Sotschi und sein kaukasisches Umfeld

Von Uwe Halbach (Berlin)

Zusammenfassung
Das olympische Areal liegt am Westrand des Nordkaukasus, der in russischen und internationalen Sicherheitsanalysen mit bewaffnetem Aufstand assoziiert wird. Im September 2010 hob der damalige russische Präsident Medwedew die Region als die größte innere Herausforderung Russlands hervor. Der Europarat erklärte sie im selben Jahr zur herausragenden Gewaltzone in seinem Einzugsbereich. In den letzten Jahren erstreckte sich die Konfrontation zwischen bewaffneten Untergrundkräften und staatlichen Sicherheitsorganen weit über Tschetschenien hinaus, auf das sich die Wahrnehmung des Nordkaukasus lange Zeit beschränkt hatte. Als das IOC sich 2007 für Sotschi als Austragungsort für die Winterolympiade im Februar 2014 entschied, war dieser Prozess bereits in vollem Gange. Zudem hebt sich die »tscherkessische Frage« im Umfeld der Olympiade als historisches und gegenwartsbezogenes Thema ab. Sie fordert das Austragungsland Russland zur Auseinandersetzung mit Kolonialgewalt auf.

Der Nordkaukasus als Russlands »inneres Ausland« und Gewaltzone

In diesem Jahr drängte sich das Thema Sotschi 2014 in die internationale Berichterstattung über Russland. Da ging es um Korruption und Kostenexplosion beim Aufbau der olympischen Infrastruktur, um Proteste von Umweltschützern gegen den Bau von Autobahnen und gigantischen Sportstätten in Naturschutzgebieten, um klimatische Herausforderungen an eine Winterolympiade, die erstmals in einer subtropischen Zone stattfindet. Sicherheitspolitisch fällt für Russlands vorrangiges Prestigeprojekt jedoch das regionale Umfeld der Olympiade in Gewicht, der Nordkaukasus – eine Region, aus der im Wochentakt Gewaltereignisse gemeldet werden, auch wenn laut Aussage des FSB-Chefs Bortnikow die Zahl terroristischer Straftraten 2013 zurückgegangen sein soll.

Die Wahrnehmung dieser Region mit sieben Teilrepubliken der Russischen Föderation – von Adygeja im Westen nahe der Schwarzmeerküste bis Dagestan im Osten am Kaspischen Meer – war lange Zeit auf Tschetschenien beschränkt. Die von zwei Kriegen erschütterte Teilrepublik bildet heute nicht mehr das Epizentrum bewaffneten Aufstands, auch wenn sie von nachhaltiger Befriedung noch weit entfernt ist. Das dem olympischen Areal am nächsten gelegene Territorium, auf das der in internationalen Sicherheitsanalysen mit »low level insurgency« bezeichnete Zustand zutrifft, ist die Teilrepublik Kabardino-Balkarien im mittleren Abschnitt des Nordkaukasus, rund 500 km von Sotschi entfernt. Während des ersten Tschetschenienkriegs (1994–96) war sie von Dschohar Dudajew, dem damaligen Führer der tschetschenischen Revolution, nach einer russischen Märchenfigur noch als die »schlafende Schöne« bezeichnet worden, weil sie unbehelligt vom Krieg in ihrer Nachbarschaft Touristen anzog. Das hat sich geändert – spätestens nachdem im Oktober 2005 ihre Hauptstadt Naltschik einem großflächigen Angriff bewaffneter Kämpfer eines islamistischen Netzwerks ausgesetzt war. In der Gewaltstatistik von 2012 stand Kabardino-Balkarien zwar nur an vierter Stelle unter den nordkaukasischen Teilrepubliken. Gleichwohl erregten einige Erscheinungen in Moskau Besorgnis. So ist der Anteil der russischen Bevölkerung durch Auswanderung gesunken – von 32 % im Jahr 1989 auf rund 20 % heute. Im Ostteil des Nordkaukasus, in Dagestan, Tchetschenien und Inguschetien, finden sich nur noch winzige Restbestände russischer Bevölkerung. Unter den ethnischen Russen wächst die Angst vor einer Ausbreitung des »Wahhabismus«. Mit diesem Schlagwort werden radikal-islamistische (salafistische) und militante (jihadistische) Tendenzen im überwiegend muslimischen Nordkaukasus bezeichnet. Gaben 2005 bei einer Umfrage der Medium Orient Information Agency nur sechs Prozent der befragten Russen in Kabardino-Balkarien dies als die bedrohlichste Entwicklung an, waren es 2012 schon 59 Prozent.

