Parallele Kriegsrealitäten
Im fünften Jahr des von Russland geführten Krieges gegen die Ukraine fällt auf, dass die analytische Auswahl der jeweiligen Teilaspekte des Krieges großen Einfluss auf die Einschätzung der strategischen Lage und damit möglicher Ableitungen für zukünftige Konflikte hat. Auf der einen Seite ist die russische Vormarschgeschwindigkeit am Boden hinter der des Vorjahres – und den Erwartungen der russischen Führung – geblieben. Über die Region Donbass hinaus erscheint Russland gegenwärtig nicht in der Lage, weitere Offensiven durchzuführen. Dennoch stehen russische Streitkräfte im Juli 2026 davor, die südliche Flanke des ukrainischen »Festungsgürtels« im Donbass, die Stadt Kostjantyniwka, einzunehmen. Aus ukrainischer Sicht droht die Wiederholung eines bekannten Musters: Denn wenn die russischen Angreifer den Schwerpunkt auf einzelne ukrainische Positionen legen konnten, waren sie in der Lage, diese Positionen – unter hohem Zeitaufwand und Verlusten – auch einzunehmen. 2022 geschah dies in Sjewerodonezk, 2023 in Bachmut, 2024 fiel Awdijiwka und spätestens zum Jahresbeginn 2026 Pokrowsk. Der aus drei weiteren industrialisierten Städten bestehende Gürtel wird als Bollwerk der Ukraine betrachtet, hinter dem russische Truppen über flaches Gelände nach Westen vorstoßen könnten. Zur Verstetigung dieses Musters trug auch bei, dass die ukrainischen Streitkräfte unter Inkaufnahme hoher Verluste die angegriffenen Städte zu halten versuchten.
Auf der anderen Seite erscheint die ukrainische Idee, mit weitreichenden Waffen strategische Ziele bis tief ins russische Hoheitsgebiet anzugreifen, an Momentum zu gewinnen. Denn insbesondere die Angriffe auf die russische fossile Wertschöpfungskette und die Versuche, die Krim entlang ihrer logistischen Versorgungsrouten »abzuriegeln«, scheinen einen strategischen Effekt zu erzielen. So musste sich Präsident Wladimir Putin Ende Juni 2026 öffentlich zu den Auswirkungen der ukrainischen Schläge äußern.
Bewegung trotz Grauzone?
Die Sättigung des Gefechtsfeldes durch drohnengestützte Sensoren und Wirkmittel ist zu einem vieldiskutierten Element des Ukrainekrieges geworden. Die sogenannte »Grauzone,« also das Gebiet, in dem sich die drohnengestützten Aufklärungs-/Schlagkomplexe der Ukraine und Russlands überlappen und in dem potenziell jeder Truppenteil erfasst und bekämpft werden kann, ist zu einem ebenso einschneidenden wie strukturierenden Paradigma der Kriegsführung für beide Seiten geworden. Ein Effekt dieses Paradigmas ist, dass hohe Truppenkonzentrationen besonders schnell aufgeklärt und unter Feuer genommen werden. Klassische mechanisierte Vorstöße sind aufgrund hoher Kosten und geringer Erfolgsaussichten kaum möglich.
Wie passt dies zum russischen Vorrücken auf Kostjantyniwka? Es gelingt durch die Kombination aus Infanterie, Artillerie- und Luftschlägen und dem gezielten Einsatz von Drohnen. Vereinfacht: Russische Infanterie sickert in Kleingruppen oder individuell in ukrainische Stellungen ein, um sich dort zu sammeln, ukrainische Truppen aufzuklären, im Verbund mit Drohnen und Steilfeuer zu bekämpfen und graduell Gelände einzunehmen. Russische Drohnenschläge und Gleitbomben auf ukrainische Nachschubrouten erschweren zudem die ukrainische Logistik, die schwer zu schützen ist, da die ukrainische Flugabwehr insbesondere strategische Ziele schützt. Ausgenutzt wird dabei die angespannte Personalsituation des ukrainischen Heeres, das sich gezwungen sieht, sein geringes Kräfte-Raum-Verhältnis mit Sensorik und Schlagdrohnen zu kompensieren. Der ukrainische Ansatz vermag bisher russische offensive Schwerpunkte wie bei Kostjantyniwka lediglich abzunutzen und zu verlangsamen, nicht aber nachhaltig aufzuhalten. Russland hingegen kann durch seinen Offensivansatz – der mit enorm hohen Verlusten bei der vorrückenden Infanterie verbunden ist – die ukrainische Logistik, Kommandoposten und kritische Kampfunterstützungssysteme aus ihrem angedachten Wirkungsbereich in Frontnähe drängen und äquivalente russische Systeme in größerer Distanz – und damit in erhöhter relativer Sicherheit, außerhalb der Reichweite der meisten ukrainischen Drohnen – zur Front halten.
