Inhaltsverzeichnis der Osteuropa 1-2 / 2021, »Babyn Jar. Der Ort, die Tat und die Erinnerung«

Editorial

Umkämpfte Erinnerung
Bert Hoppe

Babyn Jar

Massenmord am Stadtrand

Als die Deutschen im September 1941 Kiew einnahmen, hatten sie den antisemitischen Terror bereits zu einem Genozid an den Juden ausgeweitet. In der ukrainischen Hauptstadt gingen die Angehörigen der Kommandos von SS und Polizei beim Massenmord daher mit einer grauenhaften Routine vor, wie üblich in enger Absprache mit und unterstützt von der Wehrmacht. Unmittelbar neben der Exekutionsstätte errichteten die Besatzer einige Monate später ein Konzentrationslager; dessen Insassen wurden vor dem Abzug der Deutschen gezwungen, die Leichen der dort im Herbst 1941 und in den folgenden zwei Jahren Ermordeten zu verbrennen, um die Spuren dieser Verbrechen zu verwischen.

Franziska Davies

Babyn Jar vor Gericht

Juristische Aufarbeitung in der Sowjetunion und Deutschland

In Kiew erschossen Einsatzgruppen der SS unter Mitwirkung der Wehrmacht im September 1941 an zwei Tagen 34 000 Juden. Das Massaker von Babyn Jar fand bei den Nürnberger Prozessen sowie bei den sowjetischen Prozessen in Kiew und Riga Eingang in die Anklageschrift. Es diente als Beleg für den deutschen Vernichtungskrieg. In den Nürnberger Nachfolgeprozessen 1947/48 wurden drei unmittelbar an der Planung und Durchführung des Massakers Beteiligte zur Verantwortung gezogen. Erst Ende der 1960er Jahre mussten sich im Darmstädter Callsen-Prozess zehn Mitglieder des Sonderkommandos 4a für die Tötung von ca. 60 000 Menschen verantworten. Einige erhielten Strafen zwischen vier und 15 Jahren, andere wurden freigesprochen. Aus den Reihen der Wehrmacht wurde niemand juristisch belangt. Aber auch die meisten Angehörigen des Sonderkommandos und der mindestens 700 Mann starken Einsatzgruppen, die an den Massenmorden beteiligt waren, blieben straffrei.

Karel C. Berkhoff

Aussage in der Heimat der Täter

Dina Proničeva im Callsen-Prozess

Dina Proničeva war eine der wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar im September 1941. Im April 1968 sagte sie vor dem Landgericht Darmstadt im Prozess gegen Kuno Friedrich Callsen und neun weitere ehemalige Angehörige des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C aus, denen Mord und Beihilfe zum Mord vorgeworfen wurde. Dina Proničevas Aussage ist ein Schlüsseldokument zur Geschichte des Massakers von Babyn Jar.

Dokument

Aussage der Zeugin Dina Proničeva
Darmstadt, 29.4.1968

Abschrift eines Auszugs aus dem Protokoll des Prozesses, der von Oktober 1967 bis November 1968 vor dem Landgericht Darmstadt stattfand.

Dokument

In der Grube den Fangschüssen entkommen
Darmstädter Echo, 30.4.1968

Erste russische Zeugin berichtet im Kommando-Prozeß über das Massaker bei Kiew.

Vladyslav Hrynevyč

Umkämpftes Geschichtsgelände

Babyn Jar als ukrainischer Erinnerungsort

Der Erinnerungsort Babyn Jar war in der Ukraine über Jahrzehnte umkämpft: Dem Bemühen jüdischer Aktivisten, das Andenken der Opfer zu ehren, stand das Bestreben der Sowjetmacht gegenüber, den Holocaust als Teil der nationalsozialistischen Aggression gegen die »sowjetische Zivilbevölkerung« darzustellen. Mit der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine 1991 kamen neue Motive und widerstreitende Interessen ins Spiel. Der Umgang mit Babyn Jar wechselte je nach politischer Ausrichtung des amtierenden Präsidenten. Die Selbstverortung der Ukraine zwischen West- und Osteuropa vollzieht sich auch erinnerungspolitisch. Babyn Jar steht im Zentrum heftiger Auseinandersetzungen. Jüngstes Kapitel ist der Streit um eine geplante zentrale Gedenkstätte, das Babyn Yar Holocaust Memorial Center.

