Das Flugzeugunglück von Smolensk und seine unmittelbaren Folgen
Im Jahr 2010 wurde der 70. Jahrestag der Massenerschießungen von Katyn begangen, ein sowjetisches Kriegsverbrechen an ca. 22.000 kriegsgefangenen polnischen (Reserve-)Offizieren, das im April und Mai 1940 an verschiedenen Orten in der Sowjetunion verübt worden war. Als erste Fundstelle von Massengräbern (Anfang April 1943) steht Katyn stellvertretend für diese Mordserie. Katyn liegt 20 Kilometer westlich von Smolensk, im heutigen Russland.
Aus Anlass des 70. Jahrestages hatten sich am 7. April 2010 die damaligen Ministerpräsidenten Polens, Donald Tusk, und Russlands, Wladimir Putin, auf Initiative des Letzteren zu einer offiziellen Gedenkveranstaltung an der Kriegsgräberstätte Katyn getroffen. Staatspräsident Lech Kaczyński hatte dieses Vorgehen, das ihn protokollarisch ausschloss, scharf kritisiert. Er bestand auf einem eigenen geschichtspolitischen Akzent, der in der Teilnahme am Gedenken der polnischen Katyn-Opferverbände (u. a. die Föderation der Katyn-Familien/Federacja Rodzin Katyńskich) am 10. April 2010 zum Ausdruck kommen sollte. Hierfür stellte das Präsidialamt eine eigene Delegation zusammen, die u. a. Abgeordnete aller im Parlament vertretenen Parteien, die gesamte Militärführung und zahlreiche Angehörige von Opferverbänden umfasste. An der Spitze standen der Präsident mit seiner Ehefrau, Maria Kaczyńska.
Die Reise der Delegation startete am Morgen des 10. April. Der Absturz der polnischen Regierungsmaschine ereignete sich um 8:41 Uhr MEZ in dichtem Nebel beim Anflug auf den unregelmäßig genutzten Militärflughafen Smolensk-Nord. Dabei kamen alle 96 Flugzeuginsassen ums Leben. In der Summe offenbarten die Abschlussberichte der russischen und polnischen Luftfahrtkommissionen eine Mischung aus menschlichem Versagen, mehr oder minder schwerwiegenden technischen Mängeln und organisatorischen Versäumnissen bei der Durchführung des Fluges, die sich in ihrem Zusammenspiel negativ verstärkten und dadurch in die Katastrophe führten.
Der Flugzeugabsturz war für weite Teile der polnischen Gesellschaft aufgrund der Zusammensetzung der Delegation an Bord und des Zielortes – die Kriegsgräberstätte in Katyn – ein Schock. Als die Nachricht über das Unglück nach 9 Uhr die Öffentlichkeit erreichte, kam vor dem Präsidentenpalast im Zentrum Warschaus eine spontane Trauergemeinschaft zusammen, die in den folgenden Tagen und Wochen zu einem Medienereignis und schrittweise von der rechtskonservativen Zivilgesellschaft vereinnahmt und als »Smolensker« Monatsfeier fortgeführt wurde.
Die von Beobachter:innen wahrgenommene nationale Einheit in der Trauer endete bereits am 13. April mit der Verkündung des Begräbnisortes für das Präsidentenpaar auf dem Wawel in Krakau durch Erzbischof Stanisław Dziwisz. Besonders stark kritisiert wurde die damit verbundene symbolische Gleichsetzung Lech Kaczyńskis mit den mittelalterlichen und neuzeitlichen Königen Polens und mit Nationalhelden wie Adam Mickiewicz, Tadeusz Kościuszko und allen voran Józef Piłsudski, die auf dem Wawel ihre letzte Ruhestätte haben. Die Anhänger:innen des verstorbenen Präsidenten betrachteten diese Parallele hingegen als gerechtfertigt. Das Präsidentenpaar wurde schließlich am 18. April in einer aufwendig inszenierten Begräbniszeremonie im Vorraum der Krypta Piłsudskis bestattet.
