Der interethnische Konflikt im Distrikt Kordai 2020. Zu den Hintergründen und der sozialen Lage von Dunganen in Kasachstan

Von Aigul Sadvokassova, Botagoz Rakischewa, Kalamkas Yesimowa, Ainur Maschitowa (alle Staatliche Akademie für staatliche Verwaltung beim Präsidenten der Republik Kasachstan, Nur-Sultan)

Zusammenfassung
der Dunganen, ihre Migrationsgeschichte in das Gebiet des heutigen Kasachstan und den Grad ihrer Integration in die kasachstanische Gesellschaft. Die Dunganen (dungan.: Hui; Hui-Zu; Hoihoi) sind eine Volksgruppe, die in den Grenzgebieten von Kasachstan und Kirgistan lebt und aus den nordwestlichen Regionen Chinas stammt. Bis heute wahren sie, ungeachtet der Grenze zwischen den beiden unabhängigen Staaten, ihren Zusammenhalt, der durch eine gewisse Abgeschlossenheit gegenüber anderen ethnischen Gruppen gekennzeichnet ist. Soziologische Studien haben gezeigt, dass sich die dunganische Gemeinschaft durch einen bestimmten Grad an kultureller und wirtschaftlicher Autarkie auszeichnet. Darüber hinaus sollen in dem Beitrag die Ursachen und Umstände betrachtet werden, die zu den pogromartigen antidunganischen Unruhen im kasachstanischen Distrikt Kordai im Februar 2020 geführt haben. Zu den Faktoren, die den Verlauf und die Entwicklung dieser gewalttätigen Auseinandersetzung beeinflusst haben, gehören die angestaute Unzufriedenheit mit den lokalen Behörden, der Polizei und Justiz, die soziale Stratifizierung und der regionale Schmuggel.

Zur Geschichte der Dunganen

Das Gebiet Dschambyl liegt im Süden von Kasachstan, an der Grenze zu Kirgistan. Die Bevölkerung des Gebietes setzt sich aus zahlreichen Ethnien zusammen. Hier leben Kasachen (72,7 %), Russen (9,8 %), Dunganen (5,2 %), Türken (3,1 %, inklusive Mes’cheten), Usbeken (2,5 %), Kurden (1,4 %) und Aserbaidschaner (1,1 %) (siehe auch Grafik 1 auf s. 7). Angehörige anderer Ethnien machen 4,2 Prozent der Bevölkerung aus. Die Dunganen siedeln recht konzentriert, so stellen sie die Mehrheit der Einwohner der Dörfer Sortobe und Masantschi dar.

Zum besseren Verständnis der Situation hilft ein Blick in die Geschichte und auf die Frage, wie die Dunganen auf das Gebiet des heutigen Kasachstans gelangt sind. Die Geschichte der Umsiedlung der Dunganen auf zentralasiatisches Gebiet nimmt im 19. Jahrhundert ihren Anfang. Eine der ersten Erwähnungen der Dunganen (Hui) ist in den Tagebüchern von Andrej Putinzew, einem russischen Beamten und Übersetzer im damaligen Zollbezirk Buchtarma, enthalten. 1811 wurde er auf Dienstreise in das von der Qing-Dynasie regierte China entsandt, um die Absatzmärkte für den lokalen Handel zu erkunden. Nachdem er in Tacheng und in Kuldscha (heutige Hauptstadt des Kasachischen Autonomen Bezirks Ili im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China) gewesen war, hinterließ er Aufzeichnungen, in denen er seine Reise beschreibt. Sein Tagebuch wurde 1819 in der Zeitschrift »Sibirskij Westnik« (»Sibirischer Bote«) veröffentlicht. Dort werden Tunganen (Dunganen) erwähnt, die sich in Kuldscha niedergelassen haben. Seinen Angaben zufolge gehörten Landwirtschaft und Handel sowie der Betrieb einfachster Gastwirtschaften zu den Hauptbeschäftigungen der Dunganen. Sie predigten den Islam und sprachen Chinesisch. Auch in den Aufzeichnungen von nachfolgenden Beamten und Militärs des Zarenreiches finden die Dunganen Erwähnung, wobei diese sich nahezu alle auf verschiedene Art und Weise mit der Frage nach der Herkunft der Dunganen beschäftigen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es unterschiedliche Theorien gibt, welche die Genese der Dunganen über einen persisch-arabischen, einen turkischen oder einen chinesischen Ursprung ableiten. Ungeachtet dieser unterschiedlichen Ansätze ist es jedoch Tatsache, dass die Dunganen aus der Begegnung und dem Austausch der islamischen und der chinesischen Zivilisation entlang der historischen Seidenstraße hervorgegangen sind.

