Stimmungswandel
Zur großen Moskauer Siegesparade am 9. Mai 2026 machten viele Beobachter und Medien einen deutlichen Stimmungswechsel in Russland aus. Es wurde zunehmend berichtet, dass Russland an der Front keine Fortschritte mehr macht und sich durch ukrainische Luftangriffe weit ins Landesinnere bedroht sieht. Als der russische Präsident Wladimir Putin dann bei seiner Pressekonferenz erklärte, dass der russische Einsatz in der Ukraine »zu einem Ende kommt«, wurde das von vielen als endgültiges Signal gesehen, dass die Stimmung in Russland auf der Kippe steht. Vorher war in Russland bereits von Problemen der Wirtschaft und Unzufriedenheit mit den weitgehenden Einschränkungen des Internets berichtet worden. Ebenso gab es Gerüchte über eine Spaltung der russischen Eliten. So wurde ausgehend von einem Kipppunkt beim Krieg und bei der russischen Stimmungslage auf eine mögliche Kehrtwende Putins geschlossen, der nun für Friedensverhandlungen offen sei. Es ist weiterhin von außen kaum zu beurteilen, wie Putin die Lage einschätzt und was er plant. Die Lage, der sich Putin gegenübersieht, lässt sich aber beschreiben.
Militärische Lage
An der Front ist die russische Frühjahrsoffensive nach aktuellem Stand gescheitert. Einigen minimalen Vorstößen stehen einige ebenfalls minimale Rückzüge in Reaktion auf ukrainische Angriffe gegenüber. Als zentrale Gründe dafür werden regelmäßig genannt: die Abschaltung wichtiger Kommunikationskanäle für die russischen Truppen: Starlink durch das amerikanische Unternehmen und Telegram durch die eigene Regierung; zunehmend schlechter ausgebildete russische Soldaten, die oft ohne Rücksicht auf Qualifikationen rekrutiert und schnell an die Front geschickt werden; Dominanz von Drohnen, die ein »gläsernes Gefechtsfeld« und damit anstelle einer Frontlinie einen breiten »Todesstreifen« schaffen, der kaum zu überwinden ist; die neu hinzugekommene ukrainische Fähigkeit russische Nachschubpositionen mit eigenen Mittelstreckenraketen auch weit hinter der Front massiv anzugreifen.
Die neuen technischen Möglichkeiten der Ukraine zeigten sich besonders bei den zunehmend systematischen ukrainischen Luftangriffen auf russische Rüstungsunternehmen und kritische russische Infrastruktur vor allem im Bereich Erdöl, der zentral für die russische Exportwirtschaft ist. Diese Luftangriffe wurden dann auch als Auslöser für Putins Sorge um die Sicherheit der Siegesparade in Moskau gesehen. Diese Sorge führte dazu, dass um Moskau massiv Flugabwehrgerät zusammengezogen wurde und der amerikanische Präsident Donald Trump, um die Vermittlung eines Waffenstillstands für die Dauer der Parade gebeten wurde.
Das bedeutet aber noch nicht, dass Russland seinen Eroberungskrieg verloren gibt. Während Russland wegen der neuen Form des Drohnenkriegs an der Front nicht vorankommt, würde dasselbe für eine ukrainische Gegenoffensive auch gelten. An der Frontlinie gibt es weiterhin einen Stellungskrieg oder Abnutzungskrieg, den absehbar keine Seite gewinnen kann. Beim Luftkrieg hat die Ukraine zwar die Möglichkeit systematisch russische Ziele nicht nur zu treffen, sondern auch längerfristig auszuschalten, aber es ist nicht absehbar, dass die Schäden einen Zusammenbruch Russlands bewirken. Umgekehrt sind die systematischen Angriffe Russlands auf zivile Ziele, oft eindeutige Kriegsverbrechen, weiterhin eine schwere Belastung für die Ukraine. Die Ukraine hat mehrfach erklärt, dass Flugabwehrraketen knapp werden. Nachdem die USA unter Trump direkte Lieferungen eingestellt hatten, sind durch die massiven Angriffe gegen den Iran jetzt wohl auch die globalen Vorräte stark ausgedünnt.
Kehrtwende?
Bei der Einschätzung, ob dies für eine russische Kehrtwende reicht, sind zwei Szenarien möglich.
Wie von vielen Kommentatoren vermutet, oder vielleicht eher erhofft, könnte es ein echtes russisches Interesse an Verhandlungen geben. Dabei ist aber zu beachten, dass Russland keinesfalls bereit für einen Rückzug ist. In der oben zitierten Pressekonferenz am 9. Mai erklärte Putin eben auch, dass es um »die endgültige Niederlage der Ukraine« ginge. Die bisherige russische Minimalforderung für einen Waffenstillstand, nicht Frieden, ist der Abzug der Ukraine aus dem gesamten Donbas. Damit würde die Ukraine ihren starken Befestigungsring in der Region Donetzk aufgeben, was militärisch katastrophal wäre.
