Einleitung
Oligarchen galten in der Ukraine lange Zeit als Akteure mit außerordentlichem Einfluss auf die Politik und Wirtschaft des Landes. Aufbauend auf Bevorteilungen bei Privatisierungen in Schlüsselindustrien der ukrainischen Wirtschaft Ende der 1990er Jahre gelang es ihnen, eine herausragende Marktmacht zu etablieren und enorme Vermögen anzuhäufen. Zugleich festigten sie durch den Besitz von Massenmedien und die Kontrolle politischer Akteure ihren politischen Einfluss. Die ukrainische Politik war über Jahrzehnte hinweg von systemischer Korruption geprägt. Oligarchen finanzierten dabei Politiker und politische Parteien überwiegend verdeckt, um über politisch verbundene Akteure regulative und legislative Entscheidungen zu ihren ökonomischen Gunsten zu beeinflussen.
Russlands Vollinvasion der Ukraine seit Februar 2022 traf vor allem die Oligarchen der sogenannten alten Garde hart, da sich ihre Industriebereiche (wie Metallurgie, chemische Industrie, Maschinenbau) besonders im Osten und im Süden der Ukraine konzentrierten – den Regionen, die am stärksten vom Krieg betroffen sind. Auch wenn sich konkrete Verluste oft nur schätzen lassen, führten die Zerstörung von Produktionsstätten und Infrastruktur, der Verlust der Kontrolle über Unternehmensbestandteile in Russisch besetzten Gebieten sowie die Blockade zentraler Handelswege zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen.
Oligarchen im »Überlebensmodus«
Was seit der vollumfänglichen russischen Invasion für die Ukraine insgesamt gilt, lässt sich sinnbildlich auch auf die Oligarchen des Landes übertragen: Seit 2022 befinden sie sich in einem »Überlebensmodus«. Allerdings wurden ihre Handlungsspielräume bereits vor dem 24. Februar 2022 eingeschränkt. In diesem Zusammenhang ist insbesondere das 2021 verabschiedete Anti-Oligarchengesetz zu nennen, das unter Präsident Selenskyj eingeführt wurde, um den politischen Einfluss oligarchischer Akteure zu begrenzen. Das Gesetz, das internationalen Forderungen nach verstärkter Korruptionsbekämpfung und zugleich einer Reduzierung des Einflusses der Oligarchen Rechnung tragen soll, definiert Oligarchen anhand von vier Kriterien: Reichtum, politischer Einfluss, Medieneigentum und wirtschaftliche Monopolstellungen. Erfüllt eine Person drei der vier Kriterien, gilt sie als Oligarch, muss ihre Vermögenswerte offenlegen, darf keine politischen Parteien finanzieren und ist von bedeutsamen Privatisierungen ausgeschlossen. Unmittelbar nach der Verabschiedung wurden dem verfassungsrechtlich umstrittenen Gesetz erste Wirkungen attestiert. So gab Rinat Achmetow im Sommer 2022 die Sende- und Printlizenzen seiner Mediengruppe ab, um nach eigener Aussage die Aufnahme in das »Oligarchen-Register« abzuwenden. Petro Poroschenko versuchte ebenfalls, entsprechende Maßnahmen zu umgehen, indem er seine Fernsehsender an Personen aus seinem Umfeld veräußerte.
Die russische Vollinvasion verschärfte die Lage der Oligarchen erheblich. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Rinat Achmetows. Schätzungen des Wirtschaftsmagazins Forbes zufolge verlor er allein im ersten Jahr des Krieges Vermögenswerte im Umfang von etwa 2,3 Mrd. Euro bzw. mehr als ein Drittel seines Gesamtvermögens (vgl. Tabelle 1). Andere Quellen gehen von noch höheren Verlusten aus. Zu den größten Verlusten zählen das Hüttenwerk Asowstal sowie das Eisen- und Stahlwerk Iljitsch in Mariupol, die bis zu ihrer Zerstörung im Frühjahr 2022 zu den größten Industrieanlagen ihrer Art in der Ukraine und Europa gehörten. Hinzu kommen zahlreiche weitere Betriebe, beispielweise in der Energie- und Agrarwirtschaft, die zerstört, vorübergehend außer Betrieb gesetzt wurden oder sich aufgrund anhaltender russischer Besatzung temporär oder dauerhaft nicht mehr unter der Kontrolle Achmetows befinden. In der Region Donezk verlor Achmetow über 70 Prozent seiner landesweiten Agrarflächen. Auch Russlands Blockade der Seewege im Schwarzen Meer traf Achmetows exportorientierte Unternehmen empfindlich. Eisenerzexporte nach China, vor 2022 ein zentraler Absatzmarkt für den Stahl- und Bergbaukonzern Metinvest, kamen nahezu vollständig zum Erliegen. Exporte über Land in die Europäische Union sind zwar möglich, jedoch aufgrund kriegsbedingter Einschränkungen kostenintensiver und langsamer.

