Einleitung
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben staatliche Beziehungen zu im Ausland lebenden Staatsangehörigen und Personen mit Herkunftsbezug weltweit erheblich an Bedeutung gewonnen. Inzwischen verfügen die meisten Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen über spezifische Programme, Institutionen und Rechtsinstrumente, mit denen sie ihre Diasporagemeinschaften ansprechen und in politische, kulturelle oder ökonomische Strategien einbinden. In Politik und Forschung werden solche Maßnahmen als diaspora engagement policies (Alan Gamlen) bezeichnet. Sie zielen darauf, nationale Zugehörigkeit, Loyalität und Partizipation über territoriale und mitunter auch andere Grenzen hinweg zu organisieren und die Diaspora als Teil einer grenzübergreifend gedachten »globalen Nation« institutionell und symbolisch zu verankern.
Auch Polen fügt sich seit 1989 in diesen Trend ein. Die Beziehungen zur Polonia und den Polen im Ausland wurden nach dem Systemwechsel schrittweise ausgebaut und umfassen heute ein breites Spektrum an Politikfeldern: von Sprach- und Bildungsförderung über Kultur- und Medienpolitik, rechtliche Sonderinstrumente wie Repatriierung und die »Polenkarte« (Karta Polaka) bis hin zur Organisation politischer Partizipation sowie zur strategischen Einbindung der Diaspora in die Außen-, Migrations- und Wirtschaftspolitik. Mit der im April 2025 verabschiedeten Regierungsstrategie für die Zusammenarbeit mit der Polonia und den Polen im Ausland 2025–2030 (Rządowa Strategia Współpracy z Polonią i Polakami za Granicą na lata 2025–2030) hat die polnische Regierung diesen Politikbereich in einem umfassenden Dokument neu gerahmt und stärker mit demographischen, arbeitsmarktpolitischen und außenpolitischen Zielsetzungen verknüpft.
Der polnische Fall ist in mehrfacher Hinsicht analytisch besonders aufschlussreich. Zum einen richtet sich die staatliche Diasporapolitik an sehr unterschiedliche Gruppen: an Auswanderungsgemeinschaften in Westeuropa, Nordamerika und zunehmend auch in anderen Weltregionen ebenso wie an polnische Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa, deren Situation wesentlich durch Grenzverschiebungen und Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert geprägt ist. Zum anderen überlagern sich in der Politik gegenüber diesen Gruppen verschiedene, teils komplementäre, teils spannungsreiche Zielsetzungen: die Pflege nationaler Identität und Sprache, die historisch begründete Verantwortung gegenüber Minderheiten, der Einsatz der Diaspora als Ressource der Außen- und Kulturpolitik sowie – nicht zuletzt – Fragen politischer Partizipation und innenpolitischer Mobilisierung.
Vor diesem Hintergrund fragt der Beitrag, wie sich die Politik des polnischen Staates gegenüber seiner Diaspora seit 1989 institutionell und inhaltlich entwickelt hat und welche politischen Funktionen sie erfüllt. Er argumentiert, dass Polens Diasporapolitik weder auf kulturelle Symbolpolitik noch auf klassische Minderheiten- oder Migrationspolitik reduziert werden kann, sondern ein eigenständiges Politikfeld darstellt, in dem Nationenbildung (Nation-Building) jenseits des Territoriums, außenpolitische Interessen und innenpolitische Dynamiken eng miteinander verschränkt sind.
Im Mittelpunkt stehen drei Analyseebenen: erstens die institutionelle Architektur und ihre Veränderungen seit der Transformation, zweitens zentrale Politikfelder wie Bildung, Recht und politische Partizipation, drittens die strategische Neujustierung durch das Regierungsprogramm für die Zusammenarbeit mit der Polonia und den Polen im Ausland in den Jahren 2015–2020 (Rządowy Program Współpracy z Polonią i Polakami za Granicą w latach 2015–2020) und die Regierungsstrategie 2025–2030. Ziel ist es, Kontinuitäten und Brüche herauszuarbeiten und Polens Diasporapolitik in den europäischen und internationalen Kontext staatlicher diaspora engagement policies einzuordnen.
»Polonia und Polen im Ausland«: Begriffe und Zielgruppen
In Politik, Verwaltung und öffentlicher Debatte wird für die im Ausland lebenden Personen polnischer Herkunft überwiegend der Sammelbegriff »Polonia und Polen im Ausland« (Polonia i Polacy za granicą) verwendet. Der in der internationalen Forschung gebräuchliche Terminus »Diaspora« ist in diesem Kontext weniger etabliert und wird von Teilen der Betroffenen mit Skepsis aufgenommen, da er als distanzierend oder historisch belastet wahrgenommen wird. Gleichwohl bietet er für die analytische Einordnung staatlicher Politik den Vorteil, unterschiedliche Formen grenzüberschreitender Zugehörigkeit unter einen Oberbegriff zu fassen.
