Die Regierungsstrategie für die Zusammenarbeit mit der Polonia und den Polen im Ausland 2025–2030

[…]

Prioritäten der Polonia-Politik der Regierung
  • Die Vermittlung der polnischen Sprache

Die polnische Sprache ist für die Mehrheit der Angehörigen der polnischen Community in der Welt nicht mehr die Muttersprache. Das betrifft insbesondere die Emigranten der zweiten und folgenden Generationen. Gleichzeitig jedoch bedeutet die schwächer werdende Bindung an die Sprache nicht automatisch, dass die Beziehungen zum Land der Vorfahren abreißen. Im Gegenteil, das Interesse, die polnische Sprache zu erlernen, wächst weltweit (und im Übrigen nicht nur in den Kreisen der Polonia). Eine Herausforderung bleibt es, das Unterrichtssystem der Polonia und insbesondere seinen zentralen Bestandteil, die Vermittlung der polnischen Sprache, so zu gestalten, dass es nicht mehr als altmodisch wahrgenommen wird, sondern junge Menschen animiert, in Kontakt mit der Sprache kommen zu wollen. Das gilt insbesondere für den Fall, wenn sich Personen zwar der polnischen Sprache bedienen, aber auf einem Niveau, das eine flüssige Kommunikation und geschäftliche Aktivitäten oder Initiativen im Bereich der Bildung nicht ermöglicht. Das Unterrichtssystem der Polonia sollte auch Personen polnischer Herkunft die Möglichkeit geben, Polnisch zu lernen, die sich als nachfolgende Generationen entscheiden, den Kontakt zur Sprache der Vorfahren wiederaufzunehmen, und für die das Erlernen der polnischen Sprache ein Impuls für ihre Mobilität werden könnte, d. h. für eine mögliche Entscheidung nach Polen zu emigrieren bzw. zurückzukehren. Unter anderem aus diesem Grund ist es wichtig, die Rolle der polnischen Lehrer, die in den lokalen Polonia-Gemeinschaften tätig sind, in den Blick zu nehmen und ihre Kompetenzen sowie auch den Zugang zu ständiger Weiterbildung auszubauen. […]

  • Die Rückkehrpolitik

Betrachtet man den Erfolg der polnischen Wirtschaft, aber auch die demographischen Indizes, sollte die polnische Gemeinschaft in der Welt als attraktive Humanressource wahrgenommen werden, die erlauben würde, den Fachkräftemangel am polnischen Arbeitsmarkt auszugleichen. Dabei handelt es sich um Personen, die seltene Erfahrungen besitzen, unter anderem im Bereich der Arbeitsorganisation, was ein wertvoller Modernisierungsimpuls für Polen sein kann. Junge, im Ausland lebende Polen sowie Personen polnischer Herkunft, die im Ausland einen Schulabschluss erworben haben, der sie für ein Hochschulstudium qualifiziert, interessieren sich zunehmend dafür, ihre berufliche Zukunft mit Polen zu verbinden. Die erste Etappe wäre, ein Studium (in polnischer oder englischer Sprache) aufzunehmen. Diese für die polnischen Hochschulen attraktive Zielgruppe wurde im Zusammenhang mit den breit angelegten Aktivitäten zur Internationalisierung der polnischen Wissenschaft bisher nicht ausreichend unterstützt. […] Ein Rückkehrangebot für berufstätige Personen wiederum muss stärker profiliert werden und die speziell zugeschnittenen Programme berücksichtigen, die im Austausch mit einzelnen Berufsgruppen oder Branchen entwickelt werden. […]

  • Zivilgesellschaftliche und patriotische Bildung, Identitätsbildung

Die Polonia-Gemeinschaften, die einerseits immer noch eine starke Bindung an Polen haben, die andererseits aber auch gut in dem Land, in dem sie aktuell leben, integriert sind und sich dort engagieren, sind die besten Fürsprecher polnischer Interessen. Die Entwicklung einer zivilgesellschaftlicher Haltung sowie die Förderung des Engagements für Angelegenheiten des öffentlichen und politischen Lebens im Aufenthaltsland erlauben langfristig, ein globales Netzwerk lokaler Führungsakteure zu knüpfen, die gleichermaßen mit ihrem Herkunftsland verbunden sind, sich aber auch der polnischen Perspektive sowie der polnischen politischen Prioritäten bewusst sind. […]

  • Die Finanzierung der Aktivitäten der Polonia

Viele Länder, insbesondere die europäischen, gewähren zivilgesellschaftlichen Organisationen Zugang zu finanziellen Mitteln und Fonds zur Durchführung ihrer programmatischen Tätigkeit. Für diese Mittel bewerben sich die Organisationen und Verbände der Polonia nur sporadisch, obwohl sie die formalen Voraussetzungen, die sie für diese Form der Unterstützung qualifizieren, erfüllen. Es gibt verschiedene Ursachen für diese Situation (fehlendes Wissen, Mangel an Kreativität und Initiative, übermäßige Abhängigkeit von polnischen Haushaltsmitteln), und häufig ergeben sich daraus negative Konsequenzen für die Wahrnehmung und die Rolle der Polonia. Die auslandspolnischen Milieus sollten daher mobilisiert sowie bei der Suche nach lokalen Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Aktivitäten, nach nutzbaren lokalen Partnerschaften und Instrumenten des privaten Sponsoring wie auch bei der Förderung des Ehrenamtes unterstützt werden. Die polnischen Haushaltsmittel sollten als Ergänzung zu den o. g. genannten Finanzierungsquellen gewichtet werden. Länder, in denen eine autoritäre Regierung herrscht (Russland, Belarus), und Länder, die sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden, u. a. infolge eines bewaffneten Konflikts (Ukraine), werden weiter individuell betrachtet. […]

  • Aktivitäten zur Pflege der Identität und der Bindungen an das Herkunftsland sowie zur Bewahrung des kulturellen Erbes

Die Organisationen der Polonia und der Emigration spielen eine wesentliche Rolle bei der Bewahrung des kulturellen Erbes im Ausland, indem sie in den lokalen auslandspolnischen Gemeinschaften die polnischen Traditionen und Bräuche pflegen und damit den Zugang zur polnischen Kultur sicherstellen. Dazu gehört auch die Aufrechterhaltung einer entsprechenden Infrastruktur sowie die Pflege der materiellen Objekte des polnischen kulturellen Erbes im Ausland und der polnischen Gedenkorte. […]

  • Soziale und humanitäre Unterstützung

Die natürlichen demographischen Entwicklungen einerseits und die sich andererseits verstärkenden sozialen Probleme verursachen, dass Projekte mit humanitärer Zielsetzung für die Auslandspolen an Bedeutung gewinnen müssen. Die demographischen Entwicklungen, aber auch politische Konflikte und Herausforderungen beeinflussen den fundamentalen Strukturwandel in der polnischen Diaspora im Osten. Diese alternde Gruppe hat häufig keinen Zugang zu einer gesundheitlichen Grundversorgung, Medikamenten, Rehamaßnahmen oder anderen medizinischen Leistungen. Der Abfluss der mobilsten jungen Menschen bewirkt zusätzlich die Vereinsamung und eine faktische Ausgrenzung der älteren Menschen, die häufig auf dem Land leben, wo medizinische Dienstleistungen oder andere Formen der Unterstützung weniger zugänglich sind.

Gleichzeitig beginnt in manchen Ländern Westeuropas (Metropolen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, den Beneluxländern oder Italien) das Problem der Obdachlosigkeit und der Ausgrenzung polnischer Staatsangehöriger zuzunehmen. Häufig ist es eine Folge beruflicher Misserfolge in der Emigration, was wiederum mit der Einstellung einhergeht, nicht nach Polen zurückzukehren. […]

  • Die Verbreitung von touristischen Angeboten in der Polonia und unter den Polen im Ausland mit dem Ziel, für mehr touristische Reisen nach Polen zu werben

Die Polonia und die Polen im Ausland sind die natürlichen Botschafter Polens. Sie können Informationen über die touristische Attraktivität Polens und über Reisemöglichkeiten nach und in Polen vermitteln. […]

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Quelle: Ministerstwo Spraw Zagranicznych [Das Außenministerium]: Rządowa strategia współpracy z Polonią i Polakami za granicą na lata 2025-2030 [Die Regierungsstrategie für die Zusammenarbeit mit der Polonia und den Polen im Ausland 2025–2030]. https://www.gov.pl/attachment/819354c9-df0c-4f35-8c4a-e15766333dd8 (abgerufen am 30.01.2026).

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Analyse

Zum Minderheitenstatus der polnischsprachigen Migranten in Deutschland

Von Andrzej Kaluza
Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag von 1991 sichert Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen und Angehörigen der Gruppe deutscher Staatsbürger mit polnischer Abstammung oder Bekenntnis zur polnischen Sprache, Kultur oder Tradition vergleichbare Rechte zu. Die etwa 300.000 polnischen Staatsbürger, die sich als Deutsche verstehen, werden nicht nur durch den bilateralen Vertrag, sondern auch durch den polnischen Gesetzgeber als Minderheit anerkannt und genießen dadurch bestimmte Förderrechte (Bildung, Kultur, Medien) von Seiten des Staates. Dagegen hat die polnischsprachige Gruppe in Deutschland formalrechtlich nicht den Status einer nationalen Minderheit, da sie nicht zu den traditionellen in Deutschland ansässigen Minderheiten zählt, sondern aus Migranten besteht. Vertreter der »Polonia«-Organisationen in Deutschland streben diesen Status dennoch an. Der Autor weist darauf hin, dass sowohl die historischen Argumente wie auch die Ausdifferenzierung der Selbstidentifikation der Angehörigen der polnischen Gruppe in Deutschland den Status einer nationalen Minderheit nicht begründen können, gleichwohl aus dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag einzulösende Verpflichtungen (z. (…)
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Analyse

Die Politik des polnischen Staates gegenüber seiner Diaspora

Von Bastian Sendhardt
Polen hat seine Politik gegenüber der Polonia und den Polen im Ausland seit 1989 schrittweise ausgebaut und zu einem eigenständigen Politikfeld verdichtet. Sie richtet sich an heterogene Zielgruppen – von Auswanderungsgemeinschaften in Westeuropa und Übersee bis zu polnischen Minderheiten in Ostmittel- und Osteuropa – und verbindet Identitäts- und Sprachpolitik, Minderheitenschutz, rechtliche Sonderinstrumente (Repatriierung, Karta Polaka) sowie politische Partizipation. Institutionell prägen Senat und Außenministerium, flankiert von nachgeordneten Einrichtungen, dieses Feld; seit Mitte der 2010er Jahre sind zudem Zentralisierungs- und Koordinierungsbestrebungen erkennbar. Mit der Regierungsstrategie 2025– 2030 wird die Diasporapolitik stärker als zuvor mit außen-, migrations- und arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen verknüpft und die Polonia explizit als Ressource und Partner in einer grenzübergreifend gedachten »globalen Nation« adressiert.
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