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Auf dem Gebiet der chinesischen Provinzen Gansu und Shaanxi kam es zwischen 1862 und 1869 zu Aufständen der Volksgruppe der Hui-Zu (Dunganen) gegen die Qing-Dynastie, während gleichzeitig auch die Provinz Xinjiang von Aufruhr und Aufständen anderer muslimischer Völker erschüttert wurde. Im Zuge dieser Aufstände wurde das Dunganische Khanat gegründet, das von 1864 bis 1870 bestand. Zuo Zongtang, der 1867 zum Vizekönig von Gansu und Shaanxi ernannt wurde, begann 1873 eine grausame Strafoperation zur Unterdrückung der Aufstände. Das führte zu einem massenhaften Auszug von Hui-Zu aus dem Reich der Qing-Dynastie, die in den zentralasiatischen Teil des Russischen Reiches übersiedelten. Obwohl die dunganische Gemeinschaft in Kasachstan und Kirgistan nach dem Zerfall der UdSSR durch eine Staatsgrenze geteilt wurde, blieb und bleibt sie ein zusammenhängendes Ganzes: Die verwandtschaftlichen kulturellen und wirtschaftlichen Bindungen sind über die Grenze hinweg sehr eng.

Nach Angaben aus dem Jahr 2010 leben in der Volksrepublik China 10.586.080 Hui (Dunganen), vor allem im Norden des Landes, von Xinjiang bis hin zur Provinz Liaoning, sowie in Peking. Etwas über die Hälfte von ihnen lebt in ländlichen Gebieten. Mit dem Wort Hui werden in China Muslime bezeichnet; die chinesischen Hui, deren Kultur von den muslimischen Ernährungs- und Alltagsregeln geprägt ist, sind Anhänger der hanafitischen Rechtsschule (Madhhab) innerhalb des sunnitischen Islam.

Die ethnische Gruppe der Dunganen heute

Die Dunganen in Kasachstan und Kirgistan stellen kompakt siedelnde Gemeinschaften dar, die jeweils in grenznahen Gebieten leben. Die Grenze zwischen den Ländern ist 1256 Kilometer lang, von den sieben Grenzübergängen liegen drei in unmittelbarer Nähe von Ortschaften, in denen Dunganen leben. Die Bewegung von Dunganen durch diese Grenzübergänge ist regelmäßig und intensiv.

Die Dunganen in den grenznahen Gebieten Kasachstans und Kirgistans sind durch Verwandtschaft oder Heirat mit den Dunganen im jeweils anderen Land verbunden, und bilden somit praktisch eine große zusammenhängende ethnische Gruppe auf beiden Seiten der Grenze. Die Stadt Tokmok (russ.: Tokmak) sowie die Dörfer Iskra, Ken-Bulun und Iwanowka sind die dunganisch geprägten Ortschaften in Kirgistan.

Vor 14 Jahren, am 5. Februar 2006, brach in dem Dorf Iskra (Kirgistan) ein Konflikt zwischen Dunganen und Kirgisen aus, wobei es zu Brandstiftungen, Prügeleien und Schießereien kam. Im Laufe des Konfliktes luden viele dunganische Familien ihr Vieh sowie ihr weiteres Hab und Gut auf Fahrzeuge und verließen eilig das Dorf, wobei viele von ihnen zu Verwandten nach Kasachstan flohen (siehe Karte 1 auf S. 7).

