Einleitung
Russlands Vollinvasion der Ukraine, die im Februar 2022 begann, hat beispiellose Herausforderungen und Bedrohungen für ukrainische Medien und Journalist:innen mit sich gebracht. Folgen gibt es auf mehreren Ebenen, wie Medien-NGOs und internationale Organisationen dokumentieren. Dutzende Journalist:innen wurden getötet oder entführt; mehr als 300 Medien mussten ihren Betrieb einstellen und knapp ein Drittel aller Medien war zeitweise gezwungen, die Arbeit nach Beginn der Vollinvasion auszusetzen. Der Medienmarkt wurde – wie die gesamte ukrainische Wirtschaft – schwer getroffen, und die Liste gravierender Folgen ließe sich fortsetzen.
Während jeder dieser Aspekte eigene Aufmerksamkeit verdient, konzentriert sich diese Analyse auf eine zentrale Dimension: die Frage der Sicherheit. Auf der Grundlage von Umfragedaten aus der Worlds of Journalism Study (WJS), einem internationalen akademischen Forschungsprojekt zur Untersuchung des Zustands des Journalismus weltweit, beleuchtet der Artikel das Ausmaß der von Journalist:innen wahrgenommenen Risiken und Gefahren sowie die verschiedenen Sicherheitsdimensionen und deren Auswirkungen auf das Medienumfeld in der Ukraine vor dem Hintergrund des andauernden Krieges und der damit verbundenen Herausforderungen für den Journalismus.
Sicherheit von Journalist:innen – und warum sie wichtig ist
Die Sicherheit von Journalist:innen gilt weithin als einer der wichtigsten Indikatoren für den Zustand des Journalismus, der Meinungsfreiheit und der allgemeinen Lage der Demokratie eines Landes. Jede Behinderung journalistischer Arbeit untergräbt die Sicherheit des Berufs insgesamt. Das Konzept der journalistischen Sicherheit ist sowohl Gegenstand akademischer als auch politischer Debatten – insbesondere angesichts der stetig wachsenden Bandbreite an Bedrohungen und Risiken, die sich aus neuen technologischen Möglichkeiten zur Ausübung von Druck auf Journalist:innen ergeben.
Dieser Artikel stützt sich auf die Definition des Safety of Journalists Index (https://safetyofjournalists.org/index), der im Rahmen der Worlds of Journalism Study entwickelt wurde. Demnach wird die Sicherheit von Journalist:innen definiert als »das Ausmaß, in dem Journalist:innen ihre arbeitsbezogenen Aufgaben erfüllen können, ohne Bedrohungen ihrer physischen, psychologischen, digitalen und finanziellen Integrität und ihres Wohlbefindens ausgesetzt zu sein« (Slavtcheva-Petkova et al., 2023). Dieser Ansatz unterscheidet vier Sicherheitsdimensionen: physische, psychologische, digitale und finanzielle Sicherheit.
Während journalistische Sicherheit lange vor allem mit der physischen Dimension in Verbindung gebracht wurde – aufgrund der potenziell tödlichen Folgen physischer Angriffe –, beeinträchtigen auch andere Bedrohungsformen die Fähigkeit von Journalist:innen, ihrer Arbeit nachzugehen. Psychologischer Druck und Stress werden zunehmend als ernsthafte Probleme anerkannt, die die Sicherheit von Journalist:innen untergraben können. Die Belastung durch das Beobachten und Berichten über traumatische Ereignisse, wie den anhaltenden russischen Krieg gegen die Ukraine, wirkt sich spürbar auf die psychische Gesundheit von Journalist:innen aus.
Die Verbreitung digitaler Technologien fügt eine weitere Verwundbarkeitsebene hinzu – etwa durch digitale Überwachung und Einschüchterung, die häufig in »feindseligen Angriffen« und »digitaler Belästigung« münden. Schließlich hat fehlende finanzielle Sicherheit weltweit zu einer zunehmenden Prekarisierung des Journalismus geführt. Insgesamt untergraben sämtliche Risiken und Bedrohungen, denen Journalist:innen bei der Ausübung ihres Berufs ausgesetzt sind, ihre berufliche Sicherheit, machen den Journalismus verwundbar und beeinträchtigen seine Qualität – mit schwerwiegenden Folgen für die Demokratie insgesamt.
