Die gefährlichste KI sitzt im Kreml

Von Artur Weigandt (Prag)

Es war nur ein Nebensatz in einem langen, betont ruhigen Auftritt. Am 28. Juni 2026 sprach Wladimir Putin beim Parteitag von »Einiges Russland« und in einem Interview mit dem Journalisten Pawel Sarubin zur Lage im Ukraine-Krieg – und wiederholte dabei größtenteils, was er schon oft gesagt hat. Neue Positionen: Fehlanzeige. Verhandlungsbereitschaft: rhetorisch vorhanden, substanziell nicht. Doch zwischen den bekannten Formeln fiel ein Satz auf, der mehr über den Zustand des Kremls verraten könnte als die gesamte übrige Rede.

Putin behauptete, russische Verbände hätten eine ukrainische Gruppe von rund 5.000 Soldaten nahe Stary Oskol nahezu eingekesselt. Das Bild eines planmäßigen, erfolgreichen Vormarsches. Nur: Stary Oskol liegt in der russischen Region Belgorod, mehr als 100 Kilometer von der eigentlichen Frontlinie entfernt. Ukrainische Truppen waren dort zu keinem Zeitpunkt in der Nähe. Selbst wenn man wohlwollend unterstellt, Putin habe eigentlich den Fluss Oskil bei Kupjansk gemeint, zeigen nicht einmal kremlfreundliche Karten eine Einkesselung – im Gegenteil: Russische Einheiten mussten dort in den vergangenen Monaten Rückschläge hinnehmen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen Moment zu deuten. Entweder verwechselt der russische Präsident grundlegende Geografie seines eigenen Landes. Oder er verlässt sich auf Lageberichte seines Generalstabs, die mit der Realität an der Front kaum noch etwas gemein haben. Beides ist bemerkenswert – und beides erinnert an ein Phänomen, das man normalerweise mit Künstlicher Intelligenz verbindet: die Halluzination. Ein System, dem verlässliche Informationen fehlen, füllt die Lücke nicht mit »ich weiß es nicht«, sondern mit einer Aussage, die plausibel klingt, mit der Autorität einer Tatsachenbehauptung vorgetragen wird – und trotzdem frei erfunden ist.

Der Unterschied zur KI ist entscheidend: Ein Sprachmodell halluziniert aus Mangel an Daten. Putin halluziniert womöglich, weil ihm sein eigenes System die falschen Daten liefert. Wenn Erfolgsmeldungen im Machtapparat wichtiger sind als Fakten, wenn niemand es wagt, dem Präsidenten unangenehme Wahrheiten zu melden, dann entsteht eine Blase, in der sich Wunschbild und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden lassen – weder für die Öffentlichkeit noch, das ist die eigentliche Pointe, für den Mann an der Spitze selbst.

Autoritäre Systeme neigen dazu, Informationen nach oben zu filtern. Wer schlechte Nachrichten überbringt, riskiert Karriere oder Freiheit. Also werden Niederlagen kleiner, Erfolge größer und Probleme unsichtbar. Mit der Zeit lebt die Führung in einer Wirklichkeit, die sie selbst geschaffen hat – und hält sie für die Realität.

Dass ausgerechnet dieser Fehler in einem Auftritt passiert, der ansonsten auf Kontinuität und Kontrolle angelegt war, macht ihn nicht weniger, sondern mehrsagend. Denn beim tatsächlich drängenden Thema des Abends, dem Benzinmangel infolge wiederholter ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, war Putin durchaus in der Lage, konkret zu werden. Noch vor dem Interview hatte er eine Krisensitzung mit Vertretern der Ölindustrie und der Regierung einberufen. Im Gespräch räumte er Schlangen an Tankstellen ein, sprach von einem »gewissen«, aber angeblich nicht kritischen Mangel und nannte sogar Zahlen: Die Reserven lägen bei 1,7 Millionen Tonnen, vier Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Exporte von Benzin und Flugkerosin sind bereits untersagt, ein Verbot von Dieselexporten wird geprüft. Hier, wo es unangenehm konkret hätte werden müssen, blieb Putin im vertrauten Muster: Problem knapp einräumen, Verantwortung nach außen schieben – an die Ukraine und implizit an die eigene Armee, die die Raffinerien nicht ausreichend schütze –, und eine Lösung versprechen, ohne sich selbst zu verpflichten: mehr Luftabwehr. Eigene Verantwortung für die Krise? Fehlanzeige.

