Ujghuren im chinesisch-kasachstanischen Grenzgebiet: Wirtschaftlicher Wandel und seine Auswirkungen

Von Verena La Mela (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale)

Zusammenfassung
Die Ujghuren sind in den letzten Monaten durch Beijings Unterdrückung seiner muslimischen Bevölkerung in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Doch leben auch in Kasachstan (und Kirgistan) viele Angehörige dieser Ethnie. Im vorliegenden Beitrag werden Traditionen und Lebensweisen der nahe der chinesischen Grenze lebenden kasachstanischen Ujghuren wie auch ihre ökonomische Situation, ihre Anpassung an die Öffnung der Grenze zu China nach dem Zerfall der Sowjetunion, beschrieben.

In den vergangenen Monaten erschienen die Ujghuren in Nordwestchina immer wieder in der medialen Öffentlichkeit. Der Anlass war kein erfreulicher: Derzeit werden geschätzt 1 Mio. Ujghuren in Internierungslagern im Ujghurischen Autonomen Gebiet Xinjiang in der Volksrepublik China festgehalten. Das Leben der mehrheitlich muslimischen, turksprachigen Bevölkerungsgruppe in Xinjiang hat sich im Zuge der zunehmenden Überwachung und Militarisierung der Region von Seiten des Staates verschlechtert. Die Angriffe der chinesischen Regierung auf die religiöse und kulturelle Identität der Ujghuren in China haben zu einem Anwachsen der ujghurischen Diaspora weltweit geführt, so auch in Kasachstan. Ziel dieses Beitrags ist es zum einen, darzustellen, wer die kasachstanischen Ujghuren sind. Dafür sollen ihre wichtigsten Identitätsmerkmale und Traditionen aufgezeigt werden. Zum anderen soll ein Einblick in ihre aktuelle sozioökonomische Lage gegeben werden. Zentral für diesen Artikel ist die Frage, inwiefern die Öffnung der chinesisch-kasachstanischen Grenze und der dabei aufblühende, global orientierte wirtschaftliche Austausch eine Chance für lokale Ujghuren, insbesondere Frauen, darstellt. Dies geschieht am Beispiel der Grenzstadt Dscharkent nahe dem Handelsknotenpunkt Chorgos, deren Bewohner mehrheitlich Ujghuren sind. Das Augenmerk auf diesen Ort erfolgt aufgrund seiner wichtigen wirtschaftlichen Lage an der Schnittstelle des Warenverkehrs zwischen China und Kasachstan. In den vergangenen Jahren ist die Infrastruktur, die Chorgos umgibt, im Rahmen der chinesischen Belt and Road Initiative (BRI) massiv ausgebaut worden. Dies hat einen sozioökonomischen Wandel für die lokale Bevölkerung mit sich geführt.

Ujghuren in Kasachstan

Die Ethnie der Ujghuren hat insgesamt etwa 12–15 Mio. Angehörige, deren überwiegende Mehrheit, ca. 11 Mio., in dem nordwestchinesischen Autonomen Gebiet Xinjiang lebt. Außerhalb Chinas leben Ujghuren in den zentralasiatischen Staaten, sowie in Amerika, Kanada, Australien und Europa. Kasachstan ist mit ca. 240.000 Staatsbürgern ujghurischer Nationalität (= 1,4 % der Gesamtbevölkerung) das Land, in dem die meisten Ujghuren außerhalb der Volksrepublik China leben. In den vergangenen Jahren gab es eine geringe, aber konstante Zuwanderung aus China aufgrund der Repressionen und Inhaftierungen von Ujghuren sowie anderer ethnischer Minderheiten muslimischen Glaubens in Xinjiang. Geflüchtete Ujghuren kommen oftmals ohne Ausweisdokumente, weshalb eine offizielle Registrierung in Kasachstan unter Umständen mehrere Jahre dauern kann. Das historische Siedlungsgebiet der Ujghuren umfasst die Oasenstädte Xinjiangs sowie das fruchtbare Land im äußersten Südosten Kasachstans. Die meisten Ujghuren leben dort in Kleinstädten und Dörfern in der Nähe des Ili-Flusses bzw. in Almaty. Im Gebiet Almaty gibt es einen Ujghurischen Bezirk mit dem Verwaltungssitz Schonschy.