Während die Sicherheit von Journalist:innen zuletzt verstärkt Aufmerksamkeit erfahren hat – insbesondere im Kontext der Diskussionen über eine vielschichtige Krise des Journalismus im Westen, ausgelöst durch strukturelle Veränderungen der Nachrichtenökonomie, den Aufstieg populistischer Kräfte und die Prekarisierung des Berufs –, blieb der ukrainische Journalismus in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend unbeachtet. Die russische Vollinvasion hat jedoch den Blick auf ukrainische Medien und Journalist:innen gelenkt, insbesondere seitens von NGOs und internationalen Organisationen, die sich für Pressefreiheit und Recht von Journalist:innen einsetzen, etwa Reporter ohne Grenzen oder das Committee to Protect Journalists. Deren Berichte sowie die Dokumentationsarbeit ukrainischer Medien-NGOs liefern wertvolle Informationen über die Medienlandschaft im Krieg und helfen, die Daten zur Sicherheit von Journalist:innen aus der Worlds of Journalism Study einzuordnen.
Ukrainische Journalist:innen im Krieg: Herausforderungen und Verwundbarkeiten
Russlands Krieg gegen die Ukraine beeinflusst Medien und Journalismus bereits seit 2014, als Russland die Krim annektierte und den bewaffneten Konflikt im Donbas entfachte. Diese frühere Kriegsphase vor der Vollinvasion, die acht Jahre dauerte, hatte den ukrainischen Journalismus bereits tiefgreifend geprägt. Dutzende Journalist:innen mussten ihre Wohnorte verlassen, weil ihre Regionen direkt von Russland besetzt oder kontrolliert wurden, und viele Medien mussten aufgrund von Repressionen schließen. Die russische Besatzung ging einher mit Druck auf Journalist:innen, Verfolgung, Nötigung, Inhaftierungen und der Beschlagnahmung von Medien – mit dem Ziel, unabhängige Journalist:innen zum Schweigen zu bringen oder zu vertreiben und ein streng kontrolliertes Mediensystem im Sinne der propagandistischen Ziele der Besatzungsbehörden zu etablieren.
Die Auswirkungen des Krieges vor der Vollinvasion hatten jedoch vor allem eine regionale Dimension und betrafen primär Journalist:innen auf der Krim sowie in den besetzten Gebieten der Oblaste Donezk und Luhansk sowie in frontnahen Regionen. Obwohl die Berichterstattung von der Front erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich brachte, waren diese Gefahren weitgehend lokal begrenzt.
Die russische Vollinvasion markierte eine kritische Wende. Das brutale Ausmaß des Krieges wurde bereits in den ersten Tagen der russischen Invasion deutlich. In den folgenden Monaten wurden mindestens 22 Journalist:innen bei der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit getötet, nahezu 30 entführt und mehr als 30 Redaktionen besetzt oder beschädigt. Die physische Sicherheit ist angesichts der flächendeckenden Raketen- und Drohnenangriffe sowie der Gefahren der Frontberichterstattung – einschließlich gezielter Angriffe auf die Presse durch das russische Militär – zu einer zentralen Sorge der Medien geworden.
Weitere Formen physischer Gewalt gegen Journalist:innen wurden in von Russland besetzten Gebieten dokumentiert, darunter Nötigung, Drohungen, willkürliche Festnahmen und strafrechtliche Verfolgung. Nach Angaben der ukrainischen Menschenrechtsorganisation ZMINA waren bis 2025 mindestens 26 ukrainische Journalist:innen aus den besetzten Gebieten inhaftiert, davon 17 von der Krim. Reporter ohne Grenzen identifizierte 29 von Russland inhaftierte ukrainische Medienschaffende, die meisten davon aus besetzten Gebieten. Einige dieser Journalist:innen befanden sich bereits vor dem Beginn der Vollinvasion 2022 in Gefangenschaft. Insgesamt wurden laut der ukrainischen NGO Institute of Mass Information (IMI) seit 2014 mindestens 100 ukrainische Journalist:innen von Russland gefangen genommen. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass inhaftierte Journalist:innen häufig Folter, Einschüchterung, Zwangsarbeit sowie fehlendem Zugang zu medizinischer und rechtlicher Hilfe ausgesetzt sind.
