
Wissenschaftliche Publikationen mit einem exklusiven Fokus auf Zentralasien sind seltene Momente in der deutschsprachigen Forschungslandschaft. Die Ende 2024 veröffentlichte Ausgabe Fließbild. Politik und Gesellschaft in Zentralasien der Zeitschrift »Osteuropa« ist einer dieser Momente.[1] In 24 Beiträgen wird ein komplexes und mehrdeutiges Bild des politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Wandels der fünf zentralasiatischen Staaten im vierten Jahrzehnt ihrer Unabhängigkeit gezeichnet.[2] Der Band ist inoffizieller Nachfolger der Ausgabe Machtmosaik Zentralasien. Traditionen, Restriktionen, Aspirationen von 2007. Mit 42 Beiträgen aus allen relevanten Disziplinen ist sie bis heute ein deutschsprachiges Standardwerk der Zentralasienstudien.[3] Seit diesem ersten Zentralasien-Band der »Osteuropa« sind 17 Jahre vergangen, was die Frage aufwirft, wie sich das Fach in Deutschland seitdem entwickelt hat, welche Themen und Fragestellungen in der Zwischenzeit erschlossen und bearbeitet wurden und welchen Beitrag die Zentralasienstudien in Deutschland zu den Regionalwissenschaften oder auch einzelnen Disziplinen leisten konnten. Dabei illustriert schon allein der Ausnahmecharakter einer gebundenen Einzelpublikation in deutscher Sprache die Situation der Zentralasienstudien in Deutschland. Zwar gab es in den letzten Jahren einige für das Fach wichtige Erscheinungen in Deutschland, darunter das erste deutschsprachige Überblickswerk zu den politischen Systemen der Region,[4] eine umfassende Wirtschaftsgeschichte der historischen Seidenstraße[5] und die erste deutsche Studiengrammatik für die kirgisische Sprache.[6] Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die Veröffentlichung von Fachpublikationen in Deutschland weiter nachlässt, Lehrstühle zurückgebaut werden und die Zahl der Professuren sinkt. Damit folgen die Zentralasienstudien dem bedenklichen Entwicklungstrend der, im Vergleich jedoch nach wie vor noch immer deutlich besser aufgestellten, Osteuropaforschung.[7] Schon heute bildet das Fach in Deutschland kaum noch eine eigene Nische innerhalb der regionalwissenschaftlichen Landschaft, sondern führt eine marginale Existenz an den Rändern der akademischen Disziplinen oder Philologien von Slawistik, Iranistik und Turkologie.[8] Auch die Osteuropastudien schenken Zentralasien in der Regel (und wenn überhaupt) nur nominelle Beachtung, wobei Fließbild als Ausnahme auch hier die Regel bestätigt.
Die marginale Stellung der Zentralasienstudien in Deutschland ist auch das Resultat ihrer fachlichen Integration in die westdeutschen Regionalwissenschaften nach 1991, der die politisch motivierte »Säuberung« ostdeutscher Universitäten von ihrem hochqualifizierten wissenschaftlichen Personal vorausging.[9] Fließbild eröffnet seine Momentaufnahme von Zentralasien im Jahr 2024 nicht ohne Grund mit dem Wiederabdruck einer kulturhistorischen Synthese des 2021 verstorbenen Iranisten und Islamwissenschaftlers Bert Fragner, die dieser für Machtmosaik Zentralasien im Jahr 2007 verfasst hatte.[10] Fragner gehört zu jener Generation von Iranisten und Turkologen, die Zentralasien bereits zu Sowjetzeiten bereist haben (oder sogar in der Sowjetunion ausgebildet wurden) und später das Fach im deutschsprachigen Raum maßgeblich prägen sollten.[11] Die späteren Vertreter dieser Kohorte sind aktuell dabei in Rente zu gehen, während ihre früheren Vertreter langsam aus der Welt scheiden. Neben Fragner gehören dazu u. a. der 2017 verstorbene Iranist Manfred Lorenz und der 2020 verstorbene Historiker Reinhard Eisener, dessen minutiös recherchiertes Werk über das Emirat Buchara während der russischen Revolutionen 2023 posthum veröffentlicht wurde.[12] Zudem ist 2022 mit dem Iranisten Andreas Wilde ein im Fach hochgeschätzter Vertreter der nachfolgenden Generation viel zu jung verstorben.[13] Wildes 2016 veröffentlichtes Opus magnum What is beyond the River? behandelt das vorrevolutionäre Emirat Buchara und entfaltet dabei auf 1.000 Seiten die bisher umfassendste Sozialgeschichte der modernen Region Zentralasien zwischen Syr-Darja und Amu-Darja im 18. und 19. Jahrhundert.[14]
