Reden zur Flugzeugkatastrophe von Smolensk

Zusammenfassung
Am 10. April 2010 stürzte das Flugzeug einer Delegation hoher Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens Polens bei Smolensk (Russland) ab. Alle 96 Insassen, darunter Präsident Lech Kaczyński und seine Ehefrau Maria, kamen uns Leben. Ziel der Reise war die Kriegsgräberstätte Katyn. Dort sollte aus Anlass des 70. Jahrestages eines sowjetischen Kriegsverbrechens an polnischen Offizieren eine Gedenkfeier für die Opfer der Massenerschießungen stattfinden. Nach dem Flugzeugunglück wurde, gestützt auf die nationalkonservative Zivilgesellschaft, jahrelang regelmäßig eine »Smolensker Monatsfeier« abgehalten, auf der der nationalkonservative Politiker Jarosław Kaczyński, Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten, eine Ansprache hielt. Auch auf höchster politischer Ebene wurde an Jahrestagen des Flugzeugunglücks gedacht.

Jarosław Kaczyński: Ansprachen bei den Smolensker Monatsfeiern vor dem Präsidentenpalast in Warschau

10. April 2012 (24. Smolensker Monatsfeier)

[…]

Sie wurden verraten [gemeint sind die Verunglückten des Flugzeugabsturzes von Smolensk; Anm. d. Übers.], das wissen wir heute ganz sicher. Unabhängig davon, wie die endgültigen Aussagen zu den Ursachen der Katastrophe lauten.

[…]

Aber, meine Damen und Herren, es gibt auch, und vor allem darüber wollte ich reden, sehr viel Gutes. Aus dieser Tragödie entstand sehr viel Gutes. Viele Tausende Polen, Zehntausende Polen sind auf vielfältige Weise aktiv geworden. Wie viele verschiedene Veranstaltungen machen wir, mit denen der Politik der Regierung zum Trotz die zu Tode Gekommenen geehrt werden! Wie viele neue Veröffentlichungen, Bücher, Filme haben wir, die von Hunderttausenden, Millionen Polen gesehen werden. Wir sind auf neue Weise aktiv geworden. Wir haben die unabhängige Gruppe von Antoni Macierewicz [parlamentarische Gruppe zur Klärung der Ursachen der Flugzeugkatastrophe von Smolensk unter dem Vorsitz des PiS-Politikers A. Macierewicz; Anm. d. Übers.]. Auf dem Hellen Berg [in Tschenstochau, bedeutendster Wallfahrtsort der römisch-katholischen Kirche in Polen; Anm. d. Übers.] wird am 3. Mai das Smolensker Epitaph enthüllt. Ich möchte allen, die sich dafür eingesetzt haben, herzlich danken. Ich möchte allen danken, die in diesem Prozess der Wiedergeburt, des Erwachens eine besondere Rolle spielen. Pater Rydzyk, Radio Maryja, TV Trwam, der Zeitung Nasz Dziennik. Aber ich muss hier mit besonderem Nachdruck die Bedeutung all dessen unterstreichen, was die Gazeta Polska und ihr Chefredakteur Tomasz Sakiewicz, die gesamte Strefa Wolnego Słowa [Plattform rechtskonservativer und -nationaler Medien; Anm. d. Übers.] machen. So wird, meine Damen und Herren, schon jetzt die Vierte Republik aufgebaut. Aber das ist zu wenig. Zu wenig. Wir müssen siegen. Müssen siegen. Dank der Aktivität entstanden neue Organisationen, neue gesellschaftliche Bewegungen. Ich als Vorsitzender und Anführer von Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) kann in diesem Moment nur eines sagen: Wir können nur dann siegen, wenn wir Hand in Hand arbeiten. In der Heiligen Schrift, erinnert euch, steht die Hand für Stärke. Stärke können wir in Einheit zeigen. Diejenigen, die die Einheit zerstören, zerstören die Stärke. Und noch eins müssen wir unbedingt immer beherzigen und verinnerlicht haben: die Worte des heiligen Paulus, die der Selige Jerzy Popiełuszko, der Kaplan der Solidarność, so oft wiederholt hat: »Überwinde das Böse mit Gutem«. Wir müssen das Böse mit Gutem überwinden können. Und zwar mit dem Guten, das wir aufbauen, mit der Einheit. Ist das möglich? Es kann sein, dass sich viele von uns diese Frage stellen. Ich sage: Ja. Wenn wir eins sind, wenn wir Hand in Hand arbeiten, dann ist das möglich. Die Ungarn haben uns ein Beispiel gegeben. Und wir müssen daran denken, dass die ganze Wahrheit, die sichere Wahrheit dann kommt, wenn wir siegen. Wahrheit und Sieg gehören zusammen. Dieses Bewusstsein muss uns begleiten: Das Böse mit dem Gutem überwinden und wissen, dass die Wahrheit zum Sieg führt. Es wird keinen Sieg ohne Wahrheit geben, aber es wird auch keine Wahrheit ohne Sieg geben.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=2ZYfa_egBBs

