Der Text wurde am 8. Oktober 2025 aktualisiert.
Seit Mitte der 1990er Jahre – seit Aljaksandr Lukaschenka in Belarus an die Macht kam – sind die polnisch-belarusischen Beziehungen durch Misstrauen, gegenseitige Vorwürfe und eine Neigung zur Konfrontation belastet. Die belarusische Wahrnehmung von Polen wurde von geschichtlichen Komplexen und Stereotypen beeinflusst, denen zufolge jedwedes Vorgehen Polens früher oder später zu einer Wiederherstellung des polnischen Einflusses von vor dem Zweiten Weltkrieg führen werde, als der westliche Teil des heutigen Belarus zum polnischen Staat gehörte. Die unterschiedliche Wahrnehmung bei Sicherheitsfragen und der geopolitischen Zielsetzung spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Für Lukaschenka war von Beginn an eine Wiedervereinigung mit Russland das wichtigste Ziel, und zwar im Rahmen des Unionsstaates, den man seit Ende der 1990er Jahre aufzubauen versuchte. Warschau wiederum beobachtete mit Sorge, wie die Souveränität von Belarus zugunsten des Kreml bröckelte. Das hat polnische Politiker*innen zusätzlich motiviert, eine Mitgliedschaft in der NATO und der EU anzustreben. Ein weiterer Bereich, in dem es Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern gab und gibt, war ihr vollkommen unterschiedliches Wertesystem. Polen hat oft und vehement die zunehmenden Menschenrechtsverletzungen in Belarus thematisiert, zu denen es aufgrund der autoritären Tendenzen von Lukaschenka und seines Umfelds kam und kommt.
Trotz der genannten Widersprüche haben es die beiden Seiten für viele Jahre vermocht, zumindest die wirtschaftlichen Beziehungen fortzuführen (der Handel zwischen den Ländern wuchs von Jahr zu Jahr) und die diplomatischen Beziehungen auf Botschafterniveau aufrechtzuerhalten. Aufgrund ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gibt es eine Zusammenarbeit der für die allgemeine Sicherheit und den Grenzverkehr zuständigen Behörden der beiden Länder. Es bestand auch in mehr oder weniger großem Umfang ein akademischer Austausch und eine wissenschaftliche Zusammenarbeit. Mehr noch: Es gab zudem mehrjährige Phasen einer lebhaften Zusammenarbeit, die jeweils einem Tauwetter in den Beziehungen zwischen Minsk und dem Westen (unter anderem der EU und den USA) entsprangen. Das längste Fenster der Möglichkeiten bestand von 2016 bis 2020, als es zahlreiche Visiten auf Ministerebene gab, die mit dem Besuch von Michail Mjasnikowitsch, des Vorsitzenden des Republikrates – des Oberhauses des belarusischen Parlaments – im Februar 2019 in Warschau ihren Höhepunkt fand.
Die Proteste nach den Wahlen von 2020 und die anschließenden massenhaften Repressionen führten zu einem Zusammenbruch der Beziehungen zwischen Belarus und dem Westen. Das hatte katastrophale Auswirkungen auf die belarusischen Beziehungen zu seinen EU-Nachbarn, unter anderem zu Polen. Warschau kritisierte (wie Vilnius und Riga) heftig die brutalen Repressionen gegen Belarus*innen, die gegen die Fälschung der Ergebnisse bei den Präsidentschaftswahlen protestierten. Polen stand in der ersten Reihe der Länder, die Sanktionen gegen das Regime in Minsk unterstützten. Gleichzeitig half das Land bei der politischen Emigration aus Belarus. Dieses Paradigma der polnischen Politik gegenüber dem Regime in Belarus hatte sich schon zuvor ergeben (z. B. bei der Zerschlagung der Demonstrationen in Minsk nach den Wahlen von 2010), doch waren die Dimensionen diesmal ganz andere. Die diplomatischen Beziehungen wurden auf ein Minimum reduziert, auf beiden Seiten überwog extremes Misstrauen, und die aufeinanderfolgenden westlichen Embargos drückten auf den Handel, insbesondere auf die Exporte aus Belarus. Der Zusammenbruch der bilateralen Beziehungen manifestierte sich auf extreme Weise in der beispiellos aggressiven antipolnischen Kampagne, die 2021 in den regimetreuen Medien gestartet und mit einem neosowjetischen Geschichtsnarrativ kombiniert wurde. Diesem Narrativ zufolge habe der polnische nach Unabhängigkeit strebende Untergrund während und direkt nach dem Zweiten Weltkrieg versucht, die belarusische Nation »auszurotten«. Eine symbolhafte Manifestation der Feindseligkeit gegenüber Polen war die Einführung des 17. September als »Tag der nationalen Einheit« in Belarus. An diesem Tag im Jahr 1939 war die Rote Armee in Ostpolen einmarschiert. Begleitet wurde das von zahlreichen Akten des Vandalismus an polnischen Gedenkorten und Soldatenfriedhöfen, überwiegend in den westlichen Regionen von Belarus. Katholische Priester polnischer Herkunft wurden verhaftet und polnische Bildungsangebote (Schulen oder Kurse für Angehörige der polnischen Minderheit) wurden abgeschafft. Minsk verfolgte nun eine noch härtere Politik gegen Organisationen der polnischen Minderheit, was sich unter anderem an der Verhaftung und anschließenden Verurteilung von Andrzej Poczobut zu acht Jahren Strafkolonie zeigte. Poczobut (belar.: Patschobut), einer der Anführer der Pol*innen in Belarus, war der »Anstachelung zu Volksverhetzung nach ethnischen Merkmalen und der Rehabilitierung des Nazismus« beschuldigt worden (siehe: Kłysiński, 2022; in d. Bibliogr.).
