»Und die Zeit in der Hölle ändert ihre Natur«.
Beobachtungen zur ukrainischen Dichtung der Jahre 2023–2026
Nicht erst seit dem 24. Februar 2022 ist die Dichtung in der Ukraine ein wichtiges Mittel, um Angehörige verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über politische Ereignisse, Entwicklungen und gesellschaftliche Stimmungen ins Gespräch zu bringen. Spätestens seit dieser Zäsur ist der Krieg mit seinen Folgen das zentrale Thema der Poesie. Es gibt zahlreiche Festivals, auf denen Dichter:innen große Säle füllen, so etwa auf den jährlich stattfindenden Buchmessen in Kyjiw und Lwiw, auf dem Poesiefestival Meridian Czernowitz (https://www.meridiancz.com/de/), auf dem Festival »Land der Dichter« in Lwiw, auf dem Literaturfestival Port in Odessa oder auf dem deutsch-ukrainischen Autorentreffen »Eine Brücke aus Papier« (https://paperbridge.de/lektuere). Gedichte werden auf Social-Media-Kanälen veröffentlicht, vorgetragen, kommentiert und diskutiert. Nicht zuletzt werden weiterhin zahlreiche Gedichtsammlungen in Buchform publiziert. Zu den wichtigen Neuerscheinungen der letzten Jahre gehören »Der Blitz begegnet Wind und Wasser« (2023) von Marianna Kijanowska, dem das titelgebende Zitat entstammt, »Geschieht und hört nicht auf« (2024) von Halyna Kruk, »Echtzeit« (2025) von Julia Pajewska sowie »Die Hymnen barocker Kriege« (2026) von Serhij Zhadan.
In Gedichten werden Ereignisse und Entwicklungen dokumentiert, sie ermöglichen die Auseinandersetzung mit heterogenen Erfahrungen in einem von Krieg geprägten Alltag. Auf Lesungen bildet sich ein Gefühl der Anteilnahme, Gemeinschaft und Solidarität, wenn Dichter:innen ihre Texte vortragen und die Zuhörer:innen sich unmittelbar mit dem Gehörten auseinandersetzen und es in ihre eigene Erfahrungswelt integrieren. Poesie hat eine große Bindungskraft über verschiedene gesellschaftliche Schichten und Erfahrungen hinweg. Bezeichnend formuliert hat das Julia Pajewska in der Einleitung zu ihrem Gedichtband »In Echtzeit«:
»Dieser Band ist ein Zeugnis.
Aus den Folterkammern, von den Schlachtfeldern,
auf denen unsere Fähigkeit, die Menschlichkeit zu bewahren,
von der Hölle auf den Prüfstand gestellt wird.
Er ist ein Zeugnis für die ganze Welt.
Und eine Stärkung für jene, die wissen,
was der Feind im Schilde führt.
Die Wahrheit sieht manchmal wehrlos aus.
Bis sie irgendwann anfängt,
sich selbst zu verteidigen.«
Nach dem Beginn der Großinvasion im Februar 2022 standen in vielen Gedichten der Einbruch des Krieges, das Verschwinden eines individuell gestaltbaren Alltags und die Konfrontation mit Gewalt und Flucht im Mittelpunkt. Zentral war das Empfinden, dass die Zeit aus den Fugen geraten war und nicht mehr als Ordnungskriterium des Lebens gelten konnte, da der Krieg eine Abfolge grausamer Unvorhersehbarkeiten darstellte. Einige Dichter:innen, darunter Serhij Zhadan, Ostap Slyvynskyj und Victoria Amelina, artikulierten ihre Sprachlosigkeit und das Fehlen von Instrumentarium angesichts der Ungeheuerlichkeiten des Krieges.
Wie sieht nun die Situation im fünften Kriegsjahr aus? Welche Themen bewegen die ukrainischen Dichter:innen? Welche Erfahrungen fließen in ihr Schreiben ein? Welche Ausdrucksformen finden sie? Wie zeigt sich das Interagieren zwischen Dichter:in und Leserschaft?