Die Ujghuren gehören in Kasachstan zu den ethnischen Minderheiten, die in keinem anderen Staat die Titularnation darstellen. Dadurch können sich Nachteile ergeben, beispielsweise beim Zugang zu materiellen und immateriellen staatlichen Ressourcen. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Bildung, Wirtschaft und Arbeit. Nach Eigendarstellung zahlreicher Ujghuren sind sie, bis auf wenige Ausnahmen (die prominenteste ist der ehemalige Premierminister Karim Massimow, der ujghurische Vorfahren haben soll), de facto ausgeschlossen von politischen Ämtern und Regierungspositionen. Ähnliches soll für staatliche Arbeitsplätze gelten. Die gesellschaftliche Organisation der Kasachen orientiert sich stark an genealogischen Prinzipien, von denen Ujghuren standardmäßig ausgeschlossen sind, da sie nicht entsprechenden Abstammungslinien angehören. Dennoch ist einzuräumen, dass Ujghuren in Kasachstan viele Freiheiten genießen. Es gibt über 60 ujghurische Schulen und eine ujghurische Zeitung. Obwohl sich die Ujghuren in Kasachstan dieser Privilegien bewusst sind und diese wertschätzen, wünschen sich viele einen einfacheren Zugang zu höherer Bildung und staatlichen Ämtern. Diese jedoch sind jenen vorbehalten, die entweder monetäre Ressourcen oder persönliche Beziehungen in entsprechende Institutionen haben. In den vergangenen Jahren äußerten sich viele Ujghuren besorgt darüber, dass ihre Rechte und Freiheiten in Kasachstan allmählich abnehmen. Dies führen sie auf die engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China zurück. Kasachstan profitiert von chinesischen Investitionen, insbesondere im Bereich der Infrastruktur. Ujghuren in Kasachstan bewegen sich deshalb in einem politisch-wirtschaftlichen Spannungsfeld, dessen zukünftige Entwicklung nicht absehbar ist.

Identitäten im Wandel

Die Ujghuren Kasachstans sind eine heterogene Gruppe, selbst ihre ethnische Zuschreibung ist nicht immer eindeutig. Dies betrifft insbesondere diejenigen in interethnischen Heiratsbeziehungen sowie deren Kinder. Interethnische Ehen kommen unter Ujghuren überwiegend mit Partnern anderer Turkvölker oder Muslimen vor. Auch intraethnisch gibt es Differenzierungen: »Lokale« Ujghuren (yerliklär) sind Ende des 19. Jahrhunderts in den Teil der Ili-Ebene migriert, der im heutigen Kasachstan liegt bzw. waren vorher dort bereits sesshaft. Zudem gibt es Ujghuren, die in einer großen Migrationswelle in den 1960er Jahren den Repressionen in China entflohen sind und als »Ankömmlinge« (kelgänlär) bezeichnet werden. Eine weitere Gruppe ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit den zunehmenden Spannungen in Xinjiang nach Kasachstan geflüchtet und als die »aus China Gekommenen« (kitailiq) bekannt. Eine klare Trennlinie gibt es zwischen diesen Gruppen jedoch nicht. Heute bezeichnen sich auch die Ankömmlinge größtenteils als lokale Ujghuren. Eine weitere intraethnische Differenzierungskategorie ist die Herkunft aus unterschiedlichen Städten. Ujghuren aus Dscharkent betonen oftmals ihre Andersartigkeit gegenüber denen aus Schonschy, ohne diese zu konkretisieren. Neben diesen Unterscheidungen gibt es auch ein Identitätsmerkmal, das nahezu von allen Ujghuren geteilt wird: die ujghurische Küche. Ujghuren sind stolz auf ihre nationalen Gerichte, wie die aufwendig angefertigten Nudeln Laghman oder die saisonal erhältlichen, mit Klee gefüllten Teigtaschen. Selbst der Tee unterscheidet sich von anderen in Asien verbreiteten Tees. Etken Tee basiert auf Schwarztee, ist salzig und wird mit Rahm zum Frühstück wie eine Suppe getrunken. Die ujghurische Küche unterliegt großer Wertschätzung innerhalb Kasachstans und auch über die Landesgrenzen hinaus eröffnen immer mehr Laghmankhanas, sogenannte Nudelhäuser.