10. März 2017 (83. Smolensker Monatsfeier)

[…]

Sehr geehrte Damen und Herren, wir kommen hier schon fast sieben Jahre zusammen und einen großen Teil der Zeit hat man versucht, uns zu stören, so wie jetzt. Wenn darin etwas Neues sein sollte, dann nur das, dass sie die Ode an die Freude spielen, um zu verhindern, dass Polen ihre Rechte ausüben können. Und vielleicht ist das symbolisch, denn es zeigt den außergewöhnlichen Betrug, mit dem wir es heute zu tun haben. Aber wir wissen, dass wir gesiegt haben und siegen werden. Wir wissen, dass das, wonach wir streben, wofür wir kämpfen, die Ehrung der Toten von Smolensk und die Enthüllung der Wahrheit über Smolensk, schon nahe herbeigekommen ist. Und diese Furie, dieser Hass, die Ode an die Freude, die im Namen des Hasses gespielt wird, ändert hier nichts. Das ist nur der Beweis, wie sehr sich die fürchten, die Polen so viel Schlechtes zugefügt haben und die heute versuchen, eine neue Offensive zu starten, eine noch brutalere, noch unerhörtere Offensive.

[…] was hier geschieht, ist ein Angriff auf Polen, ein Angriff unter der Fahne der Europäischen Union, aber ein Angriff eben auf Polen und darauf, was das Wesen der Europäischen Union ist. Ein Angriff darauf, was die Gründer der EU Europa bereiten wollten und bereitet haben, und das zerstören die, die ihre Ideen entstellen. Und es hilft hier kein Geschrei. Wir werden hier sein und werden siegen. Wir werden siegen. Es wird ein freies Polen geben. Die Wahrheit über Smolensk wird kommen, und es wird eine Niederlage für die Lumpen geben, die hier mit irgendwas werfen. Aber ich sage nochmal: Das wird euch nichts bringen, ihr habt moralisch verloren, ihr habt politisch verloren und ihr verliert komplett. Ihr werdet eine Niederlage erleiden. Polen wird siegen!

[…]

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=V-ACkTXaqq8

10. Juni 2017 (86. Smolensker Monatsfeier)

[…] wir erfahren, was diejenigen wollen, die unsere Gegner sind. Sie wollen ein Polen, das sich in die Zeit der Volksrepublik zurückzieht, sie wollen ein Polen, in dem Katholiken, also die Mehrheit, keine Rechte haben werden. Denn sie haben ja hier »ab in die Kirche« gerufen, das heißt auf der Straße darf man nicht beten. Das war eine Forderung der Kommunisten, aber sogar in jener Zeit wurde sie nicht umgesetzt und wurde nicht so ein Aufruhr organisiert. Aber ich sage es nochmal, die Wahrheit wird siegen, wir werden immer mehr in Erfahrung bringen, immer mehr darüber, was nach der Katastrophe geschah, und immer mehr darüber, was die Ursache der Katastrophe war. Und keine Versuche, sich der Wahrheit entgegenzustellen, werden etwas bringen. Ja, in Polen gibt es ein riesig ausgebautes System fremder Geheimdienste und wir müssen mit ihm rechnen. Aber das ändert nicht die Tatsache, dass die Wahrheit siegen wird, dass Polen siegen wird, dass die Unabhängigkeit siegen wird.

[…]

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=AaYyuLuFdAM

Präsident Andrzej Duda: Rede zum 15. Jahrestag der Flugzeugkatastrophe von Smolensk

10. April 2025

Liebe Landsleute, sehr geehrte Damen und Herren,

es sind bereits 15 Jahre vergangen, aber ich habe immer noch das Bild Warschaus und der im Präsidentenpalast aufgebahrten Särgen des Präsidentenpaares und meiner verstorbenen Freunde vor Augen. Die Särge bildeten eine Trauerallee, durch die ein nicht endender Menschenstrom zog, Polen, die den Toten die letzte Ehre erwiesen. Das Büro von [Präsident; Anm. d. Übers.] Lech Kaczyński war leer. Vor den Bürotüren derer, die von uns gegangen waren, brannten Kerzen. Der Präsidentenpalast, wo gewöhnlich das Leben pulsiert, Gespräche und Treffen stattfinden, war erstorben. Stille erfüllte ihn. Und Verzweiflung.