Diese – aus ukrainischer Sicht – »Hochwertziele« befinden sich daher in einem mittleren Reichweitenband von 30 – 100 km. Auch deshalb forciert Kyjiw im Sommer 2026 den Ausbau von mittleren Schlagfähigkeiten, denn Russland hatte bisher durch den Einsatz von beispielsweise Lancet- und Molnija-Munition (sog. Loitering Munition) die Oberhand. Neben der Distanz, die ukrainische Zielaufklärung und Bekämpfung in solchen Tiefen passiv verkompliziert, setzte Russland eine Vielzahl potenter Systeme der elektronischen Kriegsführung ein, um seine kritischen Fähigkeiten zu schützen. Entsprechend sind für die ukrainische Seite gerade hier höhere Autonomiegrade, inklusive der Fähigkeit von Drohnen und Loitering Munition autonom Ziele anzusteuern und zu bekämpfen, relevanter geworden. Letztere Fähigkeit wurde schon mehrfach durch pro-ukrainische Quellen vermeldet; aber nach wie vor fehlt die Evidenz, dass ein solcher Durchbruch gelungen wäre. Einer der Gründe dafür, dass Russland in diesem Bereich voraus ist, liegt im Umstand, dass das zentralisierte, vermeintlich schwerfällige und unkreative russische verteidigungstechnologische Ökosystem es vermocht hat, gezielte, iterative Verbesserungen in designierten Fähigkeitsbereichen durchzuführen. Ein Beispiel hierfür ist die Familie der ursprünglich iranisch gelieferten Shahed/Geran-Drohnen. Ihre iterativen Verbesserungen und Modifikationen setzen die ukrainische Flugabwehr zusätzlich unter Druck, da ihr Bedrohungsprofil nicht konstant bleibt.
Innovationen und Strukturreformen
Seit Frühjahr 2025 hat das ukrainische Heer eine permanente, territorial verankerte Korps-Struktur (die in NATO-Logik eher vergrößerten Divisionen entsprächen) etabliert, während der Krieg zuvor durch ad-hoc kooperierende Brigaden geführt wurde, die neben dem Kampfauftrag auch mit autonomen Logistikaufgaben betraut waren. Nach anderthalb Jahren sind die Einschätzungen zur Reform gemischt. Allerdings muss anerkannt werden, dass das ukrainische Heer unter dauerhaftem Druck Russlands steht und somit kaum »Luft« hat, um Einheiten von der Front abzuziehen, zu rotieren und strukturelle Anpassungen in der Breite und Tiefe umzusetzen. Technologische Lösungen werden den innenpolitisch brisanten Infanteriemangel also kaum lösen können, solange es den russischen Kräften gelingt, den Druck aufrecht zu erhalten.
Im Detail sind dazu zwei Punkte anzumerken: Erstens brodelt ein Kulturkampf in den ukrainischen Streitkräften, der sowohl die Reformen als auch technische Innovationen beeinflusst. Einer seiner Hauptaspekte ergibt sich aus – wiederum vereinfacht – der Frage der Führungsphilosophie. Konkret konkurrieren Ansätze der Auftragstaktik, nämlich die dezentrale taktische Ausführung mit dem eher rigiden orchestrierten sowjetischen System. Die gleichen Technologien, die eine dezentrale, kreative und flexible Ausführung militärischer Aufträge in kleineren Gruppen ermöglichen, können einem Brigadekommandeur auch als langer Arm dienen, um einzelne Züge an der Front zu befehligen. Der Konflikt ist zum Teil generationell und entstand u. a. aus dem Reaktivieren sowjetisch sozialisierter und ausgebildeter Offiziere aufgrund hoher Verluste, auch beispielsweise verursacht durch das Festhalten an der Stadt Bachmut.
Zweitens können spezialisierte Drohnenverbände zwar auf beiden Seiten zahlreiche Erfolge vorweisen, aber innerhalb aktueller technischer Möglichkeiten nicht beliebig »hochskaliert« werden. Dies gilt für das russische Rubikon-Zentrum ebenso wie für Verbände innerhalb der 2024 gegründeten ukrainischen Kräfte Unbemannter Systeme. Denn die Konzentration von Drohnenkompetenz in »Eliteeinheiten«, geht einher mit der Reduktion dieser Fähigkeiten in der Breite innerhalb der Streitkräfte. Sowohl auf russischer als auch ukrainischer Seite wurde solchen spezialisierten Verbänden erlaubt, Soldatinnen und Soldaten aus der konventionellen Truppe zu »stehlen«. Schließlich bedeutet der zügige Aufwuchs einer militärischen Elite fast zwangsläufig einen Fähigkeitsabfall im Aggregat, da Qualifikationshürden analog zu den Verlustraten gesenkt werden müssen.
Zukünftige Konturen
Im Juli 2026 drängen sich entsprechend zwei zentrale Fragen auf, die den weiteren Kriegsverlauf zumindest in ihren Konturen mitbestimmen dürften. Erstens, kann sich die Ukraine an der Front die Luft verschaffen, um dem überstrapazierten Heer die Möglichkeit zu geben, Strukturreformen umzusetzen? Hierfür kritisch wäre der nachhaltige Aufbau einer Fähigkeit, um russische (teil-)mobile, gut geschützte Ziele auf 30 – 100 km zuverlässig und effizient zu bekämpfen. Zweitens, inwieweit kann die Kampagne der Langstreckenschläge gegen russische neuralgische Punkte wie die Erdölindustrie oder die Versorgung der Krim politisch-strategische Wirkung entfalten und den rüstungsindustriellen Komplex Russlands signifikant schwächen?