An der Peripherie von Staat und Erinnerung. Historische Denkmäler, ambivalente Geschichte und Turkmenistans gefährdetes Kulturerbe

Von Raimond Selke (Jining)

Zusammenfassung
In Außendarstellungen wird Turkmenistans touristisches Potenzial meist auf einige Naturschauplätze und in der Regel archäologische Weltkulturerbestätten beschränkt. Dabei wird das reiche materielle Kulturerbe der jüngeren und jüngsten Geschichte des Landes übersehen. Der Beitrag unternimmt die Darstellung einer historischen Geographie Turkmenistans, in der sich politische und gesellschaftliche Entwicklungen während der letzten zwei Jahrhunderte manifestieren. Dabei sind historische Denkmäler und andere materielle Hinterlassenschaften Teil eines staatlichen Diskurses über Stellenwert und Bedeutung des russisch-kolonialen und sowjetischen Erbes im unabhängigen Turkmenistan. Südliche Grenzorte wie Serhetabat oder der Watutin-Friedhof in Aschgabat illustrieren das ambivalente Verhältnis zwischen lokalem Gedenken an konkrete Ereignisse oder Personen und abstrakter nationalstaatlicher Geschichtspolitik. Der Erhalt von Stätten ist durch staatliche Vernachlässigung der Denkmalpflege gefährdet, was dem bisher ungenutzten touristischen Potenzial schadet, das diesem Teil des turkmenischen Kulturerbes innewohnt.

Serhetabat: Nationale Deutung von lokaler Geschichte an der post-imperialen Grenze

In Turkmenistan befinden sich bis heute zahlreiche Denkmäler, die sowohl aus der Zeit des Russischen Kaiserreiches als auch der Sowjetunion stammen. Diese liegen, teilweise sprichwörtlich, neben der historisch wichtigen Transkaspischen Eisenbahnstrecke zwischen Turkmenbaschy und Mary und darüber hinaus. Auf der Hauptstrecke gelangt man via Turkmenabat bis an die usbekische Grenze und von dort nach Taschkent. Ende der 1990er Jahre wurden die Gleise von Turkmenabat nach Kerki verlängert, weshalb seitdem auch das im äußersten Osten von Turkmenistan gelegene Köytendag-Naturschutzgebiet mit dem Zug erreicht werden kann. Das 1986 eröffnete Reservat (Sapowednik) ist vor allem wegen der unberührten Gebirgsnatur bei Einheimischen und jenen Touristen beliebt, die es im Rahmen von Gruppenreisen bis dorthin schaffen. Von Mary verläuft eine weitere Gleisstrecke in Richtung Süden in die Kleinstadt Serhetabat (ehemals Kuschka), die 1890 als militärischer Außenposten an der afghanischen Grenze gegründet wurde. Fünf Jahre zuvor hatten russische Truppen hier eine afghanische Festung eingenommen und damit eine internationale Krise zwischen St. Petersburg und London ausgelöst (Morrison 2020, S. 469–471).[1] Dem Autor ist es gelungen, eine der nur selten erteilten Genehmigungen für Serhetabat zu erhalten und eine Tour in diese politisch sensible Grenzregion zu unternehmen. Der Streckenabschnitt zwischen Mary und Serhetabat wurde 1901 eröffnet und sollte den südlichsten Punkt des Russischen Reiches militärisch-infrastrukturell anbinden.[2] Darüber hinaus befinden sich im Gebiet Mary weitere bedeutende historische Stätten, wie das erste Wasserkraftwerk des Landes aus dem Jahr 1909, das noch heute als eines der wenigen Industriedenkmäler des Landes zugänglich ist. In der Nähe der Stadt befinden sich auch einige Naturschutzgebiete. Landwirtschaftlich wird die Gegend weitläufig für den Anbau von Pistazien genutzt. Wer mit dem Zug anreist, benötigt jedoch Geduld. Langsam, an vielen Stellen mit gerade einmal zwanzig km/h, schlängelt sich der Zug mit seinen schweren Wagons chinesischer Bauart durch das Tal des Murgab-Flusses. Für die gut 200 Kilometer von Mary nach Serhetabat benötigt der Zug beachtliche neun Stunden. Die Autofahrt dauert nur halb so lange.