Neben den direkten Schäden führen auch mittelbare Kriegsfolgen zu einer weiteren Schwächung ihres Einflusses. Sämtliche Wahlen wurden durch das Kriegsrecht ausgesetzt, wodurch innenpolitische Machtkämpfe vorerst in den Hintergrund getreten sind. Die politischen Handlungsspielräume der Oligarchen sind damit zusätzlich eingeschränkt. Unabhängig von den regulatorischen Effekten des »Anti-Oligarchengesetzes« verlor die mediale Einflussnahme über private Fernsehsender seit Beginn der russischen Vollinvasion zusätzlich an Bedeutung. Maßgeblich hierfür ist die Einführung des staatlich koordinierten Informationsformats des sogenannten Telemarathons, an dem sich zahlreiche private TV-Sender beteiligen. Durch die Vereinheitlichung der Nachrichtenproduktion und -ausstrahlung wurde die zuvor politisch polarisierte Fernsehlandschaft zugunsten eines zentralisierten Informationsangebots konsolidiert. Diese Entwicklung reduziert den Spielraum der einzelnen Medienbesitzer zur eigenständigen Agenda-Setzung und trägt zu einer Entschärfung innenpolitischer Konfliktlinien im Fernsehbereich bei.
Militärische Unterstützung und wohltätiges Engagement
Angesichts der existenziellen Bedrohungen, die Russlands Vollinvasion für die Oligarchen und ihre Vermögen darstellt, überrascht es nicht, dass sie das ukrainische Militär prominent unterstützen. Die Spenden der Oligarchen umfassen primär materielle und logistische Hilfe für die ukrainische Armee, ebenso wie die gezielte medizinische und finanzielle Unterstützung von Veteranen, Kriegsversehrten sowie von Familienangehörigen gefallener Soldaten. Zu den größten öffentlich bekannten privaten Spendern der ukrainischen Streitkräfte gehören die Oligarchen Rinat Achmetow, Wiktor Pintschuk und Petro Poroschenko. Teilweise betreiben sie, wie andere große Spendeninitiativen im Zusammenhang des russischen Angriffskrieges nationales und internationales Fundraising (siehe die Analyse dazu von Khutkyy et al. in dieser Ausgabe). Teilweise kanalisieren sie ihre Spenden aber auch ausschließlich über ihre Unternehmen beziehungsweise ihre eigenen Wohltätigkeitsstiftungen.
Wohltätigkeitsstiftungen betreiben die meisten ukrainischen Oligarchen bereits seit Mitte der 2000er Jahre. Damals gerieten die Oligarchen erstmals im Zusammenhang mit der Orangen Revolution in den Fokus öffentlicher Kritik, als sich Massendemonstrationen im Rahmen europäischer Integrations- und Demokratisierungsbestrebungen sowie einer dezidierten Antikorruptionsrhetorik sehr deutlich gegen den Einfluss von Oligarchen richteten. Die Stiftungen der Oligarchen entwickelten sich dabei zu einem Instrument, das in erster Linie auf eine gezielte Imageverbesserung abzielte. Klassischerweise finanzierten sie über ihre eigenen Stiftungen insbesondere Wohltätigkeitsarbeit in den Bereichen Gesundheitsfürsorge, Bildung, Kunst, Kultur und Religion.