Yohanan Petrovsky-Shtern

Ein Tag, der die Welt veränderte

Ukrainer, Juden und der 25. Jahrestag von Babyn Jar

Am 29. September 1966 versammelten sich eine große Zahl Ukrainer und Juden auf dem Gelände von Babyn Jar, um gemeinsam der jüdischen Opfer des Massakers von 1941 zu gedenken. Das kommunistische Parteiregime reagierte mit Repression. Doch für die Teilnehmer begründete diese Demonstration des Mutes, der Humanität und der Würde ein neues Verhältnis von Ukrainern und Juden. Es entstand eine öffentliche Sphäre, in der beide Strömungen ihr Selbstbewusstsein artikulieren konnten. Jüdische und ukrainische Denker wurden sich ihres gemeinsamen Schicksals bewusst. Ivan Dzjuba prägte mit einer bedeutenden Rede für die Opfer von Babyn Jar auf Jahrzehnte das nationalukrainische Denken unter den Dissidenten und in der Diaspora. Und für zahlreiche Juden wurde Babyn Jar zu einem Kristallisationspunkt der eigenen nationalen Befreiungsbewegung.

Dokument

Ivan Dzjuba: Wider den Hass

Rede zum 25. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar
Darija Bad’jor
Streit um Babyn Jar

Gedenkzentrum oder Holocaust-Disneyland

In Kiew soll ein Zentrum zum Gedenken an die Opfer der Shoah entstehen. Dazu wurde im September 2016 die Stiftung Holocaust-Gedenkzentrum Babyn Jar (BYHMC) ins Leben gerufen. Seitdem steht es in der Kritik. Mal ging es um die Finanzierung des Projekts durch Unternehmer aus Russland, mal um die inhaltliche Ausrichtung. Die Berufung des russischen Skandalregisseurs Il’ja Chržanovskij zum künstlerischen Leiter und sein Konzept für das Gedenkzentrum führten zum offenen Konflikt. Internationale Museumsexperten und Historiker legten unter Protest ihre Ämter zur Vorbereitung des Gedenkzentrums nieder. Sie befürchten, dass das Gedenkzentrum ein Holocaust-Disneyland wird, wo für seriöse museumspädagogische Aufklärung und Erinnerung kein Platz ist. Verschärft wurde der Konflikt durch Intransparenz und mangelnde Einbeziehung der Zivilgesellschaft.

Dorothea Redepenning

Töne der Erinnerung

Musikalische Deutungen von Babij Jar

In der Kunst war Babij Jar Ort eines der größten Massaker im Zweiten Weltkrieg, bereits vor der Errichtung eines Denkmals ein Erinnerungsort. Dmitrij Šostakovičs erster Satz der 13. Symphonie, dem das berühmte Gedicht von Evgenij Evtušenko als Textbasis dient, überstrahlt alle anderen musikalischen Gedenkwerke. Sie reichen von Nechama Livšic’ Wiegenlied für Babij Jar über diverse Autorenlieder bis zu Dmytro Klebanovs Gedenksymphonie für die Opfer und Evhen Stankovyčs opulentem Requiem-Kaddisch »Babij Jar«. Solange sich die Sowjetmacht weigerte, die jüdische Identität der meisten Opfer anzuerkennen, lief jeder, der sich künstlerisch mit dem Thema auseinandersetzte, Gefahr, Opfer kulturpolitischer und persönlicher Repressalien zu werden.

Katja Petrowskaja

»Nach dem Massaker kam das Schweigen«

Babyn Jar, das Familiengedächtnis und die Hürden der Erinnerung

Katja Petrowskaja (»Vielleicht Esther«) erfuhr im privaten Raum ihrer Familie früh von dem Verbrechen, das 1941 in Babyn Jar geschehen war. Doch im öffentlichen Raum stand Babyn Jar lange für die Unmöglichkeit der Erinnerung. Zu wenige Menschen hatten überlebt, die sich an die Opfer hätten erinnern können; zu verschieden war das Leid der Millionen Opfer des Krieges, zu erdrückend waren der sowjetische Antisemitismus und die ideologisch motivierte Zensur. Babyn Jahr, heute ein Park mitten in Kiew, bleibt auch acht Jahrzehnte später untrennbar mit dem Massaker verbunden, von dem nichts geblieben ist, kein Beweis, kein Körper, sondern nur eine Erzählung. Erinnern ist körperliche und seelische Arbeit. Sie bedarf einer besonderen Sprache.

