Den Text von Agnieszka Łada-Konefał »Deutsche und Polen – eine Beziehung in Bewegung. Ergebnisse des Deutsch-Polnischen Barometers 2025« (Polen-Analysen 357) habe ich mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Die Autorin ordnet die erhobenen Daten sorgfältig ein und zeigt sowohl die Verschlechterung der Stimmungen auf polnischer Seite als auch die Stabilisierung bzw. Verbesserung der Einstellungen gegenüber Polen in der deutschen Gesellschaft. Die Verlässlichkeit des Barometers als Instrument zur Messung gegenseitiger Wahrnehmungen steht außer Frage. Gleichwohl legt die Lektüre Schlussfolgerungen nahe, die zu einer anderen Gesamtinterpretation führen: Nicht die Zahlen selbst, sondern die Art ihrer Deutung sowie die Verteilung von Verantwortung und Handlungsfähigkeit bedürfen einer kritischeren Betrachtung.
Die Grundlagen der bilateralen Beziehungen sind auf polnischer Seite weiterhin stark historisch geprägt, insbesondere durch die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Die Instrumentalisierung von Geschichte und Erinnerungskonflikten durch die Regierungen der Vereinigten Rechten in den Jahren 2015–2023 war zweifellos eines der destruktivsten Elemente dieser Politik. Doch nicht alle von ihr genutzten Probleme wurden von ihr selbst erzeugt. Vielmehr griff sie auf langfristig wirksame Themen zurück, die bereits zuvor politisches Mobilisierungspotenzial besaßen.
Das Deutsch-Polnische Barometer ist in diesem Zusammenhang als Lackmustest gesellschaftlicher Stimmungen außerordentlich wertvoll. Die Vergleichbarkeit der Daten über 25 Jahre hinweg stellt eine große Stärke dar, beseitigt jedoch nicht alle Interpretationsprobleme. Es zeigt, wie es ist – beantwortet aber nur begrenzt, warum es so ist.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit der seit 25 Jahren verwendete Fragenkatalog den Realitäten einer sich wandelnden Welt noch entspricht. Der internationale Kontext hat sich seit der EU-Erweiterung über die Euro- und Migrationskrise bis hin zum russisch-ukrainischen Krieg fundamental verändert. Dieselben Fragen können heute etwas anderes bedeuten als vor 20 Jahren. Nicht nur die Antworten ändern sich – auch der Kontext, in dem sie gegeben werden. In diesem Sinne ist das Barometer nicht nur ein Instrument der Messung von Meinungen, sondern auch ein Indikator für den Wandel der politischen Semantik, in der diese Meinungen artikuliert werden. Die heutige »Verschlechterung« kann daher nicht ohne Weiteres als simple Regression interpretiert werden, sondern muss auch als Effekt veränderter Erwartungs- und Deutungsrahmen gelesen werden.
In der dominierenden Interpretation wird die Verantwortung für die Verschlechterung der polnischen Meinungen über Deutschland primär der rechten Rhetorik, den Medien sowie Akteuren der Erinnerung zugeschrieben. Die Wahrnehmung der Rolle der deutschen Seite erscheint demgegenüber defensiv. Es fehlt jedoch eine vertiefte Reflexion über strukturelle deutsche Versäumnisse, die über Jahre hinweg real Vertrauen in Polen untergraben haben: Nord Stream als Symbol der Missachtung der Sicherheit Mittel- und Osteuropas, die langjährige Russlandpolitik (»Wandel durch Handel«), die verzögerte Zeitenwende sowie das Fehlen eines materiellen und symbolischen Abschlusses der Kriegsfolgen. Diese Elemente waren keine bloßen Episoden, sondern prägten schrittweise das Bild Deutschlands in Polen.
Wenn politische Narrative öffentliche Meinungen formen, ist es schwer aufrechtzuerhalten, dass nur eine Seite deren Produzent gewesen sei. Die Verschlechterung der Beziehungen ist nicht allein ein Effekt der Rhetorik der polnischen Rechten, sondern auch eine Konsequenz politischer Entscheidungen auf deutscher Seite und ihrer Wahrnehmungswirkungen.
Ähnliche Zweifel weckt die Interpretation der Rückkehr der Kriegs- und Reparationsfragen. Sie werden häufig als reine Instrumentalisierung gedeutet. Unzureichend ist jedoch eine Sichtweise, die übersieht, dass diese Fragen über Jahrzehnte hinweg im Namen »guter Beziehungen« institutionell befriedet wurden und ihre heutige Präsenz Ausdruck einer veränderten polnischen Position ist: wachsender Subjektivität, schwindender Asymmetrien sowie eines zunehmenden Empfindens symbolischer und materieller Defizite.
