Prof. Dariusz Stola: Sie reden von Patriotismus und Nation, meinen aber das Interesse der Partei und der Fraktion

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Estera Flieger, OKO.press: »Die Regierung kennzeichnet die autoritäre Tendenz, sich alle Kulturinstitutionen unterzuordnen und jetzt also ist die Zeit gekommen für [die Gedenkstätte und, d.Übers.] das Museum Auschwitz [-Birkenau, d.Übers.] und das Museum der Geschichte der Polnischen Juden POLIN [Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN], obgleich es in letzterem Falle sehr schwierig werden wird (…), der Angriff auf dieses Museum wird internationale Empörung hervorrufen, er wird als weiterer Beweis für den Antisemitismus der Regierung betrachtet. Die ›feindliche Übernahme‹ POLINs wäre Selbstmord. Aber [die Regierungspartei, d.Übers.] Recht und Gerechtigkeit [Prawo i Sprawiedliwość – PiS, d.Übers] wurde zum Gefangenen ihres härtesten Wählerkerns«, sagte im Gespräch mit der Tageszeitung Gazeta Wyborcza am 7. April 2018 Professor Paweł Machcewicz. Prophetische Worte.

Dariusz Stola: Eher eine nüchterne Analyse der Situation, die ich damals auch gemacht habe. Ich habe beobachtet, was mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges [Muzeum II Wojny Światowej] in Danzig [Gdańsk] geschah. Ich habe mir die unaufrichtigen Anschuldigungen angesehen, die an [den Direktor des Museums, d. Übers] Paweł Machcewicz und seine Kollegen gerichtet wurden. Ich habe ihm damals gesagt, dass ihr Museum das erste ist, das zweite wird das Europäische Solidarność Zentrum [Europejskie Centrum Solidarności] sein und dann wir.

Ich habe erwartet, dass das Anschleichen auf POLIN mindestens ein halbes Jahr nach der Übernahme des Museums des Zweiten Weltkrieges durch Kulturminister Gliński beginnen wird. Dank des Mutes der Mannschaft von Machcewicz, die den Kampf aufnahm, um die von ihr geschaffene Ausstellung zu verteidigen, und vor Gericht ging, gewannen wir mehr Zeit. Für diese Haltung bin ich ihr sehr dankbar.

Aber der Angriff auf POLIN erwies sich für die regierende Partei keineswegs als Selbstmord.

Stimmt. Irgendwann werden sie sicherlich dafür bezahlen, was sie gemacht haben, aber bisher haben sie sich mit den Folgen ihres Handelns nicht auseinandergesetzt.

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Im Gespräch mit Renata Kim für das Internetportal »Onet.pl« sprachen Sie über das Phänomen der »Ausweitung der Kontrolle« vonseiten der aktuellen Regierungsmannschaft, im Wochenmagazin »Tygodnik Powszechny« wiederum von der sie kennzeichnenden »internen Radikalisierungsdynamik«. Was bedeutet das?

Bei der PiS-Regierung sehe ich zwei gefährliche Tendenzen: die der Machtausweitung, das heißt der unmittelbaren Kontrolle über immer mehr neue Institutionen, darunter Kultureinrichtungen, und die der fortschreitenden Radikalisierung des Handelns in verschiedenen Bereichen. Erstere zeigt nicht nur die ungestillte Machtgier, sondern auch dass interne Bremsen fehlen – Prinzipien oder Mechanismen, die die Politiker von einem Machtanspruch abhalten, für den sie kein Mandat erhalten haben. Auch sehe ich keine wirksamen Mechanismen, die Radikalisierung aufzuhalten.

Die Regierenden werden immer radikaler, weil sie den Druck der extremen Rechten spüren. Das, wofür ich [den PiS-Vorsitzenden, d.Übers.] Jarosław Kaczyński einst geschätzt habe, das war die über Jahre wirksame Marginalisierung der extremen Rechten: Rechts von der PiS war nichts von Bedeutung. Aber es scheint, dass ihm das nicht mehr gelingt.