In diesem Kontext wurden dadurch Parallelen zur aktuellen Politik Warschaus gezogen, die ja angeblich darauf abziele, die »legitime Regierung zu stürzen«. Der Kollaps der bilateralen Beziehungen wurde durch die Migrationskrise verschärft, die bereits 2021 von Belarus (und vermutlich Russland) geplant und ausgelöst wurde und zu einem konstanten Druck an der Grenze zwischen EU und Belarus führte, wo der Abschnitt zu Polen das Hauptziel der vom Regime in Minsk rekrutierten Flüchtlinge war und ist. Bemerkenswert ist, dass die belarusische Seite in bester Tradition des Russischen Reiches und der UdSSR gegen Polen Desinformation einsetzt, um in die Irre zu führen und Polen auf der internationalen Bühne zu diskreditieren. Für die Zeit nach 2020 ist charakteristisch, dass die Manipulation von Fakten zu einem grundlegenden Instrument der belarusischen Diplomatie geworden ist, insbesondere, seit Maxim Ryshankaŭ im Juni 2024 an die Spitze des Außenministeriums rückte. Der neue Außenminister hat bereits mehrere Male die Notwendigkeit von Gesprächen mit Warschau bekundet, allerdings ohne den Willen, auf dessen Forderungen einzugehen. Das Regime suchte lediglich einen Vorwand, Polen vorzuwerfen, dass es den angeblichen Wunsch von Minsk nach einer »Normalisierung der Situation« zurückweise (siehe: Żochowski 2024; in d. Bibliogr.).
2025 – Desinformation und Provokation
Die beiden Seiten traten in das Jahr 2025 mit einer Fülle ungelöster Fragen, mit rundum fehlendem Vertrauen und einer Bereitschaft zur Konfrontation. Durch das im September 2025 abgehaltene gemeinsame russisch-belarusische Manöver »Sapad 2025« wurden die Beziehungen weiter verkompliziert. Es löste in den Köpfen der Gesellschaften im Westen negative Assoziationen mit der Vergangenheit aus, insbesondere mit dem Manöver von 2021, als die damalige Auflage dieses turnusmäßigen Manövers als Deckmantel für den baldigen Angriffskrieg gegen die Ukraine diente. Angesichts dieses Kontextes musste der Vorschlag des belarusichen Verteidigungsministeriums vom Februar 2025, auf beiden Seiten der Grenze bis zu einer Tiefe von 80 Kilometern eine gegenseitige Inspektion der Befestigungen und Militäranlagen vorzunehmen, von Polen abgelehnt werden (Siehe: Minoborony: Belarus gotowa…, 2025; in d. Bibliogr.). Die polnische Seite konnte es Vertreter*innen einer de facto feindlichen Armee, die mit den Streitkräften der Russischen Föderation verbündet ist, schlicht nicht erlauben, Zugang zu strategisch wichtigen Anlagen zu erhalten. Es scheint, dass Minsk im Einklang mit der zuvor eingeschlagenen Desinformationsstrategie keine andere Reaktion erwartet hatte. Es benötigte lediglich einen »Beleg« für die angeblich feindliche Haltung Warschaus, das von Vertreter*innen des belarusischen Regimes in den Folgemonaten wiederholt einer »unverantwortlichen Militarisierung der Grenzregion« beschuldigt wurde. Äußerungen dieser Art erfolgten sowohl von Lukaschenka selbst wie auch von seinen Untergebenen, etwa von General Aljaksandr Wolfowitsch, der für seine prorussischen Ansichten bekannt ist (siehe: Kak Wolfowitsch otreagirowal …, 2025; Chromow, 2025; in d. Bibliogr.).