Für die ethnische Gruppe der Dunganen, die im Distrikt Kordai siedelt, ist eine patriarchalische und traditionelle Lebensweise kennzeichnend; frühe Eheschließungen und solche unter blutsverwandten sind üblich. Zudem ist die Gruppe durch einen hohen Grad an Religiosität geprägt. Das erste, was einem beim Betreten der Dörfer Masantschi und Sortobe ins Auge fällt, sind die zahlreichen Moscheen. Die hiesige, bis heute bestehende Teilung innerhalb der ethnischen Gruppe in jaman (»schlecht«) und jachschi (»gut«) ist dabei auch anhand des religiösen Alltags festzumachen, da beide Gruppen unterschiedliche Moscheen besuchen. Dieses politische Schisma geht historisch auf die Haltung der Dunganen zu Bai Yanhu zurück, der 1878 von den damaligen Behörden des russischen Zarenreichs als Dorfvorsteher von Karakunus (heutiges Masantschi) eingesetzt wurde. Die Anhänger Bai Yanhus bezeichneten sich als jachschi und seine Gegner als jaman.

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Die dunganische Sprache gehört zur sinotibetischen Sprachfamilie, die Lexik der Dunganen in Zentralasien unterscheidet sich jedoch von der Lexik der Hui in China, weist jedoch weiterhin sämtliche Merkmale einer isolierenden Sprache (also ohne Flexionsendungen) auf. Für die Sprache der Dunganen in Zentralasien sind chinesische Archaismen aus der Zeit der Ming- und der Qing-Dynastie, phonetische Entlehnungen aus dem Russischen und aus den Turksprachen kennzeichnend. Es gibt viele Wörter aus dem Arabischen und Persischen, die Korantexten entstammen. Die Dunganen in Zentralasien sprechen den chinesischen Shaanxi- und Gansu-Dialekt, wobei der Gansu-Dialekt in der Sowjetzeit als Grundlage für die Standardsprache der Dunganen gewählt wurde. Die heutige Schrift der Dunganen entstand in den 1950er Jahren auf Grundlage des Kyrillischen, auch wenn schon Ende der 1930er Jahre Arbeiten an deren Entwicklung begonnen hatten. Zuvor hatte es in der UdSSR Varianten einer dunganischen Schrift mit der lateinischen und der arabischen Schrift als Grundlage gegeben.

Auch wenn die dunganische Sprache nicht in den Schulen unterrichtet wird, erhält sich die Sprache in hohem Maße: Innerhalb der Ortschaften Kasachstans mit einer hohen Bevölkerungsdichte dunganischer Einwohner unterhalten sich die Dunganen im Alltag in ihrer Sprache. Das Russische – und in geringerem Maße das Kasachische – sind die Sprachen zur Kommunikation mit den Behörden, mit der »Außenwelt«. Zudem sind sie die Sprachen der Bildungseinrichtungen der Vorschul- und Mittelschulebene (zur Entwicklung der Bevölkerungszahlen in Kasachstan und Kirgistan siehe Grafik 2 und Tabelle 1 auf S. 8).

Die Tendenz zur sozialen Selbstisolation, die sich aus der Geschichte der Unterdrückung der Dunganen herleiten lässt, ist eine mögliche Erklärung für den erhöhten Grad ihrer ethnischen Abgeschlossenheit als eine an den Grenzen des Staates siedelnde Gemeinschaft. Soziologische Studien haben gezeigt, dass die dunganische Gemeinschaft von einer gewissen wirtschaftlichen und kulturellen Autarkie geprägt ist. Die wechselseitige Integration von Kasachen und Dunganen im Distrikt Kordai ist schwach; es besteht eine soziale und ethnische Distanz. Der überwiegende Teil der jungen Dunganen wird auch nicht von den staatlichen Bildungs- und Sozialprogrammen erreicht, die eine Erhöhung der allgemeinen sozialen Mobilität zum Ziel haben. Der geringe Grad der Integration der Dunganen in den sozialen Gesamtraum Kasachstans lässt sich auch anhand der ethnischen Zusammensetzung des staatlichen Verwaltungsapparates in Gegenden mit einer verdichteten dunganischen Bevölkerung erkennen. So stellen Dunganen zwar ein Drittel der Bevölkerung des Distriktes Kordai, doch sind sie in den Organen der Lokalverwaltungen nur sehr gering vertreten. Zudem ist eine gewisse Isolation der Gemeinschaft von der medial-öffentlichen Sphäre Kasachstans zu beobachten.

