(Anti-)koloniale Einleitung
Das ukrainische Kino hatte es nie leicht. Von Anfang an stand es unter dem Druck der sowjetischen Zentralisierung und Ideologie. In der Ukraine der 1920er Jahre arbeiteten in den Filmstudios von Odessa und Kyjiw herausragende Regisseure: Oleksandr Dowschenko, Schöpfer des genialen Films »Semlja« (deutscher Titel: »Erde«, 1930), Dsiga Wertow, Schöpfer des wegweisenden Avantgardefilms »Ljudyna s kinoaparatom« (deutscher Titel: »Der Mann mit der Kamera«, 1929), Georgi Tassin, Regisseur des ersten sowjetischen Westerns »Alim« (1926), sowie der Bildhauer und Kinoexpressionist Iwan Kawaleridze.
Doch der Aufschwung währte nicht lange. Mit der Festigung des Stalin-Regimes Anfang der 1930er Jahre wurde die Zensur erheblich verschärft, die Politik der Ukrainisierung wurde aufgegeben, und die Allukrainische Foto- und Filmverwaltung (VUFKU), die dem Volkskommissariat für Bildung der Ukrainischen SSR unterstand und eine vom Moskauer Zentrum unabhängige Kunstpolitik betrieb, wurde geschlossen. Dowschenko und Wertow waren gezwungen, die Ukraine zu verlassen.
Bereits in den 1960er Jahren, nach Stalins Tod und Chruschtschows »Tauwetter«, kam es zu einer gewissen Belebung, als das rein ukrainische Phänomen des poetischen Kinos entstand, dessen herausragendster Vertreter Serhij Paradschanow mit seiner beeindruckenden Filmfantasie »Tini sabutych predkiw« (»Feuerpferde«, 1964) ist. Doch auch diese Entwicklung wurde schrittweise unterbunden, und Paradschanow wurde sogar inhaftiert.
Um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen, muss man auf 1991 zurückblicken. Die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine führte zu einer paradoxen Situation. Die Regisseure hatten endlich die Möglichkeit, frei zu arbeiten, und zuvor verbotene Werke wurden gezeigt. Andererseits wurde schnell klar, dass das sowjetische Modell der planwirtschaftlichen, subventionierten Filmproduktion unter den Bedingungen des freien Marktes kaum Überlebenschancen hatte. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre ging die Produktion von Filmen auf ein Minimum zurück, große Studios in Kyjiw und Odessa standen kurz vor der Insolvenz, der Filmverleih brach praktisch zusammen, und in den Kinos wurden Möbelgeschäfte und Nachtclubs eröffnet.
Es gab noch ein weiteres, sogar noch größeres Problem: eine kreative Krise. Regisseure der älteren Generation drehten gelegentlich historische Dramen, die die Sprache und Ästhetik des Kinos in keiner Weise weiterentwickelten, nicht immer von ernstzunehmender künstlerischer Qualität waren und in denen sich das Publikum der Gegenwart mit seinen aktuellen Problemen nicht wiederfand. Russland drängte sich aktiv mit seinen eigenen Helden und Werten auf und füllte damit sehr erfolgreich die entstandene Lücke. Einzelne Ausnahmen, wie die Dokumentarfilme von Serhij Bukowski oder die Tragikomödien von Kira Muratowa, bestätigten nur die Regel.
Nach der Orangen Revolution 2004 setzte eine gewisse Trendwende ein. Staatliche und private Investitionen in kinematografische Netzwerke und die Filmproduktion nahmen zu, und damit stieg auch die Zahl der ukrainischen Spielfilme, die in die Kinos gebracht wurden. Das Problem bestand jedoch darin, dass sich der Generationswechsel verzögerte. Es gab niemanden, der die »alten Meister« ersetzen konnte.
Andererseits häuften sich die sozialen und politischen Widersprüche zwischen engagierten Bürgern und der korrupten, pro-russischen Regierung von Wiktor Janukowytsch, der wegen der Enttäuschung der Wähler über den »orangen« Präsidenten Wiktor Juschtschenko an die Macht gekommen war. Diese Widersprüche spitzten sich immer weiter zu, bis es schließlich zur Explosion kam. Die ukrainische Gesellschaft ging durch die Krisen- und Revolutionsphase. So zu schreiben und zu filmen wie vorher, war nun nicht mehr möglich.