Im anschließenden Wahlkampf zu den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen spielte die Katastrophe noch keine Rolle. Erst nach seiner Niederlage gegen Bronisław Komorowski im zweiten Wahlgang am 4. Juli 2010 begann Jarosław Kaczyński, der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten und führender Kopf der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS), das Thema politisch polarisierend für sich zu nutzen. Unter anderem nahm er ab dem 10. September ausnahmslos an jeder Monatsfeier in Warschau teil und hielt auf der Abschlusskundgebung eine Rede. In der Zwischenzeit – also zwischen April und September 2010 – hatte sich die Monatsfeier als Gedenk- und Protestveranstaltung der rechtskonservativen Zivilgesellschaft landesweit etabliert und wurde organisatorisch v. a. von den Klubs der Gazeta Polska (Kluby Gazety Polskiej – KGP), die der PiS nahestehen, getragen.
Kulturhistorische und politische Vorbedingungen
Die Entstehung und Form der Smolensker Monatsfeier lassen sich als Zusammenspiel verschiedener Faktoren erklären. Erstens kam in der spontanen Reaktion auf das Unglück die anhaltende Wirksamkeit des romantischen Paradigmas in der polnischen Gesellschaft zum Ausdruck. Der Schriftsteller Stefan Chwin kommentierte: »Innerhalb einer Woche zogen wir uns tief in das 19. Jahrhundert zurück.« Die polnische Romantik (ca. 1820–1863) ist in ihrer Zeit als Bewältigungs- und Tröstungsstrategie für die 1795 endgültig verlorene Staatlichkeit zu verstehen. Insbesondere der Dichter Adam Mickiewicz (1798–1855) vertrat in seinen Werken eine enge Verbindung von Religion und Geschichtsphilosophie, in der Polen als »Christus unter den Völkern« figuriert. In Anlehnung an den Messias werde die Wiederkehr des polnischen Staates ein neues Zeitalter der Freiheit und Harmonie einläuten. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine Form von Patriotismus, die sich bis heute auf das Ethos der Tradition und des Opfers beruft, moralischen Triumphalismus über die Auseinandersetzung mit politischem Versagen, heroisches Handeln über rationales Denken und Märtyrertum über die Erhaltung des Lebens stellt (Joanna Niżyńska 2010).
Zweitens verband die Bewältigungsstrategie des romantischen Paradigmas die Opfer der Katastrophe von Smolensk symbolisch untrennbar mit den Toten der Massenerschießungen von Katyn. Den Ausgangspunkt für diese, als Katyn-Metapher bezeichnete, Übertragung bildete die Zugehörigkeit beider Opfergruppen zur gesellschaftlichen Elite ihrer Zeit. Diese Analogie nutzten sowohl verschiedene Leitmedien als auch gesellschaftliche Autoritäten wie der ehemalige Präsident Aleksander Kwaśniewski oder der Historiker Timothy Garton Ash.
Als problematisch erwies sich jedoch die in der Metapher angelegte Nivellierung der unterschiedlichen Todesursachen – Erschießung vs. Flugzeugunfall. Auf dieser Grundlage entstanden vielfältige Verschwörungserzählungen. Insbesondere weil die Sowjetunion bis 1990 die Täterschaft für das Kriegsverbrechen von Katyn geleugnet hatte, erschien es für bestimmte gesellschaftliche Gruppen plausibel, dass im Fall des Flugzeugabsturzes von Smolensk von einem Anschlag der russischen Geheimdienste in Kollaboration mit der Regierung Tusk auszugehen sei, der nun – wie schon im Fall Katyn – vertuscht werden sollte.
Drittens erwies sich der nicht natürliche Tod des nationalkonservativen Präsidenten für seine Anhänger:innen als Gelegenheit, ihre Vorstellungen von einer adäquaten Würdigung seiner Person im historischen kollektiven Gedächtnis Polens durchzusetzen. Dies äußerte sich vor allem in einer Quasisakralisierung, die ihn zur romantischen Heldengestalt machte, und in der Überhöhung seiner tatsächlichen Leistungen als Dissident in der kommunistischen Volksrepublik sowie als Politiker der Dritten Republik. Konkret führte diese Strategie landesweit u. a. zu etlichen Straßenumbenennungen und Einweihungen von Gedenkorten zu Ehren des Präsidenten(paares) sowie auch weiterer Opfer des Absturzes.