Ursachen und Verlauf des Konfliktes

Die Ereignisse im Februar 2020 in den Ortschaften des Distriktes Kordai (Gebiet Dschambyl) waren die Folge angestauter Unzufriedenheit mit der Lösung vorangegangener Konflikte, an denen Bürger der ethnischen Gruppen der Dunganen und Kasachen beteiligt waren. Behördenvertreter machten dabei intensiv von der Praxis gebrauch, die Konfliktseiten mit Hilfe der Interventionen von Ältesten (aksakal; wörtl.: »Weißbärtiger«) zu besänftigen, ohne die Konflikte wirklich zu schlichten. Andererseits wurden Fälle der erfolgreichen Versöhnung oftmals nicht dokumentiert. Die angestaute Unzufriedenheit mit dem Ausgang von vorangegangenen Konflikten sorgte dabei sowohl für eine negative Haltung zur Regierung, als auch für latent feindselige Beziehungen zwischen den beiden ethnischen Gruppen.

Schmuggel ist ein weiterer Faktor für die Konflikte in grenznahen Gebieten. Viele Interpretationen des Konfliktes, die direkt nach den Ereignissen im Distrikt Kordai verbreitet wurden, bezogen sich auf einen möglichen Kampf zwischen rivalisierenden Schmugglerbanden um Einflussgebiete als Ursache für die Ausschreitungen. Auch der kasachstanische Präsident Kasym-Dschomart Tokajew thematisierte während seines Besuches des Gebietes Dschambyl am 1. März 2020 die Problematik krimineller Gruppen, die im Wettstreit um Einnahmequellen aus illegalen grenzüberschreitenden Handelsgeschäften stehen.

Bereits früher schon hatte es kleinere Zusammenstöße zwischen Dunganen und Kasachen gegeben, die bislang jedoch weit davon entfernt waren, in pogromartigen Auseinandersetzungen zu münden. Trotzdem scheinen diese kleineren Auseinandersetzungen eine große Rolle für den Ausbruch der Gewalt im Februar gespielt zu haben. So wurde die Bevölkerung der Siedlung Karakemer kurz vor den Unruhen durch eine unerwartete Nachricht aufgewühlt: Die Vorstrafen von sieben jungen Bewohnern der Siedlung sollen der Grund dafür gewesen sein, dass diese keinen Anspruch auf bestimmte Ämter haben. Jene Vorstrafen waren das Resultat einer Prügelei im Jahr 2018. Der damalige Vorfall konnte zwar durch eine mündliche Versöhnung im Beisein der Ältesten der kasachischen und der dunganischen Gemeinschaft geschlichtet werden, es wurde jedoch versäumt die Bevölkerung zu informieren, dass eine Versöhnung der Konfliktparteien keineswegs mit einer Straffreiheit der Beteiligten einhergeht.

Vor diesem negativen Hintergrund kam es am 5. Februar in Sortobe zu einer Prügelei, bei der ein betagter kasachischer aksakal verletzt wurde. Die emotionale Anspannung, die Unzufriedenheit mit der Untätigkeit von Polizei und Justiz und der Unmut über die lokalen Behörden ergossen sich in offene Feindseligkeit zwischen Angehörigen der ethnischen Gruppen.

Ein weiterer Faktor für die traurige Entwicklung der Situation war ein am 7. Februar im Internet aufgetauchtes Video, auf dem zu sehen ist, wie junge Dunganen gegenüber Polizisten beleidigend und handgreiflich werden. Die Debatte über dieses Video nahm schnell eine fremdenfeindliche Wendung, es erschienen hetzerische Meldungen und die Diskussion wurde permanent weiter befeuert. Die Informationen über den Vorfall, die massiv über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste verbreitet wurden, führten dazu, dass sich junge Erwachsene aus anderen Gebieten und Ortschaften Kasachstans auf den Weg in den Distrikt Kordai machten.

Die endgültige Eskalation des Konfliktes erfolgte dann am Abend des 7. Februar, als sich ein von Brandstiftungen, Massenprügeleien und Plünderungen begleiteter Pogrom gegen die dunganische Minderheit Bahn brach. An jenem Abend erlebte Kasachstan live in den sozialen Netzwerken eine sich unaufhaltsam entfaltende Tragödie. Beim Eintreffen von Einheiten der Nationalgarde am nächsten Morgen sind bereits 11 Personen getötet und rund 180 weitere verletzt worden.