Nicht nur einzelne Journalist:innen, sondern auch Medieninstitutionen wurden schwer getroffen. Nach Angaben des IMI mussten während der ersten drei Jahre der Vollinvasion mehr als 300 ukrainische Medien ihren Betrieb einstellen, und nur 16 % von ihnen konnten ihre Tätigkeit später wieder aufnehmen. In einer Umfrage des Lviv Media Forum (LMF) gaben 40 % der Medien und 44 % der Journalist:innen an, physische oder materielle Schäden durch die russische Aggression erlitten zu haben. Besonders stark betroffen waren lokale Medien aus Regionen, die besetzt oder stark zerstört wurden. Häufig wurden ihre Räumlichkeiten und Geräte beschlagnahmt und von den Besatzungsverwaltungen für eigene Medien genutzt. Zahlreiche Medien mussten ihren Betrieb einstellen, und ihre Mitarbeitenden flohen aus den Regionen, die von Besatzung oder schweren Kampfhandlungen betroffen waren. Während Medienbeobachtungs-NGOs versuchen, Fälle russischer Verbrechen gegen Journalismus und Medien in den besetzten Gebieten zu dokumentieren, fehlt es an umfassenden und verlässlichen Informationen über die Lage vor Ort. Die vorhandenen Belege weisen jedoch auf erschreckende Bedingungen für die Sicherheit von Journalist:innen hin.
Der Umfang des Krieges und die Angriffe auf zivile Infrastruktur haben die psychische Verfassung der Bevölkerung massiv beeinträchtigt. Journalist:innen sind aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit überdurchschnittlich stark traumatischen Erfahrungen und Stress ausgesetzt. Einer Studie zufolge gaben 85 Prozent der befragten Journalist:innen an, infolge des Krieges unter psychischen Problemen zu leiden. Das IMI führte ebenfalls mehrere Erhebungswellen zu Fragen der psychischen Gesundheit ukrainischer Journalist:innen durch und berichtete über einen Anstieg von Erschöpfung von 59 Prozent im Jahr 2023 auf 75 Prozent im Jahr 2024 sowie von Depressionen oder Hoffnungslosigkeit von 35 Prozent im Jahr 2023 auf 67 Prozent im Jahr 2024. Eine weitere Umfrage der 2402 Foundation zeigte zudem, dass Stress und Angst die am weitesten verbreiteten emotionalen Reaktionen von Journalist:innen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit sind (75 Prozent bzw. 70 Prozent). Trotz offensichtlicher physischer Bedrohungen wurden 2024 als größte Herausforderungen psychische Erschöpfung, Schlafmangel und Dauerstress genannt.
Um diesen Problemen zu begegnen, haben zahlreiche Medien-NGOs, Stiftungen und internationale Organisationen in zunehmendem Maße Elemente der psychischen Gesundheitsförderung und psychosozialen Unterstützung in ihre Förderprogramme für ukrainische Medien integriert. Diese Formen der Unterstützung sind jedoch angesichts des Ausmaßes des Problems nur begrenzt verfügbar und wirksam. Zudem hindern erhöhte Arbeitsbelastung, finanzielle Einschränkungen und andere drängende Sorgen viele Journalist:innen daran, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Daher suchten laut LMF 70 Prozent der Journalist:innen mit psychischen Problemen keine professionelle Hilfe auf.
Burnout unter Medienschaffenden ist ein weiteres weit verbreitetes Problem, das hervorgehoben wird. Schätzungen zufolge haben 85 Prozent der Journalist:innen aufgrund ständiger Überlastung, emotionaler Belastung, eines Verlusts der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit und anderer Faktoren ein berufliches Burnout erlebt.
Leider fehlen Daten über den Zustand der psychischen Gesundheit und den Stresspegel ukrainischer Journalist:innen vor der vollständigen Invasion, was Vergleiche erschwert. Es scheint jedoch logisch, dass der Krieg ein wesentlicher Faktor für die genannten Probleme ist. Burnout, Arbeitsüberlastung und damit verbundener Stress sind jedoch häufige Merkmale der Prekarität des Journalismus, die weltweit zunimmt und nicht nur in der Ukraine.