Höhepunkt dieser kurzen, aber intensiven Desinformationskampagne – mit dem Sapad-Manöver als Hintergrund – war ein Vorschlag des belarusischen Verteidigungsministeriums, polnisch-belarusische Sicherheitsgespräche abzuhalten, wobei Minsk bereits bei der Begründung für diesen Vorschlag auf Polen als diejenige Seite verwies, die für die »Eskalation der Spannungen und die schnelle Militarisierung der Grenzregion verantwortlich« sei. Es wurde zudem auf die Ende Mai verkündete Entscheidung verwiesen, die Zahl der russischen und belarusischen Soldat*innen zu reduzieren, die zur Teilnahme an Sapad 2025 abgestellt werden, und die geplanten Übungen weg von der NATO-Grenze weiter ins Landesinnere zu verlegen, nämlich östlich von Minsk (siehe: Lukaschenko predloshil…, 2025; in d. Bibliogr.). Polen sah allerdings immer noch keinen Grund, in einen echten Dialog einzutreten. Diese Haltung ergab sich aus dem Inhalt und der Form des erwähnten »Angebots des guten Willens« aus Minsk. Folglich war die Antwort des polnischen Außenministers vom August der Situation vollkommen angemessen. Polnische Diplomat*innen verwarfen einen möglichen Dialog mit Minsk unter dem Hinweis auf das feindselige Vorgehen, das in der Form hybrider Attacken von belarusischem Staatsgebiet aus und unter Einsatz der Geheimdienste erfolge. Als Beispiel wurde auf die Situation an der polnisch-belarusischen Grenze verwiesen, wo die belarusischen Behörden den Druck bewusst erhöhten. Auch wurde daran erinnert, dass Belarus den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützt und sein Staatsgebiet für Russlands völkerrechtswidriges Vorgehen zur Verfügung gestellt hat. (siehe: Bartkiewicz 2025; in d. Bibliogr.).
Eskalationsspirale im Herbst
In diesem negativen Kontext der bilateralen (Anti)Beziehungen war es nur eine Frage der Zeit, bis die Spannungen eskalierten. Der Wendepunkt war, so scheint es, die Verhaftung des jungen polnischen Mönchs Grzegorz Gaweł aus Krakau, der am 4. September 2025 östlich von Minsk in der Kleinstadt Lepel festgenommen wurde. Ihm wurde vorgeworfen, »für Polen mit dem Ziel spioniert zu haben, Informationen über das Sapad-Manöver zu sammeln«. Der Geistliche war durch die Situation derart verschreckt, dass er keinen einzigen Satz auf Russisch herausbringen konnte. Das wies klar darauf hin, dass die »Spionageabwehroperation des KGB« wohl eindeutig fabriziert ist. Es schien, als wolle das Regime in Minsk seine propagandistische Botschaft vom »bösen Polen« verstärken, wobei es aber dieses Mal mit seinen Aktionen zu weit ging. Es war wohl dieses plumpe und aggressive Vorgehen der belarusischen Geheimdienste, das die polnische Regierung zu einer entschiedenen Antwort bewegte.
Im Vorfeld des Manövers Sapad 2025, das am 12. September begann, verkündete der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die Entscheidung, die Grenze zu Belarus vollkommen und bedingungslos zu schließen, was sowohl den Personen- wie den Güterverkehr betraf. Die polnische Seite rechtfertigte diesen beispiellosen Schritt unter anderem mit der Furcht vor Provokationen durch die beiden am Manöver beteiligten Länder. Sie behielt sich das Recht vor, die Grenze wieder zu öffnen, »sobald Gewissheit besteht, dass die Sicherheit wiederhergestellt ist« (s.: Poland has closed…, 2025; in d. Bibliogr.). Die Befürchtungen Warschaus bestätigten sich nur wenige Stunden nach Verkündung dieser Entscheidung. In der Nacht vom 9. zum 10. September verletzte mindestens ein Dutzend Drohnen den polnischen Luftraum und zwang die polnische Luftwaffe, mit Unterstützung der NATO-Verbündeten die gefährlichsten Flugkörper abzuschießen. Interessanterweise erklärte der Chef des belarusischen Generalstabs, General Pawel Murawjejka, die belarusische Luftabwehr habe die polnische Seite über die anfliegenden Drohnen informiert und einige sogar selbst abgeschossen. Lukaschenka spielte dieses Thema in den folgenden Tagen weiter, indem er Warschau »Undankbarkeit« vorwarf (s.: Minoborony: Belarus opowestila…, 2025; in d. Bibliogr.). In Polen glaubten jedoch weder Expert*innen noch Politiker*innen, dass das Regime in Minsk hier aufrichtig war; es wurde vielmehr davon ausgegangen, dass es Teil einer gemeinsamen Finte war, auch wenn der Kommandostab der polnischen Streitkräfte bestätigte, dass die Information eingegangen sei. Angesichts der weitgehenden belarusischen Abhängigkeit von Russland im militärischen Bereich – diese grenzt hier schon an organische Integration –, war nur schwerlich anzunehmen, dass die Generäle in Minsk irgendetwas von Bedeutung unternehmen, was den Erwartungen ihrer Kollegen in Moskau widerspräche. Murawjejkas »sensationelles« Statement wurde als eine weitere Manifestation von Desinformation interpretiert, die darauf abzielt, das »friedliche« Image von Belarus zu stärken. Die Rhetorik der regimetreuen Medien, die von einem begrenzten Umfang der Manöveroperationen bei Sapad berichten (was an sich weitgehend zutrifft), folgte der gleichen Linie, wurde aber von der polnischen Seite lediglich als imitierte Deeskalation aufgefasst.
