In der Linken der Wodka, in der Rechten der Koran. Zum Phänomen des Volksislam im postsowjetischen Zentralasien

Von Bahodir Sidikov

Zusammenfassung
Wie der Begriff Zentralasien ist die zusammenfassende Bezeichnung zentralasiatischer Islam ein Hilfskonstrukt. Der Islam ist auch in Zentralasien kein Monolith, sondern er äußert sich in so vielfältigen Erscheinungsformen, dass man mit einiger Berechtigung von einem kasachischen, kirgisischen, usbekischen, turkmenischen und tadschikischen Islam oder auch vom Islam der ehemaligen Nomaden und dem der urbanen Bevölkerung sprechen kann. Damit würde man auch den großen Unterschieden zwischen (sub)ethnischen und lokalen Ausprägungen des Islam in der Region Rechnung tragen. Doch lassen sich auch Gemeinsamkeiten ausmachen. Hierzu zählt die Fähigkeit der zentralasiatischen Ausprägungen des Islam zur Einbeziehung von Verhaltensweisen, die mit klassischen Lehren nicht vereinbar sind. Auch lässt sich, wie in anderen Teilen der islamischen Welt, ein ausgeprägter Radikalismus beobachten, der jedoch eine andere Genese hat. Zudem ist die Struktur des religiösen Fatalismus (Glaube an die absolute Vorherbestimmung des Schicksals durch Gott) eine andere. Nicht zuletzt ist ein »Sonderweg« in den Gleichheitsidealen und einer einmaligen Ritualgläubigkeit zu sehen, die mancherorts den »wahren« Glauben zu ersetzen scheint.

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Analyse

Die blauen Kuppeln von Leninabad. Geschichte, Charakter und aktuelle Herausforderungen einer zentralasiatischen Stadt am Beispiel des tadschikischen Chudschand

Von Wladimir Sgibnev
Die Städte Zentralasiens und ihre Bewohner sind auf der Suche nach ihrer Identität zwischen aus der Zeit der Seidenstraße ererbten Medresen und traditionellen Basaren auf der einen und sowjetischen Plattenbauten und Industrieanlagen auf der anderen Seite. Gleichzeitig führen die vielfältigen sozioökonomischen Probleme seit der Unabhängigkeit zu einem Zerfall der Infrastruktur und einer Ruralisierung der »gewohnten« Stadt, während die zentralasiatischen Eliten nach einem auch architektonischen Anschluss an die Moderne streben. Der folgende Artikel umreißt diese Probleme am Beispiel einer tadschikischen Provinzstadt.
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Analyse

Revolutionen in Zentralasien? Der »Arabische Frühling« als Herausforderung für die Region

Von Andrea Schmitz, Alexander Wolters
Die Proteste in der arabischen Welt werden in Zentralasien lebhaft rezipiert und wecken dort Hoffnungen und Befürchtungen. Wie in den Revolutionsländern der arabischen Welt ist die Altersgruppe der 15 – 24-Jährigen in Zentralasien überproportional stark vertreten, und auch dort kreieren politische Entmündigung und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit hohe Frustrationspotentiale. Gleichzeitig haben der Ausbau neuer Kommunikationstechnologien und damit der Zugriff auf soziale Medien die Ereignisse in Tunesien, Ägypten und Libyen in den eigenen Erfahrungshorizont gerückt. Die staatlichen Autoritäten in Zentralasien begegnen dem neuen Grad der Vernetzung über das Internet und neuen Hoffnungen auf Veränderung mit verstärkten Kontroll- und Zensurmaßnahmen, die sozialen Protest zwar in Schach halten, dessen Ursachen jedoch nicht berühren und den Anschluss Zentralasiens an die digitale Welt auf Dauer nicht verhindern werden.
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