Das Risiko einer nuklearen Katastrophe ist zurück in Europa, absichtlich herbeigeführt durch einen totalitären russischen Aggressor. Die internationale Politik versagt.
Die Wiederkehr des totalitären Risikos
Die Katastrophe von Tschernobyl* im Jahr 1986 war kein isolierter technischer Unfall, sondern ein systemisches Versagen der totalitären Einstellung der Sowjetmacht gegenüber Risiken. Im sowjetischen Nuklearkomplex hatte Ideologie Vorrang vor Physik, und Geheimhaltung wurde höher gewichtet als die öffentliche Sicherheit. Jahrzehntelang war die Sperrzone von Tschernobyl ein stilles Laboratorium der Erinnerung, eine Mahnung daran, was passiert, wenn ein Staat Kernenergie als Mittel zur Steigerung seines politischen Prestiges und nicht als gefährliche Verantwortung betrachtet.
Seit dem 24. Februar 2022 ist diese totalitäre Einstellung auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt, allerdings in einer stärker militarisierten Form. Die Besetzung ukrainischer Nuklearstandorte durch die Russische Föderation ist ein direktes Erbe der sowjetischen Missachtung menschlichen Lebens. Im Gegensatz zu 1986 werden die aktuellen Risiken jedoch absichtlich herbeigeführt. Wir haben es nicht mehr mit einem System zu tun, das eine Katastrophe nicht bewältigen kann, sondern mit einem Regime, das das Katastrophenpotenzial als strategischen Vorteil nutzt.
Saporischschja: Die Frontlinie der nuklearen Erpressung
Das Kernkraftwerk Saporischschja (ZNPP) mit seinen sechs Reaktoren ist derzeit der gefährdetste Industriestandort der Welt. Seit seiner illegalen Besetzung durch Russland im März 2022 wird die Anlage unter Bedingungen betrieben, die gegen alle seit dem Kalten Krieg festgelegten internationalen Normen verstoßen.
Die »Blackout«-Waffe
Kernreaktoren müssen auch im abgeschalteten Zustand ständig gekühlt werden. Diese Kühlung hängt von einer stabilen Stromversorgung von außerhalb ab. Russland hat systematisch die Hochspannungsleitungen angegriffen, die das ZNPP versorgen. Laut der Erklärung des Generaldirektors der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zur Lage in der Ukraine hat das Kraftwerk seit Beginn der Invasion insgesamt 12 Stromausfälle erlitten.
In jedem Fall war das Kraftwerk gezwungen, auf Notstromdieselgeneratoren zurückzugreifen – die »letzte Verteidigungslinie«. Nach einer 23-tägigen Phase erhöhten Risikos wurde die 330-kV-Reserveleitung schließlich am 5. März 2026 im Rahmen eines von der IAEO vermittelten lokalen Waffenstillstands wiederhergestellt. Die Berichte des IAEO-Gouverneursrats bestätigen jedoch, dass die elektrische Sicherheitsmarge aufgrund der Verschlechterung des Schaltwerks der Anlage weiterhin »gefährlich gering« ist.
Die menschliche Komponente: Eine künstlich herbeigeführte Personalkrise
Technische Systeme sind nur so zuverlässig wie die Menschen, die sie bedienen. Seit der Besetzung wurde das Kernkraftwerk Saporischschja seiner Fachkräfte beraubt. Wie die Zeitung »Kyiv Independent« berichtet, verfügt das Kraftwerk derzeit nur noch über 22 lizenzierte Betriebsführer für die Reaktoren – ein Bruchteil der Zahl, die für einen sicheren Betrieb erforderlich wären. Durch die Vertreibung ukrainischer Fachkräfte und den Betrieb mit einer Notbesetzung unter extremem Druck hat das Besatzungsregime ein Maß an menschlichem Risiko eingeführt, für dessen Bewältigung kein ziviles Sicherheitssystem ausgelegt ist.
Die Militarisierung ziviler Atomenergie
Unter dem totalitären Paradigma wurde das Kernkraftwerk Saporischschja in eine Militärbasis umgewandelt. Überwachungsmissionen der IAEO haben die Anwesenheit von Militärlastwagen, Sprengstoff und militärischem Personal in den Turbinenhallen bestätigt. Dies verstößt gegen den ersten der fünf Grundsätze der IAEO, die vom UN-Sicherheitsrat festgelegt wurden: »Es darf keinerlei Angriffe von oder gegen das Kraftwerk geben«.
Jenseits von Saporischschja: Das nationale Stromnetz unter systematischem Beschuss
Während die Augen der Welt auf Saporischschja gerichtet sind, hat Russland eine umfassendere Kampagne gegen die Infrastruktur gestartet, die die drei anderen in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke der Ukraine unterstützt: Riwne, Chmelnyzkyj und Südukraine.