Fließbild zeigt eine Region im Fluss und steht dabei gleichzeitig für die ungewisse Zukunft der Zentralasienstudien in Deutschland. Der »weiße Fleck«, den die Journalistin Gemma Pörzgen in der deutschen Berichterstattung zu Zentralasien ausmacht, spiegelt auch die Entwicklung in der Forschung wider.[15] Entgegen der Verlautbarung von höchster politischer Stelle, dass Zentralasien »von wachsender Bedeutung für Deutschland« sei,[16] erfährt das Fach von offizieller Seite keine Aufmerksamkeit und wird auch nicht für den Erhalt der wenigen noch bestehenden Strukturen unterstützt. Mangels institutioneller Foren organisieren sich Zentralasien-Forscher in Deutschland für den fachlichen Austausch mittlerweile überwiegend selber.[17] Das löst jedoch nicht das Problem der zukünftigen Nachwuchsausbildung und kann auch nicht den fortschreitenden Kompetenzverlust aufhalten. Der Ende Januar veröffentlichte Abschlussbericht der vom Bundestag eingesetzten »Enquete-Kommission Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands« verweist u. a. auf die Notwendigkeit von vertiefter Regionalkompetenz für die effektive parlamentarische Kontrolle von komplexen Einsätzen wie jenem in Afghanistan zwischen 2001 und 2021.[18] Der Zusammenbruch der Islamischen Republik Afghanistan im August 2021 und der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 haben gezeigt, dass man diese Kompetenz jederzeit in der Reserve haben und nicht erst dann mit ihrem Aufbau beginnen sollte, wenn man sie braucht.[19] Bisher lässt sich allerdings nicht erkennen, dass die massiven geopolitischen Disruptionen der letzten Jahre in Berlin zu einem Umdenken gegenüber den Zentralasienstudien oder Regionalwissenschaften im Allgemeinen geführt hätten. Das »strategische Scheitern«, das die Enquete-Kommission der deutschen Mission in Afghanistan bescheinigt hat, hält damit unvermindert an.[20]
Die Zentralasien-Analysen nehmen die Veröffentlichung von Fließbild zum Anlass, einen Blick auf den Zusammenhang von offizieller Erinnerungskultur und Staatsgewalt in Turkmenistan zu werfen. Die Redaktion der Zentralasien-Analysen bedankt sich an dieser Stelle bei der »Osteuropa«-Redaktion für die Erlaubnis zum Wiederabdruck einer gekürzten Fassung des Beitrags »Regimestützen. Turkmenistans Gewaltapparate« der Autoren Grazvydas Jasutis und Elizaveta Chmykh. Wie an anderer Stelle bemerkt wurde, kommen einzig künstlerische und kulturelle Aspekte aktueller Transformationsprozesse in Zentralasien in Fließbild etwas zu kurz.[21] Gewissermaßen als Ergänzung zum Beitrag von Jasutis und Chmykh eröffnet die Ausgabe der Zentralasien-Analysen daher mit einem Beitrag des Kunsthistorikers Raimond Selke über die kulturelle und erinnerungspolitische Dimension der Legitimation von (national-)staatlicher Herrschaft in Turkmenistan. In der Synthese der beiden Analysen zeigt sich schließlich der vom Historiker Jörg Baberowski beleuchtete Zusammenhang zwischen der Anwendung von Gewalt und der Durchsetzung von Ansprüchen auf Deutungshoheit. So kommen auch Turkmenistans Gewaltapparate vor allem dann zum Einsatz, wenn staatliche Intellektuelle ihr symbolisches Monopol auf Deutung – in dem Fall von (materieller) Geschichte und historischer Erinnerung – in Gefahr sehen.[22] Fließbild lädt zur Reflexion über derartige Zusammenhänge im gegenwärtigen Zentralasien und die Frage ein, wie und wo sie in Zukunft am besten erforscht werden können.