Rinat Achmetow: Patriotismus als Notwendigkeit
Rinat Achmetow gilt seit der russischen Vollinvasion als der größte private Spender in der Ukraine. Insgesamt soll er zwischen 2022 und 2025 humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung und Materialien für die ukrainischen Streitkräfte im Wert von etwa 320 Mio. Euro bereitgestellt haben. Höhere Spendenaufkommen verzeichnen lediglich die von der ukrainischen Regierung initiierte Fundraising-Initiative United24 (ca. 3 Mrd. Euro) sowie die ebenfalls über nationales und internationales Fundraising finanzierte und bereits seit 2014 bestehende Come Back Alive-Stiftung (knapp 1 Mrd. Euro). Die direkte und offene Unterstützung des ukrainischen Militärs stellt im Falle Achmetows durchaus eine Zäsur dar. 2014, nach der Annexion der Krym und dem Ausbruch des Krieges im Donbas, versuchte Achmetow, der zu dieser Zeit starke wirtschaftliche Interessen in Russland und in den nicht von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten hatte, noch eine Art Balanceakt zu betreiben. Dabei verzichtete er auf offene Parteinahme und gab sich in erster Linie als Pazifist aus, der für Frieden im Donbas und die Prosperität der Region einstehe. Achmetow, der sich damals dem Vorwurf ausgesetzt sah, die von Russland gesteuerten sogenannten Separatisten unterstützt zu haben, vermied es in öffentlichen Stellungnahmen bis 2022, Russland zu verurteilen.
Seit 2022 haben Achmetows Sponsoringaktivitäten einen eindeutigen Bezug zur nationalen Verteidigung. Während sich die Rinat Achmetow Stiftung nach wie vor primär auf die Versorgung der Bevölkerung in frontnahen Gebieten mit Lebensmitteln, Medikamenten, Notunterkünften sowie die Evakuierung von Zivilisten konzentriert, bündelt Achmetows Initiative »Steel Front« seit 2022 sämtliche militärischen Unterstützungen seiner Unternehmen. Der Fokus liegt in der Entwicklung und Herstellung von Verteidigungsausrüstungen, die aus der Metallproduktion seiner Unternehmen gewonnen werden. Hierzu zählen unter anderem Helme und Schutzwesten, Feldküchen und aus Stahl gefertigte Unterstände für den Einsatz an der Front, ebenso wie sogenannte Panzerabwehr-Igel und Stachelketten. Außerdem stellt Achmetows »Steel Front« Fahrzeuge, Treibstoff, Aufklärungsdrohnen, Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräte, Funkgeräte sowie Erste-Hilfe-Sets für die ukrainische Armee zur Verfügung.
Seit 2023 betreibt Achmetow zudem die Initiative »Herz von Asowstal«. Hierbei handelt es sich um ein Hilfsprojekt, das sich an Soldaten sowie deren Angehörige richtet, die die Stadt Mariupol bis Mai 2022 verteidigten – insbesondere jene, die während der Belagerung der Stadt in den Bunkeranlagen des Stahlwerks Asowstal die Stellung hielten und später zum Teil in russische Gefangenschaft gerieten. Kern des Programms, das Achmetow nach eigenen Angaben mit weiteren 34 Mio. Euro fördert, ist vor allem die psychosoziale Unterstützung für Veteranen, ehemalige Kriegsgefangene und Familien gefallener Soldaten. Hierzu gehören unter anderem die Bereitstellung von Wohnungen für Kriegsversehrte, Unterstützung von früheren Mitgliedern der Streitkräfte bei der Wiedereingliederung in das zivile Leben sowie die Prothesenversorgung und weitere physische und psychologische Rehabilitierungsmaßnahmen.
Wiktor Pintschuk: Reputation als Ressource
In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es keinem anderen ukrainischen Oligarchen so sehr gelungen, das Image eines Mäzens und Philanthropen aufzubauen, wie Wiktor Pintschuk. Nach dem Ende der Präsidentschaft seines Schwiegervaters Leonid Kutschma distanzierte er sich im Zuge der Orangen Revolution öffentlichkeitswirksam von der Politik. Zugleich bemühte er sich, sein Image in der Ukraine und im Westen durch philanthropische Aktivitäten, die Unterstützung von Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsprojekten sowie die Pflege von Freundschaften mit prominenten westlichen Persönlichkeiten aus Politik und Unterhaltung aufzupolieren. Mit der Yalta European Strategy (YES) etablierte er 2004 ein hochrangiges internationales politisches Forum, das die Integration der Ukraine in die Europäische Union und die Weltwirtschaft fördern soll.
