Einleitung
Nominal ist die Wirtschaft der Ukraine viel kleiner als die Russlands. Im Jahr 2025 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Ukraine etwa 209 Milliarden US-Dollar, während das Russlands bei 2,54 Billionen US-Dollar lag. Seit vier Jahren befindet sich die Ukraine in intensiven Kämpfen gegen einen weitaus stärkeren Gegner. Sie hat ihre Verteidigung dank westlicher militärischer Unterstützung und einer raschen Umstellung auf Kriegswirtschaft aufrechterhalten. Seit 2024 sind neue Militärtechnologien, insbesondere unbemannte Systeme, zu einem wesentlichen Bestandteil der wirtschaftlichen Mobilisierung und Kampfkraft der Ukraine geworden.
First-Person-View (FPV)-Drohnen wurden 2023 auf dem Schlachtfeld allgegenwärtig. Der Masseneinsatz von Drohnen wurde durch den gravierenden Mangel der Ukraine an Artilleriemunition ausgelöst. Was als vorübergehende Lösung begann, wurde schnell zu einem wichtigen neuen Kampfmittel. Die FPV-Drohnenproduktion der Ukraine stieg von geschätzten 3.000–5.000 Einheiten im Jahr 2022 auf rund 300.000 Einheiten im Jahr 2023. Im Jahr 2024 erreichte sie etwa 1,7 Millionen Einheiten und stieg 2025 weiter auf rund 3 Millionen Drohnen an. 2026 kann die ukrainische Rüstungsindustrie jährlich mehr als 7 Millionen FPV-Drohnen produzieren (s. Grafik 1). Dieses Ausmaß ist in Europa unübertroffen. Der Drohnenvorteil der Ukraine beruht auf ihrem dezentralen Produktionsmodell: Derzeit stellen mehr als 500 Unternehmen Drohnen her, wobei der Privatsektor für bis zu 90 Prozent der FPV-Drohnenproduktion verantwortlich ist.

Im Jahr 2026 hat die Ukraine begonnen, sich von einem Empfänger von Hilfsgütern zu einem Sicherheitsakteur zu wandeln. Seit der Aufhebung einiger unter Kriegsrecht verhängter Exportbeschränkungen hat Kyjiw ein System »kontrollierter Exporte« ukrainischer Waffen eingerichtet. Die Einnahmen aus diesen Exporten werden etwa zur Wiederauffüllung von Vorräten an der Front verwendet. Die Ukraine hat Drohnenproduktionsstätten in Deutschland eröffnet und Waffenexportzentren in ganz Europa eingerichtet.
Dieser Artikel untersucht die Hauptmerkmale der drohnenbasierten Kriegswirtschaft der Ukraine und identifiziert ihre strukturellen Stärken und Schwächen. Er zeigt, dass die Erfahrungen der Ukraine kein Modell sind, das eins zu eins nachgeahmt werden sollte, sondern vielmehr als kritische Fallstudie dienen kann, wie sich industrielle Flexibilität, Beschaffungsstrategien und dezentrale Innovation auf militärische Performanz in langen, intensiven Konflikten auswirken. Diese Erfahrung ist für die Rüstungs- und Verteidigungstransformation in ganz Europa von Bedeutung und für die baltischen und andere Staaten der Ostflanke von besonderer Dringlichkeit.
Europa kann vier Lehren aus den ukrainischen Erfahrungen ziehen. Erstens: Dezentrale Ökosysteme sind leistungsfähiger als plattformzentrierte Rüstungswirtschaftsmodelle. Zweitens: Anpassungsgeschwindigkeit ist wichtiger als technische Perfektion. Drittens: Strategische Autonomie erfordert selektive Souveränität. Viertens: Die gesamteuropäische Drohnenverteidigung kann nur hinreichend leistungs- und anpassungsfähig werden, wenn die Ukraine als ihr zentraler operativer Pfeiler und nicht als peripherer Partner fungiert.
