Über das Verhältnis Polen – USA: Information des Außenministers Radosław Sikorski über die Aufgaben der polnischen Außenpolitik 2026

Warschau, 26.02.2026

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Leider haben sich die Beziehungen zwischen den USA und Europa verschlechtert. Das ist für Polen eine besondere Herausforderung. Das Bündnis und unsere engen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten waren seit Jahrzehnten eine Säule unserer Außenpolitik, unabhängig davon, wer im Weißen Haus saß, welche Partei die Mehrheit im Kongress stellte und wer in Polen regierte. Aber nicht Europa ist derjenige, der territoriale Forderungen stellt, willkürliche Zölle erhebt und in den Parteienwettbewerb auf der anderen Seite des Atlantiks eingreift.

Unserer Gesellschaft fehlt es in dieser Angelegenheit aktuell an Orientierung. Als Ende Januar ein Meinungsforschungsinstitut die Polen fragte, ob die Vereinigten Staaten ein glaubwürdiger Bündnispartner seien, antworteten 54 Prozent mit Nein. Gegenteiliger Meinung waren nur 35 Prozent.

Sind das begründete Ängste? Ich werde im weiteren Verlauf meiner Ausführungen darauf zurückkommen. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, dass keine demokratische Regierung so schwerwiegende Stimmungen in der Gesellschaft ignorieren kann.

Die Zweifel an dem Gewicht, das unsere Beziehung zu den USA hat, sind beunruhigend, denn […] die Sicherheit Polens wird von zwei Organisationen gestärkt, deren Musterschüler wir sind: der Europäischen Union und vor allem der NATO. Jede spielt ihre eigene Rolle; sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich gegenseitig.

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Wir investieren in unsere Sicherheit, und ein großer Teil dieser Investitionen soll der Intensivierung der polnisch-amerikanischen Beziehungen dienen. Im Rahmen von 128 Verträgen geben wir 63 Milliarden US-Dollar für den Kauf amerikanischer Waffen und Militärtechnologie aus. Damit schaffen wir in 15 US-Bundesstaaten Arbeitsplätze – von Kalifornien, Texas und Florida bis nach Illinois, Ohio und New York.

Sollte – was wir annehmen – das Vorgehen Putins im weiteren Verlauf Europa und die Welt destabilisieren, ist Polen bereit, die Rolle des regionalen Zentrums für die Streitkräfte der USA auszuüben. Das heißt, in Polen militärische Stützpunkte, Missionen und Übungen beherbergen und militärisches Gerät mit Schlüsselbedeutung für die NATO-Ostflanke unterhalten. Beide Partner haben davon Vorteile. Das sieht auch die gegenwärtige Regierung in Washington. Präsident Trump hat gegenüber Präsident Nawrocki erklärt, die Zahl der amerikanischen Streitkräfte in Polen bleibe erhalten und es bestehe sogar die Möglichkeit, sie zu erhöhen. Bei jedem Treffen erinnere auch ich die amerikanischen Partner daran, dass es kostengünstiger ist, ihre Streitkräfte in Polen zu unterhalten als in den USA.

Wir haben etwas gemeinsam zu verteidigen. Polen ist einer der größten Abnehmer amerikanischen Flüssiggases in diesem Teil Europas. Der LNG-Terminal in Swinemünde (Świnoujście) wurde von der vorigen PO-PSL-Regierung gebaut […]. 2025 kamen dort 81 Flüssiggastransporte mit einem Gesamtvolumen von sechs Millionen Tonnen an, teilweise aus Katar, aber vor allem aus den USA. Der aktuell gebaute Terminal in der Danziger Bucht (Zatoka Gdańska) wird für die Aufnahme von mehr als vier Millionen Tonnen LNG jährlich eingerichtet.

Es gibt noch viel mehr Beispiele für unsere Zusammenarbeit. Das erste polnische Kernkraftwerk wird mit der Technologie des amerikanischen Unternehmens Westinghouse gebaut, das mit dem Bau- und Anlageunternehmen Bechtel kooperiert.

Die Investition von mehr als 50 Milliarden US-Dollar ist ein weiterer Ausdruck des Vertrauens in unsere Partner, denn sie bedeutet, dass wir uns für viele Jahrzehnte an die amerikanische Technologie binden.