Am weitesten ragt aus der Gewaltstatistik heute Dagestan heraus. Von 144 Terrorakten, die nach FSB-Angaben von Januar bis September 2013 verzeichnet wurden, entfielen 122 auf diese größte nordkaukasische Teilrepublik mit annähernd drei Millionen Einwohnern aus Dutzenden Volksgruppen. Sie ist zwar gut 1000 km vom olympischen Areal um Sotschi entfernt, doch räumliche Distanz spielt für die ins Innere Russlands ausgreifenden Terroranschläge mit nordkaukasischem Hintergrund keine Rolle. Der jüngste Anschlag dieser Art ereignete sich in Wolgograd am 21.Oktober 2013. Das Attentat auf einen Linienbus, das sechs Todesopfer forderte, wurde von einer jungen Frau aus dem dagestanischen Bergdorf Gunib ausgeführt, die mit ihrer Sprengstoffladung mehr als 800 km bis zum Tatort anreiste.

Terrordrohungen gegen das Projekt Sotschi 2014

An prominentester Stelle erklang eine Drohung gegen die Winterolympiade aus dem Mund Doku Umarows. Der Führer des »Kaukasus-Emirats« hob ein Moratorium für Terroranschläge gegen zivile Ziele in Russland wieder auf, das er im Februar 2012 verkündet hatte, und appellierte an die »Mudschahedin«, die olympischen Spiele »mit allen uns von Allah erlaubten Mitteln zu verhindern«. Die Olympiade veranstalte »satanische Tänze auf den Gebeinen unserer Vorfahren, die gefallen sind und begraben wurden in unserem Land entlang der Küste des Schwarzen Meeres« – eine Anspielung auf die Niederwerfung des tscherkessischen Widerstandes durch die Armee des Zaren 1864. Die russischen Behörden reagierten relativ gelassen auf die Drohung, schlossen aber eine reale Gefahr für die olympischen Spiele nicht aus. Schon zuvor hatte es dafür Anzeichen gegeben. Im Februar 2011 verübten Terrorzellen in Kabardino-Balkarien Anschläge gegen Ski-Gebiete am Elbrus. Sie richteten sich gegen ein weitgespanntes Tourismusprogramm, das von der Schwarzmeerküste bis zum Kaspischen Meer eine Kette von Kurorten und Ferienzentren als Maßnahme zur Modernisierung und Stabilisierung des Nordkaukasus errichten will, wurden aber auch als gezielte Vorbereitung für Anschläge im Umfeld der bevorstehenden olympischen Spiele gedeutet. Im Mai 2012 hob der FSB zehn Waffenlager in Abchasien aus, die u. a. Boden-Boden-Raketen enthielten und offenbar in Vorbereitung größerer Anschläge angelegt worden waren.

Am 1. September 2013 unterzeichnete Präsident Putin ein Sonderdekret über entsprechende Sicherheitsmaßnahmen. Es sieht für den Zeitraum vom 7. Januar bis zum 21. März 2014 für die Stadt Sotschi und ihre Umgebung eine Sicherheitszone vor, in der unter anderem Demonstrationen verboten werden. Der Demonstrationsbann richtet sich nicht nur gegen regimekritische Kräfte, sondern insbesondere gegen Aktivisten einer tscherkessischen Bewegung, die darauf aufmerksam machen wollen, dass die Olympiade auf dem ursprünglichen Siedlungsgebiet ihrer vor 150 Jahren vertriebenen Volksgruppe stattfindet. Etwa 40.000 Mann werden von den Sicherheitskräften allein in Sotschi (400.000 Einwohner) eingesetzt. Der Luftraum über und das Seegebiet vor der Stadt sollen mit Drohnen und Radar überwacht werden. In der Region Krasnodar, zu der Sotschi gehört, marschieren neben regulären Sicherheitskräften der Polizei, des FSB und des Föderalen Migrationsdienstes neu gegründete Kosakeneinheiten auf, um das olympische Areal vor »verdächtigen Elementen« zu schützen.

Ethnische und islamistische Bewegungen am Südrand Russlands

Beim Übergang in die nachsowjetische Periode waren es Bewegungen von Volksgruppen und territoriale Konflikte, die den Nordkaukasus aus dem sowjetischen Vielvölkerreich hervorhoben. In das kaukasische Ethnogramm mit seiner Vielzahl an Volksgruppen und Sprachen kam heftige Bewegung. Da trat eine »Volksfront« nach der anderen mit Forderungen nach mehr Autonomie für die eigene Gruppe in Erscheinung. Einige der Konflikte und Sezessionserscheinungen verschwanden bald wieder von der Tagesordnung, andere prägen bis heute das Bild regionaler Unruhe. Zum schlimmsten Gewaltereignis nachsowjetischer Geschichte wurde der Konflikt zwischen Tschetschenien und Russland, der Ende 1994 in offenen Krieg überging. Zwei Trends prägten nach dem Ende dieses ersten Kriegs 1996 die Entwicklung im Nordkaukasus: die »Dschihadisierung« und Ausweitung des Widerstands über Tschetschenien hinaus. Im bewaffneten Untergrund begann ein Prozess ideologischer Transformation. Da verschoben sich die Kampfparolen von einem nationalen zu einem als Dschihad präsentierten islamischen Widerstand. Die Protagonisten dieser »Dschihadisierung« lehnten Identifikation auf ethnischer, tribaler oder lokaler Grundlage ab und richteten ihre Kampfansage gegen den »nahen Feind«, gegen »Okkupanten« (russische Repräsentanten föderaler Sicherheitsorgane) und »Apostaten« (Repräsentanten lokaler kaukasischer Machtorgane), aber auch gegen »Ungläubige« schlechthin. Besiegelt wurde dieser Prozess durch die Ausrufung eines »Kaukasus-Emirats« (Imarat Kavkaz) durch den letzten tschetschenischen Untergrundpräsidenten Doku (Dokka) Umarow im Oktober 2007. Von diesem Emirat, dem sich autonom agierende lokale Kampfverbände (dschama’at) im Nordkaukasus und seiner Umgebung zuordnen, gingen spektakuläre Terroranschläge auch im Inneren Russlands aus. Ramsan Abdulatipow, der gegenwärtige Republikführer Dagestans, hat einmal die rhetorische Frage gestellt: Warum hat das nachsowjetische Russland das Ende des historischen Kaukasuskriegs im Jahr 1864 noch nicht zum nationalen Gedenktag erhoben wie andere Ereignisse vaterländischer Geschichte? Seine Antwort: Weil der Krieg noch nicht vorbei ist.