Der Ausdruck »Polonia« bezeichnet traditionell vor allem Auswanderungsgemeinschaften und deren Nachkommen, insbesondere in Nordamerika, Westeuropa und Australien. Er verweist auf eine Geschichte prinzipiell freiwilliger Migration aus wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Gründen und ist oftmals positiv mit Vorstellungen kultureller Kontinuität und organisatorischer Selbstständigkeit verbunden. Demgegenüber wird für polnischsprachige Bevölkerungsgruppen in den östlichen Nachbarstaaten Polens häufig die Bezeichnung »Polen im Ausland« verwendet. Diese Terminologie trägt dem Umstand Rechnung, dass es sich hier vielfach nicht um klassische Emigranten handelt, sondern um Minderheiten, deren heutige Lage auf Grenzverschiebungen und Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert zurückgeht: Sie haben das polnische Staatsgebiet nicht aktiv verlassen, sondern wurden infolge dieser Prozesse zu nationalen Minderheiten außerhalb der Grenzen Polens.
Für die Analyse staatlicher Politik ist diese Unterscheidung grundlegend, da sie mit unterschiedlichen Erwartungshorizonten und politischen Logiken verknüpft ist. Die Ansprache von Auswanderungsgemeinschaften orientiert sich vor allem an der Aufrechterhaltung kultureller Bindungen, an konsularischen Leistungen für Staatsbürger im Ausland sowie an Fragen politischer Partizipation und Mobilität. Im Fall der polnischen Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa treten Aspekte des Minderheitenschutzes, der historischen Verantwortung und der Rolle Polens als kultureller und politischer Bezugspunkt stärker in den Vordergrund.
Hinzu kommt eine dritte, seit dem EU-Beitritt 2004 stark wachsende Gruppe: die Arbeits- und Mobilitätsmigration innerhalb der Europäischen Union. Diese Gemeinschaften unterscheiden sich sowohl von der traditionellen Polonia in Übersee als auch von den autochthonen Minderheiten im Osten. Sie sind durch hohe Mobilität, enge Alltagsbezüge zum Herkunftsland und eine häufig grenzüberschreitende Lebensweise geprägt. Für sie gewinnen Fragen der politischen Partizipation, der sozialen Absicherung und der institutionellen Anbindung besondere Bedeutung.
Insgesamt lässt sich die polnische Diaspora damit nicht als homogene Gemeinschaft begreifen, sondern als Geflecht unterschiedlicher Herkunftskontexte, Generationen und Rechtsstellungen. Die staatliche Diasporapolitik trägt dieser Heterogenität Rechnung, indem sie verschiedene Instrumente und Adressatenkategorien unterscheidet – und diese zugleich unter dem übergreifenden Narrativ einer »globalen polnischen Gemeinschaft« zusammenführt.
Entwicklungslinien seit 1989
Die besondere Bedeutung, die der Diaspora in der polnischen Politik bis heute zukommt, lässt sich nur vor dem Hintergrund einer langen Geschichte von Emigration, Grenzverschiebungen und staatlichen Teilungen verstehen. Bereits im 19. Jahrhundert spielte die politische Emigration eine zentrale Rolle für die Aufrechterhaltung nationaler Identität und die internationale Sichtbarkeit der Bemühungen um die staatliche Unabhängigkeit. In der Zwischenkriegszeit blieb der Kontakt zu im Ausland lebenden Polen ein wichtiger Bestandteil der staatlichen Politik zur Festigung nationaler Zugehörigkeit. Während des Kalten Krieges war das Verhältnis zwischen der Volksrepublik Polen und der Polonia ambivalent: Einerseits versuchte der kommunistische Staat Einfluss auf Emigrantenorganisationen zu nehmen, andererseits galten große Teile der westlichen Polonia als politisch oppositionell. Zugleich bestanden enge kulturelle und familiäre Bindungen, die staatlicher Kontrolle nur begrenzt zugänglich waren.
Mit dem Systemwechsel 1989 setzte eine grundlegende Neubewertung dieser Beziehungen ein. Demokratisierung und Öffnung ermöglichten eine institutionelle und symbolische Wiederannäherung an die Polonia, die nun nicht mehr als politischer Gegner, sondern als Teil der nationalen Gemeinschaft begriffen wurde. In den 1990er Jahren standen kultur- und bildungspolitische Maßnahmen im Vordergrund: der Ausbau des Polnischunterrichts im Ausland, die Unterstützung von Schulen, Medien und Organisationen sowie die Wiederbelebung zivilgesellschaftlicher Netzwerke. Gleichzeitig begann der Aufbau staatlicher Zuständigkeiten – vor allem im Parlament und im Außenministerium –, der die Grundlage für eine dauerhaft institutionalisierte Diasporapolitik legte.
Der EU-Beitritt 2004 markierte eine weitere Zäsur. Mit der Öffnung der Arbeitsmärkte in mehreren Mitgliedstaaten setzte eine umfangreiche Arbeitsmigration ein, insbesondere nach Großbritannien, Irland, Deutschland und in die Benelux-Staaten. Damit entstand eine neue, zahlenmäßig starke und hoch mobile Gruppe von Auslandspolen, deren Lebensrealität sich deutlich von der traditionellen Polonia in Übersee ebenso wie von den Minderheiten im Osten unterschied. Für den polnischen Staat gewann nun die praktische Organisation von Mobilität, sozialer Absicherung und politischer Partizipation im Ausland an Gewicht. Steigende Zahlen von Auslandswählern, der Ausbau konsularischer Dienstleistungen und neue Bildungs- und Informationsangebote spiegeln diesen Wandel wider.