Schließlich spielte viertens auch der Antagonismus zwischen der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska – PO) und der PiS eine entscheidende Rolle. Die führenden Politiker:innen beider Parteien entstammten dem liberal-konservativen Flügel der Solidarność, der demokratischen Oppositionsbewegung im letzten Jahrzehnt der Volksrepublik, und bekämpften ursprünglich gemeinsam den Einfluss der Postkommunisten nach der Systemtransformation. Nach dem für die PiS siegreichen Doppelwahlkampf um Parlament und Präsidentenamt im Jahr 2005 entwickelten sich beide Parteien, getrieben von populistischer Logik und Kommunikation, schrittweise zu bis heute unversöhnlichen Kontrahentinnen. Der Flugzeugabsturz und seine Folgen wirkten hier als weiterer Katalysator einer Zuspitzung, die als Variante der Freund-Feind-Unterscheidung nach Carl Schmitt gelesen werden kann, dessen Schriften nachweislich von den polnischen Nationalkonservativen rezipiert wurden.
Die Monatsfeier als Ritual: Struktur, Ästhetik und Narration
Die für viele Beobachter:innen überraschende Beständigkeit der Smolensker Monatsfeier lässt sich auf ihre Organisation als Ritual zurückführen. Im Fall der größten und wichtigsten Veranstaltung in Warschau versammelten sich die Teilnehmenden am jedem Zehnten des Monats um 19 Uhr in der Kathedralbasilika St. Johannes der Täufer zu einer Messe. Anschließend formierten sie sich auf dem nahegelegenen Schlossplatz zu einem Demonstrationszug, zu dem weitere Menschen hinzukamen, und absolvierten einen knapp einen Kilometer langen sogenannten Gedenkmarsch auf Warschaus bekanntestem Boulevard, Krakauer Vorstadt (Krakowskie Przedmieście), der vor dem Präsidentenpalast endete. Hier fand eine als Gedenkappell apostrophierte Abschlusskundgebung statt, deren Elemente weitgehend unverändert blieben. Insgesamt dauerte die Monatsfeier in Warschau anderthalb bis zwei Stunden.
Schon der Symbolgehalt des beschriebenen Ritualraums und der Ritualzeit (monatlich, 19 Uhr) verdeutlicht, in welchem Kontinuum sich die Teilnehmenden verorteten. Der Boulevard Krakauer Vorstadt zwischen Schlossplatz und Präsidentenpalast gehört zu den geschichtsträchtigsten Orten in Warschau. Die Straße war u. a. der bevorzugte Ort für Begräbnisprozessionen (z. B. Józef Piłsudski 1935, Kardinal Stefan Wyszyński 1981) sowie immer wieder Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen (Kościuszko-Aufstand 1794, Warschauer Aufstand 1944) und politischer Demonstrationen. Zu letzteren zählen u. a. Proteste gegen die russische Teilungsmacht 1861, die Studentenproteste 1968 und die wiederholt auftretenden Auseinandersetzungen mit dem kommunistischen Regime in den 1980er Jahren. Der monatliche Rhythmus und der abendliche Beginn um 19 Uhr mit einer Messe riefen bei vielen Teilnehmenden klare Assoziationen an Pater Jerzy Popiełuszko und seinen Messen für das Vaterland (msza za ojczyznę) hervor. Diese entwickelten sich zwischen 1982 und 1984 – bis zur Ermordung des Priesters durch Funktionäre des kommunistischen Geheimdienstes – zu religiös-patriotischen Widerstandskundgebungen gegen das Regime im Geiste des romantischen Paradigmas.
In diesem Gestus funktionierten auch weitere Ritualbestandteile, die den öffentlich sichtbaren Teil der Monatsfeier (Gedenkmarsch und Gedenkappell) prägten. Dazu zählten z. B. die Verwendung von weiß-roten Armbinden für den Ordnungsdienst (bis März 2012) und das Zeigen des Victory-Zeichens. Beide Artefakte knüpfen eindeutig an die Widerstandsgeschichte der Solidarność an und stellen gleichzeitig eine Aneignung und Vereinnahmung ihres Erbes durch das nationalkonservative Lager dar. Auch die Ausübung religiöser Praktiken verdeutlichte die Selbstverortung der Ritualgemeinschaft: Während des gesamten Gedenkmarsches wurde unter Anleitung eines Geistlichen der Rosenkranz gebetet, nur unterbrochen vom Singen religiöser und patriotischer Lieder.