Anfang 2026 hat die Zahl der Angriffe auf das ukrainische Stromnetz ein kritisches Ausmaß erreicht. Dies ist ein kalkulierter Versuch, einen »Kaskadenausfall« des Nuklearsektors auszulösen. Wenn das Netz destabilisiert ist, werden die Reaktoren zu Notabschaltungen gezwungen.
In diesem Winter kam es zu einer Rekordzahl an »künstlich herbeigeführten Ausfällen«. Ende 2025 und im Januar 2026 berichtete die IAEO, dass mehrere Blöcke der Kernkraftwerke Riwne und Südukraine aufgrund der Zerstörung von Übertragungsknoten ihre Leistungsabgabe auf ein »unverzichtbares Niveau« reduzieren mussten.
Tschornobyl 2026: Vermächtnis und Transparenz
Der Standort Tschornobyl bleibt ein Risikofaktor. Während der Besetzung im Jahr 2022 zeigten russische Truppen im »Roten Wald« (noch heute eines der am stärksten kontaminierten Gebiete der Welt, Anm. d. Red.) einen erschreckenden Mangel an nuklearem Wissen und brachten sich selbst in Gefahr. Selbst stillgelegte Standorte bleiben bis heute Ziele.
Das Durchbrechen des Schutzschildes: Der Drohnenangriff von 2025
Am 14. Februar 2025 traf ein russischer Drohnenangriff gezielt die neue Sicherheitshülle (New Safe Confinement, NSC). Wie Greenpeace dokumentierte, durchschlug die Explosion das Dach des 1,6 Milliarden US-Dollar teuren Bauwerks, das radioaktives Material einschließen soll. Dieser Angriff hat den Prozess der Demontage des instabilen »Sarkophags« von 1986 lahmgelegt, da die hohe Strahlung an der Durchschlagstelle eine sofortige Reparatur verhindert. Dieser Angriff unterstreicht, dass selbst alte nukleare Infrastrukturen in Kriegszeiten verwundbar bleiben.
Die Ukraine handelt in krassem Gegensatz zu ihrem sowjetischen Vorgänger: Sie kooperiert transparent mit der IAEO und lässt unabhängige Überwachungen zu. Diese Praktiken spiegeln das Bekenntnis zu einer modernen nuklearen Sicherheitskultur und die tiefgreifenden Lehren aus dem Jahr 1986 wider.
Das Versagen der internationalen Governance
Der Krieg in der Ukraine hat ein Vakuum im Völkerrecht offenbart. Die IAEO ist zwar für die Überwachung unerlässlich, hat jedoch kein Mandat zur Durchsetzung von entmilitarisierten Zonen.
Trotz der direkten Beteiligung an der Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja und der Nötigung seiner Mitarbeiter bleibt Rosatom aufgrund der ungarischen und slowakischen Abhängigkeiten von russischen Nuklearprodukten weitgehend von Sanktionen der EU verschont.
Wir müssen einen Rechtsrahmen schaffen, der die »vorsätzliche Zerstörung von Stromnetzen« in der Nähe von Kernkraftwerken als Verbrechen gegen die Menschlichkeit behandelt.
Fazit: Die Last der Erinnerung und die Notwendigkeit zum Handeln
Das Erbe von Tschernobyl hat uns gelehrt, dass eine nukleare Wolke keinen Pass hat und keine Grenzen kennt. Heute ist die Sicherheit der Reaktoren in Chmelnyzkyj oder Riwne für die Menschen in Berlin oder Warschau ebenso wichtig wie in Kyjiw. Der Schutz des ukrainischen Nuklearsektors erfordert:
- Luftverteidigung als nukleare Sicherheit: Schutz der »Arterien« der Kernkraftwerke, um einen Ausfall der Stromversorgung zu verhindern.
- Strategische Entkopplung: Vollständige Entfernung von Rosatom aus der europäischen Lieferkette.
- Humanitäre Widerstandsfähigkeit: Unterstützung der Dezentralisierung des ukrainischen Energienetzes.
Nukleare Sicherheit in der Ukraine ist untrennbar mit der ukrainischen Souveränität verbunden. Um mit Sicherheit ein zweites Tschernobyl zu verhindern, muss die Ukraine diesen Krieg gewinnen.
*Anmerkung: Wenn vom historischen Ereignis der Atomkatastrophe die Rede ist, verwenden wir die in der deutschen Sprache eingeführte Schreibweise »Tschernobyl« im Gegensatz zur korrekten Transkription des Ortsnamens aus dem Ukrainischen »Tschornobyl«.
Der Kommentar erschien zuerst auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung und ist frei zugänglich unter https://www.boell.de/de/2026/03/31/tschernobyl-heute-russland-nutzt-nukleare-bedrohung-im-krieg-gegen-die-ukraine. Wir danken der Autorin und der HBS für die Erlaubnis zur Nachnutzung.