Parallel dazu wurden rechtliche Instrumente entwickelt, die vor allem auf die polnischen Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa zielten. Das Repatriierungsgesetz im Jahr 2000 und insbesondere die Einführung der »Polenkarte« im Jahr 2007 institutionalisierten eine Politik, die historische Verantwortung, kulturelle Zugehörigkeit und migrationspolitische Steuerung miteinander verband. Diese Regelungen erweiterten klassische Kultur- und Minderheitenpolitik um rechtliche Privilegien und Mobilitätsperspektiven und machten Diasporapolitik zu einem Feld, das tief in Staatsangehörigkeits- und Migrationsrecht hineinreicht.
Seit Mitte der 2010er Jahre lässt sich eine weitere Verschiebung beobachten. Mit dem Regierungsantritt der Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) 2015 gewann die symbolische und politische Aufladung der Diasporapolitik an Bedeutung (allerdings wurde die Diasporapolitik bereits während der ersten, von der PiS geführten Regierung in den Jahren 2005–2007 in besonderer Weise politisch akzentuiert). Fragen nationaler Identität, historischer Erinnerung und staatlicher Souveränität rückten stärker in den Vordergrund; zugleich wurde die institutionelle Steuerung stärker zentralisiert. Die Polonia wurde vermehrt als politischer und gesellschaftlicher Akteur wahrgenommen, dessen Unterstützung – etwa bei Wahlen oder in internationalen Debatten – innen- und außenpolitisch relevant sein kann.
Die 2025 verabschiedete Regierungsstrategie der Kabinetts von Ministerpräsident Donald Tusk für die Zusammenarbeit mit der Polonia und den Polen im Ausland stellt vorläufig den Kulminationspunkt dieser Entwicklung dar. Erstmals wird Diasporapolitik offiziell und umfassend mit migrations-, arbeitsmarkt- und außenpolitischen Zielsetzungen verknüpft und als Bestandteil einer langfristigen staatlichen Gesamtstrategie formuliert. Damit lässt sich ein Entwicklungspfad nachzeichnen, der von der kulturellen Wiederannäherung nach 1989 über die rechtliche und institutionelle Verdichtung in den 2000er Jahren bis zur strategischen Rahmung im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts führt.
Institutionen und Zuständigkeiten
Die Politik des polnischen Staates gegenüber der Polonia und den Polen im Ausland ist seit 1989 schrittweise institutionalisiert worden. Charakteristisch ist ein institutionelles Gefüge aus parlamentarischen, exekutiven und nachgeordneten Akteuren, dessen Zuständigkeiten sich im Zeitverlauf mehrfach verschoben haben. Diese Veränderungen spiegeln funktionale Anpassungen, aber auch politische Prioritäten und Steuerungsansprüche wider.
Eine besondere Rolle kam von Beginn an dem Senat zu. Als Kammer, die sich nach 1989 symbolisch in der Tradition der Zweiten Republik sah, verstand sich der Senat früh als Schirmherr und zentraler Förderer der Polonia. Über seinen Ausschuss für Emigration und Kontakte zu Polen im Ausland sowie in enger Kooperation mit dem Verband »Polnische Gemeinschaft« (Stowarzyszenie »Wspólnota Polska«) entwickelte sich der Senat zu einem zentralen Förderer kultureller, bildungspolitischer und zivilgesellschaftlicher Aktivitäten im Ausland. Die Vergabe von Fördermitteln an Polonia-Organisationen, Schulen und Kulturinstitutionen lag lange Zeit maßgeblich beim Senat und orientierte sich an einer projektbezogenen Logik. Diese Verankerung im Parlament verlieh der Diasporapolitik Sichtbarkeit und Kontinuität, band sie jedoch zugleich an parteipolitische Mehrheiten und an eine nur begrenzt strategisch koordinierte Förderpraxis.
Parallel dazu gewann das Außenministerium seit den 2000er Jahren an Bedeutung. Mit der Einrichtung eines eigenen Referats und später einer eigenen Abteilung für die Zusammenarbeit mit der Polonia (2009; seit 2012: Departament Współpracy z Polonią i Polakami za Granicą) wurde Diasporapolitik stärker in die außenpolitische und konsularische Routine eingebettet. Das weltweite Konsularnetz beschränkte sich damit nicht mehr auf klassische konsularische Aufgaben, sondern wurde zu einem zentralen Instrument der Durchführung von Bildungs-, Kultur- und Fördermaßnahmen sowie der Organisation von Wahlen im Ausland. Damit verlagerte sich ein Teil der Steuerung von der parlamentarischen in die exekutive Sphäre – mit Auswirkungen auf die Professionalisierung, aber auch auf die politische Kontrolle.
