Serhij Zhadan

Von Kateryna Stetsevych (Berlin)

Zusammenfassung
Da steht er in einer Charkiwer Metrostation, vor ihm die Menschen, die sich vor den russischen Raketen in Sicherheit gebracht haben. Er singt und schreit: »Hej, los macht mit!« Kinder hüpfen im Takt der Musik, Frauen und Männer klatschen im Rhythmus. Serhij Zhadan beschreibt in seiner Lyrik und Prosa nicht nur das Leben in der Ukraine, er gestaltet es mit, auch in Zeiten des Krieges. In einem Interview sagte er: »Es ist sehr wichtig, dass die Menschen ihre Werte nicht verlieren, sich selbst nicht verlieren. Kultur ist so ein Wert. Und die Besatzer haben es nicht geschafft, dieses Leben zu stoppen.« Serhij Zhadan ist ukrainischer Lyriker, Prosaschriftsteller, Musiker und Übersetzer. Wie lässt sich sein vielseitiges und kreatives Schaffensfeld verorten, wo liegen die Ursprünge eines Werdegangs, der ihn zu einem der gegenwärtig bedeutendsten literarischen Akteure der Ukraine werden ließ, mit zahlreichen Preisen geehrt?

Charkiw nonkonformistisch

1974 in Starobilsk, Gebiet Luhansk, geboren, kam Serhij Zhadan zum Studium der Germanistik und Ukrainistik 1991 nach Charkiw, der multikulturellen Metropole im Osten der Ukraine, Anfang der 1990er Jahre war die Stadt stark russifiziert. »Wer in Charkiw ankommt, weiß sofort, dass er sich in einer Stadt großen Formats befindet«, urteilte Karl Schlögel [1] während einer Reise in der Ukraine. Charkiw, im 19. Jahrhundert eine Handelsstadt im Westen des Russischen Reiches, wurde zur Metropole des sowjetischen Konstruktivismus, der Wissenschaft und der ukrainischen Avantgarde in den 1920er Jahren. Die Stadt, ihr Raum und ihre Geschichte haben das Werk Zhadans, der zur Kultfigur des ukrainischen Futurismus Mychail Semenko promoviert hat [2], enorm beeinflusst.

Zugang in die literarischen Kreise der Stadt fand Zhadan durch seine Tante Olexandra Kowaljowa, eine ukrainische Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Deutschen, die sich 1983 mit ihrem ersten Lyrikband Stepowi osera (dt. Steppenseen) als literarische Stimme etabliert hatte. »Meine Tante wurde für mich zum ersten Vorbild einer lebenden Dichterin«. Durch sie entdeckte er in Charkiw die damals noch kleinen literarischen Netzwerke, in denen vorwiegend Ukrainisch gesprochen und geschrieben wurde.

Zhadan hat mit Lyrik begonnen, seine frühen Gedichte schrieb er noch in seiner Heimatstadt Starobilsk als Schüler der elften Klasse. Im Studium in Charkiw setzte er das Schreiben von Lyrik fort und konnte dadurch seine außergewöhnliche literarische Begabung weiterentwickeln. Die genaue, lyrische Beobachtung ist Teil des Zhadan-Stils, die Gabe, mit sprachlichen Mitteln eine enorme atmosphärische Dichte zu erzeugen und Bilder zu schaffen, die nachwirken – was auch in seinen Prosawerken zu spüren ist.

Doch ein Poet an der Schwelle von zwei Systemen zu sein, war nicht einfach: Während die sowjetischen Strukturen im Literaturbereich nach 1991 erstarrten bzw. nach und nach verschwanden, etablierte sich ein literarisches Feld in der unabhängigen Ukraine nur langsam. Der literarische Markt war bei Weitem nicht so ausdifferenziert wie heute. Die jüngere Generation der Literat:innen und Kulturschaffenden agierte deshalb vor allem nonkonformistisch. So gründete Zhadan 1992 zusammen mit zwei Kommilitonen und späteren künstlerischen Wegbegleitern Rostyslaw Melnykiw und Ihor Pylyptschuk die literarische Gruppe Tscherwona fira (dt. Rotes Fuhrwerk), die im studentischen Milieu – in der »Zeit der Jugend und der Poesie« [3] – entstand. Sie arbeitete mit dem Charkiwer Literaturmuseum zusammen, löste sich allerdings fünf Jahre später wieder auf. 1992 kehrte auch Ossyp Synkewytsch, ein prominenter Förderer der ukrainischen Kultur, aus den USA zurück und verlagerte die Tätigkeit des Verlags Smoloskyp (1968) in die Ukraine, der junge Autorinnen und Autoren förderte. In diesem Verlag erschienen 1994 erstmals Gedichte Zhadans in der Anthologie für junge Dichter Molode wyno (dt. Junger Wein).