Wie sich Volkswirtschaften Kriegen anpassen: der ukrainische Fall
Angesichts begrenzter finanzieller Ressourcen und des Rückgangs der Industriekapazitäten aus der Sowjetzeit konnte sich Kyjiw nicht allein auf traditionelle zentralisierte Mobilisierung verlassen. Russlands Verteidigungsausgaben beliefen sich 2025 auf rund 160 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 44 Milliarden US-Dollar in der Ukraine. Dieses strukturelle Ungleichgewicht bei den Ressourcen zwang Kyjiw zu dezentraleren und kosteneffizienteren Formen der militärischen Produktion. Die Ukraine hat ein hybrides Modell militärisch-industrieller Mobilisierung geschaffen: eine Mischung aus staatlich finanzierten Beschaffungen und Subventionen, an denen verschiedene Teile der Privatwirtschaft, große Freiwilligennetzwerke und schnelle informelle Rückmeldungskanäle vom Schlachtfeld zu Unternehmen und NGOs beteiligt sind.
Diese Form der Mobilisierung war notwendig, da sich die Natur des Krieges zu dem wandelte, was inzwischen als Drohnen- und Roboterkrieg bekannt ist. Infolgedessen ist die Drohnenproduktion zu einem Schlüsselelement der ukrainischen ökonomischen Nachfragestruktur, Arbeitsteilung und Beschaffungslogik geworden, das nicht nur eine militärisch-industrielle Fähigkeit, sondern einen neuen Wirtschaftssektor darstellt. Der Staat spielt zwar nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Ankurbelung der Nachfrage durch Beschaffung, Subventionen und Auftragsvergabe. Er reguliert die Produktion jedoch nicht vollständig. In solchen Bereichen wie unbemannte und elektronische Kampfsysteme sowie taktische Software konkurrieren Hunderte kleiner und mittlerer Unternehmen eher in Bezug auf Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und Nachhaltigkeit als in Bezug auf ihre Größe.
Der Ukraine gelang es, die Drohnenproduktion nicht durch einen nationalen Marktführer, sondern durch Schaffung paralleler Produktionsstätten zu steigern, die sich auf Komponenten, Montage, Software und Integration der Waffen auf dem Schlachtfeld spezialisieren. Dieses dezentrale System ähnelt in gewisser Weise früheren Formen von Keynesianismus in Kriegszeiten, bei denen staatliche Ausgaben die Nachfrage und Produktion steigern, während ein relativ freier Wettbewerb die Anpassungsfähigkeit des Gesamtsystems aufrechterhält. Rückkopplungsschleifen verbinden Fronttruppen und Einheitskommandeure mit Ingenieuren im Hinterland und treiben Innovationen schneller voran als es traditionelle Produktionsplanung im Verteidigungsbereich zulässt.
Die Kriegswirtschaft der Ukraine ist freilich nicht durchgängig dezentralisiert. Traditionelle Sektoren wie das Bauwesen, die Kraftstoffversorgung und bestimmte Bereiche traditioneller Rüstungsbeschaffung weisen nach wie vor monopolistische Tendenzen und damit verbundenes rentenorientiertes Verhalten auf, wie jüngste ukrainische Antikorruptionsermittlungen gezeigt haben. Der Drohnensektor sticht jedoch nicht deshalb hervor, weil er frei von Korruptionsrisiken ist, sondern weil seine Struktur Ineffizienz bestraft und schnelle Anpassung sowie substanzielle Ergebnisse belohnt.
Das hybride Modell der Ukraine wird auch geprägt von seiner Integration mit einer Reihe westlicher Partner, der Einführung von NATO-Interoperabilitätsstandards, der Nutzung von EU-Mitteln, direkten Technologietransfers und dem Zugang zu globalen kommerziellen Lieferketten. Westliche Instrumente wie Starlink, kommerzielle KI-Modelle und Open-Source-Software haben schnelle Anpassungen auf taktischer Ebene ermöglicht und ein Wettbewerbsumfeld zwischen kleinen und mittleren Unternehmen, NGOs und aufstrebenden Start-ups im Bereich Verteidigungstechnologie geschaffen. Dies hat der Ukraine Vorteile in puncto Innovationsgeschwindigkeit verschafft, während auf der anderen Seite Russland weiterhin Stärken bei der Skalierung und Aufrechterhaltung einmal ausgewählter Produktionslinien besitzt.