Die Prekarität des Journalismus in der Ukraine zeigt sich auch deutlich in den finanziellen Schwierigkeiten der Medien. Laut IMI standen wirtschaftliche und finanzielle Probleme an zweiter Stelle (nach psychologischen Herausforderungen) in der Liste der größten Herausforderungen, denen Journalist:innen im Jahr 2024 begegneten. Eine weitere Studie der Media Development Foundation (MDF) ergab ebenfalls, dass der Mangel an Finanzmitteln neben Personalmangel und psychischer Belastung zu den drei größten Problemen gehörte, mit denen die lokalen Medien in der Ukraine im letzten Jahr konfrontiert waren. Unabhängige ukrainische Medien haben seit langem mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und der Krieg hat diese Schwierigkeiten noch verschärft. Laut der LMF-Umfrage gaben fast 70 Prozent der Medien finanzielle Einbußen an. Ein weiterer finanzieller Schlag erfolgte Anfang 2025, als USAID die Hilfe für ukrainische Medien einstellte. Die meisten unabhängigen Medien in der Ukraine waren in den letzten Jahren mehr oder weniger stark auf ausländische Zuschüsse angewiesen. Die ausländische Hilfe trug dazu bei, die Medien in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld zu erhalten, und wurde als Reaktion auf die Vollinvasion noch aufgestockt. Schätzungen zufolge stellten ausländische Geber zwischen 2010 und 2019 fast 150 Millionen US-Dollar zur Unterstützung der Entwicklung des ukrainischen Mediensektors bereit. Der Rückzug von USAID, das zuvor zu den führenden Unterstützern gehörte, bedeutete eine neue Krise für die ukrainischen Medien und den Journalismus und erhöhte den wirtschaftlichen Druck auf den ohnehin schon vulnerablen und fragilen Sektor weiter.
Auch die digitale Dimension der Sicherheit von Journalist:innen wurde durch die Vollinvasion erheblich beeinträchtigt. Obwohl dies weniger diskutiert wird als andere Aspekte der Sicherheit von Journalist:innen, gibt es zahlreiche Hinweise auf eine zunehmende Aggressivität von Cyberangriffen auf die Ukraine, die möglicherweise auch Medienorganisationen betreffen. Es wurden auch mehrere Fälle von Online-Belästigung und -Drohungen gemeldet. Das IMI hat seit 2022 bereits mehr als 100 Cyberverbrechen gegen Journalist:innen dokumentiert, darunter DDoS-Angriffe auf Medienunternehmen, Phishing-Versuche und andere Vorfälle.
Diese Herausforderungen zeigen die Komplexität des Umfelds, in dem ukrainische Medien und Journalist:innen in den letzten Jahren tätig waren. Eine Reihe struktureller Probleme hatte bereits vor der vollständigen Invasion zur Prekarität des Journalismus in der Ukraine beigetragen; der Krieg verschärft nun diese Probleme und fügt eine ganz neue Ebene existenzieller Bedrohungen und operativer Risiken hinzu.
Der folgende Abschnitt stützt sich auf die Worlds of Journalism Study, um zu untersuchen, wie Journalist:innen ihre Sicherheit bewerten.
Die Ukraine im Globalen Index zur Sicherheit von Journalist:innen
Wie oben dargelegt, haben der umfassende Krieg und seine Auswirkungen auf ukrainische Journalist:innen große Aufmerksamkeit seitens lokaler Medien-NGOs und internationaler Organisationen auf sich gezogen, was unter anderem zu einer im Vergleich zu früheren Zeiträumen gestiegenen Anzahl von Umfragen unter Medienschaffenden in der Ukraine geführt hat. Obwohl alle diese Umfragen wertvolle Daten enthalten, mangelt es ihren methodischen Ansätzen manchmal an Konsistenz und Vollständigkeit. In diesem Abschnitt werden Daten vorgestellt, die während der dritten Welle der Worlds of Journalism Study (2021–2024) erhoben wurden. Diese basiert auf einem gemeinsamen konzeptionellen und methodischen Rahmen, der Vergleiche zwischen den teilnehmenden Ländern und perspektivisch auch Vergleiche der Dynamik in einzelnen Ländern im Zeitverlauf ermöglicht (Details zur Methodologie unter https://safetyofjournalists.org/index/methodology).
Die WJS-Umfrage enthält mehrere Fragenblöcke, die verschiedene Dimensionen der Journalismus-Kultur behandeln, wie z. B. berufliche Rollenorientierungen, Erkenntnistheorien, Ethik usw. In der dritten Welle der Studie wurden in Zusammenarbeit mit der UNESCO entwickelte Fragen zur Sicherheit aufgenommen. Auf der Grundlage dieser Fragen sowie der Daten der UNESCO wurde der WJS Global Index on Journalists’ Safety entwickelt. Der Index wird auf der Grundlage einer weltweiten Umfrage unter 30.890 Journalist:innen in 73 Ländern erstellt, die zwischen 2021 und 2024 durchgeführt wurde. Der Index umfasst vier Dimensionen: physische, psychologische, digitale und finanzielle Sicherheit. Die physische Dimension trägt 50 % zur Gesamtpunktzahl bei, die psychologische Dimension 25 % und die digitale und die finanzielle Dimension jeweils 12,5 %.