Im Bildungsbereich spielt das dem Bildungsministerium unterstellte Zentrum für die Entwicklung der polnischen Bildung im Ausland (Ośrodek Rozwoju Polskiej Edukacji za Granicą – ORPEG) eine Schlüsselrolle. Es koordiniert polnische Schulen und ergänzende sog. Samstagsschulen (Wochenendunterricht in polnischer Sprache) im Ausland, entsendet Lehrkräfte, entwickelt Lehrmaterialien und organisiert Fortbildungen. Sprache und Bildung sind damit institutionell fest im staatlichen Verwaltungsgefüge verankert und bilden einen Kernbestandteil der langfristigen Identitäts- und Kulturpolitik gegenüber der Diaspora.
Seit Mitte der 2010er Jahre traten zudem Tendenzen einer stärkeren Zentralisierung in der Kanzlei des Ministerpräsidenten hinzu. Zeitweise wurden Förderprogramme und Koordinationsaufgaben aus dem Senat herausgelöst und der Regierung unmittelbar unterstellt. Diese Verschiebung war nicht nur administrativer Natur, sondern Ausdruck eines wachsenden politischen Steuerungsanspruchs: Diasporapolitik sollte enger mit Innen-, Geschichts- und Migrationspolitik verzahnt und stärker entlang der Prioritäten der jeweiligen Regierung ausgerichtet werden. Die Vergabe von Fördermitteln mit Hilfe zentraler Programme und von Wettbewerben eröffnete neue Möglichkeiten, thematische Schwerpunkte zu setzen und Akteurslandschaften zu strukturieren.
Die Finanzierungslogik blieb projektorientiert, wurde jedoch zunehmend in umfassendere Regierungsprogramme eingebettet. Mittel für Kultur, Bildung, Medien und zivilgesellschaftliche Aktivitäten werden überwiegend wettbewerblich vergeben, was Transparenz und Effizienz erhöhen soll, zugleich aber Abhängigkeiten schafft und den Einfluss politischer Prioritätensetzungen verstärkt. Wiederholt zeigte sich zudem, dass Koordinationsfragen zwischen Senat, Außenministerium, Fachministerien und der Kanzlei des Ministerpräsidenten konfliktträchtig sind und Defizite strategischer Abstimmung sichtbar machen.
Insgesamt lässt sich ein Spannungsverhältnis zwischen institutioneller Pluralität und politischer Zentralisierung beobachten. Einerseits stützt sich die polnische Diasporapolitik auf ein breites Netz von Akteuren, das Kontinuität und thematische Vielfalt gewährleistet. Andererseits haben insbesondere seit 2015 Versuche zugenommen, Zuständigkeiten zu bündeln und die Politik gegenüber der Polonia stärker in eine kohärente staatliche Gesamtstrategie einzubetten. Die 2025 verabschiedete Polonia-Strategie knüpft daran an und formuliert explizit den Anspruch, Koordination, Prioritätensetzung und Wirksamkeit über Ressort- und Institutionengrenzen hinweg zu verbessern.
Politikfelder der Diasporapolitik:
Kultur, Sprache, Bildung und Medien
Kultur-, Sprach- und Bildungspolitik bilden seit Beginn der 1990er Jahre den Kern der polnischen Diasporapolitik. Sie zielen darauf, nationale Zugehörigkeit über Generationen und Grenzen hinweg zu erhalten und die Polonia als Teil einer über territoriale und bisweilen staatsbürgerschaftliche Grenzen hinaus »vorgestellten Gemeinschaft« (Benedict Anderson) zu begreifen. In diesem Politikfeld verbinden sich klassische Minderheiten- und Kulturpolitik mit Elementen öffentlicher Diplomatie und zunehmend auch mit migrationspolitischen Zielsetzungen.
Eine zentrale Rolle kommt der polnischen Sprache zu. Sie gilt als wichtigster Träger nationaler Identität und als Voraussetzung kultureller Bindungen in der zweiten und dritten Generation. Der Staat unterstützt daher seit den 1990er Jahren systematisch den Polnischunterricht im Ausland – etwa durch die Förderung von »Samstagsschulen«, die Entsendung und Fortbildung von Lehrkräften sowie die Bereitstellung von Lehrmaterialien. Institutionell gebündelt sind diese Aktivitäten vor allem im ORPEG, der Bildungseinrichtungen koordiniert und als Schnittstelle zwischen Bildungsministerium, Konsulaten und lokalen Trägern fungiert. Angesichts wachsender sprachlicher Heterogenität – von muttersprachlichen Minderheiten im Osten bis zu Kindern polnischer Arbeitsmigranten in Westeuropa – hat sich der Fokus in Teilen von reiner Sprachpflege zu differenzierten didaktischen Angeboten und Zertifizierungsformaten verschoben.
Auch im schulischen und universitären Bereich ist der Staat präsent. Neben der Unterstützung allgemeinbildender Schulen im Ausland gehören dazu Stipendienprogramme, Sommerschulen und Studienangebote in Polen, die gezielt Jugendliche und Studierende polnischer Herkunft ansprechen. Diese Maßnahmen dienen nicht nur der kulturellen Bindung, sondern zunehmend auch der Anbahnung von Mobilität und Rückkehr, wie es die Strategie 2025–2030 ausdrücklich betont.
