Seit über 30 Jahren beobachten wir am Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) die öffentliche Meinung in der Ukraine. Trotz der Schwierigkeiten unter Kriegsbedingungen zeigen unsere methodischen Experimente, dass unsere Umfrageergebnisse weiterhin zuverlässig und repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung in den von der Regierung kontrollierten Gebieten der Ukraine sind.
Seit Beginn der russischen Vollinvasion sind fast vier Jahre vergangen. Der Herbst und Winter 2025–2026 waren geprägt von beispiellosen russischen Kriegsverbrechen, die darauf abzielten, die Ukraine in Dunkelheit und Kälte zu stürzen und eine große humanitäre Katastrophe herbeizuführen. Dies geschah vor dem Hintergrund der Friedensinitiativen der Regierung von US-Präsident Donald Trump, die viele Ukrainer:innen als unverhältnismäßig starken Druck auf die Ukraine und nicht auf den Aggressor Russland empfanden. Obwohl wichtige Entscheidungen auf dem Schlachtfeld getroffen werden – wo die ukrainischen Streitkräfte tapferen Widerstand leisten –, ist die Widerstandsfähigkeit der »Heimatfront« für das Überleben des Staates und der Nation nicht weniger wichtig. Aus diesem Grund konzentrieren sich unsere Umfragen darauf, die Stimmung in der Bevölkerung und den Grad der gesellschaftlichen Resilienz zu erfassen. Dabei decken wir drei Dimensionen ab: internationale Beziehungen, die innenpolitische Lage sowie Fragen zu Krieg und Frieden.
Internationale Dimension: Die Wahrnehmung der Verbündeten im Westen und des Feindes im Osten
Die Ukraine wird in ihrem Krieg gegen Russland von einer breiten Koalition westlicher Staaten unterstützt. Obwohl die Ukrainer:innen selbst die Hauptlast des Krieges tragen, bleibt die militärische und finanzielle Hilfe der Verbündeten von entscheidender Bedeutung. Daher ist die Haltung der Ukrainer:innen gegenüber ihren Verbündeten – vor allem gegenüber den USA nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten – ein wichtiger Aspekt der öffentlichen Stimmung. Trumps Wahlsieg wurde zunächst mit vorsichtigem Optimismus aufgenommen: Im Dezember 2024 glaubten 45 % der Befragten, dass er die Ukraine dem Frieden näherbringen könne, und 54 % bewerteten das Wahlergebnis deshalb als positiv für die Ukraine.
Die ersten Kontakte der neuen US-Administration mit Russland, das berüchtigte Treffen zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj am 28. Februar 2025 im Weißen Haus und die anschließende Aussetzung der militärischen Hilfe führten jedoch zu einer deutlichen Veränderung der öffentlichen Meinung: Bereits im März 2025 glaubten 73 % der Ukrainer:innen, dass es schlecht für die Ukraine sei, dass Donald Trump Präsident geworden ist, und dieser Indikator blieb bis zum Ende des Jahres stabil (74 % im Dezember, siehe Grafik 1). Gleichzeitig hielt die kritische Wahrnehmung der Rolle der USA an: Nach unseren jüngsten Daten von Januar 2026 glauben 57 % der Befragten, dass die USA die Ukraine zu inakzeptablen Zugeständnissen drängen, während nur 31 % sie als verlässlichen Verbündeten betrachten.

Das Vertrauen in die Vereinigten Staaten ging im Laufe des Jahres stark zurück – von 41 % im Dezember 2024 auf 18 % im Dezember 2025 –, während das Misstrauen von 24 % auf 52 % stieg. Gleichzeitig blieb die Einstellung gegenüber der amerikanischen Bevölkerung positiv (90 % im Mai 2025), was auf eine Vertrauenskrise speziell gegenüber der US-Regierung hindeutet. Dies wirkt sich auch auf die Wahrnehmung von Sicherheitsgarantien aus: Im Januar 2026 glaubten nur 39 % der Ukrainer:innen, dass die USA im Falle eines erneuten russischen Angriffs [nach einem potenziellen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und Russland, Anm. d. Red.] die notwendige Unterstützung leisten würden, während 40 % davon überzeugt waren, dass dies nicht der Fall sein würde (vgl. Grafik 2).