Ich habe den Eindruck, dass die extreme Rechte immer effektiver in der Lage ist, auf das viel mächtigere PiS-Lager Druck auszuüben. Der Schwanz hat gelernt, mit dem Hund zu wedeln.

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Prof. Piotr M. Majewski, einer der Autoren der Konzeptes der Dauerausstellung im Museum des Zweiten Weltkrieges, sagte, er bevorzuge, dass sie »Gegenstand einer scharfen Auseinandersetzung wird, als dass sie nicht beachtet wird«. In Danzig ging es den Konservativen ums Ganze – ihnen gefiel nicht nur, wer das Museum gemacht hat, sondern auch nicht, vielleicht vor allem, das Museumskonzept. Verstehen Sie etwas davon, was im Zusammenhang mit POLIN geschah?

Das wurde von der Logik der Radikalisierung geleitet, von der ich vorhin gesprochen habe. Die Ausstellung »Fremd im eigenen Haus« [»Obcy w domu«] über den März ‘68, die den Donner der Rechten auf uns zog, unterschied sich nicht von früheren Ausstellungen. Einige Monate zuvor zeigten wir die Ausstellung »Blut. Es verbindet und trennt« [»Krew. Łączy i dzieli«]. Sie erzählte von der Bedeutung des Blutes für den Judaismus und das Christentum, aber auch von rassistischen Theorien, in denen Blut eine wichtige Rolle spielt. Einer der von uns zur Zusammenarbeit eingeladenen Künstler zeigte in der Ausstellung eine Installation, deren Thema eine Demonstration der Nationalisten in Warschau war. Das weckte keinerlei Emotionen.

Dass ein ähnlicher Bezug zur Gegenwart in der Ausstellung über den März ‘68 eine solche Irritation hervorrief, ergab sich nicht aus einer Veränderung im Museum, sondern aus Veränderungen im Regierungslager. Das, was früher für sie nicht kontrovers war, wurde es nun: Die Reizbarkeit der Politiker und der mit ihnen verbundenenen Journalisten gegenüber allem, was nicht zu ihrer Sicht auf die polnisch-jüdische Geschichte passt, wurde stärker sowie auch die Reizbarkeit mit Blick auf jede Art von Kritik – der Hintergrund dieser deutlichen Intensivierung war der Streit über die Novelle des Gesetzes über das Institut für Nationales Gedenken [Instytut Pamięci Narodowej – IPN] [das sogenannte Holocaust Gesetz, d.Übers].

Ich habe sie kritisiert, denn ich konnte wirklich nicht schweigen, so dumm und schädlich war sie. Übrigens hat bis heute niemand die Konsequenzen für ihre Durchsetzung getragen, obwohl sie dem Ansehen Polens in der Welt gigantischen Schaden zugefügt hat.

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»Das wissenschafliche Milieu war nie solidarisch. Es konnte auch auf keine breitere gesellschaftliche Unterstützung zählen. Sofern auch der Umbruch des Rechtsstaates eine Handvoll Menschen auf die Straße brachte, steht keinesfalls zu erwarten, dass Massen für die Verteidigung der historischen Wahrheit demonstrieren werden«, schrieb Prof. Anna Wolff-Powęska im Internetportal »Monitor Konstytucyjny«. Mangelte es nicht an Solidarität in Ihrer Angelegenheit?

Das Museum POLIN und ich persönlich erhielten eine Vielzahl von Solidaritätsbekundungen. Uns haben sowohl Menschen als auch Institutionen unterstützt: Geäußert hat sich der Museumsrat, die Schenker des Museums, die Vereinigung Europäischer Jüdischer Museen, das polnische Komitee des International Council of Museums (des wichtigsten globalen Museumsverbands), verschiedene jüdische Oganisationen in Polen und im Ausland. Die Stimmen ernstzunehmer Institutionen und Menschen, denen andere Regierungen Aufmerksamkeit schenken würden, haben jetzt an Bedeutung verloren.