Die Reaktion der belarusischen Regierung auf die Grenzschließung war symptomatisch. Einerseits kritisierten Lukaschenka und Ryshankaŭ das Vorgehen von Warschau und beschuldigten Polen, es würde »Anweisungen anderer internationaler Akteure befolgen« und habe »imperiale Ambitionen« (s.: Iskrin 2025; in d. Bibliogr.). Andererseits konnte man den Eindruck bekommen, dass das Regime in Minsk einen derart radikalen Schritt (der über den üblichen Kanon des Konfliktes hinausging) nicht erwartet hatte, was Belarus – vielleicht seit Monaten zum ersten Mal – zum Nachdenken über die eigene Verantwortung für die Folgen einer weiteren Eskalation brachte. Beispielhaft ist hier Lukaschenkas (im Kontext der antipolnischen Politik der letzten Jahre überraschende) vorsichtige Reaktion auf den öffentlichen Vorschlag prorussischer Berater*innen, »in Berjosa einen Museumskomplex zur polnischen Politik der Ausrottung der belarusischen Nation zu errichten«. In Berjosa (ehemals Berjosa Kartusskaja) hatte sich vor dem Zweiten Weltkrieg ein polnisches Internierungslager befunden, das vom Regime als Konzentrationslager bezeichnet wird. Dieser Vorschlag, der im Einklang mit dem Geist der derzeitigen Geschichtspolitik steht, wurde vom Diktator nicht unterstützt. Lukaschenka empfahl dabei Klugheit, da man nicht wüsste, wie die Polen darauf reagieren würden (s.: Lukaschenko predloshil… 2025; i. d. Bibliogr.).
Ist Zusammenarbeit ohne Vertrauen möglich?
Die Grenze wurde schließlich in der Nacht vom 24. auf den 25. September wieder geöffnet, allerdings nur in dem Maße, in dem sie bis unmittelbar vor der Schließung funktioniert hatte. Dieser Schritt bedeutet jedoch nicht, dass das Vertrauen wiederhergestellt wurde oder es eine stabile Deeskalation zwischen Minsk und Warschau gibt. Die belarusische Außen- und Sicherheitspolitik ist in den letzten Jahren derart aggressiv und provokationsorientiert geworden, dass in der polnischen Wahrnehmung die generelle Frage besteht, ob es auf der anderen Seite der Barrikade überhaupt einen Willen gibt, ein Übereinkommen zu erreichen. Ein wichtiger und negativer Faktor ist hierbei die Politik des Kreml, der noch weniger als Moskaus belarusischer Verbündeter daran interessiert ist, dass ein echter Dialog zwischen Belarus und dem Westen eröffnet wird. In dieser Situation ist zu erwarten, dass es nach Phasen scheinbarer Entspannung nur weitere Konfrontationen gibt.
Aktuell wäre eine reale Deeskalation nur durch den Einfluss externer Faktoren möglich, die außerhalb der Kontrolle von Warschau oder Minsk liegen. Das gilt vor allem hinsichtlich eines möglichen Friedensabkommens zwischen Russland und der Ukraine, das wohl durch eine Beteiligung von Donald Trump vermittelt würde. Dessen Administration ist in den letzten Monaten in Belarus sehr aktiv gewesen. In diesem Fall wäre nicht auszuschließen, dass Belarus in einem gewissen Maße bei diesen Abkommen eingebunden wird. Dann könnte es auch eine Basis geben, um wenigstens die grundlegendsten Fragen der polnisch-belarusischen Agenda zu regeln. Hierzu gehören etwa die Freilassung polnischer Staatsangehöriger und Vertreter*innen der polnischen Minderheit (unter anderem von Andrzej Poczobut) sowie der Rückzug der irregulären Migrant*innen, um die Lage in der Grenzregion zu stabilisieren.
Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder