Beziehungsstatus: kompliziert. Wie sich Washingtons »strategische Unklarheit« auf die Beziehungen zur Ukraine auswirkt

Von Volodymyr Dubovyk (Nationale I. I. Metschnykow Universität, Odesa/Center for European Policy Analysis, Washington)

Seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im vergangenen Jahr haben die Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine einen qualitativen Wandel durchlaufen. Die bilateralen Beziehungen sind nach wie vor von zentraler Bedeutung für das Überleben der Ukraine als souveräner Staat und die Sicherheit Europas. Sie werden jedoch zunehmend von politischen Zwängen, »Ukraine-Fatigue« und divergierenden Erwartungen auf beiden Seiten sowie vom menschlichen Faktor geprägt, insbesondere was die amerikanische Seite betrifft. Das vergangene Jahr war keine einfache Fortsetzung einer Partnerschaft in Kriegszeiten, sondern markierte einen Übergang von einer (ungleichen) Allianz zu eher interessenbasierten Rahmenbedingungen (die noch ungleichmäßiger sind, da Washington die Modalitäten diktiert).

Die erste und wichtigste Veränderung betrifft die Logik des US-Engagements. In der frühen Phase des Krieges war die amerikanische Politik von einer Konvergenz aus moralischer Klarheit, strategischer Dringlichkeit und innenpolitischem Konsens geprägt: Die Unterstützung der Ukraine wurde – über Parteigrenzen hinweg sowie in der Gesellschaft – sowohl als »das Richtige« angesehen als auch als relativ kostengünstige Möglichkeit, Russland zu schwächen und seinen Revisionismus (sowie mögliche Nachahmer weltweit) einzudämmen.

Im Laufe des letzten Jahres hat sich dieser Konsens verflüchtigt. Die Ukraine bleibt für die Strategie der USA zwar weiterhin von einiger Bedeutung, steht nun jedoch in offenerer Konkurrenz zu anderen innen- und außenpolitischen Prioritäten – China, innenpolitische Polarisierung, fiskalischer Druck – und wird zunehmend unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten bewertet. Dies hat zu einem stark transaktionalen Ton in den bilateralen Beziehungen geführt, auch wenn die militärische Unterstützung in gewisser Form fortgesetzt wird.

Moralische Klarheit gehört nicht mehr zu den treibenden Faktoren. Stattdessen positioniert sich Washington als unparteiischer Vermittler und weigert sich zu sagen, auf wessen Seite es steht und für wen es sich einsetzt. Eine strategische Dringlichkeit ist kaum erkennbar, außer bei Themen, die mit einem – zumindest aus Washingtoner Sicht – erfolgreichen Ausgang des Friedensprozesses verbunden sind. Der innenpolitische Konsens besteht weiterhin, da eine angemessene Mehrheit der Amerikaner die Ukraine-Hilfen unterstützt, aber er ist kein entscheidender Faktor für die Politik der Regierung.

Zweitens geht es bei der US-Militärhilfe weniger darum, den militärischen Erfolg der Ukraine zu ermöglichen, sondern vielmehr darum, die Risiken im Hinblick auf die Chancen für den Friedensprozess zu managen. Die Militärhilfen sind explizit mit den Präferenzen der USA in Bezug auf die Verhandlungen verbunden. In Washington wächst nämlich die Skepsis, dass die Dynamik auf dem Schlachtfeld zu einem für die Ukraine günstigen Ergebnis führen kann – zumindest nicht ohne langfristige Zusagen für Militärhilfen, zu denen sich die aktuelle Regierung nicht verpflichten will.

Dies führt zu einer strukturellen Asymmetrie: Die Ukraine betrachtet den Krieg als existenziell, während die USA ihn zunehmend als eine von vielen großen Krisen behandeln. Mit dem internationalen Vorgehen der USA Anfang 2026 ist die Ukraine in der Prioritätenliste Washingtons möglicherweise noch weiter nach unten gerutscht.

