Gesundheitserziehung – Brief des Netzwerkes SOS dla Edukacji an Ministerpräsident Donald Tusk (Januar 2025)

20. Januar 2025

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

wir sind ein Bündnis von mehr als 70 gesellschaftlichen Organisationen, die sich im »Netzwerk Sozialer Organisationen für die Bildung« (Sieć Organizacji Społecznych dla Edukacji – SOS dla Edukacji) zusammengeschlossen haben. Seit vier Jahren unterstützen wir mit Expertise und Aktivitäten Veränderungen im polnischen Schulsystem.

Wir sind empört über die plötzliche Entscheidung, den Status des Unterrichtsfaches Gesundheitserziehung von obligatorisch zu freiwillig herunterzustufen. Diese Maßnahme sowie auch die Art und Weise, wie sie getroffen wurde, hat die Organisationen, die zu unserem Netzwerk gehören, äußerst beunruhigt.

Die Frage der Freiwilligkeit/Verbindlichkeit der Gesundheitserziehung wurde am Anfang der inhaltlichen Planung und Gestaltung dieses Unterrichtsfaches entschieden. Auf dieser Grundlage haben die vom Bildungsministerium berufenen Experten das Basisprogramm des Faches konzipiert, eines Faches, für das gesellschaftliche Organisationen ihre Empfehlungen und Anmerkungen erarbeitet haben.

Die Entscheidung gegenüber dem Unterrichtsfach Gesundheitserziehung zu ändern, betrachten wir als Geringschätzung des demokratischen Prozesses, der nach den Parlamentswahlen 2023 einsetzte. Gegen die auf diese Weise betriebene Bildungspolitik haben wir protestiert. Wir haben gefordert, dass sie in einer Art und Weise geführt wird, die mehr Teilhabe gewährt und die Stimme der Bildungsakteure berücksichtigt. Wir haben uns gefreut, dass die polnische Schule beginnt, sich gegenüber den jungen Menschen und ihren Bedürfnissen, die sich aus den Herausforderungen der Gegenwart ergeben, zu öffnen.

Leider stehen die ohne Konsultation der Lehrer eingeführte Beschränkung der Hausaufgaben, die Art und Weise, eine Entscheidung über den Modus des Religionsunterrichtes zu treffen, oder die neuesten Änderungen im Fach Gesundheitserziehung im Widerspruch dazu. Sie untergraben die von der aktuellen Regierung erklärte Offenheit, die gesellschaftliche Seite einzubeziehen, und versetzen unserer konsultierenden Tätigkeit einen Schlag.

Die gesellschaftliche Seite, darunter Vertreter und Vertreterinnen der Organisationen unseres Netzwerkes, haben sich stark im Prozess der Teilhabe an Entscheidungen im Bildungsbereich engagiert. Wir arbeiten in Arbeitsgruppen beim Ministerium für Nationale Bildung mit und nehmen an Sitzungen von Parlamentsausschüssen und parlamentarischen Gruppen teil; die Vertreter unserer Organisationen werden als Experten und Expertinnen eingeladen, im Institut für Bildungsforschung (Instytut Badań Edukacjynych) an Veränderungen des Lehrprogramms mitzuarbeiten. Wir befürchten, dass bei der Planung weiterer Veränderungen im Bildungssystem – darunter die Einführung der Gesellschaftskunde, die Erarbeitung einer neuen Grundlage für das Rahmencurriculum, die Vermittlung neuer Lehrmethoden, die Erhebung des Lernstands der Schüler, aber auch die Arbeiten am Gesetz über einen Schülerrechte-Beauftragten und Schülerrechte – die Stimmen aus dem Bildungsbereich erneut übergangen werden. Es wäre schwer für uns, dies zu akzeptieren, und es würde die Zivilgesellschaft, die nach Jahren der Krise wieder erwacht, nicht stärken.