Die »Neue Welle« nach 2014
Eine neue Generation von Regisseuren trat zeitgleich mit dem Euromaidan, der Revolution der Würde, der Annexion der Krym und dem Ausbruch des Krieges im Donbass in Erscheinung. Die Aggression Russlands gegen die Ukraine begann im Frühjahr 2014, und bis Februar 2022 belief sich die Zahl der Getöteten, Verwundeten, Gefangenen und Vermissten auf Zehntausende. Dementsprechend hat sich die ukrainische »Neue Welle« von Anfang an im Schatten des Krieges etabliert und weiterentwickelt. Und die Mehrheit der besten Filme hat dieses Thema auf die eine oder andere Weise aufgegriffen.
So versucht beispielsweise Walentyn Wassjanowitsch in »Atlantida« (deutscher Titel: »Atlantis«, 2019), der bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb in der Sektion »Orizzonti« mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Er zeigt das Leben zweier Veteranen der ukrainischen Streitkräfte im Donbass im Jahr 2025, bereits nach dem Sieg der Ukraine. Serhij und Iwan (gespielt von den echten Soldaten Andrij Rymaruk und Wassyl Antonjak) arbeiten in einem Stahlwerk und leben in einem verlassenen Haus. Beide leiden unter einer schweren Form der posttraumatischen Belastungsstörung, und um sie herum erstreckt sich eine ausgebrannte, verwüstete Landschaft: Flüsse und Grundwasservorkommen sind mit Salzen aus verlassenen Bergwerken verseucht, die Industrie ist zum Erliegen gekommen, die Städte sind halb leer. Iwan nimmt sich schließlich das Leben, das Werk wird geschlossen. Serhij überlebt, weil er einen Weg findet, den Umständen zu trotzen: Er liefert Trinkwasser aus und hilft der Sanitäterin Katja (Ljudmyla Bileka, ebenfalls Soldatin) bei der Exhumierung namenloser Gräber. Die Liebe zwischen Katja und Serhij ist jener Hoffnungsschimmer, mit dem Wassjanowitsch seine zurückhaltende Anti-Utopie beendet.
Die verheerenden Auswirkungen des Krieges auf Herz und Verstand zeigt auch Natalija Woroschbyt in »Pohani dorohy« (deutscher Titel: »Zerstörte Straßen«, 2020). Der Film erhielt bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Verona Film Club Award für den innovativsten Film in der Nebenreihe der internationalen Kritikerwoche und basiert auf einer Vorlage der Regisseurin. Es handelt sich um fünf Novellen, die durch das Thema der Straßen verbunden sind: zerstörte Straßen sowohl als Verkehrswege als auch als Metapher für verhängnisvolle Entscheidungen.
An einem Kontrollpunkt wird ein betrunkener Gymnasialdirektor angehalten, der fest davon überzeugt ist, dass die Soldaten eine seiner Schülerinnen bei sich verstecken. Er will sie zu ihrer Großmutter zurückbringen. Wagemutige Teenager-Mädchen, die an einer Bushaltestelle in einer Stadt nahe der Front herumlungern, streiten sich über ihre Beziehungen zu ukrainischen Soldaten. Auf einer nächtlichen Landstraße transportieren ein Soldat und eine Krankenschwester in ihrem Auto den Leichnam eines gefallenen Offiziers, der für die trauernde Frau nicht nur ihr Vorgesetzter, sondern auch ihr Geliebter war. Ein pro-russischer Kämpfer zerrt eine ukrainische Journalistin in den Keller, um sie zu vergewaltigen. Eine verwirrte Stadtbewohnerin versucht, einem Bauernpaar das Huhn zu bezahlen, das sie mit dem Auto überfahren hat, doch die Bauern machen sich grausam über sie lustig. Woroschbyt sammelt gesellschaftliche Traumata und erschafft auf der Leinwand mit geringem Budget eine durchaus überzeugende Hölle, die jeden Tag durch den Krieg noch schrecklicher wird.