Erfahrungsräume
Einige Dichter:innen sind seit 2022 oder später im Einsatz an der Front und schreiben aus der Perspektive des Soldaten, der Soldatin und zum Teil aus der Perspektive einer Kriegsgefangenen, wie im Fall von Julia Pajewska. Andere versuchen, das zivile Leben aufrechtzuerhalten, und ihre Gedichte widmen sich diesem Erfahrungsraum.
Julia Pajewska (*1968), die 2022 als Rettungssanitäterin bei der Belagerung von Mariupol im Einsatz war, in russische Kriegsgefangenschaft geriet und sich zwei Jahre nach ihrer Freilassung 2024 der 13. Brigade der Nationalgarde »Chartija« anschloss, veröffentlichte 2025 den Gedichtband »In Echtzeit«, in dem sie ihre Erfahrungen an der Front und in der Gefangenschaft einfängt. Eine Facette ist der sich durch Krieg und Gefangenschaft ändernde Bezug zu materiellen Dingen. Aufgrund der permanenten existenziellen Bedrohung erhalten auch scheinbar belanglose Gegenstände Bedeutung:
»eine durchlöcherte Vliesjacke, […]
»Reste vom Wehrsold, […]
ein Schlüsselring«,
die aufgezählt und als »Artefakte des Krieges« als (auf)bewahrenswert geschildert und in eine Reihe mit prägenden Beobachtungen und Erlebnissen gestellt werden:
»Liebe, im Aufsteigen von einer Kugel getroffen, […]
die trüben Blicke der Spitzel, […]
die amputierte Seele eines Feindes«.
Alltägliche Dinge und Kampfhandlungen existieren im Leben der Kämpfenden simultan und prägen es gleichermaßen. Ein wichtiges Element, das mehrere Dichterinnen an der Front thematisieren, sind Klänge und Geräuschkulissen. Jaryna Tschornohus (*1995), die als Drohnenpilotin im 140. Marinebataillon der Ukraine dient, fasst in ihrem Gedicht »[Kriegsstille]« Tod als Überwältigung durch Ton:
»Tod durch die Stimme,
die den Schwarzkreis
für einen Augenblick durchdringt.
Und verstummt.«
Bei Pajewska mischen sich in ihrem Gedicht ».5« der Klang der Explosionen und der Klang der Stimme des Gegenübers:
»Ein Ton aus dem letzten Sommer,
den nur ich höre,
der Wind bringt ihn wieder – die Explosion, […]
und als Echo hallt
in den Durchgängen der Klang
deines Wortes und Atems in der Stille«
Jaryna Tschornohus hebt darüber hinaus die weibliche Erfahrung des Krieges hervor, die sie in ihrem Gedicht »[Der rote Fleck]« als körperliche Strapaze, Kampf gegen die Einsamkeit und Überwindung der Schwäche des weiblichen Körpers beschreibt:
»[…] in jeder Frau steckt eine Soldatin
die die Dunkelheit allein durchqueren muss
alle Hilfe entbehrlich
alle Schultern unnütz
alles Schwere mit zwei Händen nur
alles Lieben vergangen und zurückgelassen
alle Einsamkeit dein
alle Nacht der Welt wie eine Sonne eines Lebens.«
Für Artur Dron (*2000), der von 2022 bis 2025 in der ukrainischen Armee diente, stehen die verschiedenen Perspektiven von Personen aus einer Familie im Mittelpunkt. Über imaginierte Ansprachen der daheimgebliebenen, zumeist weiblichen Familienmitglieder an die Fortgezogenen zeigt er verschiedene Dimensionen von Entbehrung, Verlust, Trauer und Erinnerung.