Vor dem Hintergrund des zunehmend konfrontativen Kurses der USA gegenüber Europa hat die Bedeutung Europas als Verbündeter im Krieg und als Grundlage für die prosperierende Zukunft der Ukraine erheblich zugenommen. Für die Menschen in der Ukraine selbst bleibt das Ziel der europäischen Integration wichtig. In einem hypothetischen Referendum über den EU-Beitritt würden 93 % derjenigen, die daran teilnehmen würden, einen EU-Beitritt unterstützen (September 2025). Die EU-Mitgliedschaft der Ukraine wird dabei in allen Regionen des Landes von einer absoluten Mehrheit unterstützt. Ende Januar sahen 58 % Europa weiterhin als zuverlässigen Verbündeten, der sich für einen gerechten Frieden einsetzt (35 % sind anderer Meinung). Laut einer weiteren Umfrage von Mitte Januar 2026 glauben 59 %, dass Europa im Falle eines erneuten russischen Angriffs die notwendige Unterstützung leisten würde (31 % glauben, dass dies nicht der Fall wäre, ebenfalls Grafik 2).

Unsere Umfragen zeigen weiterhin, dass die Einbeziehung der EU-Mitgliedschaft in einen möglichen Friedensplan die Bereitschaft der Ukrainer:innen, diesen zu unterstützen, deutlich erhöht – selbst wenn der Plan schmerzhafte Zugeständnisse und Verluste mit sich bringt. Gleichzeitig bleiben die Ukrainer:innen gegenüber der EU weiterhin vorsichtig. Im Dezember 2025 vertrauten 48 % der EU, während 26 % ihr misstrauten (im Dezember 2024 lagen die Zahlen bei 46 % bzw. 19 %). Somit vertraut etwa die Hälfte der Ukrainer:innen der EU entweder nicht oder hat eine unentschiedene Haltung (vgl. Grafik 3).

Ein paar Worte sollten auch zur NATO gesagt werden. Das KIIS erinnert immer wieder daran, dass zum Zeitpunkt des Endes der Revolution der Würde eine Mehrheit der Ukrainer:innen gegen einen NATO-Beitritt war und dieses Thema 2014 nicht zu den Forderungen der Demonstrierenden gehörte. Die Unterstützung für die NATO-Mitgliedschaft wuchs erst wegen der russischen Aggression – zunächst im Jahr 2014 und noch stärker im Jahr 2022. Daher lügt Russland offensichtlich, wenn es behauptet, dass das Bestreben der Ukrainer:innen, der NATO beizutreten, es zum Angriff »gezwungen« habe – dies wurde weder von den Ukrainer:innen gefordert, noch stand es auf der Agenda der NATO. Ohne die russische Aggression hätten die Ukrainer:innen wahrscheinlich weiterhin eine Politik der Neutralität unterstützt. Im September 2025 würden in einem hypothetischen Referendum 89 % den NATO-Beitritt unterstützen, mit einer klaren Mehrheit in allen Regionen.
Allerdings zeigt sich auch eine deutliche Enttäuschung gegenüber der NATO: Zwischen Dezember 2024 und Dezember 2025 sank der Anteil derjenigen, die der NATO vertrauen, von 43 % auf 30 %, während das Misstrauen von 25 % auf 43 % stieg.
Gleichzeitig zeigen unsere Daten, dass viele Menschen bereit sind, bei der NATO-Frage Zugeständnisse zu machen, um einen Frieden zu erreichen: Wenn beispielsweise die Mitgliedschaft auf die Zukunft verschoben würde, wäre eine Mehrheit bereit, dies im Interesse des Friedens zu akzeptieren.