Ujghuren in Kasachstan betonen häufig die Unterschiede zu den »traditionelleren« Ujghuren in China. Kasachstanische Ujghuren sind sich ihrer Sowjetvergangenheit bewusst und haben oftmals das Gefühl, ihre Traditionen nicht in dem Maße bewahrt zu haben wie Ujghuren in China. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist die Verwendung unterschiedlicher Alphabete. Während Ujghuren in China eine Abwandlung des arabischen verwenden, lernen die in Kasachstan ihre Sprache mit kyrillischen Buchstaben zu schreiben. Für viele aus China kommende Ujghuren stellen bürokratische Hürden für die Anerkennung ihrer Zeugnisse in Kasachstan und die kyrillische Schrift große Herausforderungen dar. Der Großteil der Ujghuren in Kasachstan ist muslimisch. Mit der Öffnung der Grenze zu China und dem zunehmenden kulturellen, religiösen, ideellen und wirtschaftlichen Austauschmit mit den Ujghuren Chinas empfinden auch die in Kasachstan eine Zunahme der Religiosität. Sie beschreiben dies als eine strengere Einhaltung muslimischer Gebote, wie zum Beispiel dem Fasten während des Ramadan oder der Einhaltung muslimischer Gebetszeiten. Dennoch ist der Alltag nach wie vor stark geprägt von den zur Sowjetzeit propagierten atheistischen Verhaltensmustern, die auch den Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit einschließen. Eine ujghurische Hochzeit in Dscharkent ohne Wodka ist nahezu undenkbar.

Meschrep und Tschai – Säulen gesellschaftlicher Organisation

Meschrep ist die regelmäßige soziale Zusammenkunft ujghurischer Männer, bei der gesungen, getanzt und erzählt wird. Es wurde 2010 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes aufgenommen. Im Vordergrund stehen Geselligkeit und das gemeinsame Musizieren, aber auch die moralische Erziehung junger Männer. Durch symbolische Bestrafung ihrer Fehler sollen sie lernen, Verantwortung für sich und ihr soziales Umfeld zu übernehmen. Ujghurische Frauen hingegen treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen. Diese institutionalisierten »Tee«-Treffen (lokal als Tschai bezeichnet) dienen dem geselligen Beisammensein, dem Austausch von Neuigkeiten und der Pflege persönlicher Netzwerke. Familiäre und persönliche Netzwerke dienen als wichtige soziale und finanzielle Absicherung. Gleichzeitig fungieren die populären, monatlich stattfindenden Tee-Treffen als rotierende Spar- und Kreditverbände. Bei jedem Treffen zahlen die teilnehmenden Frauen einen vorher abgesprochenen Geldbetrag in eine gemeinsame Kasse ein, den die jeweilige Tee-Gastgeberin ausgezahlt bekommt. Das so im Verband eingesammelte Geld wird in größere Anschaffungen für den Haushalt, Handelsware, die Ausbildung der Kinder oder finanzielle Beteiligungen an Feiern investiert. Mit gestiegenem Einkommen sind auch Hochzeiten, Begräbnisrituale und Beschneidungsfeiern größer und teurer geworden. Das Ausrichten und die Teilnahme an rituellen Festen gehören zu den maßgeblichen sozialen Verpflichtungen innerhalb der ujghurischen Gesellschaft. Von den Anschaffungen des akkumulierten Geldbetrags und den im Tschai entstandenen Netzwerken profitieren auch der Haushalt und die Ehemänner der Frauen, die auf diese Netzwerke bei Bedarf zurückgreifen können. Eine patriarchale Organisation ist innerhalb der ujghurischen Gesellschaft trotz der sowjetischen Gleichstellungsmaßnahmen stark verankert. Der wirtschaftliche Umbruch, die Öffnung der Grenze und der damit einhergehende Handel haben jedoch den Frauen in Dscharkent nach dem Zerfall der Sowjetunion umgehend die wirtschaftliche Partizipation ermöglicht. Dies manifestiert sich im Tschai, der sich als »weibliche« Institution nach dem Zerfall der Sowjetunion herausgebildet hat und als Anzeichen einer allmählichen Lockerung patriarchaler Strukturen interpretiert werden kann.