Von industrieller Skalierung zur Schlachtfeldwirkung
Seit 2022 hat sich die Ukraine von einem Importeur und Nutzer von Drohnen auf dem Schlachtfeld zu einem der weltweit größten und innovativsten Hersteller und Betreiber unbemannter Systeme entwickelt. Im Jahr 2025 wurden die ukrainischen Streitkräfte mit etwa 3 Millionen FPV-Drohnen ausgestattet, fast 2,5-mal mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Die gesamten britischen Streitkräfte bestellten im selben Jahr rund 3.500 FPV-Drohnen zu Test- und Evaluierungszwecken.
Auf taktischer Ebene haben Drohnen das Frontgefecht grundlegend verändert. FPV-Systeme zum Preis von 300–400 US-Dollar pro Stück sind zu einer Alternative zu Artilleriegeschossen geworden, die 800–9.000 US-Dollar pro Stück kosten, wodurch die Ukraine ihren Mangel an konventionellen Waffen ausgleichen und dem Feind unverhältnismäßig hohe Verluste zufügen kann. Einige ukrainische Einschätzungen führen inzwischen bis zu 90 Prozent der Verluste der russischen Streitkräfte auf Drohnenangriffe zurück. Die Einsatzzyklen haben sich von Stunden auf Minuten verkürzt, und die kontinuierliche Luftaufklärung ermöglicht eine Erkennung und Zielerfassung nahezu in Echtzeit. Operationen wie der »Spiderweb«-Angriff im Juni 2025 veranschaulichen die strategische Asymmetrie: 117 FPV-Drohnen, die jeweils bis zu 1.000 US-Dollar kosteten, sollen mehr als 40 russische Flugzeuge der strategischen Bomberflotte beschädigt oder zerstört haben und Verluste in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar verursacht haben (s. Grafik 2). Eine ähnliche Einsatz- und Kostenlogik gilt für die Luftabwehr. Bis 2025 hatte die Ukraine die Kapazität aufgebaut, täglich bis zu 1.000 Abfangdrohnen zu produzieren – wirksam gegen tief fliegende Ziele, die konventionellen Luftabwehrsystemen entgehen.

Über die taktische Ebene hinaus zielen Drohnenangriffe aus großer Entfernung zunehmend auf Ölförder-, Raffinerie- und Kraftstoffinfrastrukturen, die Hunderte von Kilometer von der Frontlinie entfernt liegen. Dadurch wird systematischer wirtschaftlicher Druck ausgeübt und eine Umverteilung von Ressourcen erzwungen. Selbst hergestellte unbemannte Systeme ermöglichen es der Ukraine, Ziele im Hinterland anzugreifen und gleichzeitig diplomatische sowie finanzielle Problemlagen des Einsatzes von Langstreckenwaffen zu neutralisieren: Ukrainische Drohnen kosten zwischen 500 und 20.000 US-Dollar, verglichen mit über 1 Million US-Dollar pro Stück für westlich gelieferte Raketen wie ATACMS oder Storm Shadow, deren Verwendung zudem politischen Beschränkungen unterliegen können.
Eine Erkenntnis aus der Erfahrung der Ukraine lautet, dass eine groß angelegte Rüstungsindustrie nicht immer zu einem Vorteil auf dem Schlachtfeld führen muss. Während Drohnen taktische Erfolge erzielt haben, erfordert die Aufrechterhaltung eines strategischen Vorteils qualifiziertes Personal und die Integration der Produktion über verschiedene Wirtschaftsbereiche hinweg. Der Wert der ukrainischen Drohnenwirtschaft ergibt sich nicht nur aus ihrem Produktionsvolumen, sondern auch aus ihrer Fähigkeit, im andauernden Wettstreit der unbemannten und elektronischen Kriegsführung schneller reagieren zu können als Russland.
Die elektronische Kriegsführung prägt die Wirksamkeit von Drohnen auf beiden Seiten. Russische Systeme stören oder manipulieren häufig Satellitennavigation und Funkverbindungen, was ukrainische Betreiber und Ingenieure dazu zwingt, sich ständig anzupassen. Diese Dynamik hat den Drohnensektor in einen raschen Innovationszyklus gedrängt, der sich eher auf das zivile Ingenieurserbe der Ukraine stützt – Open-Source-Software, 3D-Druck-Communities, Universitätslabore und kommerzielle Elektronik – als auf die traditionelle Verteidigungsindustrie.