Deshalb gehen andere Kommentatoren davon aus, dass Russland weiterhin Aussagen über Verhandlungen eher als Teil des Informationskrieges versteht. Nachdem die pro-russische Regierung in Ungarn bei den Wahlen vollständig gescheitert ist, muss Russland jetzt andere Wege suchen, im Westen Uneinigkeit zu erzeugen. Für diese Erklärung spricht, dass Russland – sobald die Parade in Moskau vorbei war – den Waffenstillstand mit der Ukraine nicht mehr ernst genommen hat. Ebenfalls nicht unbedingt ein Zeichen für ernsthafte russische Absichten ist der vorgeschlagene Vermittler, der mittlerweile 82-jährige Gerhard Schröder, der für viele in Europa ein rotes Tuch ist und der letztes Jahr wegen Burnout-Diagnose in klinischer Behandlung war.
Logisch wäre eine Wiederaufnahme der von den USA initiierten Friedensverhandlungen mit europäischer Beteiligung. Klassisch finden solche Verhandlungen in einigermaßen neutralen Drittländern statt, die für die Koordination hinter den Kulissen ihren gesamten diplomatischen Apparat einsetzen können – seien es die Vereinigten Arabischen Emirate bei den Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im letzten Jahr oder aktuell Pakistan bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran.
Für die Annahme, dass die aktuellen russischen Aussagen eher Teil des Informationskrieges sind, spricht auch die bisherige Erfahrung. So hat Russland über den Einsatz seiner Armee in der Ukraine immer gelogen – schon bei der Annexion der Krim 2014, wo Putin später in einer Fernsehdokumentation den Einsatz zugab. Die Beteiligung russischer Streitkräfte am Abschuss eines malaysischen Zivilflugzeugs und die Stationierung russischer Armeeeinheiten in der Ostukraine hat Russland trotz vielfältiger Beweise und eindeutiger Gerichtsurteile bestritten. Die geplante große Invasion der Ukraine wurde noch direkt bis zum Einmarsch im Februar 2022 geleugnet.
Vorsicht ist also geboten. Umgekehrt signalisiert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij aktuell fortwährend Gesprächsbereitschaft und setzt dabei auf kleine Vereinbarungen, wie etwa befristete Waffenstillstände oder beidseitige Verzichte auf bestimmte Maßnahmen, wie z. B. Luftangriffe auf Flughäfen. Wenn Russland Verhandlungen will, dann wäre das der erste Schritt.
Ausblick
Wieweit Russland und die Ukraine zu Zugeständnissen bereit sind, dürfte von zwei Faktoren abhängen.
Erstens geht es um die militärische Lage. Soweit sich das von außen beurteilen lässt, geht es für Russland vor allem darum, genug Soldaten zu rekrutieren, um weitere Offensiven zu starten, und die Schäden durch ukrainische Luftangriffe auf kritische Infrastruktur in Grenzen zu halten. Die Ukraine wiederum muss ihre Luftverteidigung längerfristig aufrechterhalten. Zu beachten ist aber auch, dass gerade im militärischen Bereich viele relevante Informationen der Geheimhaltung unterliegen und dass selbst die, die die Geheimnisse der einen Seite kennen, durch die Innovationen der anderen Seite oder die allgemeine Entwicklung der Kriegsführung regelmäßig überrascht wurden.
Der zweite Faktor, der Putins Überlegungen beeinflussen könnte, ist die Stimmung in Russland. Während sich bei der ukrainischen Bevölkerung trotz der massiven russischen Luftangriffe auf zivile Ziele mit dramatischen Versorgungsausfällen im letzten Winter eine hartnäckige Widerstandsbereitschaft gezeigt hat, ist die Stimmung in Russland nach allgemeiner Einschätzung eher von Verdrängung geprägt und bei vielen in Bevölkerung und Eliten zeigt sich Unzufriedenheit. Ob diese Unzufriedenheit politisch relevant wird, ist weder von außen noch durch Putin eindeutig einzuschätzen. Putin wird aber eine große Sorge vor Umstürzen nachgesagt und der »Wagner-Aufstand« im Sommer 2023 hat gezeigt, wie schnell so etwas gehen könnte. Die Russland-Analysen werden sich mit der Stimmung in Russland in der übernächsten Ausgabe ausführlich beschäftigen.
Die oft wiederholte Aussage, dass jeder Krieg durch Verhandlungen endet, verstellt den Blick dafür, dass in vielen Fällen – vom Zweiten Weltkrieg bis zum Abzug der USA aus Afghanistan – dabei keine Lösung ausgehandelt wurde, sondern das Ergebnis durch den Krieg vorgegeben war. Umgekehrt bringen echte Verhandlungslösungen keinen Frieden, wenn sich nicht alle Seiten verpflichtet fühlen, sich auch dann noch an das Verhandlungsergebnis zu halten, wenn eine erneute militärische Eskalation Erfolge verspricht.