Serhetabat zeichnet sich durch den Erhalt einer Reihe aufschlussreicher Denkmäler aus der Kaiser- und Sowjetzeit aus, wodurch der Ort auch ein Mikrokosmos für die Art und Weise ist, wie Turkmenistans jüngste Geschichte heute auf lokaler und nationaler Ebene verhandelt wird.

la_figure.jpg

la_figure-1.jpg

In Reiseführern wird kaum auf die historisch wichtige Stadt eingegangen, obwohl sie im späten 19. Jahrhundert zu einem Hauptschauplatz der anglo-russischen Rivalität in Zentralasien wurde und von 1979 bis 1989 eine zentrale Rolle für die Logistik der sowjetischen Intervention in Afghanistan gespielt hat. So wurden über den Grenzbahnhof Kuschka (Serhetabat) im großen Umfang sowjetische Truppen und militärische Gerätschaften in die Demokratische Republik Afghanistan verlegt, um dort im Kampf gegen die afghanischen Mudschaheddin eingesetzt zu werden. Mit dem verlustreichen Scheitern der Intervention wurde ab Mai 1988 auch wieder ein großer Teil der sowjetischen Truppen über Kuschka aus Afghanistan abgezogen (Kalinovsky 2011, S. 173). Ältere Bewohner der Stadt, in der überwiegend Russen und Ukrainer gelebt haben, bevor die meisten von ihnen nach 1991 emigriert sind, erzählen bis heute von den tausenden gefallenen sowjetischen Soldaten, die zwischen 1979 und 1989 in Särgen gesammelt und dann mit Hubschraubern nach Aschgabat weitertransportiert wurden.

Die zwei wichtigsten in Serhetabat erhaltenen Denkmäler sind das »Romanow-Kreuz«, das den südlichsten Punkt des Russischen Reiches markierte, und der »Aljoscha«. Das »Romanow-Kreuz«, das 1913 anlässlich von 300 Jahren Romanow-Dynastie aufgestellt wurde, ist das letzte verbliebene von ursprünglich vier Kreuzen, die den jeweils nördlichsten, westlichsten, östlichsten und südlichsten Punkt des Russischen Reiches markierten. Der 1963 eingeweihte »Aljoscha« war der Roten Armee und den sowjetischen Grenzsoldaten gewidmet. Das ursprünglich auf der Vorderseite eingravierte Zitat von Lenin, die Verteidigungsfähigkeit des Landes und der Roten Armee »wie einen Augapfel zu hüten«, wurde nach der Unabhängigkeit entfernt. Das überlebensgroße Monument, das einen Soldaten mit Gewehr in den Händen zeigt, kann aufgrund angrenzender militärischer Einrichtungen heute nur noch aus der Distanz betrachtet werden. Laut Paul Brummel, dem britischen Botschafter in Turkmenistan zwischen 2002 und 2005, wurde das Denkmal nach 1991 gemäß dem neuen Imperativ, historische Erinnerung für die Schaffung einer postsowjetischen »Nationalgeschichte« einzuspannen, umgedeutet. Demnach appelliert die neue (aber heute nicht mehr zugängliche) Gedenktafel an die nationale Einheit der verschiedenen turkmenischen Stämme, die während des russischen Bürgerkriegs auf unterschiedlichen Seiten gegeneinander gekämpft haben (Brummel 2006, S. 223). Damit reflektiert der turkmenische Fall die offizielle Geschichtspolitik im postsowjetischen Russland, wo die Oktoberrevolution und der anschließende Bürgerkrieg der staatlichen Seite ebenfalls als Mahnung für die verheerenden Folgen von nationaler Uneinigkeit und deren Ausnutzung durch fremde Mächte dienen (Kolonitskii 2009, S. 52–53).

la_figure-2.jpg

Vor diesem Hintergrund haben Architekten und Archäologen bei Gesprächen in Aschgabat dem Autor gegenüber den Umstand hervorgehoben, dass das »Romanow-Kreuz« in Serhetabat nicht nur die Stalinzeit und die komplette Sowjetära überstanden hat, sondern (und im Gegensatz zum »Aljoscha«) auch die offizielle Neuausrichtung der staatlichen Geschichtsschreibung seit dem Beginn von Turkmenistans Unabhängigkeit.[3] Darin zeigt sich schließlich auch das ambivalente Verhältnis zwischen Turkmenistans kolonialer Vergangenheit und dem nationalistischen Identitätsprojekt des ersten Präsidenten Saparmurat Nijasow, dessen bis heute anhaltender Personenkult eine ideologische Mischung aus vorkolonialer turkmenischer Heldendichtung und Versatzstücken sowjetischer Geschichtsschreibung darstellt (Kirasirova 2024, S. 242).

