anhand empirischer Daten zur Forschungs- und Austauschförderung zeigt die folgende Analyse, dass es nicht nur zu wenig Forschung und Lehre, sondern zu wenig systematische akademische Beschäftigung mit der Ukraine gibt. Die Situation der Ukraine-Studien in Deutschland bleibt fragmentiert – und damit weit unter ihren Möglichkeiten.

Einleitung

Genau sieben Jahre nach der Annexion der Krim sah sich die Ukraine im März und April 2021 den seither intensivsten Manövern und Truppenbewegungen Russlands nahe der russisch-ukrainischen Grenze sowie zahlreicher Aktivitäten der russischen Armee im Schwarzen Meer gegenüber. Die politischen Reaktionen aus Deutschland auf diese offensichtlichen Drohgebärden fielen erwartbar sanft und unkonkret aus. Es mag an der Pandemie als alles überragendem Thema liegen, dass Außenpolitik und damit auch die Situation in Osteuropa in der politischen und gesellschaftlichen Debatte derzeit weniger präsent sind – gleichwohl ist es irritierend, dass sowohl der bekannte als auch ein drohender neuer Krieg in der Ost- und vielleicht Südukraine in der deutschen Gesellschaft mehr oder weniger ignoriert werden. Darin spiegelt sich nicht nur das nach einer hochemotionalen und intensiven Ukraine-Debatte in den Jahren 2014–15 deutlich abgekühlte gesellschaftliche Interesse an der Ukraine, sondern auch ein Befund, der schon 2014 allgegenwärtig war: Als Gesellschaft wissen (und fragen) wir nach wie vor nicht viel über unsere östliche EU-Nachbarin. Die Ukraine ist für viele Deutsche vielleicht kein weißer, aber ein sehr vereinfachter schwarz-weißer Fleck auf der Karte geblieben – woran liegt das?

Um auf gesellschaftlicher Ebene außenpolitisches Wissen, darauf aufbauende Debatten und schließlich Empathie und Verständigung zu fördern, sind zwei Aspekte wichtig: direkter Austausch sowie Bildung und Expertise. Für ersteres spielt jede Art von Partnerschaften eine nicht zu unterschätzende Rolle: Städte-, Schul- oder Orchesterpartnerschaften, Jugendaustausch und Bildungsreisen sind elementare Bestandteile jener »horizontalen Europäisierung« (Heidenreich 2019), die grenzübergreifende unmittelbare Netzwerke zwischen Individuen und Gruppen ermöglicht. Durch Begegnung und Erfahrungen spannen sich hierdurch transnationale Beziehungen unterhalb der politischen oder administrativen Ebene, die zu einer europäischen Identität und wechselseitigem Verständnis führen können. Dieser Austausch ist durch die Corona-Pandemie stark ausgebremst wurden, war jedoch auch zuvor nur mäßig intensiv.

Der zweite Aspekt, Bildung und Expertise, soll im Folgenden näher betrachtet werden. Der Mangel an Wissen zur Ukraine und Einordnung der Geschehnisse rund um den Euromaidan, die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass wurden 2014 eklatant und der Aufbau entsprechender Expertise dadurch klares Politikziel. Hier galt es, sowohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Ukraine und akademischen Austausch als auch den Wissenstransfer in gesellschaftliche Debatten zu stärken. Wie hat sich also die Beschäftigung mit der Ukraine in Forschung und auch in der Lehre entwickelt, und welche Leerstellen sind bestehen geblieben?

Die Ukraine in der deutschen Forschungslandschaft: Stagnation auf niedrigem Niveau

Förderung durch die DFG

Um einen Überblick darüber zu bekommen, inwiefern die Ukraine im Fokus akademischer Forschung in Deutschland steht, bietet es sich an, gezielt die relevante Forschungsförderung, einzelne Institutionen sowie die Förderung akademischer Kooperation zu betrachten. Da eine systematische Erhebung der Ukraine-bezogenen Forschung in Deutschland bislang nicht vorliegt, kann eine Analyse der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unter dem Schlagwort »Ukraine« aufgeführten Forschungsprojekte zentrale Tendenzen der Ukraine-Forschung aufzeigen.