Die kriegsbedingten Verluste von Wiktor Pintschuk fielen nach Beginn der russischen Vollinvasion geringer aus als die von Achmetow. Die Produktionsstätten von Pintschuks Unternehmen Interpipe, einem weltweit führenden Hersteller von Stahlrohren und Eisenbahnrädern, liegen hauptsächlich in der Region Dnipropetrowsk. Dementsprechend befinden sich zumindest diese Industrieanlagen nicht auf Gebieten, die derzeit von Russland besetzt gehalten werden bzw. umkämpft sind. Dennoch betrifft Russlands Angriffskrieg auch die Produktion von Interpipe. Insbesondere die Großstadt Nikopol, in der sich ein wichtiger Produktionsstandort des Unternehmens befindet, liegt nur wenige Kilometer von russischen Stellungen entfernt und wird kontinuierlich angegriffen. Auch Pintschuks Werk in Nikopol wurde in der Vergangenheit regelmäßig durch Artilleriebeschuss getroffen und Produktionsanlagen beschädigt. Hinzu kommen vor allem kriegsbedingte Energie- und Logistikprobleme, die die Produktion stark beeinträchtigen. Dennoch ist es Interpipe zuletzt gelungen, auch unter Kriegsbedingungen durch Exporte profitabel zu wirtschaften und in ukrainische Produktionsanlagen zu investieren.
Im Verhältnis zu Russland betrieb auch Pintschuk zunächst eine Gratwanderung. Pintschuks Unternehmensgruppe Interpipe unterhielt auch nach der Annexion der Krym und dem russischen Angriff auf den Donbas mehrere Jahre noch umfangreiche Geschäftsbeziehungen mit Russland und exportierte weiterhin Waren dorthin. Für Aufsehen sorgte er 2016 zudem, als er sich für schmerzhafte Kompromisse und eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland aussprach und unter anderem forderte, dass die Krym einem Abkommen mit Russland zur Beendigung des Krieges im Donbas nicht im Weg stehen dürfe.
Nach Beginn der russischen Vollinvasion bezog jedoch auch Pintschuk eindeutig Position gegen Russland und die russische Führung und gab öffentlich bekannt, keine Geschäftsbeziehungen nach Russland zu pflegen und die ukrainische Armee gezielt zu unterstützen. Nach eigenen Angaben haben Pintschuks Unternehmen sowie seine eigene Stiftung und die Stiftung seiner Ehefrau Olena Pinchuk bis Ende 2024 militärische Unterstützung, medizinische Versorgung und humanitäre Hilfe im Umfang von etwa 130 Mio. Euro geleistet. Neben der Ausbildungsfinanzierung für Drohnenpiloten wurden für mehrere Einheiten der ukrainischen Streitkräfte unter anderem gepanzerte Fahrzeuge und Krankenwagen, Drohnen, Nachtsichtgeräte, Funkgeräte und Starlink-Systeme angeschafft. Darüber hinaus konzentriert sich Pintschuk auf die Rehabilitierung von Kriegsveteranen. Im Rahmen des Projekts »Powernennja« wurden bisher landesweit zehn psychotherapeutische Zentren eröffnet, um traumatisierten Militärangehörigen, ehemaligen Mitgliedern der Streitkräfte und deren Familien professionell zu helfen. Zudem sind 15 weitere Zentren in Planung, um jährlich 100.000 Personen zu unterstützen. Darüber hinaus wurden im Rahmen des Projekts »Recovery« bislang 18 Rehabilitationszentren aufgebaut, in denen Kriegsversehrte behandelt werden. Nach Angaben der Stiftung Pintschuks soll jährlich bis zu 26.000 Betroffenen geholfen werden.