Tedschen, Sarahs, Anau, Turkmenbaschy: Fragmentiertes Gedenken und die Grenzen nationaler Geschichtsdeutung

Entlang der Eisenbahnstrecke zwischen Mary und Turkmenbaschy am Kaspischen Meer gibt es weitere Denkmäler und Orte, die Turkmenistans wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert widerspiegeln. Ein Beispiel dafür ist die seit der Antike bekannte Oasenstadt Tedschen, die während der großen Revolte gegen die russische Kolonialherrschaft in Turkestan im Jahr 1916 ein Zentrum des turkmenischen Aufstands darstellte.[4] Im anschließenden Bürgerkrieg war der Ort eine Hochburg antibolschewikischer Kräfte, was u. a. im historischen Roman Der entscheidende Schritt des sowjetischen Schriftstellers Berdy Kerbabajew Erwähnung findet. Von Tedschen aus ist man in weniger als drei Stunden in Sarahs, einer weiteren Grenzstadt mit großer historischer und geostrategischer Bedeutung. Wie Serhetabat wurde Sarahs im späten 19. Jahrhundert als militärischer Außenposten an der Südgrenze des Russischen Reiches gegründet. Seit 1996 verbindet eine Eisenbahnlinie den kleinen Ort an der iranischen Grenze mit Maschhad, der zweitgrößten Stadt im Iran und Hauptstadt der iranischen Provinz Razavi-Chorasan. Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Verschiebungen wächst die Bedeutung von Sarahs als Transitknotenpunkt für den Güterverkehr zwischen Zentral-, Süd- und Westasien. Der Ort ist bereits heute einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Export turkmenischer Güter über die südliche Route des Ost-West-Korridors.[5]

Ein weiterer für die jüngste Geschichte des Landes wichtiger Ort ist Anau, der nur etwa zehn Zugminuten von Aschgabat entfernt liegt. Hier erinnert ein 1957 errichteter Obelisk an die »Neun Aschgabater Kommissare«. Ursprünglich war das Denkmal mit einer erklärenden Inschrift versehen, die mittlerweile jedoch entfernt wurde. Das Fehlen einer neuen Inschrift verweist auf die Herausforderung der Schaffung einer nationalen Erinnerungspolitik, die komplexe und ambivalente Aspekte lokaler und regionaler Geschichte in einem kohärenten historischen Narrativ zu synthetisieren vermag. In diesem Kontext illustrieren die »Neun Aschgabater Kommissare«, die nach einem anti-bolschewikischen Aufstand in Aschgabat im Juli 1918 erschossen wurden, heute eher den chaotischen Charakter des russischen Bürgerkriegs, aus dessen einzelnen Episoden kaum Sinn für eine identitätsstiftende Nationalgeschichte gezogen werden kann. In Turkmenbaschy haben es sich die Behörden noch einfacher gemacht und das dortige Denkmal für die »26 Bakuer Kommissare«, die eine weitere Episode aus dem russischen Bürgerkrieg symbolisieren, vor einigen Jahren einfach abgerissen. Dieses Denkmal, das den 26 »Kommissaren« der kurzlebigen »Kommune von Baku« gewidmet war, erinnerte daran, wie diese im September 1918 vor der Zentralkaspischen Diktatur über das Kaspische Meer geflohen sind, in Krasnowodsk (heutiges Turkmenbaschy) jedoch von russischen Sozialrevolutionären der Transkaspischen Provisorischen Regierung aufgegriffen und schließlich hingerichtet wurden. Diese »Transkaspische Episode« steht heute wie kaum eine andere für den transnationalen Charakter des russischen Bürgerkriegs, in den sich zahlreiche externe Akteure eingemischt hatten (vgl. Thomas 2023). So brach die Kommune von Baku unter dem Druck einer osmanischen Belagerung der Stadt zusammen, während britische Agenten im Umfeld der Transkaspischen Provisorischen Regierung die Hinrichtung der Kommissare ohne einzugreifen bewusst geschehen ließen (Suny 1972, S. 341; für die britische Sicht auf die Geschehnisse siehe Teague-Jones 1991). Bis dahin waren jedoch an keiner Stelle turkmenische Akteure zentral involviert. Somit eignet sich die Episode heute weder als Appell an nationale Einheit, noch als Erzählung über turkmenische Heldentaten für die nationale Sache. Unkommentierte oder getilgte Geschichte wird hier zum Ausdruck von historischer Ambivalenz als handfestem Problem für den Einheitsimperativ nationaler Erinnerung.