Die DFG hat laut einer Suche auf https://gepris.dfg.de/ mit dem Stichwort »Ukraine« seit der Unabhängigkeit der Ukraine insgesamt 111 Forschungsprojekte in Deutschland mit Ukraine-Bezug gefördert. Die Ukraine-Projektförderung durch die DFG erfolgte zu knapp 80 Prozent über die einfachste Förderlinie »Sachbeihilfe« (88 Projekte), welche eine Einzelprojektförderung über in der Regel drei Jahre darstellt. In sieben Fällen war die Ukraine-Forschung als Teilprojekt in größere Forschungsvorhaben der Schwerpunktprogramme eingebettet, sowie in vier Fällen im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches. Weitere Formate waren vier Publikationsbeihilfen, ein Graduiertenkolleg, eine Förderung als Teilprojekt einer Forschungsgruppe, eine Emmy-Noether-Gruppe, zwei Forschungsgroßgeräte, sowie ein Projektformat zu Digitalisierung & Erschließung.

Mit zehn Projekten in den 1990er Jahren, beginnend mit einem Projekt im Jahr 1993, war der Beginn der Ukraine-orientierten Forschung in Deutschland relativ zögerlich. In den frühen 2000er Jahren stieg die Zahl der Projekte zunächst nur allmählich an (13 Projekte zwischen 2000 und 2004); ab 2005 und damit nach der Orangen Revolution jedoch wurden bis zum Jahr 2010 weitere 37 Projekte gefördert. Diese Tendenz dürfte im ›Aufmerksamkeitsschub‹, den die Ukraine durch diese erste, auch in Westeuropa intensiv verfolgte Revolution nach der Unabhängigkeit erhielt, begründet sein. Ein besonderes fachliches Interesse etwa der Sozial- und Geisteswissenschaften an der seit 2004/05 verstärkt im Fokus stehenden demokratischen Transformation der Ukraine lässt sich in diesem Förderzeitraum allerdings nicht erkennen.

Ab 2011 bis heute wurden etwa gleichviele Ukraine-Projekte (nämlich 51) von der DFG gefördert wie in der Dekade zuvor, wobei hier seit 2015 – also nach dem Euromaidan – eine deutlich gesteigerte Forschungsaktivität in den Fachbereichen Politikwissenschaft sowie Neuere und neueste Geschichte, aber auch der Humangeographie, der Soziologie sowie der Ur- und Frühgeschichte zu verzeichnen ist. Technik-, Natur- und Ingenieurwissenschaften haben gegenüber den Dekaden der 1990er und 2000er Jahre klar abgenommen. Während diese Fachbereiche (einschließlich der Geologie) in den beiden ersten Dekaden mit 30 von 60 Projekten genau die Hälfte ausmachten, sank ihr Anteil seit 2011 mit nur noch 13 Projekten auf knapp 25 Prozent.

Die fachliche Verteilung der DFG-Projekte führen dennoch die Naturwissenschaften plus Mathematik (23 Projekte) an, gefolgt von Neuerer und neuester Geschichte mit 19 Projekten. Technik- und Ingenieurswissenschaften mit 12 sowie Ur- und Frühgeschichte plus Archäologie mit 11 Projekten sind die nächsthäufigen Gruppen, dann erst gefolgt von Sprach- & Literaturwissenschaften sowie Soziologie mit je acht Projektförderungen. Diese Zahlen relativieren den Anstieg der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer seit dem Euromaidan insofern, als sie zumindest eine deutliche Leerstelle in diesen Fachbereichen vor 2014 anzeigen.

Legt man die Zahlen der DFG als wichtigster Forschungsförderinstitution hierzulande zu Grunde, ist das wissenschaftliche Interesse an der Ukraine in Deutschland also von einem sehr niedrigen Niveau in den 1990er Jahren zunächst angestiegen, stagniert seither aber bei etwa 50 geförderten Forschungsprojekten pro Jahrzehnt bzw. insgesamt 111 geförderten Projekte seit 1991. Zum Vergleich: Unter dem Stichwort »Polen« verzeichnet die DFG für den gleichen Zeitraum 417 geförderte Projekte, und unter dem Stichwort »Russland« finden sich 351 Projekte (von denen eine Publikationsbeihilfe bereits seit 1987 gefördert wurde). Als Teilprojekt größerer Verbundforschungsvorhaben ist die Ukraine-Forschung in der aktuellen Dekade sogar seltener vertreten als noch zwischen 2000 und 2010. Allerdings hat die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung deutlich aufgeholt und stellt derzeit das Gros der Forschungsprojekte dar.