Strukturelle Grenzen und Risiken der ukrainischen Drohnenwirtschaft
Das Drohnen-Ökosystem der Ukraine hat unter extremem Druck beeindruckende Innovations- und Produktionsleistungen erzielt. Seine Wirksamkeit beruht jedoch auf fragilen wirtschaftlichen und institutionellen Grundlagen. Ein zentrales Problem ist die kurzfristige, reaktive Beschaffungspraxis.
Ohne vorhersehbare, mehrjährige Nachfragemengen haben die Unternehmen Schwierigkeiten, die Produktion zu planen, qualifizierte Arbeitskräfte zu halten und in Innovationen zu investieren. Hersteller stocken ihre Kapazitäten in Zeiten hoher Nachfrage manchmal auf, ohne zu wissen, wie viele ihrer Produkte letztlich gekauft werden. Der Preiswettbewerb bei der dezentralen Beschaffung zwingt oft zu Kosteneinsparungen, was bedeutet, dass die Truppen an der Front das Testen sowie ggf. das Modifizieren und Reparieren der Drohnen übernehmen, bevor diese eingesetzt werden können. Einige Brigaden berichten, dass ein großer Teil der eingehenden Drohnen nachbearbeitet werden muss.
Die größte Schwachstelle der ukrainischen Drohnenproduktion ist ihre Abhängigkeit von langen, ins Ausland reichenden Lieferketten. Fast 89 Prozent der ukrainischen Drohnenhersteller geben China als ihre Hauptquelle für importierte Teile an, und Peking hat seit 2023 die Kontrolle über Drohnentechnologie und Seltene Erden verschärft, was zu Engpässen und Preisschwankungen führt. Eine besonders paradoxe Einschränkung besteht darin, dass die derzeitige ukrainische Produktionskapazität weit über das hinausgeht, was der Staat zuverlässig einkaufen und an die Front liefern kann. Dennoch müssen Einheiten unter Umständen Wochen oder Monate auf bestellte Waffen warten, und hochmoderne Drohnen können bereits veraltet sein, wenn sie die Front erreichen.
Die ukrainische Rüstungsindustrie beschäftigt Hunderttausende von Arbeitnehmern, darunter mehr als 60.000 Menschen, die direkt an der Drohnenproduktion beteiligt sind. Doch sieht sich das Drohnen-Ökosystem mit einem Arbeitskräftemangel konfrontiert. Seit 2022 sind mehr als 120.000 Fachkräfte aus den Bereichen IT und Ingenieurwesen ins Ausland abgewandert. Ende 2025 meldeten private Drohnenhersteller einen kritischen Mangel an jungen Fachkräften, die in der Lage sind, fortschrittliche Lösungen zu entwerfen und umzusetzen. Die Hersteller sind zunehmend auf Studierende technischer Hochschulen angewiesen, um diese Lücken zu schließen.
Ein Waffenstillstand oder ein Friedensszenario würde das Problem militärisch-industrieller Überkapazitäten sprunghaft erhöhen. Sollte es zu einer raschen Friedenslösung kommen, könnte die Nachfrage stark zurückgehen, wodurch Fabriken zum Stillstand kommen und Milliarden an Investitionen in diesem Sektor verloren gehen könnten. Um diese Risiken zu mindern, hat die Ukraine einen Vorstoß in den europäischen Markt begonnen und gemeinsame EU-Ukraine-Drohnenproduktionsprojekte ins Leben gerufen, darunter die Eröffnung von Drohnenproduktionsstätten in Deutschland und Waffenexportzentren in ganz Europa.
Warum der Drohnenkrieg der Ukraine für Europa von Bedeutung ist
Die Kriegserfahrungen der Ukraine sind nicht vollständig auf andere Länder übertragbar. Künftige militärische Konflikte in Europa oder anderswo würden den aktuellen Bedingungen der Ukraine, wenn überhaupt, nur teilweise ähneln. Dennoch liefert die drohnenbasierte Kriegswirtschaft der Ukraine mehrere wertvolle Lehren für die europäische Rüstungs- und Verteidigungspolitik hinsichtlich der institutionellen Strukturen, Beschaffungspraktiken und Organisation militärisch-industrieller Kapazitäten.