Ein Teil der Bevölkerung der Dörfer Masantschi und Sortobe, überwiegend Frauen und Kinder, floh über die nahen Grenzübergänge ins benachbarte Kirgistan. Die Angaben über die Zahl der Geflohenen ist ungenau. Laut Akimat (der Kanzlei des Gouverneurs) des Gebiets Dschambyl sind vom 7. bis zum 13. Februar 2020 23.131 Personen über die Grenzübergänge Kordai, Karasu, Auchatty und Sortobe aus dem Gebiet Dschambyl nach Kirgistan ausgereist, im selben Zeitraum sind 21.261 Personen über diese Grenzposten nach Kasachstan eingereist. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich diese Zahlen eben nicht nur auf Dunganen beziehen, die im Zuge des Konfliktes geflohen sind, sondern ebenfalls auf andere Bewohner grenznaher Gebiete, die aus alltäglichen Gründen die Grenze passieren. Zwischen Kasachstan und Kirgistan gibt es generell intensive Migrationsbewegungen in beide Richtungen. Eine Triebkraft hierfür ist die Nähe zum Dordoi-Basar in Bischkek – der größte Markt Zentralasiens.

Maßnahmen zur Konfliktregulierung und gesellschaftliche Implikationen

Laut Informationen des kasachstanischen Innenministeriums sind im Zusammenhang mit den Unruhen im Distrikt Kordai rund 90 Strafverfahren eröffnet worden, darunter 10 wegen Tötungsdelikten. Die Ermittlungen laufen noch, die Übergabe der meisten Verfahren ans Gericht steht noch aus.

Gleich in den ersten Tagen nach dem Konflikt wurde eine Abschätzung der privaten Vermögensschäden vorgenommen. Nach Angaben des kasachstanischen Innenministeriums wurden 25 private Wohnhäuser, 31 kommerzielle Objekte und 41 Kraftfahrzeuge beschädigt. Es werden Anstrengungen unternommen, die genaue Zahl der Grenzübertritte von geflohenen Dunganen festzustellen und gleichzeitig die Rückkehr der nach Kirgistan ausgereisten Dunganen zu beschleunigen. Zudem setzte die Zentralregierung Kasachstans im Gebiet Dschambyl und dem Distrikt Kordai umfassende Personaländerungen in der Verwaltung um, unter anderem wurde der stellvertretende Premierminister Berdipek Saparbajew zum neuen Gouverneur des Gebietes Dschambyl ernannt.

Die erste und zügig geleistete Unterstützung für Opfer und Betroffene kam von den dunganischen Gemeinschaften in Kasachstan und Kirgistan selbst. So wurde in den Tagen nach dem Konflikt Lebensmittel und Medikamente aus Kirgistan geliefert, da die meisten Geschäfte und Apotheken in Masantschi, die das Dorf und auch die Siedlung Karakemer versorgten, abgebrannt waren. Auch von der Volksversammlung Kasachstans traf Hilfe für die Bewohner des Distrikes Kordai ein.

Der Konflikt offenbarte den geringen Grad der sozialen und kulturellen Integration von kompakt siedelnden ethnischen Gemeinschaften in die kasachstanische Gesellschaft. Auch wenn die gesellschaftliche Einbindung marginaler Gruppen eine Herausforderung für Staat und Gesellschaft bleiben wird, ist die weitere Umsetzung von Maßnahmen zur Erhöhung der sozialen Kohäsion eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung Kasachstans in dieser Frage.

Besonders deutlich wurde die Ineffizienz der Institution der Ältesten, welche unter modernen Bedingungen eine zunehmende Abnahme ihres sozialen Prestiges erlebt. Bei jungen Menschen bilden sich zunehmend Werte heraus, welche die Transformation traditioneller gesellschaftlicher Normen bedingen. Ein Ausdruck davon ist, dass die Ältesten keine widerspruchslose Autorität mehr genießen. Es ist klar geworden, dass zur Mediation bei interethnischen Konflikten legitime Mechanismen, die vonseiten der Gesellschaft auch wirklich anerkannt sind, benötigt werden. Außerdem müssen die staatlichen Institutionen durch den Ausbau lokaler Verwaltungsstrukturen gestärkt werden.