Institutionelle Verankerung der Ukraine-Forschung

Institutionell ist die Ukraine-Forschung in Deutschland derzeit am stärksten am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin verankert. Das 2016 gegründete sozialwissenschaftliche Forschungszentrum wurde von der Bunderegierung in Reaktion auf den eklatanten Mangel an wissenschaftlicher Ukraine-Expertise in Deutschland, der im Zuge des Euromaidan und der anschließenden Aggression Russlands sichtbar wurde, ins Leben gerufen. Kontinuierliche sozialwissenschaftliche Forschung zur Ukraine und den Gesellschaften Osteuropas zählt ebenso wie der Wissenstransfer in Gesellschaft, Politik und Medien zu den Kernaufgaben des ZOiS. Die Ukraine spielt dabei in allen thematischen Schwerpunkten des ZOiS (Stabilität und Wandel von politischen Regimen; Konfliktdynamiken, Migration und Diversität; Jugend in Osteuropa) eine zentrale Rolle.

Weitere relevante außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit einem Ukraine-Schwerpunkt sind das Leibniz Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS) in Regensburg und hier insbesondere die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Ukraine, die sich mit historischen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Ukraine auseinandersetzt, sowie das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, das ebenfalls zur Leibniz-Gemeinschaft gehört und ein internationales, außeruniversitäres Zentrum der historischen Ostmitteleuropaforschung ist.

Darüber hinaus ist eine explizite Ukraine-Forschung derzeit an lediglich neun deutschen Hochschulen verankert, wobei die Geschichtswissenschaften gegenüber der klassischen Slawistik, aber auch gegenüber sozialwissenschaftlicher Forschung die stärkste Rolle einnehmen. An den Universitäten in Augsburg, Bremen, Frankfurt (Oder), Gießen, Greifswald, Kassel, Leipzig, München sowie Regensburg wird im Rahmen von Instituten, Lehrstühlen oder Forschungsprofilen zur Ukraine geforscht. Am stärksten profiliert und institutionalisiert ist die Ukraine-Forschung vor allem am regional- und geisteswissenschaftlich orientierten Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZo) sowie an der Forschungsstelle Osteuropa, einem An-Institut der Universität Bremen. Explizite Ukraine- oder Ukrainistik-Professuren hingegen finden sich lediglich an den Universitäten Greifswald mit einer Juniorprofessur für Ukrainische Kulturwissenschaft und Frankfurt (Oder) mit einer Professur zur »Entangled History of Ukraine« – der deutschlandweit einzigen Professur, die sich explizit und der Denomination nach der Geschichte der Ukraine widmet.

Damit lässt sich schwer darüber hinwegsehen, dass eine systematische, vernetzte und vielfältige Ukraine-Forschung in Deutschland trotz der erfolgreichen Etablierung des ZOiS in Deutschland bisher nicht vorhanden ist und auch nicht in Reichweite scheint. Von den relevanten Fachgesellschaften hat nur die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) eine solche Größe und Reichweite, dass Debatten über das akademische Feld hinaus und Transfer in Gesellschaft und Politik möglich sind, allerdings ist die Ukraine hier nur ein – wenn auch wichtiges – regionales Themenfeld unter vielen. Die Deutsche Assoziation der Ukrainisten (DAU) sowie die erst 2015 gegründete Deutsch-Ukrainische Historikerkommission (DUHK) hingegen treten weder öffentlich noch in Fachkreisen sichtbar in Erscheinung.