Was den Feind im Osten – Russland und die Russ:innen – betrifft, so bleibt die öffentliche Meinung unverändert. Im September 2025 hatten 91 % der Ukrainer:innen eine negative Einstellung gegenüber Russland und 85 % gegenüber der russischen Bevölkerung (nur 4 % bzw. 8 % hatten eine positive Einstellung). Selbst unter den Ukrainer:innen, die bereit sind, die Kapitulationsforderungen Russlands zu akzeptieren, hat eine absolute Mehrheit immer noch eine negative Einstellung gegenüber Russland und den Russ:innen. Gleichzeitig werden »Russ:innen« in erster Linie in einem politischen Sinne gesehen: In der Ukraine lebende ethnische Russ:innen, die die russische Aggression verurteilen, werden weitgehend als Teil der ukrainischen Nation wahrgenommen, während in Russland lebende ethnische Ukrainer:innen fast ebenso negativ wahrgenommen werden wie die russische Bevölkerung allgemein.
Innenpolitische Lage: »Enger Korridor« für Reformen und der Traum einer glücklichen Zukunft
Die Revolution der Würde gab den Anstoß für zahlreiche Reformen, die 2014 eingeleitet wurden und bis heute andauern. Die ukrainische Zivilgesellschaft spielt eine wichtige Rolle dabei, dass die staatlichen Behörden sich der Notwendigkeit echter Reformen »bewusst bleiben« und diese nicht nur imitieren. Einer der wichtigsten Faktoren ist die Korruptionsbekämpfung (in einigen KIIS-Umfragen sehen mehr Befragte Korruption als größere Bedrohung an als das feindliche Russland).
Gleichzeitig war das Jahr 2025 zunächst von Versuchen der Regierung geprägt, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden einzuschränken, was zu großen Protesten führte. In der zweiten Jahreshälfte erschütterte ein Korruptionsskandal im Energiesektor das Land: 77 % der Befragten wussten von »Minditsch-Gate«, von denen 55 % – umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung – die Arbeit der unabhängigen Antikorruptionsbehörden für objektiv hielten. Der öffentliche Druck auf die staatlichen Behörden war sehr stark. Während 90 % der Ukrainer:innen Kritik an der Regierung unterstützen, ist eine Mehrheit – 58 % – der Meinung, dass die Kritik konstruktiv sein und die Gesellschaft nicht destabilisieren sollte (zusammen mit denen, die Kritik gänzlich ablehnen, erreichte dieser Wert 66 % im September 2025). Mit anderen Worten: Die Ukrainer:innen versuchen auf einem schmalen Grat ein Gleichgewicht zu finden, in dem einerseits Kritik an der Regierung und das Aufzeigen ihrer Fehler notwendig sind, andererseits aber auch die institutionelle Stabilität und Einheit der Ukraine als wesentliche Voraussetzung für einen wirksamen Widerstand gegen die russische Aggression gewahrt bleiben müssen.
Vor diesem Hintergrund ist der Konsens über das Thema Wahlen bemerkenswert. Bereits 2023 wollten 73 % der Ukrainer:innen einen Machtwechsel, und diese Forderung ist eher gewachsen, denn das Vertrauen in Präsident, Regierung und Parlament ist heute geringer als noch vor drei Jahren. Die Ukrainer:innen sehen viele Held:innen um sich herum – allen voran in den Streitkräften und unter den Freiwilligen. Sie wollen, dass diese Menschen den Kern einer neuen Generation von Führungskräften bilden – aber erst nach dem Kriegsende. Obwohl im Dezember 2025 nur 23 % der Bevölkerung Vertrauen in die Regierung hatten (56 % hatten kein Vertrauen) und nur 12 % Vertrauen in das Parlament (70 % hatten kein Vertrauen), sprachen sich nur 10 % für die Durchführung von Wahlen vor Ende des Krieges aus.