Der Watutin-Friedhof in Aschgabat zwischen staatlicher Vernachlässigung und individuellem Gedenken

Der Watutin-Friedhof in Aschgabat ist ein weiteres bemerkenswertes Zeugnis für das materielle Kulturerbe Turkmenistans und von Aschgabat als Hauptstadt der Turkmenischen SSR seit ihrer Gründung im Jahr 1925. Heute liegt der zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegte Friedhof zwischen dem Flughafen Aschgabat und den Gleisen der Transkaspischen Eisenbahn. Mit kunstvoll gestalteten Gräbern, die teilweise bis ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückreichen, stellt der Friedhof eine der ältesten erhaltenen Gedenkstätten der Stadt dar. Gleichzeitig ist er Symbol für die ambivalente Rolle sowjetischer Hinterlassenschaften in der heutigen Erinnerungskultur des Landes.

la_figure-3.jpg

In der sowjetischen Ära war der Watutin-Friedhof eine zentrale Begräbnisstätte, auf der zahlreiche Persönlichkeiten der Republik aus Politik, Literatur, Musik und Kunst ihre letzte Ruhe fanden. Besonders hervorzuheben ist das Grab von Muhammetnazar Gapurow, dem langjährigen Generalsekretär der Kommunistischen Partei im sowjetischen Turkmenistan. Er hatte das Amt von 1969 bis 1985 inne, bis er von Michail Gorbatschow nach einem Korruptionsskandal im turkmenischen Baumwollsektor entlassen wurde. Während Gapurows Grab ein eindrucksvolles Denkmal auf dem Watutin-Friedhof darstellt, wurde sein Nachfolger Saparmurat Nijasow, der Turkmenistan 1991 in die Unabhängigkeit führte, nach seinem Tod im Jahr 2006 in einer eigens für ihn errichteten Gruft in der Turkmenbaschy-Ruhy-Moschee in seinem Heimatdorf Kiptschak beigesetzt – integraler Bestandteil der fortdauernden Transfiguration von Nijasow, der als überhistorischer »Führer der Turkmenen« (Turkmenbaschy) außerhalb und jenseits des Kanons sowjetischer Parteiführer steht.

Der Watutin-Friedhof bietet jedoch nicht nur einen Einblick in die politische, sondern auch in die kulturelle Geschichte des Landes. So befindet sich hier ebenfalls das Grab der sowjetischen Schriftstellerin Towschan Jesenowa (1915–1988). Ihre prominent gestaltete Ruhestätte ist eine seltene Anerkennung der kulturellen Leistungen von Frauen in der ansonsten männlich dominierten Geschichtsschreibung des Landes. Dennoch bleibt die künstlerische Gestaltung der Grabstätten, darunter viele Skulpturen und steinerne Reliefs, weitgehend unerforscht. Informationen über die Bildhauer, die diese Werke geschaffen haben, fehlen ebenso wie eine öffentliche oder akademische Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Friedhofs für das heutige kulturelle Gedächtnis. Der aktuelle Zustand des Friedhofs und die Vernachlässigung vieler Gräber zeugen von der widersprüchlichen Stellung des sowjetischen Erbes in der offiziellen Geschichtsdeutung und ihrer anhaltenden Herausforderung der Schaffung einer konsistenten Erinnerungspolitik. Andererseits bleibt der Friedhof für eingeweihte Besucher ein Ort, an dem individuelle Erinnerungen und Geschichten weiterleben. Damit ist der Friedhof auch eine der wenigen erhaltenen Gedenkstätten im Land, die sich der staatlich verordneten Erinnerungspolitik und ihrer selektiven und homogenisierenden Deutung von Geschichte zu einem gewissen Grad entziehen.

la_figure-4.jpg

Fazit: Turkmenistans gefährdetes Kulturerbe und das ungenutzte Potenzial touristischer Entwicklung

Turkmenistan verfügt über ein reiches materielles Kulturerbe, das weit über die bekannten archäologischen Attraktionen hinausgeht. Bis heute erhaltene Denkmäler aus der Zeit des Russischen Kaiserreiches und der Sowjetunion zeugen von einer wechselhaften Vergangenheit und tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Transformationen im 19. und 20. Jahrhundert. Nach der Unabhängigkeit wurden viele dieser Stätten entweder dem Verfall überlassen, abgerissen oder bewusst im Sinne einer turkmenischen »Nationalgeschichte« umgedeutet. Dabei wird das mehrdeutige lokale Gedenken an konkrete Ereignisse oder Personen in einer abstrakten offiziellen Geschichtsdeutung und Erinnerungskultur aufgelöst, durch die eine homogene Nationalidentität für die postsowjetische Ära konstruiert werden soll.