Handel als einzige Chance

Die wichtigsten Einkommensquellen für Ujghuren in Kasachstan ergeben sich aus der Landwirtschaft, insbesondere dem Gemüseanbau und aus dem Handel, der überwiegend in den unmittelbar an China grenzenden Bezirken vorherrscht. Mit dem Zerfall der Sowjetunion verloren viele Ujghuren, die zu jener Zeit im Staatsdienst angestellt waren, ihre Arbeit. Schulen, Kindergärten und andere staatliche Institutionen wurden geschlossen oder aufgelöst, Alternativen zur Grundsicherung mussten gefunden werden. Das Chaos und der wirtschaftliche Zusammenbruch in den 1990er Jahren betrafen alle Bevölkerungsschichten. Die Öffnung der in der Sowjetzeit überwiegend geschlossenen Grenze mit China bot eine Chance für die in ihrer Nähe lebenden Ujghuren aus dem aufblühenden Grenzhandel zunächst ein Überleben zu sichern und später Profit daraus zu schlagen. Trotz mehrerer Wirtschaftskrisen ist die von Ujghuren bewohnte Grenzgegend zu China durch einen vergleichsweise hohen Lebensstandard und eine niedrige Arbeitslosenrate gekennzeichnet. Ein Stereotyp, welches Ujghuren in Kasachstan anhaftet, ist das des »gerissenen Händlers«. Konfrontiert man Ujghuren damit, so lautet die Antwort oftmals, der Handel böte eine gute Möglichkeit für alle Beteiligten.

Wachsende Orientierung nach Osten

Kasachstan hat nach dem Zerfall der Sowjetunion eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung erfahren. Kein anderes Land in Zentralasien hat es mit derartiger Geschwindigkeit zu Wohlstand gebracht, wobei nicht alle gleichermaßen davon profitieren. Die Verlegung der Hauptstadt nach Astana (seit 2019 Nur-Sultan) im Jahr 1997 und deren spektakulärer Aufbau sind Zeichen dieses wirtschaftlichen Aufbruchs. Sollte die Verlegung der Hauptstadt von Almaty im Südosten Kasachstans nach Astana im Nordosten Kasachstans noch ein Zeichen gegen die einstigen russischen Imperialisten an der nördlichen Grenze setzen, so hat sich der wirtschaftlich-politische Fokus Kasachstans inzwischen stärker gen Osten orientiert.

Die Volksrepublik China teilt eine ca. 1.600 km lange Grenze mit Kasachstan. Das an Kasachstan grenzende westchinesische Autonome Gebiet Xinjiang gilt Beijing dabei als Schlüsselprovinz für den wirtschaftlichen Vormarsch Richtung Zentralasien und Europa. An dieser Grenze befindet sich im Südosten Kasachstans einer der wichtigsten wirtschaftlichen Knotenpunkte zwischen Ost- und Zentralasien. Dieser Großraum und seine dazu gehörenden Institutionen werden als Chorgos bezeichnet und sind rechtlich als Sonderwirtschaftszone organisiert. Als Teil der Belt and Road Initiative führt eine Eisenbahnlinie von Ostchina durch Chorgos nach Duisburg, die in Form eines Trockenhafens in Chorgos Gestalt annimmt. Der »Western Europe – Western China« Highway, der durch Chorgos führt, verbindet die ostchinesische Hafenstadt Lianyungang mit St. Petersburg. Zudem prägt ein gemeinsam von China und Kasachstan verwaltetes Freihandelszentrum mit den Ausmaßen einer Kleinstadt die karge Ebene des Ili-Flusses, in der sich Chorgos befindet. Die meisten Händler innerhalb des Freihandelszentrums sind Han-Chinesen und Angehörige der kasachischen Minderheit in China. Ujghuren aus Xinjiang arbeiten dort überwiegend im gastronomischen Bereich. Ein geringer Teil der kasachstanischen ujghurischen Bevölkerung arbeitet ebenfalls im Verkauf. Zu Chorgos gehört auch die Plansiedlung Nurkent, welche die zahlreichen zugezogenen Arbeiter und Angestellten der Sonderwirtschaftszone beherbergt. Ein Gesprächspartner aus einem der umliegenden Dörfer bemerkte, es seien kaum Ortsansässige in der Sonderwirtschaftszone beschäftigt. Für Diskussionen in Dscharkent sorgten vor etwa drei Jahren Äußerungen des damaligen kasachstanischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, der – so erzählt man sich – im Fernsehen eine Vision von Chorgos als nächstem Dubai entwarf, u. a. mit einem internationalen Flughafen und der Verschmelzung der umliegenden Gemeinden mit Dscharkent zu einer einzigen Großstadt.