Bilateraler akademischer Austausch

Ein weiteres Feld der akademischen Beschäftigung mit der Ukraine stellt der direkte Austausch von Forschenden, Lehrenden und Studierenden dar, wie er vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) auf der Basis eines 1998 geschlossenen bilateralen Rahmenabkommens gefördert wird. Der DAAD ist in der Ukraine mit einem Informationszentrum, das am Polytechnischen Ihor-Sikorskyj-Institut (KPI) in Kyjiw angesiedelt ist, vertreten, um vor Ort ukrainische Studierende und Forschende über das Hochschulwesen in Deutschland zu informieren, hinsichtlich Austausch und Kooperation zu beraten und die Hochschulzusammenarbeit zu fördern. Mit einem politikwissenschaftlichen Fachlektorat an der Kyjiwer Mohyla-Akademie, einer juristischen DAAD-Dozentur an der Kyjiwer Taras-Schewtschenko-Universität am Zentrum des deutschen Rechts und einem DAAD-Tutor, der zugleich Projektkoordinator des zweijährigen deutsch-ukrainischen Masterstudiengangs »Deutschland- und Europastudien« ist, ist der DAAD im akademischen Umfeld Kyjiws durchaus präsent. Darüber hinaus lehren dreizehn Lektor:innen sowie drei Sprachassistent:innen an verschiedenen ukrainischen Hochschulstandorten Deutsch als Fremdsprache, Germanistik und/oder Deutschlandkunde.

Für den eigentlichen akademischen Austausch sind die individual- und Projektförderlinien, die von Deutschland aus verwaltet werden, besonders relevant. Im Programmbereich der Individualförderung konnten im Jahr 2019 insgesamt 289 Studierende, Promovierende oder Wissenschaftler:innen aus beiden Ländern gefördert werden, wobei mehr als doppelt so viele Ukrainer:innen mit einer DAAD-Förderung nach Deutschland gingen als umgekehrt. Hier spiegelt sich in der Förderung des DAAD ein neuerer Trend: Im Bereich der Studierendenmobilität hat die Ukraine in den letzten Jahren laut dem Analyseunternehmen Statista (statista.com) Polen als wichtiges Herkunftsland von Studierenden in Deutschland überholt: im Wintersemester 2019/2020 waren 8.933 Studierende aus der Ukraine und 7.211 Studierende aus Polen an deutschen Hochschulen eingeschrieben.

Im Bereich der Projektförderung des DAAD werden gemeinsame Forschungs- oder Lehrprojekte unterstützt, die ebenfalls individuelle Mobilität zwischen beiden Ländern, aber gerade auch gemeinsame Forschungsvorhaben und längerfristige Partnerschaften ermöglichen. Die Projektförderung in beide Richtungen (Deutschland – Ukraine) umfasste 1.451 projektgebundene Reise- und Aufenthaltshilfen im Jahr 2019, wobei insbesondere die (langfristigen) Hochschulpartnerschaften von großer Bedeutung sind. Mit über 120 in der Ukraine durchgeführten Projekten im Jahr 2019 wie Sommerschulen, Workshops oder gemeinsamen Tagungen werden die Aktivitäten deutscher Hochschulen in der Ukraine durchaus kontinuierlich unterstützt.

Ein weiterer Akteur des akademischen Austausches ist neben dem DAAD die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die seit 1953 als gemeinnützige Stiftung der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der internationalen Forschungszusammenarbeit beiträgt. Den Schwerpunkt der Stiftung bilden Stipendien- und Preisträgerprogramme, welche die internationale Mobilität deutscher wie ausländischer Forscher:innen unterstützen. Regionale oder thematische Schwerpunkte spielen in der Förderstrategie ebenso wenig eine Rolle wie aktuelle politische Ereignisse.

Die Ukraine ist in den von der Humboldt-Stiftung geförderten Projekten weder als Herkunfts- noch als Zielland der Forscher:innen besonders präsent. Insgesamt sind seit dem Jahr 1953 (!) nur 221 Forschungsstipendien und zehn Forschungspreise an Forschende aus der Ukraine vergeben worden. Aktuell verzeichnet das weltweite Humboldt-Netzwerk 100 (ehemalige) Forschungsstipendiat:innen und sechs Preisträger:innen aus der Ukraine. Fachlich dominierten in den letzten Jahren die Geistes- und Sozialwissenschaften, gefolgt von Natur- und Ingenieurwissenschaften. Für den aktiven Wissenschaftsaustausch zwischen Deutschland und der Ukraine ist der DAAD jedoch mit der Vielfalt seiner Programme und der Präsenz im Land selbst von erheblich größerer Bedeutung.