Pintschuk und seine Ehefrau betreiben darüber hinaus Fundraising-Kampagnen und beteiligen sich an internationalen Philanthropen-Initiativen wie dem »Ukraine Relief Fund«, aus dem humanitäre Hilfe für die ukrainische Zivilbevölkerung und Binnenflüchtlinge bereitgestellt wird. Zugleich nutzt Pintschuk seine jahrelang aufgebauten internationalen Netzwerke, um für weitere militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine zu werben.
Petro Poroschenko: Militärhilfe im Schatten politischer Ambitionen
Petro Poroschenko nimmt unter den drei hier betrachteten Oligarchen als ehemaliger Präsident, der seine Wiederwahl 2019 gegen Selenskyj verlor, eine Sonderrolle ein. Kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion verhängte ein Kyjiwer Gericht im Zuge eines Hochverratsverfahrens Vermögenssperren gegen Poroschenko. In dem Strafverfahren, das Poroschenko als politisch motiviert betrachtet, wird ihm vorgeworfen, während seiner Präsidentschaft geholfen zu haben, Kohle aus den von Russland kontrollierten Gebieten in Donezk und Luhansk importiert und somit die illegalen Machthaber dort unterstützt zu haben. Während das Verfahren nach der vollumfänglichen Invasion ausgesetzt wurde, verhängte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine 2025 umfangreiche und unbefristete Sanktionen gegen Poroschenko. Die Sanktionen, die außerhalb eines ordentlichen Strafverfahrens durch Präsidialerlass in Kraft gesetzt wurden, sehen unter anderem die Blockierung von Vermögenswerten, Reisebeschränkungen, das Einfrieren von Konten und Einschränkungen wirtschaftlicher Aktivitäten vor.
Welche Auswirkungen die gegen Poroschenko erlassenen Sanktionen auf sein Vermögen und seine politischen Einflussmöglichkeiten tatsächlich haben, ist schwer zu sagen. Bereits kurz nach seiner Wahlniederlage 2019 übertrug er seinen Süßwarenkonzern Roshen sowie Ukrprominvest-Agro, einen der größten ukrainischen Agrarkonzerne, formaljuristisch auf seinen Sohn Oleksij und sicherte seine Kernunternehmen somit gegen unmittelbaren staatlichen Zugriff. Auch seine zwei Fernsehsender hatte er 2021 bereits an Personen aus seinem Umfeld veräußert. Die Sender beteiligen sich nicht am »Telemarathon« und berichten äußerst kritisch über Selenskyj und die Regierung.
Schätzungen gehen davon aus, dass Poroschenkos Vermögen in den vergangenen Jahren ungeachtet des russischen Angriffs und des gegen ihn laufenden Strafverfahrens gewachsen ist, unter anderem durch Dividenden und ausländische Investments. Auch die sich im Familienbesitz befindenden Unternehmen konnten nach Russlands Vollinvasion trotz kriegsbedingter Lieferkettenprobleme und Energieengpässe weitgehend profitabel wirtschaften. Produktionsstandorte sind vor allem in den Regionen Winnyzja und Poltawa in der westlichen bzw. östlichen Zentralukraine sowie in Kyjiw. Eine frühere Roshen-Fabrik im russischen Lipezk, die bis 2017 in Betrieb war, wurde 2024 von russischen Behörden verstaatlicht. Direkte kriegsbedingte Zerstörungen erfolgten zuletzt im Februar 2026, als das größte Logistikzentrum von Roshen durch einen russischen Luftangriff nahezu vollständig zerstört sowie eine Produktionsstätte des Süßwarenunternehmens in Kyjiw stark beschädigt wurden.