Lektion 1: Dezentrale industrielle Ökosysteme sind widerstandsfähiger als plattformzentrierte Mobilisierung
Im Gegensatz zu traditionellen Modellen der Kriegsmobilisierung ist die Ukraine nicht von einigen wenigen großen, staatlich unterstützten Rüstungsunternehmen abhängig. Stattdessen hat sie ein dezentrales Produktionsökosystem aufgebaut, das sich aus Privatunternehmen, freiwilligen Ingenieursgruppen, Universitätslabors und Werkstätten an der Front zusammensetzt.
Im Gegensatz dazu konzentriert sich die europäische Rüstungsbeschaffung nach wie vor auf eine begrenzte Anzahl dominanter nationaler und transnationaler Auftragnehmer wie Airbus, Rheinmetall, Thales, Leonardo und BAE Systems. Diese arbeiten mit langfristigen Verträgen, festen technischen Spezifikationen und mehrjährigen Entwicklungszyklen. Dieser Ansatz legt in Friedenszeiten den Schwerpunkt auf Effizienz, Vorhersehbarkeit und Compliance. Jüngste Äußerungen von Armin Papperger, dem Vorstandsvorsitzenden von Rheinmetall, unterstrichen diese Ausrichtung. Sie stießen in der Ukraine auf scharfe Kritik, auch weil sie den Anschein erweckten, traditionelle Beschaffungslogiken hätten einen Vorrang vor den dringenden Erfordernissen in Kriegszeiten.
Die derzeitige Struktur des militärisch-industriellen Komplexes in Europa dürfte in Kriegszeiten zu gravierenden institutionellen Problemen und materiellen Anfälligkeiten führen. Verzögerungen oder Störungen, die einen Hauptauftragnehmer betreffen, könnten sich auf das gesamte System auswirken. In der Ukraine stellen Dutzende kleiner und mittlerer Hersteller Kernkomponenten für Drohnen her, was eine schnelle Substitution ermöglicht, wenn bisherige Lieferanten nicht mehr liefern können oder bestimmte Technologien veralten.
Lektion 2: Anpassungsgeschwindigkeit ist wichtiger als technische Perfektion
Ukrainische Drohnensysteme werden rasch eingesetzt, im Kampf getestet, auf der Grundlage von Rückmeldungen von der Front modifiziert und dann innerhalb weniger Wochen erneut eingesetzt. Anfängliche und sogar anhaltende Fehlschläge werden als normaler Teil des Verbesserungs- und Lernprozesses angesehen. Eine dezentrale Industriestruktur kann unterschiedliche Beschaffungskulturen fördern.
In der EU sind Verteidigungsbeschaffungen mit langwierigen Zertifizierungs- und Qualifizierungsverfahren verbunden. Diese sollen Risiken technischer, finanzieller und politischer Art verringern. Großprojekte, die aus dem Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) finanziert werden, benötigen oft fünf bis zehn Jahre bis zum operativen Einsatz, selbst bei bereits ausgereiften Technologien.
Während diese Verfahren für große und langlebige Plattformen funktionieren, eignen sie sich nicht für kleinere und sich schnell verändernde Systeme wie Drohnen. Gemäß den EDF-Leitlinien kann es nach der Auswahl eines Projekts 12 Monate oder länger dauern, bis – von der Antragstellung bis zur Finanzierungsvereinbarung – die technische Entwicklung überhaupt beginnt. In Kombination mit mehrjährigen Entwicklungsphasen führt dies zu einer, im Vergleich zu ukrainischen kampferprobten Beschaffungsmodellen, sehr langsamen Umsetzung von EU-Verteidigungsprojekten.
Darüber hinaus arbeiten ukrainische Ingenieure und Programmierer, ob aus dem militärisch-industriellen Komplex oder von außerhalb, direkt mit Kampfeinheiten zusammen, erhalten Echtzeit-Feedback und halten diesen Kreislauf ständig aufrecht, was schnelle Anpassungen ermöglicht. In der EU ist eine solche direkte und ständige Interaktion zwischen zivilen Entwicklern und Anwendern an der Front ungewöhnlich und bisher durch verschiedene rechtliche und sicherheitstechnische Hindernisse eingeschränkt.