Shuttle-Handel und Basar: Ujghurische Frauen im Business

Ein großer Teil der ujghurischen Frauen in Kasachstan ist nicht nur für die häuslichen Arbeiten zuständig, sondern geht auch einer Erwerbstätigkeit außer Haus nach. Dies ist einerseits den ererbten wirtschaftlichen und soziopolitischen Strukturen der Sowjetunion geschuldet. Andererseits bieten die räumliche Nähe zur chinesischen Grenze und der damit einhergehende wirtschaftliche Austausch mit China erhebliches Potential, einer Erwerbstätigkeit im Handel nachzugehen. Dies betrifft insbesondere grenznahe Orte wie Dscharkent. Dort arbeitet geschätzt jede zweite Frau als Shuttle-Händlerin. Shuttle-Händlerinnen fahren tageweise in das Freihandelszentrum, um dort zu Großhandelspreisen vorbestellte Ware zu erwerben und diese mit einer rentablen Gewinnmarge an Groß- oder Einzelhändler in Kasachstan und darüber hinaus weiterzuverkaufen. Der Shuttle-Handel ist eine gängige, wenngleich illegale Praxis an vielen Grenzen der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Der kasachstanische Staat toleriert den Shuttle-Handel, womit er der lokalen Bevölkerung die Möglichkeit verschafft, von der Öffnung der Grenze wirtschaftlich zu profitieren. Insbesondere für Frauen ist der Shuttle-Handel oftmals neben weiteren Erwerbstätigkeiten eine populäre Zweit- oder Drittbeschäftigung. Da er jedoch körperlich herausfordernd ist, gute Kontakte zu Grenzbeamten und großes Verhandlungsgeschick verlangt, dient er häufig nur als Übergangstätigkeit. Beliebter sind Tätigkeiten in der Gastronomie, die in den vergangenen Jahren mit der steigenden Zahl von Shopping-Touristen und Unternehmern einen wichtigen Stellenwert in Dscharkent eingenommen haben. Die Hälfte aller dortigen Hotels und Restaurants gehört ujghurischen Frauen bzw. wird von ihnen verwaltet. Ebenso ist der Großteil der Händler auf dem lokalen Basar weiblich. Für viele Frauen stellt der Basar eine gute und mehr oder weniger stabile Einkommensquelle dar. Ihre Ehemänner besitzen oftmals Lastkraftwagen, in denen Ware aus China transportiert wird oder arbeiten als Taxifahrer. Die Steigerung des Handelsvolumens in Chorgos und der Ausbau des Western Europe-Western China Highways bieten diese Möglichkeiten.

Fazit

Der Zerfall der Sowjetunion und die allmähliche Schaffung marktwirtschaftlicher Strukturen bot in den 1990ern die Gelegenheit, mit Handel Geld zu verdienen. Ujghuren in Kasachstan, insbesondere jene, die nahe der chinesischen Grenze lebten, haben diese Chance ergriffen und innerhalb der letzten Jahrzehnte mithilfe ihrer Verwandten jenseits der Grenze Güter aus China herbeigeschafft, um diese dann in Kasachstan zu verkaufen. Die mehrheitlich von Ujghuren bewohnte Stadt Dscharkent hat dadurch in den vergangenen 20 Jahren einen außerordentlichen Aufschwung erlebt. Mehreren Wirtschaftskrisen zum Trotz führt der Großteil der Bevölkerung heute ein für eine kasachstanische Kleinstadt überdurchschnittlich wohlhabendes Leben, das sich in Besitztümern und pompösen Feiern ritueller Feste manifestiert. Obgleich Ujghuren in der Regel nicht zum entscheidungstragenden Personal in Verwaltungsämtern der Sonderwirtschaftszone gehören, sind die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Handel in Grenznähe eine Chance für lokale Ujghuren. Dies steht der prekären Situation gegenüber, illegalen Handel zu betreiben, der jedoch toleriert wird. Die dem Handel geschuldete geringe Arbeitslosenrate und die damit einhergehende geringe Anzahl Alkoholkranker ist für lokale Ujghuren ein Erklärungsmuster für das friedliche ethnische Zusammenleben in Dscharkent. Die wirtschaftlichen Chancen durch die Öffnung der Grenze zu China gehen einher mit der sich verschlechternden politischen Situation für Ujghuren in Xinjiang. Die kasachstanischen Ujghuren waren zuletzt in einer Art Schockstarre aufgrund dieser Entwicklungen. Zahlreiche Ujghuren in Kasachstan haben Verwandte in Xinjiang, die nicht mehr kontaktiert werden können und deren Verbleib ungewiss ist. Auch der grenzübergreifende Handel wird zunehmend zum Risiko für individuelle Händler. Vor diesem Hintergrund ist auch die politische wie wirtschaftliche Zukunft der Ujghuren Kasachstans ungewiss.

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