Iryna Zilyk ist die erste ukrainische Filmregisseurin, die einen Preis beim amerikanischen »Sundance«-Festival gewonnen hat – für ihr dokumentarisches Spielfilmdebüt »Semlja blakytna niby apelsyn« (deutscher Titel: »Die Erde ist blau, wie eine Orange«, 2020). Sie findet optimistischere Töne. Sie filmt das Leben einer kinderreichen Familie in einer Kleinstadt im Donbass, die ständig unter Beschuss steht. Die Hauptfigur, eine Frau mittleren Alters namens Anna, zieht ganz allein vier Kinder groß – Myroslawa, Nastja, Wladja und Stasyk. Myroslawa bereitet sich auf die Aufnahme an der Filmhochschule vor, wo sie Kamerafrau werden möchte, und dreht zu Übungszwecken einen Film über das Leben der Familie, wobei sie Verwandte, Nachbarn und ukrainische Soldaten in den Prozess einbezieht. Anna und ihre Kinder leben trotz des Schreckens, in dem ihre Stadt versunken ist: Sie lachen, filmen, machen Musik, spielen mit einer Schildkröte und Katzen. Und der Film, den Myroslawa dreht, ist für sie sowohl Therapie als auch eine Dokumentation der Wahrheit über den Krieg.
Dies ist nur ein kleiner, aber aussagekräftiger Teil der Filme, die zwischen dem Maidan und dem großflächigen Angriffskrieg entstanden sind. Die ukrainische Regierung investierte von 2014 bis 2019 aktiv in die Filmproduktion, sodass in der Ukraine sowohl quantitativ als auch qualitativ eine Renaissance des ukrainischen Kinos einsetzte. Die Regisseure betrachteten den Krieg als ein fast metaphysisches, alles verschlingendes Übel; die Front wurde zu einer gewaltigen Quelle für Themen, Bilder und Helden – doch die Thematik beschränkte sich keineswegs allein auf den Krieg.
Vollinvasion
Obwohl ein großflächiger Angriffskrieg bereits seit Herbst 2021 als reale Bedrohung angesehen wurde, kam dieser Krieg für sehr viele dennoch als katastrophale Überraschung, und für das ukrainische Kino war er zudem ein gewaltiger Schlag.
Alle Dreharbeiten – über 30 große Filmprojekte und Dutzende weitere Serien und Fernsehproduktionen – wurden eingestellt. Die Kinos wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Viele Fachleute wurden zum Militärdienst einberufen oder sind ins Ausland gezogen. Drehaufnahmen, beispielsweise im Freien, wurden für die Filmteams aufgrund von ständigem Beschuss und Bombardierungen gefährlich. Und selbstverständlich wurde auch die staatliche Finanzierung der Filmindustrie vorläufig eingestellt.
Der russische Angriffskrieg gilt inzwischen als der visuell meistdokumentierte Krieg in der Geschichte der Menschheit. Ganz abgesehen von Mobiltelefonen mit Kamerafunktion ist das Schlachtfeld durch Schwärme von Drohnen, die den Verlauf der Ereignisse live übertragen, vollkommen transparent. Zudem verfügt mittlerweile fast jeder Soldat über eine GoPro-Kamera am Körper. Diese gehört faktisch zur Pflichtausrüstung. Dazu kommen festinstallierte Überwachungskameras, Hunderte von Reportern und Korrespondenten in den Frontgebieten sowie Filmregisseure und Kameraleute, die sich den ukrainischen Streitkräften angeschlossen haben.
So strömten bereits in den ersten Minuten nach Sonnenaufgang am 24.02.22 Millionen von Bildern in die Medien und auf die Speicherkarten der Geräte. Und dies führte zu einer regelrechten Renaissance eines Genres, das sich auch heute, bereits im fünften Jahr der russischen Aggression, mit größter Intensität weiterentwickelt – dem Dokumentarfilm.
Ein Musterbeispiel für das dokumentarische Kriegsfilmgenre ist der erste Film in der Geschichte der Ukraine, der 2023 die höchsten Auszeichnungen – den »Oscar« und den British Academy Film Award – gewonnen hat. »Ich bin wohl der erste Regisseur auf dieser Bühne, der sagt: »Ich hätte diesen Film lieber nie gedreht«, sagte Mstyslaw Tschernow, der Regisseur von »20 dniw u Mariupoli« (deutscher Titel: »20 Tage in Mariupol«, 2023), als er die Bühne bei der Oscar-Preisverleihung in Los Angeles betrat.
Tschernow, sein Kollege Jewhen Maloletka und ihre Produzentin Wassylissa Stepanenko befanden sich am 24. Februar 2022 in Mariupol und blieben dort auch nach der Abreise der übrigen Journalisten – bis zum 15. März, also fast drei Wochen lang. Sie nutzten jede Gelegenheit, um aus der umzingelten Stadt Berichte an die Redaktion von Associated Press zu senden, und schließlich gelang es ihnen wie durch ein Wunder, über den Evakuierungskorridor zu entkommen – und das Material für ihren zukünftigen Film mitzunehmen.