Lektion 3: Strategische Autonomie erfordert selektive Souveränität
Trotz einer Steigerung der europäischen Produktionskapazitäten werden viele Schlüsselkomponenten wie Motoren, Batterien, elektronische Drehzahlregler, Grundrahmen und Low-End-Chips nach wie vor aus China bezogen. Geopolitische Spannungen oder ein außenwirtschaftspolitischer Kurswechsel in Peking könnten zu ernsthaften Lieferproblemen führen. Darüber hinaus ist Russland auf dieselben globalen Lieferketten angewiesen, was zu einem bizarren Wettbewerb der Kriegsgegner um ein und dieselben Bauteile führt.
Die gesamte Wertschöpfungskette für Drohnen vollständig zu lokalisieren würde freilich die Stückkosten erheblich erhöhen und die derzeitige Produktion verlangsamen. Ein plötzlicher Lieferstopp im Falle einer neuen militärischen Eskalation in Europa, Asien oder anderswo könnte allerdings dazu führen, dass Europa gerade zu einem Zeitpunkt, in dem Menge entscheidend ist, weniger Systeme bauen kann. Einer solchen Krisensituation muss durch Herstellung selektiver Souveränität bezüglich entscheidender und nicht einfach ersetzbarer Bauteile noch vor Ausbruch einer neuen Krise vorgebeugt werden.
Lektion 4. Ein europäisches Drohnenabwehrsystem bleibt ohne die Ukraine reaktiv
Für die baltischen und andere Staaten an der Ostflanke ist die Frage einer effektiven Drohnenabwehr keine Zukunftsherausforderung, sondern eine bereits heute dringende Notwendigkeit. Die jüngsten Verteidigungsinitiativen der EU an der Ostflanke werden zwar wichtige neue Kapazitäten schaffen. Sie werden jedoch nur mit Verzug wirksam und nur bedingt an die neuesten technischen und taktischen Entwicklungen angepasst sein, wenn das operative Know-how der Ukraine nicht in sie einfließt.
Das häufige Eindringen russischer Drohnen in den Luftraum der EU und NATO zeigt, dass Europa bereits heute einer anhaltenden Bedrohung aus der Luft ausgesetzt ist und nicht über ausreichend unaufwändige Gegenmaßnahmen verfügt. Zuletzt wurden Ende Mai in Rumänien durch eine russische Drohne auf ein Hochhaus zwei Menschen verletzt. Die Ukraine ist derzeit der einzige europäische Akteur, der russische Drohnen systematisch und kostengünstig in großem Umfang aufspürt, abfängt und zerstört. Langstreckendrohnen der Ukraine attackieren zudem die Startplätze, Logistikzentren und Produktionsstätten in Russland – Maßnahmen, welche EU- und NATO-Mitgliedstaaten nicht selbst direkt durchführen können, ohne eine große Eskalation zu riskieren. Aus diesen und anderen Gründen dienen Investitionen in die Drohnen- und Drohnenabwehrfähigkeiten der Ukraine für die Union als eine Art Vorwärtsverteidigung, die die Anzahl und Intensität der Bedrohungen für die EU-Mitgliedsstaaten verringert, bevor die Drohnen ihren Luftraum erreichen.
Darüber hinaus ist die Ukraine heute Europas wichtigstes Trainings-, Test- und Lerngebiet im Bereich der Drohnenkriegsführung. Die ukrainischen Streitkräfte haben es mit allen möglichen Varianten russischer Luftkriegsführung zu tun: von Täuschungswellen bis hin zu Sättigungsangriffen, Höhenwechseln, Navigation ohne GPS-Signal, elektronischer Kriegsführung und gemischten Drohnen-Raketen-Angriffen, und das unter Kampfbedingungen, die kein NATO-Mitglied bisher erlebt hat.