Die beiden vorherigen Wellen des WJS haben die Ukraine nicht berücksichtigt. Die ukrainischen Daten für die dritte Welle wurden 2023–2024 erhoben, wobei insgesamt 185 Journalist:innen befragt wurden. Obwohl die Umfrage nicht die für die Repräsentativität erforderliche Schwelle erreicht hat, wurde mit dem Stichprobenansatz versucht, die Repräsentativität so weit wie möglich zu maximieren.
Der Sicherheitsindex basiert auf einer Punktzahl zwischen 0 und 100, die jedem Land zugewiesen wird. Eine Punktzahl von 100 steht für die sichersten Bedingungen für Journalist:innen, während 0 die schlechteste Punktzahl darstellt und auf die unsicherste Umgebung hindeutet. Die Ukraine erhielt eine Punktzahl von 69,21 und belegte damit Platz 58 von 73 Ländern im Index. Unter den vier Dimensionen der Sicherheit nimmt die digitale Dimension die stärkste Position ein, obwohl die befragten Journalist:innen digitale Bedrohungen wie das Hacken oder Blockieren von Social-Media-Konten oder Websites meldeten (siehe Tabelle 1 und Grafik 1). Alle drei anderen Dimensionen zeigen erhebliche Probleme für ukrainische Journalist:innen. So stimmten beispielsweise mehr als die Hälfte (54,1 %) der Aussage zu »Ich mache mir Sorgen um mein körperliches Wohlbefinden«. Darüber hinaus äußerten 69,2 % Bedenken hinsichtlich ihres emotionalen Wohlbefindens. Mehr als ein Drittel der Befragten befürchtete, innerhalb der nächsten 12 Monate ihren Arbeitsplatz im Journalismus zu verlieren. Bemerkenswert ist, dass etwa zwei Drittel (70,3 %) angaben, sich in den letzten sechs Monaten oft oder sehr oft bei der Arbeit gestresst gefühlt zu haben.

Was die tatsächlichen Erfahrungen mit Bedrohungen angeht, so gehörten Angriffe wie herabwürdigende oder hasserfüllte Äußerungen, die öffentliche Diskreditierung der Arbeit von Journalist:innen und die Infragestellung ihrer Moral zu den am häufigsten genannten Antworten (siehe Tabelle 1 und Grafik 1). Es ist jedoch zu beachten, dass das Umfrageinstrument als universelles Instrument für zahlreiche Länder entwickelt wurde, was bedeutet, dass möglicherweise einige kontextspezifische Fragen oder Antwortmöglichkeiten fehlen, um die Besonderheiten des ukrainischen Kontexts zu erfassen. Im Falle der Ukraine beispielsweise haben wiederholte Luftraketen- und Drohnenangriffe die Sicherheit aller Menschen im ganzen Land, einschließlich der Journalist:innen, bedroht, aber sie werden weitgehend als kriegsbedingte Bedrohungen wahrgenommen und nicht als Bedrohung im Zusammenhang mit der Ausübung der journalistischen Arbeit. Diese Bedrohungen haben jedoch zusammen mit anderen Belastungen, denen Journalist:innen bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind, ihre physische und psychische Sicherheit geprägt, oder besser gesagt, deren Fehlen. Gleichzeitig deuten die Antworten darauf hin, dass trotz der Einschränkungen durch das Kriegsrecht und der Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit, die oft mit einer Einschränkung der Meinungsfreiheit einhergehen, ukrainische Journalist:innen größtenteils nur einem geringen Druck seitens der Regierung ausgesetzt sind.
Die Daten der WJS-Umfrage bestätigen die Trends, die auch in anderen Umfragen unter ukrainischen Journalist:innen festgestellt wurden, nämlich die akuten physischen und psychologischen Herausforderungen. Die finanzielle Dimension der Sicherheit scheint auf der Grundlage der WJS-Daten etwas weniger dringlich zu sein, was jedoch durch den Zeitrahmen der Datenerhebung erklärt werden könnte: Die Umfrage wurde vor der abrupten Kürzung der USAID-Hilfen für ukrainische Medien Anfang 2025 durchgeführt, die zu einer erheblichen finanziellen Belastung vieler Medien führte.
