Vierzig Jahre danach: Wie die ukrainische Zivilgesellschaft mit Tschornobyl umgeht

Von Anna Ackermann

Die Bürgerbewegung nach der Tschornobyl-Katastrophe schuf die Grundlagen, auf denen Umweltengagement in der Ukraine bis heute aufbaut. Die Erinnerung an die Katastrophe lässt die Folgen eines potenziellen neuen Ereignisses real und nicht abstrakt erscheinen.

Wie zivilgesellschaftliche Organisationen heute mit dem Thema Tschornobyl umgehen

In den 2010er Jahren haben ukrainische Umweltorganisationen wie das Nationale Ökologische Zentrum im Zusammenhang mit der Verlängerung der Betriebsdauer alternder Reaktoren aus der Sowjetzeit ihre Aufmerksamkeit erneut auf die Sicherheit der Kernenergie gerichtet. Gemeinsam mit Fachleuten dokumentierten sie ungewöhnliche Situationen in einzelnen Blöcken und versuchten, die Aufmerksamkeit der Atomaufsichtsbehörde auf die Risiken zu lenken, die mit der Verlängerung der Betriebsdauer von Anlagen verbunden sind, die für völlig andere Zeiträume ausgelegt waren. Obwohl die Aufsichtsbehörde wahrscheinlich einige der Anmerkungen berücksichtigte, hatte politischer Druck erheblichen Einfluss auf die Entscheidungsfindung. Die Abhängigkeit der Ukraine von russischen Kernenergietechnologien und Brennstoffen sowie der Transit von europäischem abgebranntem Kernbrennstoff durch die Ukraine nach Russland sorgten ebenfalls für zusätzliche Besorgnis, insbesondere nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2014.

Mit der groß angelegten Invasion Russlands im Jahr 2022 traten langjährige nukleare Gefahren erneut zutage. Dazu gehören die russische Präsenz in der Sperrzone von Tschornobyl, die Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja, des größten Kernkraftwerks Europas, sowie anhaltende Angriffe auf die ukrainische Kernenergieinfrastruktur. Gleichzeitig sind nukleare Risiken untrennbar mit dem allgemeinen Überlebenskampf der Ukraine verbunden. Infolgedessen agiert die Zivilgesellschaft heute in einem grundlegend anderen Umfeld als noch vor Jahrzehnten, wobei der Schwerpunkt vor allem auf der Sicherung der Stromversorgung und der Sicherheit und der Rechenschaftspflicht des Aggressors für seine illegalen Handlungen liegt. Vor diesem Hintergrund kehrte Greenpeace 2024 in die Ukraine zurück und eröffnete sein Büro offiziell wieder, was eine erneuerte und aktivere Kommunikation über nukleare Bedrohungen einleitete, die nun durch diese neue Brille des Krieges betrachtet werden.

Trotz dieser Aktivitäten ist die ukrainische Anti-Atomkraft-Bewegung in ihrer ursprünglichen Form vierzig Jahre nach Tschornobyl so gut wie verschwunden. Mobilisierung erfordert das Gefühl einer unmittelbaren Bedrohung, während die Verlängerung der Reaktorlaufzeiten oder alltägliche Probleme der Kernenergiebranche den Menschen nicht das Gefühl vermitteln, dass sie »jetzt handeln müssen«. Die Ukrainer:innen neigen zu der Einstellung: »Wenn das Kraftwerk läuft, soll es laufen«, und es ist schwierig, neue Aktivist:innen für Themen zu gewinnen, die komplexe technische Erklärungen und langwierige Analysen erfordern und keine schnellen Ergebnisse liefern. Neue Generationen von Umweltaktivist:innen kommen meist aus den Bereichen Naturschutz, Forstwirtschaft, Wasserressourcen oder Biodiversität. Diejenigen, die sich mit umfassenderen systemischen Themen befassen wollen, haben sich in den letzten Jahrzehnten größtenteils für die Klimabewegung statt für die Anti-Atomkraft-Bewegung entschieden.

Das Erbe von Tschornobyl ist nach wie vor bedeutend, aber es äußert sich eher in einer gewissen Sensibilität, ohne sich aktiv auf die Agenda zu drängen. Für manche Ukrainer:innen ist die Erinnerung an den Unfall eine persönliche Erfahrung von Familiengeschichten, Evakuierungen, Krankheit und Verlust. Für Schulkinder und junge Menschen ist es eher eine Geschichtsstunde, ein Ereignis aus Lehrbüchern. Doch gerade diese historische Erinnerung schafft Bewusstsein, dass die potenziellen Folgen eines Atomunfalls keine Abstraktion sind.