Die zentrale Erfahrung der Zivilistinnen und Zivilisten ist der Terror der Luftangriffe, mit dem die russische Armee vor allem die großen Städte des Landes seit Kriegsbeginn überzieht. Das thematisieren unter anderem Iryna Tsilyk (*1982) und Oksana Stomina (*1972), die in ihren Gedichten die Zerstörung des alltäglichen Lebens in physischer und psychischer Hinsicht darstellen. In ihrem Gedicht »Das Ende der Welt« (2024) beschreibt Tsilyk das Balancieren zwischen zwei Realitäten – dem Leben und dem ständig drohenden Tod:
»Mancher von uns wird den heutigen Morgen nicht erleben.
Mancher von uns.
Mancher von euch.
Und mancher überlebt
und klammert sich wieder an den Rand der Welt,
die so endlos ist
wie nie zuvor.«
Orte als Symbol für Verlust und Widerstand
Während in den Gedichten des Jahres 2022 über Orte vor allem im Kontext der Kriegsverbrechen der russischen Armee und als Zufluchtsorte geschrieben und deswegen besonders häufig auf Butscha, Irpin und Mariupol einerseits und Lwiw andererseits Bezug genommen wurde, verschiebt sich in den Gedichten der letzten drei Jahre die Bedeutung der Orte in Richtung des Sinnbilds von Verlust und Widerstand. Eine besondere Rolle kommt dabei Mariupol zu. In den Jahren nach der Revolution der Würde 2013/14 und des Kriegsbeginns in den Gebieten Luhansk und Donezk nahmen viele ukrainische Autorinnen und Autoren aus der West- und Zentralukraine den Donbass als Teil der Ukraine zum ersten Mal in den Blick. Sie bereisten die Gegenden an der Front und organisierten Hilfslieferungen, aber auch Lesungen und Festivals. In diesen Jahren entwickelte sich Mariupol zu einem neuen Zentrum der ukrainischen Kultur mit zahlreichen innovativen Veranstaltungen und Projekten, die Nähe zur Frontlinie blieb trotz der gescheiterten Angriffe prorussischer Milizen 2014 und der Eroberungsversuche der selbsternannten Volksrepublik Donezk im Januar 2015 spürbar. Die beklemmende Ungewissheit zwischen Steppe, Checkpoint und löchrigem Asphalt fing Grigory Semenchuk (*1991) bereits 2018 in seinem Gedicht »Stille. Asphalt« ein. Oksana Stomina, die aus Mariupol stammt und heute in Kyjiw lebt, imaginiert in ihrem Gedicht »Wir kommen zurück« Mariupol als Ort der Kindheit und Vertrautheit mit den lokalen Gegebenheiten und gibt ihrer Trauer über die Vertreibung aus ihrer Heimatstadt mit der Vorstellung von der Rückkehr in die derzeit von Russland besetzte Stadt Ausdruck. Dabei spricht sie mit der imperativischen Formel »Wir kommen zurück« all jene Bewohner:innen von Mariupol an, die vor den russischen Besatzern geflüchtet sind. Ihre Zahl beläuft sich auf 320.000; von den ursprünglich 440.000 Bewohner:innen sind nur 120.000 geblieben bzw. nach der Belagerung zurückgekehrt, wie Klaus Gestwa in seinem Artikel »Das Tor zum Donbass« (https://damals.de/premium) ausführt. Für Olena Herasymjuk (*1991) steht Mariupol symbolisch für alle Getöteten in diesem Krieg, die ihre potenziellen Leser:innen sind und derer sie gedenken will, indem sie für sie schreibt:
»Ich bin Dichterin, die unsichtbare Verse schreibt
für meine getöteten Leser
Ich stehe da und lese meine Verse auf der Bühne
des Drama-Theaters in der Stadt Mariupol
das von russischen Bomben in Trümmer gelegt wurde.