Die Ukraine studieren? Fehlanzeige

Deutlich problematischer als im Bereich der Forschung ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Ukraine in der akademischen Lehre aufgestellt. Während etwa die Polonistik an immerhin zwei Standorten (Potsdam und Halle) als eigenständiger Bachelor-Studiengang studiert werden kann, ist eine Beschäftigung mit der Ukraine nur im Rahmen allgemeinerer Osteuropa-orientierter Studiengänge möglich. In Anbetracht der fehlenden Professuren mit entsprechender Ukraine-Denomination ist dies auch nicht verwunderlich. Wie stark ein Ukraine-Schwerpunkt damit im Studium tatsächlich verfolgt werden kann, hängt daher von der jeweiligen Kurs- und Lehrpersonalsituation in den einzelnen Semestern ab. Eine Kontinuität kann so allerdings nicht aufrechterhalten werden.

Immerhin haben sich an einigen Forschungsstandorten zur Ukraine in den letzten Jahren Sommer- oder Winterschulen als kompakte Lehr-, Transfer- und Vernetzungsformate etabliert. Die wohl bekannteste und auch einzige Sommerschule mit explizitem und ausschließlichem Ukrainebezug ist das Greifswalder Ukrainicum – Greifswald Ukrainian Summer School, das vom Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald und der Universität Greifswald organisiert wird und 2021 bereits zum 25. Mal stattfindet. Das Programm besteht aus Ukrainischkursen am Vormittag und multidisziplinären Veranstaltungen im Bereich der Ukrainestudien nachmittags und abends.

Ähnlich strukturiert ist die zweiwöchige ukrainische Sommerschule Viadrinicum, die seit 2015 jährlich im August/September an der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) stattfindet und bewusst transnational aufgestellt ist. Innerhalb weniger Jahre erreichte dieses Programm auch aufgrund seiner innovativen und transdisziplinären Lernformate eine große Bekanntheit und internationale Aufmerksamkeit unter Studierenden, Forschenden sowie zivilgesellschaftlichen und kulturschaffenden Akteuren. An der Viadrina ist ebenfalls das Weiterbildungsprojekt Ukraine Calling angesiedelt, das sich an Verantwortliche in Organisationen aus Zivilgesellschaft, Bildung, Kultur, Politik, Medien, Verwaltung und Wirtschaft richtet, die intensiver mit ukrainischen Partnern zusammenarbeiten und dafür ihr Wissen über Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in der Ukraine ausbauen möchten.

Eine fünftägige Winterschule zur Wirtschaft, Geschichte, Kultur und Politik der Ukraine wird regelmäßig am IOS in Regensburg angeboten. Im Gegensatz zu den Sommerschulen in Greifswald und z. T. Frankfurt (Oder) umfasst diese Veranstaltung keine Sprachkurse, aber ein sehr umfangreiches wissenschaftliches Programm der aktuellen Ukrainestudien sowie Lesungen und Filmvorführungen.

Selbst das Vorhaben, die ukrainische Sprache im Rahmen allgemeinerer Osteuropa-Studiengänge zu lernen, ist an vielen Hochschulstandort nicht möglich. Noch immer sind es nur sehr wenige Universitäten, die Ukrainisch als Teil der Slawistik-Studiengänge oder ganz allgemein an den Sprachenzentren anbieten, die Zahl hat sich allerdings seit dem Euromaidan erhöht. Im Sommersemester 2019 konnte man an zwölf Hochschulen in Deutschland Ukrainisch lernen. Die Universitäten in München, Konstanz und Bamberg bieten Ukrainisch sowohl im Rahmen der Bachelor- und Masterstudiengänge Slawistik als auch in Kursen im Sprachenzentrum, die Studierenden aller Fachrichtungen offenstehen, an. An den Universitäten Greifswald, Leipzig, Bochum, Oldenburg und Göttingen wird Ukrainisch als Teil der Sprachausbildung in den Slawistik-Studiengängen unterrichtet, aber die Sprachenzentren der Universitäten führen keine eigenen Ukrainisch-Kurse durch. Universitäten, deren Sprachenzentren Ukrainisch-Kurse (unabhängig von Slawistik-Studiengängen) durchführen, sind die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie die Universitäten Erlangen-Nürnberg (am Standort Erlangen) und Trier (in Kooperation mit dem Slawistik-Institut). An der Universität Augsburg kann Ukrainisch am Bukowina-Institut erlernt werden.