Ein weiteres zentrales Feld ist die Medienpolitik. Mit dem Fernsehsender TVP Polonia und Angeboten des Auslandsrundfunks verfügt Polen über staatlich unterstützte Medien, die sich explizit an die Diaspora richten. Sie vermitteln Informationen über Politik und Gesellschaft, tragen zur kulturellen Reproduktion bei und schaffen eine symbolische Öffentlichkeit, in der die Polonia als Teil der nationalen Gemeinschaft sichtbar wird. Seit Mitte der 2010er Jahre hat sich die Rolle dieser Medien stärker politisiert: Neben kulturellen Inhalten treten vermehrt aktuelle politische Formate und Narrative auf, was die Bedeutung der Diasporamedien als Kanal staatlicher Kommunikation und öffentlicher Diplomatie unterstreicht.
Ergänzt werden diese Infrastrukturen durch eine ausgeprägte Symbolpolitik. Der jährlich am 2. Mai begangene »Tag der Polonia und der Polen im Ausland« (Dzień Polonii i Polaków za Granicą), staatlich unterstützte Kongresse und Treffen von Diasporaorganisationen sowie die Präsenz hochrangiger Repräsentanten bei Jubiläen und Gedenkveranstaltungen dienen der rituellen Einbindung der Auslandspolen in den nationalen Erinnerungs- und Festkalender. Solche Formate bekräftigen die Vorstellung einer »globalen Nation«, in der territoriale und mitunter auch staatsbürgerschaftliche Distanz Zugehörigkeit nicht aufhebt, sondern jene symbolisch überbrückt wird.
Im Zeitverlauf lässt sich eine Verschiebung von einer primär kultur- und minderheitenpolitischen Logik hin zu einer stärker strategischen Rahmung beobachten. Während in den 1990er und 2000er Jahren der Erhalt von Sprache und kultureller Infrastruktur im Vordergrund stand, werden diese Politikfelder heute stärker mit außenpolitischen und demographischen Zielsetzungen verknüpft. Die Strategie 2025–2030 hebt zudem digitale Bildungsangebote, internationale Netzwerke und die gezielte Ansprache jüngerer Generationen hervor und versteht Kultur- und Medienpolitik ausdrücklich als Teil öffentlicher Diplomatie.
Rechtliche Instrumente: Repatriierung und Karta Polaka
Ein zentrales Element der polnischen Diasporapolitik seit 1989 bilden rechtliche Sonderinstrumente, mit denen nationale Zugehörigkeit jenseits von Staatsbürgerschaft und Wohnsitz formalisiert wird. Besonders hervorzuheben sind hierbei das Repatriierungsgesetz aus dem Jahr 2000 und das 2007 verabschiedete Gesetz über die Karta Polaka. Beide Regelungen richten sich primär an Personen polnischer Herkunft in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und verknüpfen historisch begründete Verantwortung gegenüber durch Grenzverschiebungen entstandenen Minderheiten mit migrations- und integrationspolitischen Zielen.
Das Repatriierungsgesetz entstand vor dem Hintergrund der schwierigen sozialen und rechtlichen Lage polnischer Minderheiten in den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, insbesondere in Kasachstan, deren Präsenz auf Deportationen vor und während des Zweiten Weltkriegs zurückgeht. Es eröffnete diesen Gruppen die Möglichkeit zur dauerhaften Rückkehr nach Polen und sah staatliche Unterstützung bei der Ansiedlung, Wohnraumversorgung und Integration vor. Repatriierung wurde damit als Akt historischer Wiedergutmachung und als Bestandteil einer moralisch begründeten Schutzverantwortung verstanden.
Mit der Einführung der Karta Polaka wurde dieser Ansatz erheblich erweitert. Anders als das Repatriierungsgesetz zielt sie im Kern nicht unmittelbar auf dauerhafte Rückkehr, sondern auf institutionelle Anerkennung ethnonationaler Zugehörigkeit. Die Karte kann von Personen beantragt werden, die keine polnische Staatsbürgerschaft besitzen, aber polnische Herkunft, Sprachkenntnisse und kulturelle Bindung nachweisen. Sie verleiht ein Bündel von Rechten und Vergünstigungen, darunter erleichterte Visa- und Aufenthaltsregelungen, Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Bildungseinrichtungen sowie finanzielle Unterstützung für Studium und Kulturaktivitäten. Zugleich fungiert sie als privilegierter Zugangspfad zur späteren Einbürgerung.
Politisch markiert die Karta Polaka eine doppelte Zielsetzung. Einerseits ist sie Ausdruck einer Schutzmachtpolitik gegenüber polnischen Gemeinschaften in Litauen, Belarus, der Ukraine und anderen Staaten Ostmittel- und Osteuropas. Sie stärkt deren kulturelle und institutionelle Anbindung an den polnischen Staat und signalisiert fortdauernde Verantwortung für Gruppen, deren Zugehörigkeit infolge historischer Grenzverschiebungen problematisiert wurde. Andererseits erfüllt sie zunehmend migrationspolitische Funktionen: Die erleichterte Mobilität und Integration in den polnischen Arbeits- und Bildungsmarkt macht die Karta Polaka zu einem Instrument, mit dem Polen gezielt Personen polnischer Herkunft als potenzielle Zuwanderer anspricht.