Ich stehe auf einer Bühne,
die nicht mehr existiert,
die keine Bühne mehr ist, sondern ein Grab,
und darunter liegen begraben
Tausende Männer, Frauen und Kinder –
Tote, Lebende oder gar Ungeborene.«
Auch Julia Pajewska, die in Mariupol während der Belagerung als Rettungssanitäterin tätig war, widmet Mariupol ein Gedicht. Sie spricht von der »Stadt Mariens« und stellt damit einen direkten Bezug zur Namenspatronin her, die sich im Angesicht des Infernos mit Whisky betäubt. Das Gedicht enthält noch weitere religiöse Sujets: Gott, der der Stadt im Moment des Untergangs Netz schickt, und man nicht weiß, ob es Fluch oder Segen ist, dass man die Qualen der Stadt medial vermittelt miterleben kann. Pajewska gibt somit in ihrem Gedicht dem miterlebten Urbizid eine religiöse Rahmung, die mit dem Namen der Stadt beginnt. Charkiw nimmt eine zentrale Stellung in Ljuba Jakymtschuks Gedicht »Herstellung der Zärtlichkeit« ein, in dem sie versucht, Alltagsgegenstände als Artefakte der Erinnerung an und Zugehörigkeit zu bedrohten, belagerten oder eroberten Orten zu etablieren. Für Charkiw erfüllt die Haarbürste, made in Charkiw, diese Funktion. Orangensaft aus Mykolajiw, Tomatenmark aus Cherson und Salz aus Bachmut setzen die Reihe der sinnstiftenden Alltagsobjekte fort. Wie bei Pajewska werden sie zu Symbolen des Widerstands und Zusammenhalts sowie des Wunsches nach Wiederherstellung der territorialen Integrität des gesamten Landes. Jakymtschuk verbindet Alltagsprodukte mit ihrer Herkunft und wirft damit die Frage auf, ob und wie Orte im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verankert bleiben.
Kyjiw wiederum ist in den Gedichten von Iryna Tsilyk und Oksana Stomina der Ort, an dem die Menschen auf das Grausamste den russischen Luftangriffen ausgesetzt und in ihrer physischen Existenz bedroht sind. Als »erfasst vom Krieg« bezeichnet Marianna Kijanowska in ihrem Band »Der Blitz begegnet Wind und Wasser« nicht nur Mariupol, Kyjiw und Lwiw, sondern auch Berlin, Warschau, Brüssel und London und zeigt so die Reichweite der materiellen und mentalen Folgen des Krieges.
Zeiterfahrung
In den Gedichten, die 2022 nach dem unmittelbaren Beginn der Großinvasion entstanden, wurde die Erfahrung, dass im Moment der existenziellen Bedrohung und des Zusammenbruchs der bisherigen Wirklichkeit Zeit anders wahrgenommen wird, ausführlich dargestellt. In den vergangenen Jahren hat sich die Wahrnehmung von Zeit ausdifferenziert. Auffällig ist für viele Gedichte deren genaue Datierung. Während Serhij Zhadan (*1974) in seinem Band »Chronik des eigenen Atems« (2024) und Ija Kiwa (*1984) die Gedichte auf den Tag genau datieren, setzen Iryna Tsilyk, Oksana Stomina und Kateryna Michalizyna (*1982) Jahreszahlen unter ihre Texte. So lassen sich diese im Strom der Ereignisfolgen einordnen, innerhalb der Entwicklungen verankern und mit ihnen in Beziehung bringen. Der Beginn des Krieges im Dobass und der Beginn der Vollinvasion sind die beiden zentralen Zäsuren, auf die häufig Bezug genommen wird, zum Beispiel in Formulierungen wie: »Vier Jahre schon wütet der Februar« (Stomina). Darüber hinaus setzt sich in etlichen Gedichten die Wahrnehmung fort, dass die Zeit sich den früher gekannten Routinen entzieht, da die Gegenwart als von der Vergangenheit abgeschnitten und die Zukunft als völlig unkalkulierbar eingeschätzt wird. Um das zum Ausdruck zu bringen, bedienen sich die Dichterinnen und Dichter verschiedenster Metaphern. So schreibt etwa Julia Pajewska: »Die Zeit setzt aus«, Serhij Zhadan formuliert: »Die Zeit ist gestorben. Es gibt keine Zeit mehr«, und bei Grigory Semenchuk heißt es: »Die Zeit läuft aus.«