Ukrainisch ist in Deutschland keine sehr populäre Sprache und stand lange im Schatten des Russischen. Bis 2014 waren weder die ukrainische Politik noch Kultur und Sprache jenseits von Expertenkreisen bekannt, insofern ist erst seit dem Euromaidan überhaupt eine – wenn auch nach wie vor recht geringe – Nachfrage nach Informations- und Bildungsangeboten zur Ukraine zu verzeichnen. In den Katalogen der Volkshochschulen und auch der meisten Sprachschulen kommt Ukrainisch als Kurs nicht vor. Jenseits der Universitäten gibt es neben dem Selbststudium oder ggf. privatem Unterricht durch Ukrainer:innen in Deutschland praktisch keine Möglichkeit, sich die ukrainische Sprache anzueignen. Auch das deutsch-ukrainische Sprachenjahr, das 2017/18 als bilaterales Projekt v. a. vom Goethe-Institut durchgeführt wurde und über 60 Veranstaltungen und Projekte zur ukrainischen Sprache in Deutschland beinhaltete, hat daran offenbar wenig geändert.

Fazit: Kein Platz für Ukraine-Studien in der deutschen Hochschullandschaft

Auch sechs Jahre nach dem Beschluss der Bundesregierung, mit dem ZOiS ein eigenständiges Institut für sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung zu Osteuropa zu schaffen und der Erkenntnis, dass eine gegenwartsbezogene Osteuropaforschung und -lehre eklatante Lücken aufweist, ist die Etablierung einer systematischen Ukraine-Forschung in Deutschland noch immer nicht erkennbar. Das ZOiS trägt seit seiner Gründung unbestreitbar dazu bei, dass nicht nur mehr und disziplinär vielfältiger zur Ukraine geforscht wird, sondern sich auch durch Kolloquien und andere Veranstaltungen Netzwerke von Ukraine-Expert:innen bilden können, das ist aber allenfalls ein Anfang – und ein regional begrenzter, auf den Berlin-Brandenburger Raum fokussierter zudem. Der eigentliche Kern liegt in den Schwachstellen an den Universitäten, die Osteuropaexpertise ab- statt aufgebaut haben und gerade mit Blick auf sozialwissenschaftliche Forschung dem Themenfeld Osteuropa/Ukraine bis heute keine wirkliche Bedeutung beimessen. Im Ergebnis ist die Ukraine-Forschung in Deutschland daher nach wie vor stark fragmentiert und auf viele Einzelprojekte aufgeteilt. Klare Vernetzungsmomente, an denen sich eine Forschungs-Community herausbilden könnte, wie etwa einschlägige Tagungen, eine Fachgesellschaft und entsprechende Publikationen, fehlen. Eine Struktur der Ukrainian Studies, wie sie in den USA (v. a. um das Harriman Institute an der Columbia University in New York oder das Harvard Ukrainian Studies Institute) oder in Kanada im Rahmen mehrerer Universitäten, Konferenzen und Fachzeitschriften vorliegt, ist hierzulande in sehr weiter Ferne. Somit können weder eine formelle oder informelle Fachgesellschaft noch explizite Förderschwerpunkte entstehen – die Kleinprojekte bleiben singulär und ohne nennenswerte theoretische oder empirische Synergien. Eine derart löchrige Wissenslandschaft kann weder einen strukturierten akademischen Dialog hervorbringen, noch einen kontinuierlichen Transfer in Gesellschaft und Politik hinein leisten. Die Ukraine-Expert:innen von morgen, die in Ministerien, Unternehmen, Zivilgesellschaft und in der Forschung so dringend gebraucht werden, kann die deutsche Hochschullandschaft auf dieser Basis nicht ausbilden. Über verbreitetes Unverständnis, Desinteresse und Fehlwahrnehmungen einer ganzen Gesellschaft in Bezug auf eines der größten europäischen Nachbarländer der EU braucht man sich daher weiterhin nicht zu wundern – und die nächste Krise kommt bestimmt.


Anmerkung: Der Text basiert teilweise auf einer Studie der Autorin zu den deutsch-ukrainischen Kulturbeziehungen, die 2018–2020 im Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen erstellt wurde.

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