Diese Verschränkung wird in der Strategie 2025–2030 ausdrücklich aufgegriffen. Dort wird die Karta Polaka nicht nur als kulturpolitisches Symbol, sondern als Bestandteil einer breiteren Mobilitäts- und Rückkehrpolitik verstanden. Im Kontext demographischen Wandels und wachsender Arbeitskräfteknappheit soll sie dazu beitragen, Personen mit Herkunftsbezug für Studium, Qualifikation und Erwerbstätigkeit in Polen zu gewinnen und langfristig zu binden; zugleich bleibt die Förderung von Sprache, Bildung und kultureller Infrastruktur in den Herkunftsregionen ein Kernziel.
Rechtlich und politisch markieren Repatriierung und Karta Polaka damit eine Verschiebung des Zugehörigkeitsverständnisses. Nationale Bindung wird nicht mehr ausschließlich über Staatsbürgerschaft und Territorialität definiert, sondern stärker über Herkunft, Sprache und kulturelle Sozialisation. Diese Öffnung schafft neue Inklusionsmöglichkeiten, wirft aber auch Abgrenzungsfragen auf: Wer gilt als Teil der Nation, welche Kriterien sind ausschlaggebend und wie werden ethnonationale Privilegien gegenüber universalen Bürgerrechten legitimiert? In der Praxis bewegen sich die Sonderregelungen im Spannungsfeld historischer Verantwortung, europarechtlicher Rahmenbedingungen und innenpolitischer Debatten über Migration und Integration.
Politische Partizipation: Wahlrecht und Auslandsstimmen
Die Einbindung im Ausland lebender polnischer Staatsbürger in den politischen Prozess ist seit 1989 ein fester Bestandteil der demokratischen Ordnung der Dritten Republik. Polnische Staatsangehörige mit Wohnsitz im Ausland besitzen bei Präsidentschafts-, Parlaments- und Europawahlen das aktive Wahlrecht und können ihre Stimme in eigens eingerichteten Auslandswahlbezirken abgeben.
Gleichzeitig ist die politische Bedeutung der Auslandsstimmen durch institutionelle Regelungen begrenzt. Bei den Wahlen zum Sejm werden die im Ausland abgegebenen Stimmen seit 1991 dem Wahlkreis Nr. 19 (Warszawa I) zugerechnet; die Zahl der dort zu vergebenden Mandate richtet sich jedoch ausschließlich nach der Einwohnerzahl im Inland. Für die Senatswahlen gilt ein ähnliches Prinzip: Die Stimmen aus dem Ausland werden einem Warschauer Wahlbezirk zugeschlagen, in dem – wie in allen anderen Bezirken – nur ein Mandat vergeben wird. Formal ist die Polonia damit Teil der nationalen Wählerschaft, ohne dass die sich verändernde zahlenmäßige Stärke in der Sitzverteilung eigenständig abgebildet würde.
Die Zahl der im Ausland abgegebenen Stimmen ist seit den 1990er Jahren deutlich gestiegen. Während in den frühen Jahren der Transformation nur wenige zehntausend Personen an Wahlen teilnahmen, wurden bei den Parlamentswahlen 2019 bereits über 300.000 Stimmen im Ausland abgegeben; 2023 erreichte die Zahl der abgegebenen Stimmen sogar ca. 570.000. Die größten Wählergruppen finden sich in den klassischen Aufnahmeländern der jüngeren Migration, insbesondere im Vereinigten Königreich, in Deutschland, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Belgien, Spanien und den USA.
Trotz dieses Wachstums bleibt der Einfluss der Auslandsstimmen auf das Gesamtergebnis der Parlamentswahlen begrenzt. Ihr Anteil an allen abgegebenen Stimmen liegt in der Regel bei rund ein bis zwei Prozent und ist damit kaum wahlentscheidend auf nationaler Ebene. Politische Relevanz entfalten sie vor allem auf der Ebene einzelner Wahlkreise. Im Sejm-Wahlkreis Warszawa I machten die Stimmen aus dem Ausland in den vergangenen Wahlgängen teils mehr als ein Fünftel der gültigen Stimmen aus und konnten damit über den Einzug einzelner Kandidaten entscheiden. Bei den Senatswahlen ist ihr relatives Gewicht in dem betroffenen Warschauer Bezirk noch größer und erreichte zeitweise Anteile von über 40 Prozent.