Die Gesundheitserziehung, die im Rahmen eines oder verschiedener Unterrichtsfächer behandelt wird, sollte verpflichtend sein, weil sie das Wohlbefinden, die physische und psychische Gesundheit eines jeden Schülers und einer jeden Schülerin im Blick hat und in den Kindern und jungen Menschen Ressourcen für ein gelingendes Leben entwickelt. Die Gesundheitserziehung ist die Grundlage für ihre sichere Zukunft. Sie legt einen Schwerpunkt darauf, Achtsamkeit für die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer zu entwickeln, sie lehrt, sich selbst wahrzunehmen sowie andere Menschen zu verstehen. Sie hat auch Schlüsselbedeutung für den Aufbau gesellschaftlicher Resilienz in einer Welt, die uns vor ernste Herausforderungen, etwa Pandemien, die Klimakrise oder die Bedrohung eines internationalen bewaffneten Konflikts stellt. Das Bewusstsein für physische und psychische Gesundheit zu entwickeln, sollte ein zentraler Punkt der Bildung sein, mit Schwerpunkt auf Prophylaxe und Problembewältigungskompetenz.

Integraler Bestandteil der obligatorischen Gesundheitserziehung sollten Inhalte aus dem Bereich Umwelt und Klima sein sowie die Förderung des regelmäßigen Kontaktes der Kinder mit der Natur. Die Gesundheitskunde sollte ebenfalls nicht vernachlässigen zu vermitteln, wie Maßnahmen zum Schutz des Planeten ergriffen werden können.

Ein Bestandteil der Gesundheitserziehung ist die Sexualerziehung und hier sehen wir eine große Herausforderung, die nicht nur die Schule betrifft. Sexualerziehung beinhaltet auch die Sorge um die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen, insbesondere derjenigen, die zu Hause nicht mit einer solchen Unterstützung rechnen können. Die freiwillige Teilnahme am Unterricht hat zur Folge, dass die Vermittlung von Inhalten, die die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen betreffen, nicht dorthin gelangt, wo es notwendig wäre.

Es besteht die Gefahr einer Schule der zwei Geschwindigkeiten, in der die Kinder aus einer Umgebung mit Zugang zu einem breiten außerschulischen Angebot und aus Familien mit größerem kulturellem Kapital bessere Möglichkeiten des Wissenserwerbs haben werden als die, die in randständigen Milieus oder ländlichen Gebieten aufwachsen.

Für solcherart Veränderungen haben wir vor den Parlamentswahlen 2023 nicht gekämpft. Wir wollen eine bessere Schule, die sich um die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen im weiten Sinne kümmert und auf die Herausforderungen der Gegenwart antwortet. Eine Schule, in der Veränderungen aus einer überlegten Bildungsstrategie heraus erfolgen und nicht nur aus politischem Kalkül. Das Beispiel Gesundheitserziehung zeigt, dass es notwendig ist, um die eingeführten Änderungen in der Bildung herum eine breite gesellschaftliche Verständigung und Zustimmung aufzubauen.

Herr Ministerpräsident, es wäre sinnvoller, die Einführung der Gesundheitserziehung zeitlich zu verschieben, Materialien und Fortbildungen auszuarbeiten und Fachkräfte vorzubereiten, als in Eile zu verkünden, dass das Fach optional ist. Daher rufen wir zu einer Veränderung der Art und Weise, Entscheidungen in der Bildungspolitik zu treffen, auf, zu mehr Vertrauen in die Experten und die gesellschaftliche Seite sowie zu einer Kommunikation, die Vertrauen in die Regierung aufbaut.

Hochachtungsvoll

im Namen des Netzwerkes Sozialer Organisationen für die Bildung

Alicja Pacewicz

Karolina Prus-Wirzbicka

Mitgliederorganisationen des Netzwerkes Sozialer Organisationen für die Bildung:

  • Edukacja w działaniu, Anna Skiendziel, Beata Zwierzyńska
  • Fundacja Centrum im. prof. Bronisława Geremka, Aleksandra Saczuk
  • Fundacja Civis Polonus, Olga Napiontek
  • Fundacja Code for Green, Małgorzata Snarska-Nieznańska
  • Fundacja Dla Lepszych Czasów, Katarzyna Szczepkowska
  • Krajowe Forum Oświaty Niepublicznej, Magdalena Wontek
  • Fundacja Ja, Nauczyciel, Maciej Durczewski
  • Fundacja Samodzielność od Kuchni, Katia Roman
  • Fundacja Teach for Poland, Katarzyna Nabrdalik
  • Fundacja WWF Polska
  • Protest z Wykrzyknikiem
  • Fundacja Przestrzeń do życia – Łucja Kucmin-Węglarczyk
  • Fundacja OFF school – Grzegorz Święch
  • Stowarzyszenie Obywatele dla Edukacji, Zofia Grudzińska
  • Stowarzyszenie Pracownia Etnograficzna im. Witolda Dynowskiego, Anna Bińka
  • Polska Fundacja im. Roberta Schumana
  • Fundacja Szkoła z Klasą, Michał Szelą

Unterstützende Organisationen:

  • Fundacja Moc Partnerstwa – Iwona Janicka

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Quelle: Sieć Organizacji Społecznych dla Edukacji – SOS dla Edukacji [Netzwerk Sozialer Organisationen für die Bildung]. https://sosdlaedukacji.pl/list-do-premiera-ws-edukacji-zdrotownej/ (abgerufen am 27.03.2025).

Zum Weiterlesen

Analyse

Kirche und Staat entflechten? Zum Stand von kirchenbezogenen Reformvorhaben der Regierungskoalition in Polen

Von Anja Hennig
Der Beitrag analysiert, inwieweit sich das Verhältnis von Kirche und Staat in Polen nach dem Regierungswechsel im Herbst 2023 verändert hat. Während die Bürgerkoalition (Koalicja Obywatelska – KO) im Wahlkampf eine Entflechtung der engen Verbindung zwischen der katholischen Kirche und der Politik ankündigte, zeigt sich jetzt innerhalb der Regierungskoalition ein heterogenes Bild. Die zentrale Konfliktlinie verläuft allerdings zwischen der katholischen Kirche (sowie weiteren katholischen Akteuren) und der Regierung. Als besonders konfliktträchtig erwiesen sich die Reform des Religions- und die Einführung des Sexualkundeunterrichts unter der neuen Bildungsministerin Barbara Nowacka. Trotz einer fortschreitenden Säkularisierung und einer sinkenden gesellschaftlichen Akzeptanz der katholischen Kirche, insbesondere in urbanen Milieus und unter jungen Menschen, bleibt die Kirche eine relevante Akteurin im politischen Feld. (…)
Zum Artikel
Analyse

Zum Minderheitenstatus der polnischsprachigen Migranten in Deutschland

Von Andrzej Kaluza
Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag von 1991 sichert Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen und Angehörigen der Gruppe deutscher Staatsbürger mit polnischer Abstammung oder Bekenntnis zur polnischen Sprache, Kultur oder Tradition vergleichbare Rechte zu. Die etwa 300.000 polnischen Staatsbürger, die sich als Deutsche verstehen, werden nicht nur durch den bilateralen Vertrag, sondern auch durch den polnischen Gesetzgeber als Minderheit anerkannt und genießen dadurch bestimmte Förderrechte (Bildung, Kultur, Medien) von Seiten des Staates. Dagegen hat die polnischsprachige Gruppe in Deutschland formalrechtlich nicht den Status einer nationalen Minderheit, da sie nicht zu den traditionellen in Deutschland ansässigen Minderheiten zählt, sondern aus Migranten besteht. Vertreter der »Polonia«-Organisationen in Deutschland streben diesen Status dennoch an. Der Autor weist darauf hin, dass sowohl die historischen Argumente wie auch die Ausdifferenzierung der Selbstidentifikation der Angehörigen der polnischen Gruppe in Deutschland den Status einer nationalen Minderheit nicht begründen können, gleichwohl aus dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag einzulösende Verpflichtungen (z. (…)
Zum Artikel

Logo FSO
Logo DGO
Logo ZOIS
Logo DPI
Logo IAMO
Logo IOS