[…]

15 Jahre später, im Schein Tausender Kerzen vor dem Präsidentenpalast, beweinen wir die Opfer der größten Tragödie Polens in der Geschichte der Nachkriegszeit – und erkennen in der Republik Polen wieder unsere wertvollste gemeinsame Sache, weitaus wichtiger als alle uns trennenden Unterschiede und zeitweiligen Konflikte. […]

In den Chroniken jener Zeit bleibt die Erinnerung daran, dass eine ungeheure Stärke, die der Solidarität, erweckt wurde – aber auch leider die Erinnerung an die, welche versuchten, sie zu brechen. Allerdings glaube ich, dass die Versuche, die Einheit mit Hilfe der sog. »Maschinerie der Geringschätzung« zu zerstören, letztlich vom Tuch der Schande verhüllt werden.

Heute wissen wir bereits: Es ist nicht gelungen, das Erbe derer, die in Smolensk ums Leben gekommen sind, zu beschmutzen.

Die Erinnerung der Polen, die stark, würdig und treu ist, erwies sich als mächtiger als jeglicher Versuch, sie zu bekämpfen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

für viele von uns bleibt jene Zeit eine offene Wunde. Aber für die jüngste Generation ist sie Geschichte. Diejenigen, die im Jahr 2010 die ersten Schritte machten, kommen heute ins Erwachsenenalter. Deshalb ist es unsere Verantwortung als Zeugen jener Tage, die Erinnerung zu bewahren und sie den Nachkommenden zu vermitteln.

Während meiner Amtszeit als Präsident wird an jedem Zehnten des Monats der Katastrophe von Smolensk in der Kapelle des Präsidentenpalastes gedacht. Ich vertraue darauf, dass meine Nachfolger diese Tradition fortsetzen werden, als Ausdruck des Respekts gegenüber denen, die ihr Leben verloren haben.

Ich danke allen, die in den letzten 15 Jahren dafür gekämpft haben, dass diese Tragödie nicht in Vergessenheit geriet, sondern würdig erinnert wird. Der Respekt ihren Opfern gegenüber ist und bleibt der Maßstab für die Achtung Polen und uns selbst gegenüber.

Deshalb kann man sich unmöglich damit abfinden, dass es der Warschauer Stadtrat bis heute nicht geschafft hat, einer der Straßen der Stadt den Namen des verstorbenen Professor Lech Kaczyński – Präsident Polens und Stadtpräsident der Hauptstadt zu verleihen.

[…]

Liebe Landsleute, sehr geehrte Damen und Herren,

»Die Wahrheit über Katyn ist in unserem Bewusstsein immer präsent und kann nicht aus dem Gedächtnis Europas getilgt werden«, sagte 1993 der Heilige Papst Johannes Paul II.

Auf diesen Appell antworteten die, die sich am 10. April 2010 aufmachten, um den ermordeten Landsleuten die Ehre zu erweisen und der historischen Wahrheit über das in Katyn an der polnischen Elite verübte sowjetische Verbrechen gerecht zu werden. Die Katastrophe, die sich auf dem Weg zu diesem symbolischen Akt der Gerechtigkeit ereignete, hat Polen 96 hervorragende Landsleute genommen.

Es entstand jedoch eine Gemeinschaft aus diesem großen Verlust. In diesen denkwürdigen Wochen trafen viele Menschen die Entscheidung, sich für öffentliche Angelegenheiten zu engagieren. Es entstanden gesellschaftliche Initiativen von unten und Räume für Zusammenarbeit für das Gemeinwohl.

Ein solches Polen – ambitioniert, seines Platzes in Europa und der Welt gewiss, seiner Geschichte bewusst, stark durch die Solidarität seiner Bürger und im Ausbau seiner Armee begriffen – ist die beste Antwort auf gegenwärtige Bedrohungen und den wieder erwachten russischen Imperialismus.

Nur auf diese Weise erfüllen wir das Testament der in Katyn Ermordeten sowie das Testament derer, die am 10. April in Smolensk zu Tode kamen.

Ehre ihrem Andenken!

Quelle: Prezydent pl. https://www.prezydent.pl/kancelaria/archiwum/andrzej-duda/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/oredzie-w-15-rocznice-katastrofy-smolenskiej,99676 (abgerufen am 11.03.2026).

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Zum Weiterlesen

Analyse

Die Smolensker Monatsfeier als Ritual und populistisches Mobilisierungsinstrument

Von Jurek Wejwoda
Die »Smolensker Monatsfeier« (miesięcznica smoleńska) entstand in Reaktion auf den Flugzeugabsturz von Smolensk am 10. April 2010, bei dem alle Insassen, v. a. hohe Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens in Polen, tödlich verunglückt waren. Bei den Monatsfeiern handelte es sich um eine Gedenk- und Protestveranstaltung, die von der nationalkonservativen Zivilgesellschaft ausging und v. (…)
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