Das Charkiwer Literaturmuseum entwickelte sich zu einem Raum für die neue Generation ukrainischer Kulturaktivisten, die sich auf der Suche nach eigenen Ausdrucksformen und Ästhetiken ausprobieren konnten, und vereinigte nicht nur Literat:innen, sondern auch Künstler:innen, Theaterschaffende und Musiker:innen. Mit Melnykiw und Pylyptschukuk initiierte Zhadan Festivals, Lesungen und Theaterstücke. »Unser Zuhause war das Literaturmuseum«, sagte Zhadan in einem Interview, »um das herum sich eine Art Punk-Kommune von Charkiwer Losern zusammenfand. Ich schlief damals in diesem Museum, und ich begann auch dort zu schreiben.« Die Verortung im Literaturmuseum sicherte auch die transkulturellen und -medialen Praktiken der Gruppe, was bis in die Gegenwart im Schaffen von Zhadan und bei gemeinsamen Auftritten mit Musikbands bzw. theatralischen Performances sichtbar wird.

Ästhetischer Pluralismus und verwurzelte Heimatlosigkeit

1995 erschienen die ersten beiden Gedichtsammlungen Zhadans – General Juda und Zytatnyk. Letztere gilt als »Manifest der Heimatlosigkeit«[4], in dem die sowjetische Tradition dekonstruiert und die klassische ukrainische Literatur neu gedeutet wird. Seine Protagonisten sind Heimat- und Obdachlose, Marginalisierte, Migrant:innen als moderne Nomaden, Nonkonformisten. Besonders deutlich werden sein Stil und der auffällige Rhythmus in den beiden Gedichtbänden Balladen über Krieg und Wiederaufbau (2001) und Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts (2003 auf Ukrainisch, 2006 auf Deutsch erschienen). Sein literarischer Protest ist ein »postproletarischer Postpunk« (Juri Andruchowytsch), der darauf zielt, nicht nur sein Heimatland, sondern auch »das alte Europa« als Ort der Sicherheit und Zuversicht zu demythologisieren.

»Der Kampf, den wir verloren haben, sagt keinem mehr was; in Irish Pubs greifen Männer in die Tasten und singen Hymnen auf die unbeschwerte Heimatlosigkeit.«[5]

2004 und 2005 erscheinen seine ersten Romane Depeche Mode und Anarchy in the UKR, die stark von der typischen Zhadanschen rhythmischen Lyrik – von »poetischer Prosa« (Bohdana Matijasch) – durchdrungen sind. Mit diesen beiden Texten, aufgrund ihrer nichtlinearen Sujetstruktur oft als Novellen bezeichnet, füllt er die Leere der Landschaften der 1990er Jahre, die einerseits fest im Osten der Ukraine lokalisiert sind, andererseits sich gleichzeitig der Verortung entziehen. Es sind eher Räume der Emotionen, der Zustände, der Dichte, »der Liebe, des Zweifelns oder der Verzweiflung, der Übelkeit und der Ausweglosigkeit« (Switlana Matwijenko), durch die seine Protagonisten wandern. Seine Prosa hat etwas Kinematographisches, besticht durch zahlreiche Details und unverkennbare Bilder: »Meine 1980er sind leicht zu verfilmen«, behauptet der Held von Anarchy in the UKR, dort gibt es »Lastwagen, Eisenbahnhallen, Gras am Wegrand, sommerliche Fichten am Morgen, Supermärkte, lokale Bahnhöfe, kühle Kinos, Zeitungskioske, Schulsporthallen mit Matten und Trampolinen, leere Straßen, Wasserzapfsäulen mit eisigem Wasser, Kioske mit Schallplatten, Schaschlikverkauf, Schlangen vor Achterbahn, Kleinkriminelle, verrückte Alkoholiker, lokale Prostituierte …«.[6]

Durch seinen 2010 erschienenen Roman Woroschylowhrad (dt. Titel: Die Erfindung des Jazz im Donbass) zieht sich wie durch sein ganzes Schaffen das Nomadentum, die Protagonisten sind immer unterwegs, auf der Suche nach Sinnstiftendem – wie Herman, der in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, um die Tankstelle seines Bruders vor der Mafia zu retten. Oder wie Zhadan im Interview mit Marci Shore feststellt: »… er kehrt in die Vergangenheit zurück, wo für ihn die Zukunft beginnt.«9 Jedoch bleibt der Autor den Handlungsorten treu: Sie liegen im Osten der Ukraine und oft in seiner Wahlheimat Charkiw, der er mit dem Roman Mesopotamien auf originelle Art ein Denkmal setzt. Und doch ist es paradox, denn obwohl viele Kritiker:innen behaupten, dass Zhadan den vergessenen ukrainischen Osten besingt, sind seine Gedichte und Romane universell, sie sind Zeugnisse der fragilen Zeit – immer am Rande einer Katastrophe – und seiner Generation, die in einer Orientierungslosigkeit aufgewachsen ist, auf der Suche nach Substanz und Lebenssinn, Wurzeln, Vorbildern, nach einer eigenen Sprache und Bildhaftigkeit.