Es zählt nur die Stärke. Aber das ist kurzsichtig: Ein Mensch, der so auftritt, vergisst, dass er schließlich auf einen Stärkeren treffen wird, und auf welche Grundsätze und Werte wird er sich dann berufen? Ein Beispiel wäre die neueste Krise, die die Angriffe [des russischen Präsidenten, d.Übers.] Wladimir Putin auf Polen hervorgerufen haben.

Unsere Regierung, die vorher Abneigung gegenüber geachteten Wissenschaftlern und Geringschätzung der historischen Wahrheit an den Tag gelegt hat, musste sich mit jemandem messen, der diese Werte noch stärker geringschätzt und viel mächtiger ist.

Ich habe die Kommentare in der globalen Presse gelesen und es waren auch solche darunter, dass sich Polen über die russischen Manipulationen der Geschichte beklagt, aber selbst auch nicht frei davon ist. Solche Meinungen schwächen unsere Position, unsere Glaubwürdigkeit als Land. Den Preis für die Kurzsichtigkeit der Regierung zahlen wir alle.

Allerdings kann ich der Meinung von Frau Prof. Wolff-Powęska, die ich sehr schätze, nicht zustimmen. Vielleicht gehen keine Massen auf die Straße, um die historische Wahrheit zu verteidigen, aber die verwehrte Zustimmung gegenüber der Lüge ist gewöhnlich ein wichtiger Faktor beim Aufruhr gegen verlogene Regierungen, und die Bemühungen, den Mitbürgern die Lügen bewusst zu machen, können die Legitimierung solcher Regierungen wirksam infrage stellen.

Eine verlogene Erinnerungspolitik geht gewöhnlich mit anderen schädlichen Politiken einher, denn sie dient ja deren Begründung. Sie zeugt auch von der Geringschätzung der betrogenen Bürger, und diese Mischung ist in der Lage, die Massen auf die Straße zu bringen oder ein Wahlergebnis zu verändern.

Im Jahr 2016 schrieben die Historiker Andrzej Nowak und Timothy Snyder gemeinsam einen Brief, in dem sie dazu aufriefen, das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig in der Gestalt zu eröffnen, die seine Urheber vorgesehen hatten. In einem Interview für den »Tygodnik Powszechny« erinnern Sie daran, dass POLIN auch dank einer Vereinbarung zwischen dem [konservativen Stadtpräsidenten von Warschau, d.Übers.] Lech Kaczyński und den Politikern der [linken, d.Übers] Regierung der Demokratischen Linksallianz [Sojusz Lewicy Demokratycznej – SLD] entstand. Heute fällt es schwer, sich das alles vorzustellen.

Es verschwindet die Fähigkeit des Gesprächs über die Gräben hinweg, das ist einer der größten Verluste, den wir in den letzten Jahren erlitten haben. Und dabei hatten wir auf diesem Gebiet große Erfolge, die auf dem Fundament der Idee des Dialogs und der Solidarität gründeten. Ich meine nicht nur die friedliche Revolution von 1989, sondern auch unsere historischen Debatten.

Die Geschichte der polnischen Debatten über den Holocaust, die noch in der Volksrepublik Polen begannen und ihr höchstes Niveau und ihre höchste Intensität Anfang des 21. Jahrhunderts während der Auseinandersetzung über das Verbrechen in Jedwabne erreichten, zeigt, wie wir schrittweise eine Sprache entwickelt haben, mit der man über die schwierigsten Themen sprechen kann.

Das war ein mühseliger Prozess, aber ehrenvoll!

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Sie sagten, Sie träumen davon, dass die Geschichte wichtig sei. Es gibt eine Redensart, wenn »die Götter uns bestrafen wollen, erhören sie unsere Gebete«. Ihr Traum erwies sich als Fluch. Die gegenwärtig betriebene Erinnerungspolitik ist brutal.

Erinnerungspolitik ist eine gute Bezeichnung, besser als Geschichtspolitik, denn es geht dabei in großen Maße um die Formung der gesellschaftlichen Vorstellungen von der Vergangenheit. Ich stimme Timothy Snyder zu, dass die Geschichte heute von der Expansion einer selbstsicheren Erinnerung bedroht ist. Geschichte und Erinnerung sind voneinander abhängige, aber unterschiedliche Arten, sich auf die Vergangenheit zu beziehen.