Eine herausragende Rolle spielte dabei das Lied »Gott, der du Polen…« (Boże coś Polskę), das in nationalkonservativen Kreisen als inoffizielle, zweite Nationalhymne Polens gilt und den Schlusspunkt beim Gedenkappell setzte. In den ersten Jahren schloss es mit dem Vers »Herr, lass unser freies Vaterland zurückkehren!« (Ojczyznę wolną, racz nam wrócić, Panie!). In dieser Version war das Lied vor der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit 1918 sowie zwischen 1939 und 1989 in Gebrauch. Die Ritualgemeinschaft der Monatsfeier signalisierte damit, dass aus ihrer Sicht Polen wieder unfrei sei und unter Fremdherrschaft stehe. Folgerichtig kehrte sie nach dem Wahlsieg der PiS bei den Parlamentswahlen ab Dezember 2015 zur Originalversion zurück: »Herr, segne unser freies Vaterland!« (Ojczyznę wolną, pobogosław, Panie!).
Diese Beispiele belegen, dass die Monatsfeier als ein Widerstandsszenario gestaltet war, das sie als jüngstes Glied einer Kette gesellschaftlichen und teilweise militanten Aufruhrs in der polnischen Geschichte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verortete. Die Anknüpfungspunkte an die Solidarność und die gesellschaftlichen Unruhen der 1980er Jahre sind dabei am stärksten präsent, da es sich zum Teil um dieselben Akteur:innen handelte.
Betrachtet man die Monatsfeier aus der Perspektive der Ritualtheorie, lassen sich vielfältige Analysemöglichkeiten feststellen. Hervorgehoben werden soll hier das Verständnis als rituelle Rebellion und transformative Zeremonie, die über eine kulturelle Revolution eine politische auslösen will. Diesen Mechanismus untersuchte Jan Kubik (1994) für den Konflikt zwischen der Solidarność und der kommunistischen Staatsmacht zu Beginn der 1980er Jahre. Ihm zufolge gelang es der Solidarność, mit symbolischen Mitteln den Interaktions- und Interpretationsrahmen des herrschenden Systems anzugreifen und in Frage zu stellen. Durch die Verwendung von Symbolen, die entweder neue Bedeutungen transportierten oder alte Szenarien wiederbelebten und aktualisierten (z. B. das romantische Paradigma), konnte die Bewegung in weiten Teilen der Gesellschaft eine gegen die kommunistischen Machthaber gerichtete kulturelle Hegemonie herstellen. Das auf diesem Wege erfolgreich delegitimierte Regime konnte einen politischen Machtwechsel nur noch durch die Ausrufung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 verhindern bzw. nach dessen Aufhebung den Wechsel um einige Jahre verzögern.
Der beschriebene Prozess trifft auch auf die Wirkung der Monatsfeier zu, mit dem gravierenden Unterschied, dass die Ritualgemeinschaft die 2007 demokratisch gewählte und 2011 im Amt bestätigte Regierungskoalition unter Donald Tusk (PO) zunächst mit der kommunistischen Diktatur gleichsetzen musste. Die spezifische Ausarbeitung ihres symbolischen Zeichenvorrats war der Versuch, eine Diskursverschiebung in die Bedeutungsräume des nationalkonservativen Lagers herzustellen, sich also die Deutungshoheit über das Thema Smolensk zu sichern. Die stete Wiederholung der Aufführung im Monatsrhythmus und ihre Verbreitung über eigene Medienkanäle führten zur Etablierung eines von der PiS geprägten Gegendiskurses. Zieht man nun noch in Betracht, dass die Teilnehmenden durch Gesang, Gebet, den Marsch zum Präsidentenpalast (auch bei Regen oder Frost), Applaus und Sprechchöre vom einfachen Publikum selbst zu Akteur:innen der Ritualaufführung wurden, so lässt sich die Beständigkeit und Langlebigkeit der Monatsfeier nachvollziehen.
Diese von den Organisatoren auf intensive Erfahrungen und Partizipation ausgerichtete Veranstaltung kann mit dem Konzept des immersiven Theaters analysiert werden. Die Mitwirkung machte die Teilnehmenden zu unverzichtbaren Kompars:innen des ausgestellten und aufgeführten Freiheitskampfes, so abwegig die Deutung der Realia der 2010er Jahre als Fremdherrschaft, gegen die man sich auflehnen müsse, auch klingen mag.