Wolodymyr Selenskyj genießt in der Bevölkerung weiterhin Legitimität als Präsident der Ukraine – allerdings nur für die Dauer des Krieges. Im Allgemeinen war das Jahr 2025 ein klassisches Beispiel für den »Rally-around-the-flag«-Effekt, denn das Vertrauen in Selenskyj nahm als Reaktion auf den Druck der Vereinigten Staaten deutlich zu. Ende Januar 2026 vertrauten ihm 61 % der Ukrainer:innen, was mehr ist als im Dezember 2024, aber weniger als auf dem Höhepunkt Anfang Mai 2025 (siehe Grafik 4). Allerdings vertrauen ihm aktuell nur 25 % vollständig (die restlichen 36 % vertrauen ihm »eher«), und das ist ein entscheidender Punkt: Denn diejenigen, die ihm »vollständig« vertrauen, wollen überwiegend, dass er auch nach dem Krieg Präsident bleibt, während diejenigen, die ihm »eher« vertrauen, meist jemand anderen als Präsidenten sehen möchten. Im September 2025 äußerten nur 25 % den Wunsch, dass Selenskyj nach dem Krieg Präsident bleiben solle. Es besteht also Einigkeit darüber, dass er jetzt im Amt bleiben sollte, aber mit der klaren Forderung, nach dem Krieg »neue Gesichter« zu sehen.

In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass Selenskyjs jüngste Personalentscheidungen recht positiv aufgenommen wurden. So vertrauen 70 % dem neuen Leiter des Präsidialbüros, Kyrylo Budanow, während 19 % ihm nicht vertrauen. Der neue Verteidigungsminister, Mychajlo Fedorow, genießt das Vertrauen von 38 % der Befragten, während ihm 26 % misstrauen (viele kennen ihn nicht). Nach den Skandalen von 2025 tragen die Ernennungen derzeit dazu bei, die Stimmung in der Bevölkerung zu stabilisieren und das Vertrauen zumindest teilweise zurückzugewinnen.
Das KIIS hält sich konsequent daran, keine Wahlumfragen zu veröffentlichen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass derzeit praktisch nur Walerij Saluschnyj (der bisher keine Absicht bekundet hat, zu kandidieren) als einzige Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in der Lage ist, Selenskyj herauszufordern. Kyrylo Budanow könnte ebenfalls ein Konkurrent sein, spielt aber nun im selben Team wie Selenskyj (in einem »Nachfolger«-Szenario ohne Saluschnyj würde er die Wahl vermutlich leicht gewinnen). In jedem Fall würden Parlamentswahlen zu einer fragmentierten Werchowna Rada mit vielen politischen Kräften führen, und die Bildung einer funktionsfähigen Koalition wäre eine offene Frage. Wir stellen auch fest, dass selbst latente pro-russische Parteien nur geringe Unterstützung finden, sodass die Umfragedaten nicht einmal eine theoretische Möglichkeit eines »georgischen Szenarios« in naher Zukunft erkennen lassen.
Was die Zukunft der Ukraine angeht, bleiben die Menschen optimistisch. Nach der jüngsten Umfrage glauben 66 % der Befragten, dass die Ukraine in zehn Jahren ein prosperierender EU-Mitgliedstaat sein wird, und nur 22 % sehen sie als zerstört an. Im Dezember 2025 lagen die Zahlen bei 64 % bzw. 21 % (im Dezember 2024 bei 56 % bzw. 31 %). Diese Umfrage wurde Ende Januar 2026 inmitten massiver Bombardierungen und weit verbreiteter Strom- und Heizungsausfälle durchgeführt. Trotz der extrem schwierigen Bedingungen hat der Optimismus der Ukrainer:innen also nicht nachgelassen und ist nach wie vor recht hoch.
Krieg und Frieden: »Contra Spem Spero!« (»Gegen die Hoffnung hoffen«)
Neben dem Optimismus hinsichtlich der Zukunft beobachten wir eine anhaltende Widerstandsfähigkeit in Bezug auf Fragen von Krieg und Frieden. Zahlreiche KIIS-Veröffentlichungen widmen sich diesen Themen. Im Folgenden stellen wir einige Themen vor, die derzeit besonders relevant sind.