Diese instrumentelle Form der Geschichtspolitik, die auch in anderen postsowjetischen Staaten zu beobachten ist, dient seit Nijasow vor allem der Legitimation des herrschenden Regimes als vermeintlicher Verkörperung einer »nationalen Wiedergeburt« Turkmenistans (Clement 2014). Aufgrund fehlender öffentlicher Debatten über die ambivalente Vergangenheit Turkmenistans haben nachkommende Generationen keine Möglichkeit, diese von oben verordnete Nationalidentität kritisch zu hinterfragen oder sich über staatlich vorgegebene Deutungen hinaus mit der Geschichte ihres Landes auseinanderzusetzen. Eine bewusste Einbindung und Erhaltung dieser Denkmäler – ergänzt durch eine ambiguitätstolerante Deutung und Erzählung von Geschichte – könnte dabei nicht nur einen differenzierten Blick auf Fragen der Vergangenheit ermöglichen, sondern auch einen Raum für Debatten über die kulturelle und geopolitische Selbstverortung der turkmenischen Gesellschaft schaffen.

Gleichzeitig bleibt das wirtschaftliche Potenzial dieser Denkmäler ungenutzt. Der Mangel an freien Märkten, eine strikt zentralisierte Entscheidungsgewalt und restriktive (Ein-)Reisebestimmungen verhindern die Entwicklung touristischer Angebote, die auf kreative Weise von diesem materiellen Kulturerbe Gebrauch machen könnten. Weder existieren geführte Touren zu Erinnerungsstätten, noch Programme für deren Restauration oder Erhalt. Allein die politische Führung des Lands entscheidet über den Erhalt oder Abriss von Denkmälern, während eine Zivilgesellschaft oder unabhängige Fachinstitutionen, die heute beratend tätig werden könnten, im autoritären Turkmenistan fehlen.

Dieses ungenutzte wirtschaftliche Potenzial beeinflusst auch die Entwicklung des Tourismussektors. Während sich in Städten wie Taschkent, Baku oder Almaty längst internationale Hotels renommierter Marken etabliert haben, fehlt in Turkmenistan eine auch nur im Ansatz vergleichbare Infrastruktur. Mangelnder Eigentumsschutz, staatliche Willkür und die geringe Kaufkraft lokaler Märkte schrecken weiterhin internationale Investoren ab. Solange keine grundlegenden Reformen in den Bereichen Denkmalpflege, Erinnerungskultur und Tourismuswirtschaft implementiert werden, wird Turkmenistan hinter seinen Entwicklungsmöglichkeiten in diesen Bereichen zurückbleiben, und das, obwohl schon einige wenige administrative und infrastrukturelle Maßnahmen die Attraktivität von Turkmenistan als Destination für internationale Kulturtouristen erhöhen könnten. Dies setzt jedoch ein Bewusstsein der Regierung für das einzigartige materielle Kulturerbe jenseits der bekannten archäologischen Stätten voraus, dessen notwendige Bewahrung eine wichtige Perspektive für die Zukunft des Landes verbürgt. Bis dahin bleibt Turkmenistans Chance auf Partizipation am wachsenden globalen Tourismussektor ungenutzt.


Verweise

[1] Das Emirat Afghanistan war zwischen 1879 und 1919 formales Protektorat des British Empire.

[2] In den 1960er Jahren wurden die Gleise nach Torghundi auf der afghanischen Seite der Grenze verlängert.

[3] Aus Gründen der Informantensicherheit bleiben die Namen der Gesprächspartner unerwähnt.