Die Einbettung in das konstruierte, symbolische Zeit-Raum-Kontinuum der Monatsfeier und die sinnliche Erfahrung ihres Ablaufs ermöglichten individuelle Resonanzerfahrungen (siehe Hartmut Rosa 2016), die eine stabile religiöse und politische Selbstverortung erzeugten, mobilisierend wirkten und deren aktivierendes Potential auch Impulse für Anschlusshandlungen im Alltagsleben setzte, z. B. Mitgliedschaften und Engagement bei der PiS und den Klubs der Gazeta Polska, die Organisation von ähnlich gelagerten Veranstaltungen etc.
Die Monatsfeier als Ort für Gemeinschaftsbildung und Mobilisierung
Die Smolensker Monatsfeier war gleichzeitig ein Instrument populistischer Kommunikation und Handlungslogik. Sie diente neben der Vermittlung grundsätzlicher Positionen (z. B. Alleinvertretungsanspruch auf die Repräsentation von Volk und Nation, Feindbildkonstruktion, These des Anschlags auf das Flugzeug) v. a. der Mobilisierung, Vernetzung und Förderung des Zusammenhalts innerhalb der rechtskonservativen Zivilgesellschaft, die als loyale Machtbasis für die PiS funktionierte. Darin inbegriffen war auch das demonstrative Selbstverständnis, zu den »wahren« Pol:innen zu gehören, die ein idealisiertes Volk repräsentieren, dessen berechtigte Interessen von den »herrschenden Eliten und ihren Handlangern« ignoriert wurden.
Über das gemeinsame Projekt, die Opfer von Smolensk zu verehren und einen Mythos aufzubauen, trug die Monatsfeier außerdem zur personellen und organisatorischen Verzahnung der Teilnehmenden mit der PiS bei. Die Partei baute dadurch stabile Verbindungen zu politischen Vorfeldorganisationen auf, wobei die intensivste Zusammenarbeit mit den KGP erfolgte. So konnte die PiS ihre Verankerung in der Fläche erheblich verbessern, was zu diesem Zeitpunkt und in dieser Form von keiner anderen politischen Partei in Polen erreicht wurde. Die in mehreren Studien belegte Kooperation diente je nach Perspektive als Sprungbrett in die Politik (KGP) oder als Rekrutierungsreservoir (PiS). Das bekannteste Beispiel dürfte die Warschauer KGP-Vorsitzende Anita Czerwińska sein. Sie ist seit den Parlamentswahlen 2015 PiS-Abgeordnete und war zusätzlich ab Juni 2019 Pressesprecherin der Partei und der Fraktion. Sie gab dieses Amt auf, nachdem sie im Juni 2022 zur Staatssekretärin im Ministerium für Familie und Sozialpolitik ernannt wurde, eine Funktion, die sie bis Dezember 2023 ausübte. Darüber hinaus kandidieren KGP-Mitglieder im ganzen Land regelmäßig für Kommunal- und Parlamentswahlen auf Listen der PiS, so dass häufig eine Doppelfunktion als aktives KGP-Mitglied und – v. a. lokale:r – PiS-Politiker:in zu beobachten ist.
Der Gedenkappell während der Monatsfeier war der zentrale Ort für politische und erinnerungskulturelle Mobilisierungen, die zur Teilnahme an weiteren Demonstrationen oder Gedenkfeiern im Rahmen des nationalkonservativen Gedächtniskanons einluden. Die Aufrufe zur Wahlbeobachtung der Kommunalwahlen im November 2014 sowie der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Mai bzw. Oktober 2015, um eine angeblich mögliche Wahlfälschung zu verhindern, stellten dabei gleichzeitig einen populistischen Delegitimierungsversuch demokratischer Repräsentationsprozesse dar. Hinzu kamen Beziehungspflege und die Selbstvergewisserung, Avantgarde der nationalen Gemeinschaft zu sein. Das familiäre Gefühl unter den Teilnehmer:innen wurde u. a. durch Danksagungen, das Verlesen von Grußadressen oder auch durch die Bekanntgabe von Todesfällen unter den Aktivist:innen gestärkt. Zudem nutzte v. a. Jarosław Kaczyński den Gedenkappell als Bühne, um sich über seinen Habitus und seine Ansprachen (ab dem 10. September 2010) als unangefochtenen, romantisch-spirituellen Anführer zu inszenieren (Katarzyna Kłosińska/Michał Rusinek 2019).