Die Handlung von »20 Tage in Mariupol« besteht aus täglichen Aufnahmen einer filmischen Chronik, die Tschernow und Maloletka in der zerstörten Stadt machen. Ein Großteil der Szenen wurde in einem Krankenhaus gedreht, in das Verwundete aus der ganzen Stadt gebracht wurden. Der Regisseur wendet seinen Blick nicht einmal von verstümmelten oder getöteten Kindern ab: Die Welt muss das sehen. Die Lage verschlechtert sich rasant. Leichen liegen einfach auf den Straßen. Die parallele Handlung ist das physische Überleben des Teams, ihre Versuche, nicht nur das Material an die Redaktion zu übermitteln, sondern auch sich selbst zu retten – aufgebaut wie ein echter Thriller. Zusätzlich gibt es noch das innere Drama des Regisseurs selbst. Mstyslaw führt ununterbrochen einen Off-Monolog, spricht über sich selbst und seine Kinder und versucht, die Ereignisse zu verarbeiten und darüber nachzudenken, was er hätte tun können, oder auch nicht tun können, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Diese komplexe, vielschichtige Struktur, die betonte persönliche Präsenz des Regisseurs und die direkte Arbeit im Epizentrum der Kampfhandlungen haben »20 Tage in Mariupol« zu einem außergewöhnlichen Beispiel für das Genre des Dokumentarfilms gemacht.
Dass ein solcher Durchbruch kein Einzelfall war, sondern eine Bestätigung für das hohe Niveau des ukrainischen Dokumentarfilms, zeigte die Oscar-Nominierung des Films »Porzeljanowa wijna« (internationaler Titel: Porcelain War, USA-Ukraine 2024) der Co-Regisseure Brendan Bellomo und Slawa Leontjew. Der Film erzählt die Geschichte des Künstlers und Militärausbilders Slawa, seiner Frau, der Künstlerin Anja, und ihres Freundes, des Fotografen und Soldaten Andrij. Slawa und Anja sind weltweit anerkannte Meister der Porzellanherstellung. »Porcelain War« ist ebenso wie »20 Tage in Mariupol« eine vielschichtige Erzählung, doch handelt es sich hier um eine Polyphonie anderer Art. Denn hier stehen die harten Realitäten der Front im Kontrast zur Schönheit der Natur und der Kreationen von Anja und Slawa, und die Exkurse in die bewegte Geschichte der Ukraine werden von raffinierten Animationen begleitet, in denen die Zeichnungen des Ehepaars zum Leben erweckt werden.
Insgesamt stand der Dokumentarfilm in den ersten Jahren des großflächigen Angriffskrieges zweifellos im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und der emotionalen Resonanz. Filme wie »Real« (Oleg Senzow, 2023) oder »Mariupolis 2« (Mantas Kvedaravičius, 2022 – der Regisseur wurde von den russischen Besatzern zu Tode gefoltert) sind lediglich eine Dokumentation der Ereignisse mit minimalem Eingriff des Regisseurs, vermitteln jedoch ein enormes Gefühl der Präsenz – sei es in Senzows Schützengraben unter ständigem Beschuss oder in Kvedaravičius’ sterbender Stadt – und beeindrucken damit die Zuschauer immer wieder aufs Neue.
Hartnäckigkeit und Trotz
2025 begann sich die Lage zu ändern. Die Stabilisierung der Front ermöglichte es, einen Teil der Kinos wieder zu öffnen und die Dreharbeiten wieder aufzunehmen. Ukrainische Produzenten haben gelernt, Finanzmittel aus dem Ausland einzuwerben, und in Europa wurden eine Reihe von Fonds gegründet, die speziell darauf ausgerichtet sind, ukrainischen Filmschaffenden zu helfen: der Europäische Solidaritätsfonds für das ukrainische Kino (ESFUF), das Programm »Kreatives Europa« der EU-Vertretung in der Ukraine sowie das Sonderprogramm des internationalen Fonds ALIPH (Erhaltung von Filmarchiven).
Andererseits entstand beim Publikum auch die Nachfrage nach Filmen, die sich nicht mit dem Krieg befassen. Genau damit lässt sich insbesondere der Erfolg von Pawlo Ostrikows Spielfilmdebüt »Ty – kosmos« (deutscher Titel: »U Are the Universe«, 2025) erklären, einer Science-Fiction-Komödie, die ihr Budget doppelt einspielte und in der Ukraine einen Kultstatus erlangte.