Diese Konstruktion hat wiederholt Debatten über die Gleichwertigkeit von Wahlstimmen und Repräsentation ausgelöst. Kritiker verweisen darauf, dass Millionen wahlberechtigter Staatsbürger faktisch keinen proportionalen Einfluss auf die Zusammensetzung des Parlaments haben, da ihre Stimmen zwar gezählt, bei der Mandatsverteilung aber nicht als eigene Wählerbasis berücksichtigt werden. Forderungen nach einem eigenen Auslandswahlkreis oder nach Anpassungen der Mandatsberechnung wurden bislang nicht aufgegriffen. Befürworter des bestehenden Systems argumentieren hingegen, dass eine gesonderte Repräsentation der Polonia das Prinzip der territorialen Wahlkreise unterlaufen und politische Verantwortung gegenüber der im Inland lebenden Bevölkerung verzerren würde.
Unabhängig davon besitzt die Polonia eine wachsende symbolische und politische Bedeutung. Wahlkämpfe richten sich stärker als früher auch an Auslandspolen; Spitzenpolitiker werben bei Auslandsbesuchen um Unterstützung. Die Organisation der Stimmabgabe wird damit zum Indikator demokratischer Inklusion der »globalen Nation« – auch wenn die institutionelle Ausgestaltung den realen Einfluss der Polonia auf die Machtverteilung begrenzt. Vor diesem Hintergrund erhalten strategische Dokumente, die Anspruch auf Koordination und Prioritätensetzung erheben, zusätzliches Gewicht.
Strategiewandel: Das Regierungsprogramm 2015–2020 und die Regierungsstrategie 2025–2030 im Vergleich
Mit dem Regierungsprogramm für die Jahre 2015–2020 und der im April 2025 verabschiedeten Strategie für den Zeitraum 2025–2030 liegen zwei zentrale Referenzdokumente vor, die den Anspruch des polnischen Staates markieren, seine Politik gegenüber der Polonia und den Polen im Ausland strategisch zu bündeln. Beide Papiere knüpfen an seit den 1990er Jahren etablierte Zielsetzungen an, unterscheiden sich jedoch in Problemdeutung, Prioritätensetzung und Steuerungsanspruch.
Zielhierarchien und Problemdeutung
Das Programm 2015–2020 ordnete die Diasporapolitik primär der Pflege von Sprache, Kultur und nationaler Identität zu. Im Mittelpunkt standen Bildungsangebote, die Unterstützung polnischsprachiger Medien, die Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie der Schutz polnischer Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa. Diese Ausrichtung reflektierte eine klassische Logik der kulturellen Nationenbildung und der historischen Verantwortung gegenüber durch Grenzverschiebungen entstandenen Minderheiten. Die Strategie 2025–2030 kennzeichnet eine Akzentverschiebung, ohne diese Ziele aufzugeben. Sie definiert die Zusammenarbeit mit der Polonia ausdrücklich als Bestandteil der Außenpolitik und verbindet Identitäts- und Kulturpolitik mit wirtschafts-, migrations- und arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen. Die Diaspora wird als »globale Ressource« und als Netzwerk verstanden, das zur öffentlichen und wirtschaftlichen Diplomatie sowie zur Bewältigung demographischer und arbeitsmarktlicher Engpässe beitragen soll. Entsprechend treten Rückkehr, Mobilität und Kompetenzgewinnung stärker in den Vordergrund.
Adressatengruppen
Beide Dokumente unterscheiden zwischen Teilgruppen der Diaspora. Das Programm 2015–2020 legte den Schwerpunkt auf die Polonia in klassischen Aufnahmeländern ebenso wie Minderheiten im östlichen Europa und verstand letztere vor allem unter dem Gesichtspunkt von Minderheitenrechten, Bildungsinfrastruktur und kultureller Kontinuität. Die Strategie 2025–2030 erweitert diese Perspektive um eine stärkere Fokussierung auf die post-2004-Migration innerhalb der EU sowie auf zweite und dritte Generationen, für die Polnisch zunehmend eine Fremdsprache ist. Auffällig ist zudem eine liberalere Definition von Zugehörigkeit: Auch Personen ohne aktive Sprachkompetenz oder Staatsbürgerschaft, aber mit Herkunftsbezug und Interesse an Polen, werden als Teil einer breiter gefassten Diaspora adressiert.
Instrumente
In der Instrumentenpalette zeigen sich deutliche Kontinuitäten: Sprach- und Bildungsförderung, Unterstützung von Medien und Organisationen, symbolische Anerkennung sowie rechtliche Sonderregelungen bilden in beiden Dokumenten den Kern. Neu ist jedoch die stärkere Verknüpfung dieser Instrumente mit migrations- und arbeitsmarktpolitischen Zielen. Die Strategie 2025–2030 integriert die Diasporapolitik explizit in die Migrationsstrategie des Staates und kündigt Anpassungen u. a. im Staatsangehörigkeits-, Repatriierungs- und Karta Polaka-Recht an. Rückkehrprogramme, die gezielte Ansprache von Studierenden und Fachkräften sowie Maßnahmen zur Anerkennung von Qualifikationen und zur sozialen Absicherung werden systematischer als zuvor als Bestandteil der Polonia-Politik definiert.