Eine der häufigsten Fragen lautet derzeit, ob die massiven russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur die Kapitulationsbereitschaft der Ukrainer:innen erhöhen. Die kurze Antwort lautet: Nein. KIIS fragt regelmäßig, wie lange die Menschen bereit sind, den Krieg zu ertragen, und eine der Antwortmöglichkeiten lautet »so lange wie nötig«. Im September 2025 wählten 62 % diese Option, im Dezember 2025 ebenfalls 62 % und Ende Januar 2026 waren es 65 % (siehe Grafik 5). Wie zu sehen ist, fällt dieser Zeitraum mit massiven Angriffen und einem eisigen Winter zusammen, doch der Wunsch, den Widerstand fortzusetzen, ist nach wie vor groß. Nach den jüngsten Daten des KIIS gaben nur 1 % der Befragten an, dass sie aufgrund von Problemen mit der Heizung im Herbst/Winter in eine andere Siedlung umgezogen sind.

Darüber hinaus verstehen 88 % der Ukrainer:innen richtig, dass Russlands Angriffe auf die Energieinfrastruktur darauf abzielen, die Ukraine zum Frieden zu zwingen, und nur 6 % teilen die russischen Erklärungen (dass Russland auf ukrainische Angriffe reagiert oder nur militärische Ziele trifft). Während 54 % der Befragten Russland die Schuld für die Stromausfälle geben, machen allerdings auch 31 % in erster Linie die ukrainischen Behörden dafür verantwortlich (7 % geben dem Westen die Schuld dafür; Dezember 2025).
Mitte Januar 2026 befragten wir die Menschen zur militärischen Lage. 77 % waren der Meinung, dass die russische Armee zwar vorrücke, ihre Erfolge jedoch begrenzt seien und die Ukraine in der Lage ist, den militärischen Widerstand fortzusetzen (nur 12 % hielten den Widerstand für aussichtslos). Im September 2025 gaben 76 % an, dass mit angemessener Unterstützung des Westens (Sanktionen, Finanzen, Waffen) ein Sieg gegen Russland errungen werden könne. In derselben Umfrage erklärten 54 % aller erwachsenen Ukrainer:innen (und über 60 % der Männer unter 60 Jahren), dass sie bereit wären, sich bei Bedarf den Verteidigungskräften anzuschließen.
Der Personalmangel beim Militär ist aktuell eine der größten Herausforderungen für die Ukraine. Derzeit gibt es in der Ukraine nicht viele Freiwillige, die in die Armee gehen und das Land verfügt nicht über die finanziellen Mittel Russlands für große monetäre Anreize. Wir beobachten jedoch, dass die meisten Menschen sich an folgende Formel halten: »Ich bin kein Freiwilliger und wenn sich die Gelegenheit ergibt, werde ich den Militärdienst aufschieben; aber wenn ich eine Einberufung erhalte, dann ist das mein Schicksal und ich werde dem Land dienen.« So ist zum Beispiel das Team des KIIS zwar klein, aber im Jahr 2025 erhielten zwei wichtige Mitarbeiter Einberufungsbescheide, absolvierten eine militärische Ausbildung und erfüllen nun ihre Aufgaben mit Würde im Osten und Süden des Landes.
Ein zentraler Faktor ist, dass der Krieg als existenziell wahrgenommen wird. Mitte Januar 2026 gaben 69 % der Ukrainer:innen an, dass Russland die ukrainische Nation zerstören (oder sogar einen Völkermord begehen) wolle. Das lässt wenig Raum für defätistische Stimmungen.
Insgesamt glauben die Ukrainer:innen an die Möglichkeit eines wirksamen Widerstands gegen Russland und verfallen nicht in Panik. In Verbindung mit vorsichtigen (oder oft kritischen) Einschätzungen des Westens sind sie jedoch gezwungen, pragmatisch (oder sogar zynisch) zu sein, insbesondere hinsichtlich möglicher Wege zur Beendigung des Krieges. Laut unseren Zahlen sehen wir, dass eine Mehrheit der Ukrainer:innen eine Beendigung des Krieges durch Einfrieren der Frontlinie im Gegenzug für verlässliche Sicherheitsgarantien seitens der USA und Europas unterstützen könnte.
Ein auf ukrainisch-europäischen Vorstellungen basierender Plan mit Sicherheitsgarantien wurde im Dezember 2025 von 69 % der Befragten unterstützt. Im Gegensatz dazu lehnen die meisten Ukrainer:innen Pläne ab, die einer Kapitulation gleichkommen. So wurde ein Plan, der den Rückzug aus dem Donbas, das Fehlen klarer Sicherheitsgarantien und die offizielle Abtretung der Krim und den Donbas vorsieht, von 74 % deutlich abgelehnt (siehe Grafik 6).