Eine Vielzahl von Faktoren ist hier zu berücksichtigen. Gewalt ist nicht auf den bewaffneten Untergrund beschränkt. Die Bevölkerung in einigen kaukasischen Teilrepubliken wird nicht nur von Rebellen, sondern auch von staatlichen Gewaltakteuren bedrängt, die mit Maßnahmen wie der Entführung von Terrorverdächtigen und Repressionen gegen deren Familien außerhalb von Rechtsstaatlichkeit agieren. Zu gravierenden Missständen in der lokalen und föderalen Regierungsführung treten sozialökonomische Probleme, die aus einigen Teilen des Nordkaukasus die Armutsperipherie der Russischen Föderation machen. Der korrupte Zustand der weltlichen Justizorgane sorgte dafür, dass der Ruf nach der Scharia und islamischer Staatlichkeit vor allem in der jungen Generation Popularität erlangte.

Die tscherkessische Frage

Diese Entwicklung hat ethnisch-territoriale Konfliktlinien und nationale Bewegungen in den Hintergrund treten lassen, aber nicht verdrängt. Im Ostteil der Region treten auch heute Grenzkonflikte zwischen Tschetschenien und seinen Nachbarrepubliken zu Tage. Im Westteil drängt sich die »tscherkessische Frage« in den Wahrnehmungskontext der Winterolympiade in Sotschi. Nach der im Juli 2007 getroffenen Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees für diesen Austragungsort hat das russische Prestigeprojekt eine weltweite tscherkessische Diaspora in Bewegung versetzt. Sie liefert ein Beispiel für ein Phänomen, das in der Nationalismus- und Identitätsforschung mit »long distance nationalism« bezeichnet wird. Einige Millionen Nachkommen der vor 150 Jahren aus ihrer Heimat vertriebenen Tscherkessen leben heute in der Türkei, in Staaten des Mittleren Ostens, auf dem Balkan, in den USA und in Deutschland. Im Nordaukasus leben Reste der einstmals größten Volksgruppe der Region in den beiden bi-nationalen »Bindestrich-Republiken« Karatschajewo-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien und in der kleinen Republik Adygeja. Was im 19. Jahrhundert noch mit dem Sammelbegriff Tscherkessen bezeichnet wurde, untergliederte die sowjetische Nationalitätenpolitik in diverse ethnonyme und Gebietseinheiten. Es sind vor allem drei Anliegen, die eine weltweite tscherkessische Bewegung umtreiben: 1. Anerkennung der an ihrer Volksgruppe verübten kolonialen Gewalt, 2. Wiederansiedlungsprogramme in ihrer nordkaukasischen Heimat – derzeit besonders für tscherkessische Flüchtlinge aus Syrien, 3. Vereinigung der historischen Siedlungsgebiete ihrer Volksgruppe zu einer Verwaltungseinheit. Beim Verhältnis zur Winterolympiade nehmen ihre Vertreter unterschiedliche Haltungen ein. Die einen wollen die Olympiade als internationale Bühne nutzen, um die tragische Geschichte ihres Volkes in Erinnerung zu rufen, andere fordern zum Boykott auf und verweisen dabei auf einen »Genozid«, der vor 150 Jahren auf dem heutigen olympischen Areal begangen wurde. Russland hätte die Winterolympiade in Sotschi dazu nutzen können, sich der »tscherkessischen Frage« zu öffnen. In der Geschichte der von Präsident Putin beschworenen »einzigartigen Vielvölker-Zivilisation« Russland hat vernichtende Kolonialgewalt aber kaum Platz. Die Abwehrhaltung gegenüber der »tscherkessischen Frage« wuchs in Moskau noch dadurch, dass sich Georgien seit 2010 dieses Themas im Rahmen einer intensivierten Politik gegenüber dem Nordkaukasus angenommen hatte. So wurde es schon weit im Vorfeld der Winterolympiade von 2014 politisiert.

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