Ähnlich kalkuliert wirkte der Umgang mit dem Thema Verhandlungen. Putin sprach viel darüber, oft und mit auffälliger Unverbindlichkeit. Er erwähnte zwei angebliche Vorschläge aus Kyjiw – einen gegenseitigen Stopp von Langstreckenangriffen und eine Begrenzung der Kämpfe auf die vier von Russland annektierten Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja – und lehnte beide ab, den zweiten mit dem Argument, eine solche Vereinbarung würde es der Ukraine nur erlauben, Truppen aus anderen Gebieten in die umkämpften Regionen zu verlegen. Zugleich beschwor er den »Geist von Anchorage«: Kompromissvorschläge seien von amerikanischer Seite gekommen, Russland habe zugestimmt, unterschrieben habe zwar niemand, aber begraben sei dieser Geist nicht. Als möglichen Verhandlungsort nannte er ausgerechnet Belarus – einen Schauplatz, den die Ukraine kaum akzeptieren wird, sodass die Verantwortung für ein Scheitern schon vorab bei Kyjiw liegt. Das ist keine Konfusion, sondern Strategie: Wer seine Bedingungen gebetsmühlenartig wiederholt und jeden konkreten Gegenvorschlag ablehnt, bereitet nicht Verhandlungen vor, sondern eine spätere Erzählung – dass man immer nur zu russischen Bedingungen verhandelt habe, sollte es doch einmal zu Gesprächen kommen.

Auch der Parteitag selbst folgte einem Drehbuch der Geschlossenheit. Putin lobte die Politiker von »Einiges Russland« dafür, nie Populisten gewesen zu sein und nie mit leeren Versprechen um Umfragewerte gebuhlt zu haben – während im Hintergrund ein neues Wahlplakat für die Parlamentswahlen im September enthüllt wurde, mit dem denkbar unverblümten Slogan: »Für Putin sein ist das absolute Minimum.« Auch das ist, für sich genommen, kein Ausrutscher, sondern Kalkül. Der Unterschied zu Stary Oskol könnte kaum größer sein.

Stary Oskol dagegen war keine Rhetorik. Es war ein Fehler, der sich nicht strategisch erklären lässt. Und ein Kriegsherr, der die eigene Landkarte nicht mehr korrekt liest oder dem sie nicht mehr korrekt vorgelegt wird, ist am Ende gefährlicher als einer, der bewusst lügt. Lügen setzt voraus, die Wahrheit zu kennen. Wer aber beginnt, seine eigenen Erfindungen für Fakten zu halten, trifft Entscheidungen nicht mehr auf Basis der Realität – sondern auf Basis eines Narrativs, das sein eigener Apparat ihm erzählt.

Bei einer KI weiß man inzwischen, wie man mit solchen Halluzinationen umgeht: Man prüft nach, gleicht mit Quellen ab, misstraut der selbstbewussten Formulierung, wenn sie keinen Beleg hat. Ein Sprachmodell lässt sich außerdem korrigieren, sobald man ihm die richtigen Daten liefert. Die eigentliche Gefahr bei Putin ist, dass ihm dieser Korrekturmechanismus fehlt – dass in seinem System niemand den Mut oder das Interesse hat, ihm zu widersprechen. Eine KI, die halluziniert, lässt sich abschalten. Ein russischer Diktator, der halluziniert, leider nicht.

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