Es ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung, eine klare Vision für die Zukunft der Kernenergie und des Energiesystems der Ukraine insgesamt zu entwickeln: wann genau jeder Reaktorblock stillgelegt werden soll, welche Mittel diesen Prozess finanzieren werden und welche Energiequellen die alternden Reaktoren ersetzen sollen. Derzeit gibt es keine derartigen Pläne. Für die Stilllegung werden unzureichende Mittel bereitgestellt, und es gibt keine klare Strategie für den Ersatz der Kernkraftwerke. Daher besteht die zentrale Herausforderung nicht nur darin, den Strombedarf des Landes gegen die Sicherheitsrisiken abzuwägen, sondern auch darin, einen realistischen, konsistenten und sicheren Weg für den Neuaufbau der Energieversorgung nach den großen Zerstörungen durch die russischen Angriffe zu entwickeln – einen Weg, der sich nicht auf die endlose Verlängerung der Betriebsdauer von Reaktoren aus der Sowjetzeit stützen kann.

Was ist 40 Jahre nach Tschornobyl von der damals umweltpolitisch geprägten Zivilgesellschaft übrig geblieben?

Die Katastrophe hat ihre große Mobilisierungskraft, einst Triebkraft für die Untergrabung der sowjetischen Autorität, eingebüßt. Die frühe Bewegung nach Tschornobyl schuf aber die Grundlagen einer dauerhaften zivilgesellschaftlichen Infrastruktur: bürgerschaftliche Organisationen, kommunale Netzwerke und Fähigkeiten zur Interessenvertretung, die den ukrainischen Umweltsektor bis heute prägen.

Auch wenn die explizit anti-nukleare Agenda nicht mehr dominiert, lebt ihr Erbe in einer starken Kultur der öffentlichen Kontrolle, in technischem Fachwissen und in der Fähigkeit weiter, Koalitionen zu komplexen Themen wie Energie- und Klimapolitik zu bilden. Was übrig bleibt, ist nicht dieselbe Bewegung, die Ende der 1980er Jahre die Straßen füllte, sondern eine reife, professionalisierte Zivilgesellschaft, deren Wurzeln in Tschornobyl weiterhin ihre Wachsamkeit, ihr institutionelles Gedächtnis und ihre Sensibilität für Umweltrisiken prägen.

Tschornobyl hat die Wahrnehmung der nuklearen Gefahr in der Ukraine tiefgreifend geprägt. Einerseits unterscheiden die meisten Ukrainer:innen heute zwischen der Katastrophe von 1986 und der Kernenergie als industriellem Sektor: Die Mehrheit der Bevölkerung nimmt Kernenergie als gefährliche, aber nützliche Ressource wahr. Andererseits bietet die Erinnerung an Tschornobyl einen anschaulichen Bezugspunkt, der die Folgen eines nuklearen Unfalls eher real als abstrakt erscheinen lässt. Diese historische Erfahrung prägt das öffentliche Bewusstsein während des aktuellen Krieges, insbesondere angesichts der russischen Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja und der russischen Militäraktivitäten rund um andere Nuklearstandorte.

Das nukleare Risiko wird durch eine breite Sicherheitsperspektive interpretiert: geopolitische Risiken, die durch Krieg und Energieabhängigkeiten entstehen, Fragen des Umweltschutzes, die Anfälligkeit alternder Reaktoren aus der Sowjetzeit sowie das Fehlen langfristiger Stilllegungspläne für Kernkraftwerke. Tschornobyl hat die Ukrainer:innen nicht einheitlich zu Gegner:innen der Kernenergie gemacht – aber es hat ein bleibendes Verständnis für die nukleare Gefahr verankert. Letzteres prägt die Erwartungen an staatliche Verantwortung, regulatorische Unabhängigkeit und die Notwendigkeit einer klaren, sicheren Energiewende in Kriegszeiten und darüber hinaus.


Der Kommentar ist eine gekürzte Version eines Textes, der auf boell.de erschienen ist und in dem auch ausführlich auf die Entstehung der Umweltbewegung in der Ukraine nach der Tschernobyl-Katastrophe eingegangen wird (https://www.boell.de/de/2026/03/31/ukraine-tschornobyl-wirkt-bis-heute-die-zivilgesellschaft). Die Redaktion der Ukraine-Analysen bedankt sich bei der Autorin und der Heinrich-Böll-Stiftung für die Erlaubnis zur Nachnutzung.

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Analyse

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Am 26. April 2026 jährt sich der Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschornobyl zum vierzigsten Mal. Voraussichtlich wird dieser Jahrestag in der Ukraine ohne größere Gedenkveranstaltungen verstreichen, da im fünften Kriegsjahr das Überleben des ukrainischen Staates alle anderen Probleme überschattet. Stand Tschernobyl als zentraler Erinnerungsort einst für die größte nationale Katastrophe der Nachkriegszeit in der Ukraine, ist es heute, mit dem neuen »Großen Krieg« gegen Russland, nur eines der vielen Glieder in einer Kette nationaler Katastrophen, die aus ukrainischer Sicht unverbrüchlich mit russischer Vorherrschaft und imperialer Überformung verbunden sind – vom Holodomor über die Säuberungen der Stalinzeit bis zu den als genozidal empfundenen aktuellen russischen Gewaltpraktiken in den besetzten Gebieten.
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