Analyse Von Angelika Nußberger
Die Rechtsstaatsidee lässt sich nicht abstrakt verwirklichen, sondern nur im jeweiligen nationalen und historischen Kontext und damit unter den Bedingungen der jeweiligen Rechtskultur, die die Einstellung zum Recht und somit die Bedeutung des Rechts als gesellschaftliches Regelungsinstrument prägt. In Russland werden traditionelle Defizite, zu denen etwa die unsystematische Rechtskodifizierung, die verspätete Herausbildung der Rechtswissenschaft, die geringe Verbreitung von Rechtskenntnis der Bevölkerung zu zählen sind, nur langsam aufgeholt. Immerhin unternimmt die politische Führung Anstrengungen, die Situation durch Kodifizierungen, Umbau der Juristenausbildung und Einbindung in eine gemeineuropäische Rechtskultur zu verändern. Allerdings tragen in sich widersprüchliche rechtliche Regelungen, Scheinargumentationen, eine zum Teil mehr quantitativ als qualitativ ausgerichtete Rechtsproduktion und nach wie vor bestehende Vollzugsdefizite dazu bei, dass das Erbe des Rechtsnihilismus so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird.
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Analyse Von Natalja E. Tichonova
Von den Gefahren der Armut sind im heutigen Russland wesentlich mehr gesellschaftliche Schichten betroffen, als es die offizielle Armutsstatistik und der Anteil jener, die unter der offiziellen Armutsgrenze leben, glauben machen. Die Armut hat ein janusköpfiges Gesicht: Eines spricht von dem erfolgreichen Rückgang der offiziell festgestellten Armut seit Beginn der 2000er Jahre; das andere zeigt jedoch die bleibende Gefahr für fast die Hälfte der russischen Bevölkerung.
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