Solidarität und Zusammenhalt
Wie eingangs beschrieben, kommt der Dichtung in der gegenwärtigen Situation unter anderem die Funktion eines Bindeglieds für die Gemeinschaft zu. Während Jaryna Tschornohus die Erfahrung von Einsamkeit und des Auf-sich-gestellt-Seins thematisiert, betont Ija Kiwa den Zusammenhalt, der der fortwährenden Vernichtung und Bedrohung entgegensteht. So schreibt sie in ihrem Gedicht »wie haltet ihr euch?«:
»um es offen zu sagen, wir alle gehen einfach,
halten einander
wie ein kaputtes Haus
sein verkohltes Dach hält«
In seinem Gedicht »Marseillaise« wählt Serhij Zhadan imperativische Ausdrucksformen und direkte Ansprachen, um die Leserinnen und Leser persönlich zu adressieren und so Zusammenhalt herzustellen:
»Lasst uns, lasst uns gehen, ihr Kinder des Vaterlandes
ihr Kinder der Umverteilung des Herbstnebels
ihr Kinder von Lehrern, die sich der Armseligkeit ihrer Klassen schämen
ihr Kinder von Priestern, die uns das Symbol des Glaubens lehren.«
Sprache und Ausdrucksformen
Da den Gedichten der Gegenwart die Funktion der Dokumentation, des Fixierens und Bezeugens der Ereignisse und Entwicklungen zukommt, liegen assoziative Ausdrucksformen nahe, da sie es ermöglichen, verschiedene Beobachtungen, Erlebnisse und Eindrücke aufzunehmen und miteinander in Verbindung zu bringen. Dieses Verfahren finden wir unter anderem bei Julia Pajewska, Ija Kiwa, Grigory Semenchuk und Ostap Slyvynskyj (*1978). Der Krieg mit all seinen Wirkungen und Folgen ist tagtägliche Erfahrung und taugt daher nicht zur Fiktionalisierung. Dennoch gibt es Gedichte, die Geschichten erzählen. Zumeist nehmen sie ein konkretes Ereignis zum Ausgangspunkt. Eine Dichterin, die sich dieses Mittels bedient, ist Halyna Kruk (*1974). Sie erzählt von ihren Studentinnen, deren Ehemänner an der Front sind, und deren Leben, sie porträtiert den gefallenen Euromajdan-Aktivisten Roman Ratuschnyj und einen Mann im Donbass, der in einem verlassenen Dorf die Stellung hält. Das Erzählende formt komplexe Handlungszusammenhänge und vermittelt konkrete Vorstellungen von den Lebensumständen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen und Einzelpersonen.
Während die Dichter:innen sich zu Beginn der Vollinvasion auf die Fixierung des Geschehenden beschränken wollten und die Sprache nüchtern und eindeutig war, um das sich Ereignende in aller Unzweideutigkeit zu benennen, sehen wir in den Gedichten der letzten drei Jahre den Versuch, Konzepte und Begriffe aus verschiedenen Lebensbereichen in Bezug zu der Erfahrung des Krieges zu setzen. Iryna Tsilyk verwendet zum Beispiel in ihrem Gedicht »Blaupelz« die Metapher der Wohnung mit verschiedenen Räumen, die für die Dinge stehen, die durch den Krieg verloren gegangen sind. Das Kinderzimmer etwa ist unbenutzt, weil die Kinder im Ausland leben, der Raum der Zukunft ist wegen Renovierung geschlossen, das hinterste Zimmer ist abgeschlossen. Diese Tür sollte man besser nicht öffnen, denn dort liegen die Leichen. Die Besichtigung der Wohnung symbolisiert die Konfrontation mit den Verlusten und der Erinnerung an das unwiederbringlich verlorene Leben vor dem Krieg.