Drittens steht die Diplomatie wieder im Mittelpunkt der Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine. Allerdings ist diese nicht auf Augenhöhe. Die amerikanischen Bemühungen für Friedensverhandlungen beruhen eher auf pragmatische Überlegungen Washingtons als auf einer gemeinsamen ukrainisch-amerikanischen Friedensvision. Aus Sicht Kyjiws steht die Ukraine unter Druck, die territorialen Gewinne Russlands anzuerkennen. Aus Sicht Washingtons bringt ein langwieriger Krieg keine strategischen oder politischen Vorteile.

Viertens ist die Frage der Sicherheitsgarantien zu einem zentralen Thema in den bilateralen Beziehungen geworden. Die Ukraine will nach dem Abklingen der aktiven Feindseligkeiten nicht in einer strategischen Grauzone zurückbleiben. Dem steht die Zurückhaltung der USA gegenüber, konkrete, tragfähige und verbindliche Sicherheitszusagen zu machen. Diese Unklarheit ist der Kern der aktuellen US-Politik gegenüber der Ukraine. Erschwerend kommt hinzu, dass Synergien mit den europäischen Partner der Ukraine gefunden werden müssen, die möglicherweise bereit sind Sicherheitsgarantien zu geben. Die Europäer versuchen bereits seit langem auszuloten, wozu die Amerikaner bereit sind, um entsprechend und abgestimmt handeln zu können.

Fünftens sind wirtschaftliche Zusammenarbeit und Planungen für den Wiederaufbau als weitere zentrale Themen hinzugekommen. Die Konturen des Engagements der USA beim Wiederaufbau der Ukraine sind derzeit noch unklar, wobei sich der transaktionale Charakter der US-Regierung bereits abzeichnet. Ein Risiko besteht freilich darin, dass jeder Wiederaufbau und jede wirtschaftliche Erholung von einer zumindest teilweisen Einfrierung oder Deeskalation des Konflikts abhängt – was alles andere als sicher ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kluft zwischen dem, was die Ukraine anstrebt, nämlich ein nachhaltiges US-Engagement im Sicherheitsbereich, und dem, was die USA zu bieten bereit sind, immer größer wird. Außerdem gibt es innerhalb der USA derzeit eine intensive Debatte über die globale Rolle Amerikas, deren Ausgang enorme Auswirkungen auf die Ukraine haben wird. Das, sowie einige der oben genannten Faktoren, erschweren es erheblich, eine Prognose über die Zukunft der Beziehungen zwischen der Ukraine und den USA abzugeben.

Verschiedene Szenarien sind denkbar. Im ersten Szenario könnte die Ukraine auf eine gewisse begrenzte militärische Unterstützung, vage Sicherheitsgarantien und Wiederaufbauhilfe hoffen. Dies könnte die bilateralen Beziehungen bis zu einem gewissen Grad stabilisieren, würde aber viele Fragen offenlassen und zahlreiche Bedenken in der Schwebe lassen.

Ein weiteres Szenario ist ein langwieriger Stillstand, bei dem die USA über ihr weiteres Vorgehen entscheiden müssten. Werden sie die Ukraine weiterhin unterstützen, wenn auch in kleinem Umfang, oder ziehen sie sich ganz zurück – beides erscheint plausibel.

Das dritte Szenario, auf dessen Verwirklichung die Ukraine im letzten Jahr gehofft hatte, ist die Rückkehr der USA zu einem nachhaltigeren Engagement für die Sicherheit der Ukraine. Theoretisch ist dies nicht unmöglich, aber eher unwahrscheinlich.

Die Beziehungen zwischen den USA und der Ukraine sind in einer Phase der strategischen Unklarheit. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass sich das in absehbarer Zeit ändern sollte. Die große Diskrepanz zwischen den Bedürfnissen der Ukraine und dem Angebot der USA wird bleiben. Wichtig wäre es, zu sehen, ob zentrale Punkte von gemeinsamem Interesse gefunden werden können. Natürlich wird das weitere Vorgehen Russlands eine weitere Variable darstellen. Und die potenzielle Rolle Europas sollte ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. Letztendlich hat die Ukraine durchaus »Karten in der Hand«, aber sie sollte sie klug ausspielen – und selbst das würde das bestmögliche Ergebnis nicht garantieren.

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