Kateryna Botanova

Ein Ort der Abwesenheit

Serhij Bukovs’kyjs Film Spell Your Name

Babyn Jar kommt in der Geschichte der Ukraine große Bedeutung zu, doch im kollektiven Gedächtnis war das Massaker lange Zeit kaum verankert. Ein Meilenstein im Umgang mit dem Ereignis war der Film Spell Your Name, der auf Interviews aus dem Archiv von Steven Spielbergs Holocaust Stiftung basiert. Serhij Bukovs’kyj reflektiert in seiner Bildsprache die Distanz zum historischen Geschehen. Im Zentrum des Films stehen Erinnerung, Vergessen und Verdrängung. Spell Your Name umkreist Babyn Jar als weißen Fleck im ukrainischen nationalen Gedächtnis. Der Akzent liegt nicht auf der Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern auf dem Platz, den die Geschichte in der Gegenwart hat.

Sonja Margolina

Ein Grab in den Lüften

Hommage an Anatolij Kuznecov

Als Zwölfjähriger war Anatolij Kuznecov Zeuge des Massakers in Babij Jar. Er überlebte die deutsche Besatzung und den Krieg und verfasste in den frühen 1960er Jahren seinen dokumentarischen Roman Babij Jar. In der Sowjetunion wurde der Text durch die Zensur entstellt. Erst nach der Emigration des Autors erschien das Buch in seiner eigentlichen Form. Nur der Wahrheit verpflichtet, ignoriert Kuznecov jedes ideologische Denkverbot und historische Tabu. Er legt Zeugnis ab, was in Babij Jar geschah. Er durchdringt die Verbrechen totalitärer Herrschaft des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Und er bringt das Recht des einzelnen Menschen auf ein Leben in Würde zur Geltung. Kuznecovs Werk ist ein unbekannter Klassiker.

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Kommentar

Gespalten in Ost und West? Sprachenfrage und Geschichtspolitik in der Ukraine im Kontext der Wahlkämpfe 2004 und 2006

Von Wilfried Jilge
Trotz des gestiegenen Interesses an der Ukraine während und auch nach der „Orangen Revolution“ dominiert in den westlichen Medien immer noch das Bild eines entlang weitgehend identischer politischer und sprachkultureller Trennlinien in Ost und West gespaltenen Landes. Die Phrase von der Spaltung des Landes, das angeblich kurz vor dem Auseinanderbrechen steht, ist jedoch vor allem Teil einer politischen Herrschaftsstrategie, die in der zweiten Amtsphase von Präsident Kutschma von den Ideologen des Regimes mit subtilen und weniger subtilen Mitteln (Zensur) zur Legitimation einer autoritären Machtvertikale erdacht wurde.
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Analyse

Die polnisch-ukrainische Partnerschaft: Probleme und Aussichten

Von Mykola Rjabtschuk
In der EU tritt Polen als konsequentester Anwalt der Ukraine mit einem klaren Bekenntnis für eine Westintegration der Ukraine auf. Hintergrund für dieses stabile Interesse sind auf der einen Seite eine lange historische Verbindung, die trotz dramatischer Konflikte in Polen ein Wissen über und ein Interesse an der Ukraine begründen, und auf der anderen Seite aktuelle politische Strategien. Nachdem von den Staatspräsidenten Wałęsa und Krawtschuk nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine 1991 die vertraglichen Grundlagen der Nachbarschaft gelegt worden waren, standen insbesondere die guten persönlichen Kontakte zwischen den Präsidenten Kwaśniewski und Kutschma für eine sehr aktive polnische Ukraine-Politik mit dem Ziel, einen Ausgleich über die Bewertung der Vergangenheit herbeizuführen und eine strategische Partnerschaft zu begründen. Die aktuelle dritte Phase der bilateralen Beziehungen nach der „Orangenen Revolution“ ist über symbolische Handlungen bisher nicht hinausgekommen, so dass trotz des hohen Niveaus der Kooperation das Potenzial, welches einerseits die Ukraine für den Stellenwert Polens in der EU und andererseits Polen für die Demokratisierung der Ukraine bietet, noch nicht genutzt wird.
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