[4] https://www.britannica.com/place/Turkmenistan/Turkmen-tribes-and-Russian-invasion

[5] https://www.carecprogram.org/uploads/CAREC-CRA-TKM_8th_WEB.pdf, S. 17

Lesetipps / Bibliographie

  • Author team [Autorenteam]. 1974. Architectural monuments of Turkmenistan. Aschgabat: Society for the Protection of Historical and Cultural Monuments of Turkmen SSR.
  • Babayew, Saragt. Saragt Babayew, Aschgabat, 2019.
  • Bissell, Tom. 2004. Chasing the Sea. Lost Among the Ghosts of Empire in Central Asia. New York: Knopf Doubleday Publishing Group.
  • Brummel, Paul. 2006. Bradt Turkmenistan. Chalfonft St Peter: Bradt Travel Guides.
  • Clement, Victoria. 2014. Articulating national identity in Turkmenistan: inventing tradition through myth, cult and language. Nations and Nationalism, 20 (3): 546–562. https://doi.org/10.1111/nana.12052
  • Kalinovsky, Artemy. 2011. A Long Goodbye: The Soviet Withdrawal from Afghanistan. Harvard University Press.
  • Kerbabajew, Berdy. 1951. Der entscheidende Schritt. Berlin: Verlag Volk und Welt.
  • Kirasirova, Masha. 2024. The Eastern International: Arabs, Central Asians, and Jews in the Soviet Union’s Anticolonial Empire. Oxford University Press.
  • Meuser, Philipp; Ruslan Muradow. 2019. White City, White Architecture: An Exchange of Building Cultures between Germany and Turkmenistan in the Year of the Bauhaus Centenary. Berlin: DOM publishers.
  • Morrison, Alexander. 2020. The Russian Conquest of Central Asia: A Study in Imperial Expansion. Cambridge University Press.
  • Selke, Raimond. 2024. Turkmenistan: Innenansichten. Tagebuch von K7 aus Aschgabat 2021 – 2024. Piefke Trading Singapore. (demnächst auch als E-Book erhältlich: eISBN: 978-3-911386-33-3)
  • Suny, Ronald Grigor. 1972. The Baku Commune, 1917-1918: Class and Nationality in the Russian Revolution. Princeton University Press.
  • Teague-Jones, Reginald. 1991. The Spy Who Disappeared: Diary of a Secret Mission to Russian Central Asia in 1918. London: Gollancz.
  • Tranum, Sam. 2010. Daily Life in Turkmenbashy’s Golden Age. A Methodologically Unsound Study of Interactions Between the Tribal Peoples of America and Turkmenistan. [Ort der Veröffentlichung nicht angegeben]: S. Tranum.
  • Whittell, Giles. 1995. Extreme Continental. Blowing Hot and Cold Through Central Asia. London: Gollancz.

Zum Weiterlesen

Analyse

Regimestützen. Turkmenistans Gewaltapparate

Von Grazvydas Jasutis, Elizaveta Chmykh
Die Gewaltapparate sind zentrale Stützen des autokratischen turkmenischen Regimes. Aufgaben und Methoden der Staatssicherheit wie der Polizei blieben nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 weitgehend unverändert. Nach dem Tod des ersten Präsidenten Nyýazow sorgte sein Nachfolger Gurbanguly Berdimuhamedow für eine personelle Säuberung der Institutionen. Doch sie blieben Repressionsapparate, in denen Korruption und Machtmissbrauch an der Tagesordnung sind. Dies ist auch unter seinem Sohn und Nachfolger Serdar Berdimuhamedow nicht anders. (…)
Zum Artikel
Analyse

Die Turkman Sahra zwischen imperialer Aufteilung, kolonialer Fremdherrschaft und nationalstaatlicher Marginalisierung: Zur historischen und aktuellen Lage der Turkmenen in Iran

Von Jousef Kor
Das traditionelle Siedlungsgebiet der Turkmenen wird heute vor allem mit dem staatlichen Territorium von Turkmenistan assoziiert, wenn nicht sogar gleichgesetzt. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass Turkmenen auf beiden Seiten des Flusses Atrak leben, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die imperialen Einflusszonen von Russland und Iran markierte und 1881 vertraglich als imperiale Grenze formalisiert wurde. In seinem Unterlauf vor seiner Mündung ins Kaspische Meer stellt der Atrak bis heute einen Teil der Grenze zwischen Iran und Turkmenistan dar. Im Gegensatz zum Beispiel zur Durand-Linie zwischen Afghanistan und Pakistan oder der Grenze zwischen dem tadschikischen und afghanischen Badachschan handelt es sich hierbei um einen weniger bekannten Fall von kolonialer Grenzziehung im 19. (…)
Zum Artikel

Logo FSO
Logo DGO
Logo ZOIS
Logo DPI
Logo IAMO
Logo IOS