Eine ganz eigene Bildsprache findet auch Serhij Zhadan in seinem aktuellen Gedichtband »Die Hymnen barocker Kriege«. Körperliche Zustände, Phänomene der Natur, der Industrie und des Alltags werden miteinander verschränkt. So heißt es im Gedicht »Marseillaise«:
»Der Mond schlägt wie das gelbe Herz des Priesters
gegen den Tod um jeden von uns.«
Und im Gedicht »Lili Marlen« formuliert er:
»Stellt euch vor, wie das ist – der Raum der großen Melancholie zu sein,
das Feld zu sein, auf dem die Mohnpflanzen der Depression wachsen.
Stellt euch die ausgebrannten Lungen der Fabriken vor,
die musikalischen Abgründe der Bergwerke,
die Orchestrierung der Häfen:
Europa ist im Herbst voller Bewegung, voller Sorgen,
die Luft riecht nach Weihnachten, riecht nach Schützengraben.«
Ostap Slyvynskyj wiederum verschränkt die Naturphänomene mit der Sprache, wenn er zum Beispiel von »Wörtern als Zugvögel« spricht.
Eine besondere Form der Metaphorisierung ist der Personifizierung, die Gegenständen und Zuständen Handlungscharakter zuweist. In Jaryna Tschornohus’ Gedicht »[Nacht, Freund, Feind]« wird die Nacht zur Akteurin, die dem Protagonisten Gewalt antut. Die Nacht, in der sich Angriffe ereignen können, von denen man überrascht wird, und die Nacht, in der unheilvolle Erinnerungen und Schreckensszenarien aufsteigen:
»Die Nacht presst dich in die Faust
zeigt dir im Traum die Verwundeten
zeigt dir, wen sie geholt hat
zeigt dir die Straße, die am Checkpoint endet
die Nacht schiebt dir den schweren Riegel vor
und rammt dich bis zur Hüfte in die Erde.«
Auch Serhij Zhadan setzt Personifizierungen ein, um dem Erlebtem eine beklemmende Perspektive zu verleihen. Bei ihm werden Zeit und Geschichte zu Akteurinnen:
»Einmal in hundert Jahren fährt die Zeit die Generationenernte ein,
einmal in hundert Jahren schneidet sich die Geschichte ins Handgelenk.«
Eine besondere Komposition stellt der Band »Der Blitz begegnet Wind und Wasser« von Marianna Kijanowska dar. Die Dichterin modelliert die Kriegserfahrung, indem sie ein Klagelied, bestehend aus vielen thematisch und begrifflich ineinandergreifenden Gedichten, formuliert. Sie integriert archaische Praktiken und Bezüge zu anderen Epochen, sie gestaltet mit Mitteln der Wiederholung und gebrochener Syntax Zeit- und Raumbrüche und versucht so, die universelle zerstörerische Macht des Krieges wahrnehmbar zu machen. Dabei arbeitet sie sowohl mit Echoräumen von Klängen und lautlichen Überlagerungen als auch mit Imitationen ritueller Gesänge, um das Abgründige, Verheerende des Krieges zu zeigen. So beginnt das dritte Gedicht des Bandes mit folgenden Zeilen:
»kahl und offen ist meine kehle
das siechenhaus unter krieg sieht gläsern klar aus
die hornhaut blättert wie putz
das haar kugelstarr fällt als arm in den großen fluss
der rasend fließt einfach ferner einfach kopfüber«
Kriegsende
Nur ein einziges Gedicht, und zwar »Als er zu Ende ging« von Ljuba Jakymtschuk, thematisiert das Ende des Krieges. Eine Zeit ohne die Erfahrung des Krieges scheint im Moment nicht vorstellbar. Projektionen in die Zukunft imaginieren die Perspektive der Ewigkeit, nicht aber eines künftigen irdischen Lebens ohne Krieg. Ein erschütternder Befund.
***
Die Übersetzung des zitierten Gedichtausschnitts von Olena Herasymjuk stammt von Yarolava Black. Alle anderen Übersetzungen stammen von Claudia Dathe.