Jedoch ist Kaczyński keine medial besonders auffällige oder gut verwertbare Figur. Die von populistischen Anführern der 2000er Jahre typischen Inszenierungen athletischer Männlichkeit konnten von ihm nicht erwartet werden. Sein Charisma und die Wirkung als außergewöhnliche Führungsfigur lassen sich am ehesten auf seine Gewöhnlichkeit zurückführen, die ihn für seine Anhänger:innen als »einen von uns« ausweist. Er pflegt insgesamt einen bescheidenen Lebensstil, bevorzugt die polnische Küche, spricht keine Fremdsprachen, ist privat noch nie ins Ausland gereist, mag Chopin und Schlagermusik und ist in seinen Umgangsformen ein Kavalier der alten Schule.
In der politischen Kommunikation ist er dagegen für seine teils rüde, Grenzen überschreitende Rhetorik und die Selbststilisierung als politisch inkorrekter Außenseiter bekannt, der stellvertretend für Viele unbequeme Wahrheiten ausspricht. In der Wahrnehmung seiner Anhänger:innen zeigt er damit den Mut und die Beharrlichkeit, unabhängig von der aktuellen (gesellschafts)politischen Konjunktur für bestimmte Werte und Inhalte einzustehen.
Auf der Monatsfeier war Kaczyński gleichermaßen einfaches Mitglied der Ritualgemeinschaft und spiritus rector, der auf dem langen Weg zur Wahrheit und Erinnerung das Denken und Handeln der nationalen Gemeinschaft bündelt, um die spezifische Mission Polens in der Geschichte zu erfüllen. Im Verlauf des Gedenkmarsches und Gedenkappells sang er alle Lieder mit und betete den Rosenkranz. Während des Marsches befand er sich am Anfang des Zuges inmitten der Teilnehmenden und auch am Appellort vor dem Präsidentenpalast, wo bis zu den Wahlen 2015 eine gewisse Enge herrschte, blieb er aufgrund des geringen Abstands in engem Kontakt zu seinen Mitstreiter:innen. Erst im Dezember 2015 weitete sich dieser Raum und stellte eine größere Distanz her, möglicherweise aufgrund einer höheren Sicherheitsstufe oder um die infolge des Wahlsieges gewonnene Macht zu repräsentieren.
In seinen Ansprachen kombinierte Kaczyński romantische Stil- und Ausdrucksmittel mit geschichtspolitischen Anliegen und populistischen Kommunikationselementen (Alleinvertretungsanspruch, Feindbildkonstruktion), was den Zusammenhalt der Ritualgemeinschaft stärken und ihre Mobilisierung fördern sollte. Hier ist die in vielfältigen Varianten formulierte Verbindung aus »Wahrheit« und »Weg« hervorzuheben. Sie offenbarte ein grundlegendes romantisches Denkmuster: Wichtiger als der Erfolg der Tat ist der Wille zur Tat. Wichtiger als die Wahrheit zu erfahren, ist es, den Weg dorthin zu beschreiten. Der Weg dient als Begründung für die allmonatliche Mobilisierung, als quasireligiöses Versprechen der Offenbarung und Erleuchtung und so erteilt allein sein Beschreiten schon moralische Absolution.
Nach dem offiziellen Antritt der Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydło Mitte November 2015 entfielen bis auf die Danksagungen fast alle geschilderten Mobilisierungselemente. Das propagierte Ziel des Regierungswechsels war erreicht und sogar eine absolute Mehrheit im Parlament erlangt. Politische Forderungen und erinnerungskulturelle Vorhaben konnten nun direkt durch die Verantwortlichen in Regierung und Staatsapparat umgesetzt werden. Mit den ab Sommer 2016 zunehmenden Gegenprotesten wurde die nach innen gerichtete Identitäts- und Gruppenbildung schließlich von der nach außen gerichteten »Feindabwehr« überlagert und somit bis zum offiziellen Ende der Monatsfeier im April 2018 bestätigt.