Im Grunde handelt es sich um eine originelle Neuinterpretation von Stanley Kubricks »Odyssey im Weltraum«, geprägt von Humor und klassischen ukrainischen Schlagermelodien. Die Handlung spielt im 22. Jahrhundert. Der Astronaut Andrij transportiert im Weltraummüllwagen »Obrij« Atommüll zum Jupiter, doch plötzlich explodiert die Erde, sodass Andrij als letzter Mann im Universum übrigbleibt. Die letzte Frau ist die Französin Catherine, die auf ihrem Raumschiff in der Nähe des Saturns überlebt hat. Nun müssen die beiden einander finden. Der Film ist voll von homerisch-komischen Szenen, aber auch von rührenden, melodramatischen Momenten.
Aufgrund des Krieges und der COVID-19-Pandemie zogen sich die Dreharbeiten zehn Jahre hin, doch es scheint, als sei der Film genau zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Schließlich hat das Publikum das Unterhaltungskino sehr vermisst. Und die allmählich wiederbelebte Filmindustrie bietet immer mehr solcher Produktionen an: Krimikomödien (»Skamer«, »Dobre schtscho mama ne snaje«), Kindermärchen (»Chreschtschatyk 48/2«), Weihnachtsfilme für die ganze Familie (»Skaschene risdwo«, »Potjag ›Tscherwona Ruta‹«), Serien (»Chowajutschy kolyschnju«) sowie Pop-Dokumentarfilme (»Kuzma. Straschno weselyj«).
Dennoch bleibt natürlich auch das Kriegsfilmgenre mit Erfolgen auf internationalen Filmfestivals im Blickpunkt. Mstyslaw Tschernow erhielt für seinem neuen Film »2000 metriw do Andrijiwky« (deutscher Titel: »2000 Meter bis Andrijiwka«, 2025) den Preis für die beste Regie im internationalen Dokumentarfilmwettbewerb des »Sundance«-Festivals. Walentyn Wassjanowitsch versucht in seinem neuen Film »Za peremogu!« (internationaler Titel: To the victory!, 2025) erneut, sich die Ukraine nach dem Krieg vorzustellen. Der Film, in dem Walentyn und seine Freunde sich selbst spielen, gewann im Wettbewerbsprogramm »Platform« des Internationalen Filmfestivals von Toronto (TIFF). Der Dokumentarfilm »Slidy« (internationaler Titel: Traces, Regie: Alisa Kowalenko, Marysia Nikitjuk, 2026) mit den Geschichten von sechs Frauen, die sexuelle Gewalt durch russische Besatzer erlebt haben, wurde – als erster ukrainischer Beitrag – mit dem Hauptpreis im Programm »Panorama Dokumente« der Berlinale ausgezeichnet. Das vollständig in der Ukraine gedrehte und teilweise dort produzierte und finanzierte Queer-Drama »Ja ridko prokydajus mrijutschy« (deutscher Titel: »Selten wache ich träumend auf«, Regie: Isabelle Stever, 2026) gewann den Preis der Jugendjury »L’ambiente è qualità di vita« im Hauptwettbewerb des Filmfestivals von Locarno. Diese Liste lässt sich fortsetzen.
Fazit
Das ukrainische Kino hat eine komplexe Geschichte. Über Jahrzehnte hinweg wurde es durch sowjetische Repressionen, Zensur und russische kulturelle Dominanz geprägt. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine musste sich die ukrainische Filmindustrie immer wieder neu erfinden, manchmal unter sehr schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Doch die erste Aggression Russlands im Jahr 2014 und insbesondere der großflächige Angriffskrieg im Jahr 2022 haben diese Entwicklung radikal verändert. Vor allem der Dokumentarfilm wurde zu einem zentralen Mittel, um den Krieg zu zeigen und zu verarbeiten sowie internationale Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Gleichzeitig zeigt die jüngste Wiederbelebung des Spielfilmgenres, dass sich die ukrainische Filmkunst nicht allein auf den militärischen Konflikt reduzieren lässt. Die Tatsache, dass weiterhin Filme, die unter den Bedingungen des großangelegten Angriffskriegs gedreht werden, internationale Anerkennung finden und ein Publikum im In- und Ausland erreichen, ist an sich schon ein Ausdruck kultureller Standhaftigkeit und des Widerstands.
Übersetzung aus dem Ukrainischen: Lina Pleines