Seit der vollumfänglichen russischen Invasion zählt auch Poroschenko zu einem der größten privaten Sponsoren der ukrainischen Streitkräfte. Über seine eigene Stiftung und in Zusammenarbeit mit der eng mit Poroschenkos Partei »Europäische Solidarität« verbandelten Fundraising-Initiative »Sprawa Hromad« hat er eigenen Angaben zufolge seit Februar 2022 Geräte und Technik für die ukrainischen Streitkräfte im Wert von etwa 150 Mio. Euro gespendet, darunter Aufklärungs- und Kampfdrohnen, Fahrzeuge, Baumaschinen, Munition und Ausrüstungen wie Starlink-Systeme, ebenso wie mobile Kommando-, Werkstatt-, Reparatur- und Hygienemodule für die Front, die »Sprawa Hromad« aus Containern fertigen lässt. Aufbauten dieser Art, die unter anderem Wasch- und Duschmöglichkeiten bereitstellen, wurden zuletzt auch für die Zivilbevölkerung in Kyjiw zur Verfügung gestellt. Genaue Angaben darüber, in welchem Verhältnis Poroschenkos private Spenden und Fundraising-Erlöse von »Sprawa Hromad« stehen, liegen derweil nicht vor. Es gibt jedoch Medienberichte, aus denen hervorgeht, dass Poroschenko die durch Fundraising der NGO »Sprawa Hromad« erzielten Spenden verdoppelt.
Poroschenko inszeniert sein Engagement offen und nutzt es zugleich zur politischen Profilierung als konsequenter Vertreter eines harten Kurses gegenüber Russland. Neben deutlicher Kritik an der politischen Führung in Kyjiw bringt er dabei auch seine eigenen politischen Ambitionen deutlich zum Ausdruck. Die mit seinen Spenden einhergehende Selbstprofilierung wurde von Beobachtern als ein Grund dafür herangezogen, dass die von Selenskyj erlassenen Sanktionen auch Restriktionen im Bereich der Beschaffung im Verteidigungsbereich umfassen.
Fazit
Die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte im Krieg gegen Russland sowie humanitäre Hilfen für die ukrainische Zivilbevölkerung sind kein patriotisch-altruistischer Impuls der Oligarchen. Vielmehr handelt es sich um ein strategisch vielschichtiges Handeln.
Im Unterschied zum Beginn des Krieges im Donbas 2014, als die Oligarchen aufgrund wirtschaftlicher Interessen oft keine klare Stellung bezogen, sich abwartend verhielten und sich vor allem auf philanthropische Aktivitäten konzentrierten, tragen sie seit 2022 durch ihre finanziellen Ressourcen zum militärischen Widerstand gegen Russland bei und stabilisieren damit unmittelbar die Verteidigungsfähigkeit des Staates. Der Fortbestand einer souveränen Ukraine ist für sie eine zentrale Voraussetzung zur Sicherung verbliebener Vermögenswerte und unternehmerischer Handlungsspielräume. Ein russischer Sieg oder eine territoriale Zersplitterung der Ukraine würden nicht nur weitere materielle Verluste nach sich ziehen, sondern auch die Grundlagen ihres Wirtschaftens unterminieren. In Mariupol z. B. zeigt sich heute bereits sehr deutlich, wie unter russischer Besatzung neue Eliten entstehen und ukrainische Unternehmen plündern. Insofern ist ihr Engagement in erster Linie Ausdruck sicherheitspolitischen Eigeninteresses (siehe Tabelle 2).

Zugleich betreiben sie Reputationsmanagement und definieren ihre gesellschaftliche Rolle unter veränderten politischen Vorzeichen neu. Insbesondere die Unterstützung der Streitkräfte dient dabei auch der Selbstpositionierung im öffentlichen Diskurs. In einer Gesellschaft, die erstens vollumfänglich unter dem russischen Angriffskrieg leidet, und die zweitens sehr hohes Vertrauen in die eigene Armee hat, präsentieren sie sich als verantwortungsbewusste nationale Akteure oder unterstreichen, wie im Fall Poroschenkos, sehr deutlich ihre politischen Ambitionen. Die sichtbare Beteiligung an staatlich-gesellschaftlichen Notlagen, hier im existenziellen Abwehrkampf gegen Russlands Invasion, stärkt ihre jeweils individuelle Rolle als »systemische Akteure«. Gleichzeitig verfolgen sie damit auch langfristige strategische Ziele mit Blick auf die Nachkriegsordnung. Durch ihre Beiträge zur Verteidigung, aber auch in ihrer Rolle als Arbeitgeber und Steuerzahler während des Krieges, positionieren sie sich als loyale und potenziell unverzichtbare Partner beim Wiederaufbau und bei der künftigen Ausgestaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.