Der Erfolg der Monatsfeier
Der Erfolg der Smolensker Monatsfeier lässt sich v. a. aus ihrem kommunikativen Angebot zu einem spezifischen Zeitpunkt an eine konkrete gesellschaftliche Gruppe erklären. Aufgrund der Konfiguration als religiöse Prozession und politische Demonstration wurde sie zum Schwungrad für autoritäre Resonanzerfahrungen: Das regelmäßige Erlebnis der Monatsfeier mit Tausenden Gleichgesinnten bestätigte die subjektive Richtigkeit autoritärer Herangehensweisen, wie sie von der PiS politisch formuliert und umgesetzt wurden, und motivierte zu eigenen Aktivitäten. Damit diente die Monatsfeier auch als Instrument für illiberale Diskursverschiebungen. Beispielsweise wurden auf den Veranstaltungen in Warschau auch aktuelle Entwicklungen kommentiert, was dazu beitrug, dass sich in den größer werdenden Netzwerken illiberale, autoritäre Positionen verfestigten und in das Alltagsleben ausstrahlten. Unterstützend wirkte hier auch die rasche Entwicklung der sozialen Medien. In den weitverzweigten Strukturen des Internets und mithilfe nationalkatholischer Sendekanäle schuf sich die Ritualgemeinschaft der Monatsfeier ihre Medialität selbst, nachdem die polnischen Leitmedien im Herbst 2010 nach und nach das Interesse an der Veranstaltung verloren und sie nicht mehr Teil ihres Nachrichtenkalenders war.
Die Monatsfeier – verstanden als transformative Zeremonie – hatte aus dieser Perspektive entscheidenden Anteil daran, dass die PiS im Jahr 2015 die Wahlen mit absoluter Mehrheit gewinnen konnte. So besteht ihr Beitrag v. a. darin, dass über die Ritualaufführung und die dafür notwendige Kooperation mit der nationalkonservativen Zivilgesellschaft in der Fläche eine hochmotivierte Wähler:innenschaft mobilisiert wurde. Vor dem Hintergrund der notorisch niedrigen Wahlbeteiligung in Polen seit 1989 sollte dieser Effekt nicht unterschätzt werden. Nach dem Wahlsieg der PiS 2015 hatte die Monatsfeier ihre Funktion als rituelle Rebellion erfüllt. Da sie als Gedenkveranstaltung über eine ganz eigene, innere Logik verfügte, konnte sie aber nicht ohne Weiteres beendet werden. Sie wandelte sich nun zu einem Ritual der Affirmation.
Dagegen fanden das linke bis liberal-konservative politische Spektrum und die progressive Zivilgesellschaft bis zuletzt keinen adäquaten und kohärenten Umgang mit dem Flugzeugabsturz von Smolensk. Sie erlebten den Verlust der politischen Führung und von Identifikationsfiguren zwar ebenfalls als Katastrophe, jedoch konnten aus ihrer Sicht die Absturzursachen im Verlauf der Untersuchungen restlos aufgeklärt werden. Die Regierung Tusk konzentrierte sich auf eine sachorientierte Moderation und Aufarbeitung der Ereignisse. Es gab also keinen Grund, in dieser Angelegenheit weiter aktiv zu bleiben.
Stattdessen dominierten Unverständnis, Spott und Geringschätzung, die sich auf die kultische Verehrung Lech Kaczyńskis, die Anschlagsthese und die als anachronistisch wahrgenommene Widerstandssymbolik bezogen. Eine Rolle mag hier auch gespielt haben, dass die Emotionalität der Monatsfeier und die Irrationalität ihrer Verschwörungserzählungen mit einem der Rationalität der Aufklärung verpflichteten Weltbild unvereinbar sind. Aus dieser Perspektive erwecken Phänomene wie die Monatsfeier Misstrauen, insbesondere wenn sie durch eine mobilisierte, gleichförmig erscheinende Menschenmasse getragen werden.
Mit dieser Grundhaltung überließen die Gegner:innen der Monatsfeier dem nationalkonservativen Lager sowohl diskursiv als auch wortwörtlich das Feld. Die Vereinnahmung der Opfer und die Instrumentalisierung der Ereignisse blieben von ihnen gesellschaftlich und politisch unbeantwortet. Insbesondere die unangefochtene Präsenz im Stadtraum begünstigte die Vernetzungsprozesse zwischen nationalkatholisch geprägter Politik und Zivilgesellschaft und vergrößerte ihre Reichweite und Einflussmöglichkeiten.
Politischer und zivilgesellschaftlicher Protest gegen die Monatsfeier trat deshalb vor dem Wahlsieg der PiS im Jahr 2015 nur sporadisch auf. Erst danach, als Teile der Zivilgesellschaft gegen das autoritäre Vorgehen der PiS-Regierung protestierten, wurde die Monatsfeier, insbesondere in Warschau, zunehmend zur Zielscheibe, was im Juni 2017 in einem erfolglosen Blockadeversuch gipfelte.