Die dadurch entstehende Lücke zeigte sich während der Übung »Hedgehog 2025« in Estland. Nur zehn ukrainische Soldaten, die als gegnerische Streitkraft auftraten, besiegten zwei volle NATO-Bataillone. Sie simulierten die Zerstörung von 17 gepanzerten Fahrzeugen und führten innerhalb eines halben Tages 30 Angriffe durch. Ein beobachtender NATO-Kommandeur fasste das Ergebnis Berichten zufolge in drei Worten zusammen: »Wir sind am Ende.« Diese Erkenntnis setzt sich allmählich auch auf politischer Ebene durch. Bundeskanzler Friedrich Merz hat gefordert, dass Deutschland aus den militärischen Erfahrungen der Ukraine lernen müsse.
Fazit
Die Drohnenwirtschaft der Ukraine zeigt, dass kleine und mittlere Staaten keine vollständige Verteidigungsindustrie mit autonomen Lieferketten aufbauen müssen, um ihre Abschreckungsfähigkeit zu verbessern. Moderne Drohnen- und Anti-Drohnen-Systeme sind komplex und erfordern Abstimmung der Luftabwehr, der elektronischen Kriegsführung und Kommandostrukturen. Kleinere EU-Mitgliedstaaten können sich strategisch auf bestimmte Teile dieses Systems konzentrieren. Indem sie bestimmten Nischen, wie Abfangdrohnen oder Komponenten der elektronischen Kriegsführung, Priorität einräumen und die öffentliche Beschaffung darauf ausrichten, können etwa die baltischen Staaten und Länder an der Ostflanke wirksame lokale Fähigkeiten entwickeln.
Die EU könnte demnächst vor der Nachkriegsherausforderung eines potenziellen Drohnen-Mangels gegenüber einem ukrainischen Drohnen-Überhang stehen. Wenn der Russisch-Ukrainische Krieg endet, wird die Ukraine nach wie vor über das größte Ökosystem für die Entwicklung und Herstellung einsatzfähiger Drohnen außerhalb der Vereinigten Staaten und Chinas verfügen. Die EU sollte diese Fähigkeiten durch Koproduktion und gemeinsame Zertifizierung integrieren. Um daraus einen dauerhaften Nutzen zu ziehen, sollte die EU solche Bemühungen durch eine Art EU-Ukraine-Drohnen-Pakt formalisieren, der gemeinsame Technologieentwicklung und Exportplanung mit Wegen zur Wiedereingliederung von ukrainischen Fachkräften verknüpft.
Der Krieg in der Ukraine hat rüstungswirtschaftliche Transformations- und Entwicklungsgeschwindigkeit als einen neuen Maßstab für Verteidigung und Abschreckung in den Vordergrund gerückt. Was im Kriegsfall zählt, ist, wie schnell eine Gesellschaft zivile Ingenieure und Programmierer zu Rüstungsspezialisten fortbilden kann. Europa sollte vor diesem Hintergrund in Weiterbildungsmaßnahmen und duale Karrierewege investieren.
In der Ukraine muss die derzeit hochintensive und -extensive Drohnenwirtschaft nicht zwangsläufig zur dauerhaften Militarisierung der ukrainischen Industrie führen. Gezielte staatliche Beschaffungs- und Investitionsprogramme sollten auf dezentraler Basis kleinere und mittlere Unternehmen befähigen, Arbeitsplätze nach Kriegsende zu erhalten, sowie Innovationen im Bereich Dual-Use begünstigen und exportrelevante Kompetenzen entwickeln, so dass die derzeit großen ukrainischen »drohnisierten« Wirtschaftszweige nicht an ständige Verteidigungsausgaben gebunden bleiben. »Drohnisierung« bezieht sich in diesem Sinne auf die Widerstandsfähigkeit und Flexibilität einer Gesellschaft und nicht auf eine dauerhafte Militarisierung der Wirtschaft. Es geht um die Fähigkeit, zivile Ingenieurskompetenzen rasch in wirksame Rüstungs- und Verteidigungsergebnisse umzusetzen und sie anschließend wieder in den zivilen Bereich zurückführen zu können. Europa kann diesen Ansatz proaktiv verfolgen, indem es bereits in Friedenszeiten gezielt staatliche Nachfrage und industrielles Angebot derart gestaltet, dass es nicht erst eines vollumfänglichen Krieges bedarf, eine kostspielige forcierte Militarisierung der Volkswirtschaft zu initiieren.