Institutionelle Steuerung und Governance
Beide Dokumente erkennen die besondere Rolle des Senats als historisch gewachsenen Akteur an. Das Programm 2015–2020 operierte in einer Phase, in der Zuständigkeiten zwischen Senat, Außenministerium und – zeitweise – der Kanzlei des Ministerpräsidenten verteilt waren. Die Strategie 2025–2030 formuliert demgegenüber einen klareren Koordinationsanspruch des Außenministeriums und strebt eine stärkere Verzahnung der beteiligten Ressorts an. Damit wird Diasporapolitik weniger als sektorales Förderfeld, sondern als querschnittliche Staatsaufgabe konzipiert.
Diskurs und Selbstverständnis
Schließlich unterscheiden sich die Dokumente in der diskursiven Rahmung. Das Programm 2015–2020 betonte vor allem die Rolle des Staates als kultureller Bezugspunkt und Schutzmacht, insbesondere für die polnischen Minderheiten im Osten. Die Strategie 2025–2030 ergänzt dieses Selbstverständnis um das Bild einer partnerschaftlichen Beziehung zu einer global vernetzten Gemeinschaft, die zugleich Träger polnischer Identität und Akteur in den Gesellschaften der Aufnahmeländer sein soll. Begriffe wie »Netzwerk« (sieć), »Partner« (partnerstwo) und »Ressource« (zasób ludzki) verweisen auf eine stärker funktionale Sicht auf die Diaspora, die über reine Kulturpflege hinausgeht.
Insgesamt zeigen beide Dokumente Kontinuität in grundlegenden Zielen – Identitätsbindung, Sprachförderung, institutionelle Unterstützung und besondere Verantwortung gegenüber Minderheiten. Die Strategie 2025–2030 markiert jedoch eine Prioritätenverschiebung hin zu Rückkehr, Mobilität und strategischer Nutzung der Diaspora in der Außen-, Wirtschafts- und Migrationspolitik sowie einen höheren Anspruch an Koordination und Wirksamkeit staatlichen Handelns.
Fazit: Diasporapolitik als grenzüberschreitende Nationenbildung und strategisches Politikfeld
Die Politik des polnischen Staates gegenüber der Polonia und den Polen im Ausland hat sich seit 1989 von einem primär kultur- und minderheitenpolitischen Aufgabenbereich zu einem eigenständigen, strategisch gerahmten Politikfeld entwickelt. Sie verbindet heute Identitäts- und Erinnerungspolitik, rechtliche Sonderinstrumente, migrations- und arbeitsmarktpolitische Zielsetzungen sowie Formen politischer Partizipation zu einem komplexen Ensemble staatlicher Steuerung jenseits des Territoriums.
Charakteristisch ist die gleichzeitige Ausrichtung auf unterschiedliche Adressatengruppen. Einerseits richtet sich die Politik an Auswanderungsgemeinschaften und deren Nachkommen, andererseits nimmt sie polnische Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa in den Blick. Instrumente wie Repatriierung und Karta Polaka fungieren als Scharnier zwischen beiden Logiken und zeigen, wie Zugehörigkeit rechtlich und institutionell jenseits von Staatsbürgerschaft und Wohnsitz organisiert wird.
Die institutionelle Architektur – mit Senat, Außenministerium, nachgeordneten Bildungseinrichtungen und zeitweise der Kanzlei des Ministerpräsidenten – spiegelt diese Mehrdimensionalität wider. Zugleich verweisen die seit 2015 zu beobachtenden Zentralisierungs- und Koordinierungsbestrebungen auf einen wachsenden Anspruch politischer Steuerung. Die 2025 verabschiedete Polonia-Strategie bündelt diese Entwicklungen und markiert den Versuch, kulturelle, rechtliche und migrationspolitische Maßnahmen in eine kohärente Gesamtstrategie einzubetten. Neu ist dabei vor allem die stärkere funktionale Rahmung der Diaspora als Ressource in Außenpolitik, öffentlicher Diplomatie und Arbeitsmarktpolitik, ohne dass die klassischen Ziele der Identitäts- und Minderheitenpolitik aufgegeben würden.
Insgesamt erweist sich die polnische Diasporapolitik als prägnantes Beispiel zeitgenössischer staatlicher Diasporapolitik in Europa. Sie zeigt, wie Staaten nationale Zugehörigkeit über Grenzen hinweg organisieren und dabei symbolische Inklusion, rechtliche Privilegierung und selektive Mobilisierung miteinander verbinden. Zugleich treten Spannungen zutage: zwischen kultureller Anerkennung und politischer Gleichstellung, zwischen historischer Verantwortung und strategischer Interessenpolitik sowie zwischen grenzüberschreitender Öffnung und weiterhin territorial geprägten Institutionen der Repräsentation.
Vor dem Hintergrund demographischen Wandels, anhaltender Migration und der sicherheitspolitischen Zäsur durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine dürfte die Bedeutung der Polonia für Polens Außen-, Gesellschafts- und Migrationspolitik weiter zunehmen. Die Frage, inwieweit es gelingt, die verschiedenen Zielsetzungen – Identitätsbindung, Minderheitenschutz, Rückkehrförderung und politische Partizipation – in ein konsistentes Konzept zu integrieren, wird damit zu einer zentralen Herausforderung der kommenden Jahre.