Mitte Januar 2026 haben wir konkret gefragt, ob die Ukrainer:innen einem Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbas und einer Übergabe der Territorien an Russland im Austausch für Sicherheitsgarantien zustimmen würden. 54 % lehnten diese Idee kategorisch ab, während 39 % bereit waren, einen solchen Vorschlag zu unterstützen. Ende Januar 2026 waren die Werte – trotz verstärkter russischer Angriffe und frostigen Temperaturen – fast unverändert (52 % bzw. 40 %). Als Gründe für die Ablehnung führen die meisten Zweifel an den westlichen Sicherheitsgarantien und Misstrauen gegenüber Russland an. Dies kann zugleich als Offenheit für einen Meinungswandel interpretiert werden, wenn der Ukraine wirklich etwas Überzeugendes angeboten würde. Die Befürworter:innen dieser Idee stellen strenge Anforderungen an Sicherheitsgarantien (z. B. die Stationierung westlicher Truppen nicht bloß tief im Hinterland). Diese Menschen könnten ihre Unterstützung zurückziehen, wenn sich die Garantien als Fassade herausstellen sollten (siehe Grafik 7).

Insgesamt glaubten Mitte Januar nur 26 % daran, dass die Verhandlungen zu echtem Frieden führen würden, und Ende Januar erwarteten nur 20 %, dass der Krieg in der ersten Hälfte des Jahres 2026 enden würde. Die Ukrainer:innen wollen Frieden und hoffen aufrichtig darauf – aber die Hoffnung ist begrenzt. Die Menschen wollen nicht »irgendeinen« Frieden und sind daher bereit, weiter Widerstand zu leisten.
Fazit
In den internationalen Beziehungen hat sich ein »Erdbeben« ereignet, und die Vereinigten Staaten werden nicht mehr als verlässlicher Verbündeter der Ukraine wahrgenommen. Gleichzeitig hat Europa an Bedeutung gewonnen: Die meisten Ukrainer:innen haben weiterhin sowohl die EU-Mitgliedschaft als Ziel klar im Blick und zählen zugleich auf Europa als verlässlichen Verbündeten im Krieg.
Obwohl die ukrainischen Behörden 2025 aufgrund von Korruptionsskandalen einen erheblichen Reputationsverlust erlitten haben, genießen sie weiterhin Legitimität – insbesondere aufgrund der Notwendigkeit, die institutionelle Stabilität für einen wirksamen Widerstand zu bewahren. Gleichzeitig wird der Bedarf an einer neuen Generation politischer Führungspersönlichkeiten immer deutlicher, wobei hohe Erwartungen an Personen aus der Armee gestellt werden.
Trotz massiver russischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur während eines strengen Winters, die zu sehr schwierigen Lebensbedingungen führten, bewahren die Menschen in der Ukraine ihre hohe Widerstandsfähigkeit und lehnen »Frieden um jeden Preis« ab. Sie zeigen Flexibilität und Bereitschaft zu bestimmten – auch schwierigen – Kompromissen, aber definitiv nicht zu allen. Zentrale Herausforderungen sind dabei die Vertrauenskrise gegenüber den USA und die vorsichtige Haltung gegenüber Europa. Es zeigt sich wie schwierig es ist, Zustimmung für Zugeständnisse im Austausch für Sicherheitsgarantien zu erhalten, denen nicht vollständig vertraut wird.
Anmerkung der Autoren
Das Kyjiwer Internationale Institut für Soziologie (KIIS) ist eine unabhängige private Forschungseinrichtung. Wir erhalten keine Mittel aus staatlichen oder kommunalen Mitteln (und selbst unsere Umfragen beauftragen staatliche Institutionen nur selten). Darüber hinaus haben wir keine direkte Finanzierung oder institutionelle Unterstützung von beispielsweise USAID oder ähnlichen Organisationen erhalten.