Die Regierung versucht die Lage zu stabilisieren, und der Präsident hat unter anderem die regionalen Polizei- und Justizbehörden angewiesen, sich der Korruption von lokalen Beamten und des illegalen grenzüberschreitenden Handels anzunehmen. Das Leben in Kordai soll langsam wieder in normale Bahnen gelenkt werden, die Schulen und Kindergärten sind wieder geöffnet. Auf die – traditionell bäuerlich – geprägten Dunganen wartet jetzt die Aussaat. Allerdings lassen es die psychischen Folgen der Tragödie immer noch nicht zu, dass sich die Mitglieder der dunganischen Minderheit wieder vollkommen sicher fühlen. Einige von ihnen haben vorsichtig geäußert, über einen Umzug nach Russland nachdenken.

Fragen an die Zukunft

Auffällig ist, dass die Dunganen auch nach 140 Jahren Siedlungsgeschichte in Zentralasien noch immer eine »emotionale Bindung« zu China verspüren, vor allem zu den beiden Provinzen ihrer Vorfahren, Shaanxi und Gansu. Immer öfter studieren junge Dunganen mit Hilfe von Stipendien der chinesischen Regierung an Hochschulen in der Volksrepublik, beispielsweise in Xian und Peking. Der Verband der Dunganen Kasachstans schickt jährlich 60–70 Dunganen zum Studium an chinesische Hochschulen, wobei Medizin, die chinesische Sprache und Logistik die beliebtesten Fächer darstellen.

Viele dunganische Unternehmer etablieren im Kontext einer wachsenden chinesischen Präsenz Firmen im Bereich der Logistik oder des Vertriebs von Gebrauchsgütern, elektronischen Geräten, Fahrzeugen etc. Einige Bewohner von Sortobe und Masantschi arbeiten und leben einen großen Teil der Zeit in den chinesischen Provinzen Zhejiang und Shaanxi. Zudem zeigen die Dunganen im Distrikt Kordai ein großes Interesse an chinesischen Radio- und Fernsehsendern.

Wie auch früher schon lassen die Dunganen in Kordai ihre Verbindung zum Islam nicht abreißen: Die Religion ist der Angelpunkt, auf den sich die Elemente ihrer Weltanschauung beziehen. Der Islam hat bei ihrer Ethnogenese eine fundamentale Rolle gespielt, da er verhindert hat, dass die Dunganen (Hui) und ihre Kultur in der han-chinesischen Bevölkerung aufgegangen sind. Dunganen unterschiedlichen Alters unternehmen den Haddsch, die große Pilgerfahrt nach Mekka, oder die Umra, die kleine Pilgerfahrt nach Mekka. Es ist, wie bereits erwähnt, die große Zahl der Moscheen, die beim Besuch dunganischer Dörfer auffällt. Auch nach fast anderthalb Jahrhunderten in der neuen Heimat haben die Dunganen ihre Gestalt als ethnische Gruppe bewahren können, ohne ihre Sprache, Gebräuche, Traditionen oder Religion zu verlieren. Die Haupttätigkeit ist nach wie vor die Landwirtschaft und der Handel.

Es gibt in Kasachstan heute mehrere ethnokulturelle Zentren der Dunganen, das erste ist bereits 1989 gegründet worden. Das nationale dunganische Kulturzentrum in Almaty wurde am 28. August 2006 registriert. Darüber hinaus gibt es die »Kasachstanische Gesellschaft der Dunganen« unter der Leitung von Abubakir Woinze. Unter den Dunganen des Distriktes Kordai genießen der »Verband der Dunganen Kasachstans« und die öffentliche Stiftung »Internationale Akademie für kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit Neue Seidenstraße« Bekanntheit; die Organisationen werden von Husej Daurow und dessen Sohn geleitet, die aus Kordai stammen.

Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschicke der Dunganen in Kasachstan weiter entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass die Ereignisse nicht ohne Folgen bleiben, die aus heutiger Sicht jedoch nur schwer absehbar sind. Werden die Dunganen zu neuen Ländern und Ufern aufbrechen oder eine weitere Integration in die Gesellschaft Kasachstans bevorzugen?

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

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