Bruchstellen: Maidan und Krieg

Mit dem Maidan 2014 und dem Beginn des russischen Krieges im Donbass verändern sich teilweise Stil und Bildsprache Zhadans. 2015 erscheint sein Lyrikband Shyttja Mariï (dt. Marias Leben), für den er auch Gedichte von Rainer Maria Rilke und Czesław Miłosz übersetzt hat, und 2018 die Gedichtsammlung Antena (dt. Antenne). 2017 wird sein viel beachteter Roman Internat [7] veröffentlicht – ein trauriger Vorbote des brutalen großflächigen Angriffs Russlands gegen die Ukraine, der am 24. Februar 2022 begann. Das Internat steht als Metapher pars pro toto für das ganze Land – ein Heim für elternlose Kinder als prägendes Bild einer inneren Heimatlosigkeit. Der Krieg bricht aus und der Hauptprotagonist Pascha, ein unentschlossener und orientierungsloser Lehrer für Ukrainisch, ist gezwungen, seinen Neffen aus dem in der Kriegszone gelegenen Internat herauszuholen. Mit seiner Reise durch den Nebel des Krieges findet eine innere Transformation statt: Pascha betritt den Raum »des historischen Bewusstseins« (Tanya Zaharchenko) – es ist der Zustand der ersten postsowjetischen Generation der Ukraine – und entschlüsselt durch Trauerarbeit die gewaltvolle Geschichte seines Landes.

Die vielschichtige, rhythmische und synthetische Literatur Zhadans wächst mit den Jahren zu einer großen Erzählung der ukrainischen Geschichte und vor allem der Unabhängigkeit seit 1991 heran, mit all den Kontinuitäten und Brüchen, mit einer Huldigung der einfachen Menschen und der identitätsstiftenden Liebe zum Leben.

Die Brutalität des Angriffskrieges und die tägliche Bombardierung seiner Stadt Charkiw, in der Serhij Zhadan bis heute lebt, nahmen ihm zunächst die Sprache: »Der Krieg bricht die Sprache, am 24. Februar war niemand mehr Poet.« Auch in Zukunft wird er sicher neue Alben einspielen, Radiosendungen moderieren und Drehbücher schreiben, denn »Schweigen ist fahrlässig«. Er tritt jetzt schon wieder mit seiner populären Skaband Zhadan i sobaky (dt. Zhadan und die Hunde) auf den Bühnen Europas und in den Kellern Charkiws auf – seit 2008 spielen und touren sie gemeinsam. Zhadan sammelt unermüdlich Spenden, verteilt Hilfsgüter oder technische Hilfsmittel an das Militär, versammelt freiwillige Helfer oder bringt Bücher mit seiner Stiftung in Dorfbibliotheken. All das hat er auch schon seit Beginn des Krieges im Donbass gemacht. Nachdem er sich in den ersten Kriegswochen allein der Volontärsarbeit gewidmet hat, veranstaltet er nun wieder Konzerte, organisiert Festivals, schreibt auf Facebook und Insta, er twittert und befindet sich im ständigen Austausch mit seinem Publikum. Wie Sophie Pinkham geschrieben hat, scheint er auch in der Situation des Krieges »immun gegen Verzweiflung« zu sein. »Pracjuemo«, sagt er selbst – wir machen weiter, denn »morgen früh sind wir unserem Sieg wieder einen Tag näher«.[8]


Der Text erschien kurz vor der Verleihung des Friedenspreises 2022 als Gnose auf www.dekoder.org und ist online zugänglich unter https://www.dekoder.org/de/gnose/serhij-zhadan.

Die Redaktion der Ukraine-Analysen dankt unserem langjährigen Partner Dekoder und der Autorin für die Erlaubnis zum Nachdruck.

[1] Karl Schlögel, Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen, München 2015, S. 161.

[2] Serhij Viktorovyč Žadan, philosophisch-ästhetische Anschauungen von Mychajl Semenko. Dissertation, Charkiver staatliche pädagogische Hryhorij-Skovoroda-Universität, Charkiw 2000, 165 S.

[3] Ukrainische literarische Schulen und Gruppen der 1960er und der 1990er Jahre, L'viv 2009, S. 521.

[4] Tamara Hundorova, Post-Tschornobyl-Bibliothek. Ukrainischer literarischer Postmodernismus, Kyïv 2013, S. 255.

[5] »Der Gebrauchtwagenhändler«, aus: Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts.

[6] Serhij Zhadan, Anarchy in the UKR, in: ders., Kapital, Charkiv 2006, S. 275.

[7] Auf Deutsch ist der Roman unter dem gleichen Titel 2018 erschienen.

[8] Serhij Zhadan, Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg, Berlin 2022, S. 31.

Zum Weiterlesen

Analyse

Aktuelle Entwicklungen in der ukrainischen Literatur

Von Jurko Prochasko
Neuerdings gibt es in der Ukraine gute – oder zumindest international interessante – Literatur (mit Weltliteratur nicht unbedingt zu verwechseln!). Das hat sich herumgesprochen, in der Ukraine selbst und auch im europäischen Ausland, allen voran in Polen und der deutschsprachigen Welt. Das Irritierende an meiner Aussage ist wohl das Wort neuerdings, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Was heißt schon neuerdings? Literaturen – zumal gute – entstehen nicht aus dem Nichts, kommen nicht von ungefähr, sie passieren nicht einfach so. (…)
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