Die Ergebnisse der WJS-Umfrage zeigen die negativen Auswirkungen des Krieges auf die Sicherheit von Journalist:innen in der Ukraine, wie eine vergleichende Analyse mit anderen mittel- und osteuropäischen Ländern belegt, die hinsichtlich ihrer Medienlandschaft viele strukturelle Ähnlichkeiten mit der Ukraine aufweisen. Während beispielsweise 54,1 % der ukrainischen Journalist:innen Bedenken hinsichtlich ihrer körperlichen Unversehrtheit äußerten, waren diese Werte in Polen (25,1 %), der Slowakei (12,2 %), Rumänien (42,3 %) bzw. Bulgarien (31,1 %) deutlich niedriger. In Bezug auf die Sorge um das emotionale Wohlergehen zeigt der Vergleich eine ähnliche Dynamik. Während 69,2 % der ukrainischen Journalist:innen Bedenken hinsichtlich ihres emotionalen Wohlergehens äußerten, waren die Zahlen in Polen (36,6 %), der Slowakei (28,3 %), Rumänien (47,2 %) und Bulgarien (41,9 %) deutlich niedriger. Etwa halb so viele Journalist:innen wie in der Ukraine gaben an, Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes zu haben, mit Anteilen von 13,4 % in Polen, 14 % in der Slowakei, 9,8 % in Rumänien und 16 % in Bulgarien.
Fazit
Die WJS-Studie zeigt, dass ukrainische Journalist:innen in einem äußerst belastenden und riskanten Umfeld arbeiten – einem der schwierigsten unter den 73 untersuchten Ländern. Innerhalb Europas schneidet lediglich ein Land schlechter ab als die Ukraine, nämlich Albanien. Die meisten weiteren Länder im unteren Bereich des Index weisen niedrige Werte bei politischer Freiheit und Pressefreiheit auf, darunter Venezuela, Äthiopien, die Türkei und Kasachstan. Die niedrige Platzierung der Ukraine im Sicherheitsindex erklärt sich sowohl durch die hohe Zahl dokumentierter Tötungen von Journalist:innen als auch durch das ausgeprägte Ausmaß an Sorgen, das ukrainische Journalist:innen hinsichtlich ihres physischen und psychischen Wohlbefindens äußern. Zudem machen sich Medienschaffende in der Ukraine häufiger Sorgen um ihre berufliche Sicherheit als ihre Kolleg:innen in anderen europäischen Ländern.
Obwohl es an verlässlichen Daten zur Sicherheit des ukrainischen Journalismus vor der Vollinvasion mangelt, die eine vergleichende Analyse erlauben würden, ist es plausibel anzunehmen, dass das allgemeine Maß an Prekarität des Berufs bereits vor der Vollinvasion hoch war. Der umfassende Krieg hat diese Situation jedoch dramatisch verschärft. Zwar war ausländische Unterstützung – sowohl finanzieller als auch technischer Art – von entscheidender Bedeutung für die Aufrechterhaltung eines Großteils der Medien sowie der für journalistische Arbeit notwendigen Infrastrukturen unter Kriegsbedingungen, doch sind die tatsächlichen Verluste im Mediensektor, einschließlich personeller und organisatorischer Kapazitäten, erheblich.
Der Wegfall von USAID als zentralem Geldgeber und die darauffolgende Neuordnung der internationalen Medienförderung stellen ein weiteres Risiko für ukrainische Medien dar, denen es in der kriegsbedingt geschwächten Wirtschaft zunehmend schwerfällt, ausreichende finanzielle Mittel zu sichern. Finanzielle Herausforderungen zeichnen sich kurz- und mittelfristig als besonders kritisch ab.
Die psychische Belastung dürfte angesichts des angesammelten Stresses, der Erschöpfung und der hohen Arbeitsbelastung kaum abnehmen. Eine verschärfte Prekarität zeigt sich zudem im Personalmangel. Journalismus bleibt ein schlecht bezahlter Beruf mit zahlreichen zusätzlichen Belastungen, was es erschwert, neue Fachkräfte zu gewinnen.
Es ist davon auszugehen, dass die Fortdauer des Krieges nicht nur die im Artikel beschriebenen strukturellen Herausforderungen weiter verschärfen, sondern auch neue hervorbringen wird. Ein langanhaltender Krieg der gegenwärtigen Intensität neigt dazu, Institutionen zu untergraben und die Gesellschaft insgesamt massiv unter Druck zu setzen. Der ukrainische Journalismus wird daher weiterhin auf die Probe gestellt werden. Die Antworten, die Medien, Journalist:innen und andere Akteur:innen auf Sicherheitsbedrohungen und Prekarität finden, werden den Journalismus prägen und darüber entscheiden, inwieweit er in der Lage ist, den gravierenden Folgen von Russlands Krieg gegen die Ukraine zu begegnen.