Das gesellschaftliche Gedächtnis braucht die Geschichte, das heißt die kritische Reflexion über die Vergangenheit, um keinen Lügen zu unterliegen. Leider ist ein Teil der zurzeit betriebenen Erinnerungspolitik nicht nur eine unverschämte Propaganda verfälschter Bilder von der Vergangenheit, sondern es sind auch Angriffe auf den kritischen Blick auf die Vergangenheit, auf die Historiker, die diesen kritischen Kraftakt unternehmen.

Die langfristigen Folgen werden fatal sein: zuerst die Epidemie der Verfälschung und des gewöhnlichen Unsinns, dann der Vertrauensverlust gegenüber den offiziellen Narrationen und der Anstieg des Zynismus.

Als vor Jahren das intellektuelle Fundament unter die Erinnerungspolitik der aktuellen Regierung gelegt wurde, stellten ihre Urheber fest, dass sie dem Aufbau der nationalen Gemeinschaft dienen solle. Dann sollen sie doch zeigen, welche Elemente der aktuellen Politik diesem Ziel dienen und das Parteiinteresse übersteigen. Der Kult der »verfemten Soldaten«, der auch Verbrecher umfasst? Die Feierlichkeiten zum [Unabhängigkeitstag am, d. Übers.] 11. November mit Neonazis an der Spitze? Die Zerstörung der Überzeugung, dass die Polen im Jahr 1989 etwas Großes vollbracht haben? Die Angriffe auf das Europäische Solidarność Zentrum, das redlich und schön die Geschichte dieser großartigen Bewegung zeigt?

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Die Manipulationen erinnern mich an die sowjetische Redensart, dass klar ist, wie die Zukunft wird – siegen wird die sozialistische Revolution – aber nicht klar, wie die Vergangenheit wird.

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Lasst uns also nicht gegen die Erinnerungspolitik kämpfen, sondern um eine gute Erinnerungspolitik, und diese braucht die Geschichtswissenschaft und unterstützt sie. Die Geschichtswissenschaft erfüllt eine wichtige Rolle, etwas in der Art eines Impfstoffes, der uns vor Gedächtniskrankheiten schützt.

Wenn im gesellschaftlichen Gedächtnis gefährliche Lügen auftauchen, sind Historiker notwendig, die es verstehen sie zu enthüllen und die sich nicht fürchten dies zu tun, auch wenn es jemand nicht gefällt. Andernfalls kann diese Krankheit tödlich verlaufen, im wörtlichen Sinne: Falsche Mythen haben nicht nur ein Mal Nationen in den Krieg geführt. In den gesellschaftlichen Diskussionen über die Vergangenheit haben die Historiker die Funktion des Händewaschens – sie versuchen, gefährliche Viren aus unserem Leben auszusondern, die sich verbreiten und unser ganzes gesellschaftliches Leben mit Hass, Ressentiments und Feindseligkeit vergiften können.

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Prof. Dariusz Stola, Historiker am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften [Instytut Studiów Politycznych Polskiej Akademii Nauk], von 2014 bis 2019 Direktor des Museums der Geschichte der Polnischen Juden POLIN [Muzeum Historii Żydów Polskich POLIN], beschäftigt sich mit der Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen, der Volksrepublik Polen und der internationalen Migration im 20. Jahrhundert. Er ist Autor von u. a. »Kampania antysyjonistyczna w Polsce 1967-1968« [Die antizionistische Kampagne in Polen 1967–1968] und »Kraj bez wyjścia? Migracje z Polski 1948-1989« [Land ohne Ausgang? Migrationen aus Polen 1948–1989].

Quelle: OKO.press: Prof. Stola: Krzyczą o patriotyzmie i narodzie, ale kierują się interesem partii czy frakcji. https://oko.press/prof-stola-mamy-zbyt-wiele-dowodow-zaslepienia-wladzy/ (abgerufen am 30.06.2020) mit freundlicher Genehmigung für Übersetzung und Abdruck von OKO.press

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Von Monika Heinemann
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