Richard Schmidt, Redakteur der Zentralasien-Analysen
Verweise
[1] https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2024/8-10/
[2] Siehe hierfür auch die Heft-Rezension von Novastan: https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-im-fluss-das-neue-themenheft-der-zeitschrift-osteuropa/
[3] https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2007/8-9/
[4] Jakob Lempp, Sebastian Mayer, Alexander Brand (Hrsg.). 2020. Die politischen Systeme Zentralasiens: Interner Wandel, externe Akteure, regionale Kooperation. Wiesbaden: Springer.
[5] Stephan Barisitz. 2023. Zentralasien und die Seidenstraße: Wirtschaftlicher Aufschwung und Niedergang über mehrere Jahrtausende. Cham: Springer Gabler.
[6] Mahabat Sadyrbek. 2023. Kirgisische Grammatik. Wiesbaden: Reichert.
[7] https://table.media/security/standpunkt/noch-keine-zeitenwende-in-der-osteuropaforschung/
[8] Vgl. https://www.kleinefaecher.de/fileadmin/user_upload/img/Abschlussbericht_Kleine_Faecher_2012.pdf?utm
[9] Sophie Roche. 2018. “Knowledge Production on Central Asia: Transcultural Approaches in Central Asian Studies,” The Journal of Transcultural Studies 9 (1-2): 95–111. https://doi.org/10.17885/heiup.jts.2018.1-2.23638, 109.
[10] Bert Fragner. 2007. »Hochkulturen und Steppenreiche. Der Kulturraum Zentralasien«, Osteuropa 8-9. https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2007/8-9/hochkulturen-und-steppenreiche/
[11] Vgl. https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1992-06-25-fo-1447-story.html
[12] Reinhard Eisener. 2023. Buchara im Strudel der Russischen Revolutionen: Auftakt und Revolutionäres Umfeld 1917-1919. Potsdam: edition-tethys.
[13] https://www.uni-bamberg.de/iranistik/aktuelles/artikel/andreas-wilde-24091976-13082022-ein-nachruf/
[14] Andreas Wilde. 2016. What is beyond the River? Power, Authority, and Social Order in Transoxania 18th-19th Centuries. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
[15] Pörzgen, Gemma. 2024. »Weißer Fleck. Zentralasien in der deutschen Berichterstattung«, Osteuropa 8-10: 385–390. https://zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2024/8-10/ein-weisser-fleck/
[16] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kanzler-statement-z5-1-gipfel-2308944
[17] Vgl. https://casnig.geo.uni-augsburg.de/
[18] https://dserver.bundestag.de/btd/20/145/2014500.pdf, 29.
[19] Vgl. Florian Coppenrath, Lena Heller, Kyara Klausmann, Elizaveta Kucherova, Davlatbegim Mamadshoeva, Mariya Petrova und Björn Reichhardt. 2018. “To Transfer, but Not to Serve? Central Asian Studies Inside Out: A Workshop Report”, Asien: The German Journal on Contemporary Asia 148: 78–90. https://doi.org/10.11588/asien.2018.148.14397, 90.
[20] Katja Mielke, Winfried Nachtwei. 2024. »Bilanz: Strategisch gescheitert. Zum Zwischenbericht der Enquete-Kommission ›Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands‹«, Zentralasien-Analysen 165: 29–31. https://laender-analysen.de/zentralasien-analysen/165/enquete-kommission-lehren-aus-afghanistan-fuer-das-kuenftige-vernetzte-engagement-deutschlands/
[21] https://novastan.org/de/kasachstan/zentralasien-im-fluss-das-neue-themenheft-der-zeitschrift-osteuropa/
[22] Vgl. Jörg Baberowski. 2008. »Gewalt verstehen«, Zeithistorische Forschungen 5 (1): 5–17. https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1881, 16.