Hinter der verbreiteten Deutung steht zudem die Annahme, die Beziehungen seien einst stabil gewesen und erlebten heute einen durch Populismus verursachten Rückschritt. Tatsächlich beruhte die Stabilität der Jahre 1990–2014 jedoch in hohem Maße auf einer asymmetrischen Verhandlungsposition Polens sowie auf günstigen geopolitischen Konstellationen. Die heutigen Spannungen markieren daher weniger einen Rückfall als vielmehr einen Phasenwechsel: hin zu einer partnerschaftlicheren, zugleich aber konfliktreicheren und realistischeren Beziehung.
Ein besonderes Problem bleibt dabei nicht so sehr das Fehlen eines materiellen und symbolischen Abschlusses der Kriegsfragen, sondern das fortgesetzte Hinauszögern konkreter Entscheidungen. Dieses Aufschieben erweckt zunehmend den Eindruck, die deutsche Seite setze darauf, dass sich dieses Problem »von selbst« lösen werde – mit dem Verschwinden der letzten Opfer und Zeugen. Eine solche Strategie hat jedoch schwerwiegende Folgen nicht nur für das Gedenken, sondern auch für die Zukunft der Beziehungen, die weiterhin stark geschichtsbezogen geprägt sein werden – nunmehr vollständig vermittelt, ohne Beteiligung der Zeitzeugen.
Damit stellt sich die Frage nach der Bildung junger Menschen in beiden Ländern. Welche Rolle sollen Krieg und Besatzung spielen, wenn sie nicht klar im öffentlichen Raum verankert werden? Wie steht es um das deutsch-polnische Geschichtsbuch, das als dauerhaftes Instrument zur Überwindung von Erinnerungskonflikten gedacht war und heute eher am Rande der Debatte steht?
In diesem Zusammenhang kann die jüngste Erwähnung dieses Projekts durch Sejmmarschall Włodzimierz Czarzasty als positives Signal gelesen werden – sofern ihr konkrete Maßnahmen folgen. Auch die symbolische Dimension darf nicht unterschätzt werden. Hätte nicht ein Denkmal für die polnischen Opfer in Berlin einen solchen Abschluss markieren sollen? Zwar wurde eine Entscheidung getroffen, doch bleibt offen, ob die letzten Zeitzeugen die Enthüllung noch erleben werden.
Schon heute finden die Jahrestage des Kriegsbeginns ohne jene statt, die ihn unmittelbar erlebt haben – was den Charakter von Erinnerung und Verantwortung grundlegend verändert. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes wurde als Moment verpasst, an dem beide Seiten deutliche Zeichen von Ernsthaftigkeit und Verantwortung hätten setzen können.
In der Interpretation erscheint zudem häufig das klassische Schema: deutscher Pragmatismus versus polnische Emotionalität. Dabei sind Emotionen in der Erinnerungspolitik kein Defekt, sondern Ausdruck eines Gerechtigkeitsempfindens. Problematisch ist nicht ihre Existenz, sondern das Fehlen von Kanälen, in denen sie in Anerkennung und institutionelle Lösungen überführt werden können.
Die wohl wichtigste empirische Schlussfolgerung des Barometers 2025 liegt im Übrigen anderswo: Bilaterale Kontakte erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber antideutscher Rhetorik. Das Problem liegt daher nicht ausschließlich in politischen Narrativen, sondern im Bedarf an realen, sichtbaren und langfristigen Formen der Zusammenarbeit.
Der Text von Agnieszka Łada-Konefał beschreibt die Symptome einer Wahrnehmungskrise treffend, diagnostiziert jedoch ihre Ursachen nicht hinreichend. Es handelt sich nicht nur um einen Effekt von Populismus und Emotionen auf polnischer Seite, sondern um das Resultat struktureller Veränderungen und deutscher Versäumnisse im symbolischen, erinnerungspolitischen und geopolitischen Bereich. Gerade angesichts der über 25jährigen Erfolgsgeschichte des Deutsch-Polnischen Barometers erscheint es umso wichtiger, auch die veränderten Deutungs- und Referenzrahmen der Erhebung selbst in die Interpretation einzubeziehen. Wir haben es heute nicht mit einem »Zerfall der Beziehungen« zu tun, sondern mit ihrer schmerzhaften Normalisierung – bei weiterhin erheblichen Handlungsspielräumen auf beiden Seiten.