In diesem Jahr begehen die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung. Die Polen haben ein schönes Kapitel in dieser Geschichte geschrieben, da sie von Anfang an den amerikanischen Kampf für die Unabhängigkeit unterstützt haben. In den USA zeugen davon zahlreiche Orte, Straßen und Brücken, die zu Ehren der polnisch-amerikanischen Helden Tadeusz Kościuszko und Kazimierz Pułaski benannt wurden. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, Thomas Jefferson, nannte Ersteren den »reinsten Sohn der Freiheit«. Vor wenigen Wochen, am 4. Februar, erinnerten wir daran bei einer Gedenkfeier zum 280. Geburtstag von General Kościuszko in der Residenz der polnischen Botschaft in Washington.

Heute stehen die USA vor neuen Herausforderungen. Die Prioritäten der aktuellen US-Administration sind der Schutz des eigenen Territoriums, die westliche Halbkugel sowie die Region des Indopazifik. Europa geriet in den Hintergrund, und Russland wird als vor allem regionale Bedrohung und potentieller Partner eines wirtschaftlichen Reset wahrgenommen. Das lesen wir in amerikanischen Strategiepapieren und hören wir in Gesprächen.

Amerika verändert sich. Wir können entweder die Fakten wahrnehmen und uns entsprechend vorbereiten oder Augen und Ohren verschließen. Ich schätze die Offenheit und Direktheit der aktuellen US-Administration wert. Ich stimme zu, dass Westeuropa die Friedensdividende zu lange einseitig ausgenutzt hat. Ich stimme zu, dass ganz Europa eine größere Verantwortung für seine Sicherheit tragen sollte. Ich stimme zu, dass wir als bevölkerungsreicher und wohlhabender Kontinent dazu imstande sind. Umso mehr, als Europa keine solche Armee wie die amerikanische braucht. Für uns sind Streitkräfte ausreichend, die Putin abschrecken.

Auf die Veränderungen in den USA schauen wir mit Verständnis, aber auch Sorge. Wir erinnern uns an die Geschichte der Unterstützung für Polen von Präsidenten wie Woodrow Wilson oder Ronald Reagan, als wir in unterschiedlichen Kontexten für Unabhängigkeit kämpften. Aber wir erinnern uns auch an Jalta. Nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland wollte Präsident Franklin Roosevelt Stalins Hilfe im Kampf gegen Japan bekommen. Er bekam sie, aber auf Kosten der Freiheit unseres Teils Europas. Das amerikanische Nationalinteresse wurde realisiert, den Preis zahlten wir.

Ich gebe das denen zu bedenken, die wollen, dass internationale Beziehungen ausschließlich auf dem rücksichtslosen Kampf für eng gefasste Interessen gründen. Es sind nicht wir, die das nationale Interesse der USA bestimmen. Ich frage die rechte Seite des Abgeordnetensaales: Ist es noch nicht zu Euch vorgedrungen, dass sich vorgestern die Vereinigten Staaten so wie China bei der UN-Vollversammlung zur Unverletzlichkeit der Grenzen der Ukraine enthalten haben? Ersetzt man Japan des Jahres 1945 mit dem heutigen China – haben wir dann die Sicherheit, dass das Interesse der Vereinigten Staaten mit dem Polens identisch ist? Wir waren und sind loyale Bündnispartner der USA. Aber wir dürfen keine Idioten sein.

[…]

Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate

Quelle: Ministerstwo Spraw Zagranicznych [Das Außenministerium]: Informacja Ministra Spraw Zagranicznych o zadaniach polskiej polityki zagranicznej w 2026 r. [Information des Außenministers über die Aufgaben der polnischen Außenpolitik 2026]. https://www.gov.pl/web/dyplomacja/informacja-ministra-spraw-zagranicznych-o-zadaniach-polskiej-polityki-zagranicznej-w-2026-r (abgerufen am 15.05.2026).

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Analyse

Die polnisch-amerikanische Partnerschaft im Wandel

Von Reinhold Vetter
Der US-amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran und die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zur Zukunft der NATO und einem möglichen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland haben Bewegung in die außen- und innenpolitische Debatte in Polen gebracht. Ministerpräsident Donald Tusk und seine Dreierkoalition verhalten sich distanziert-kritisch zu Trumps Auftreten, wollen jedoch an der transatlantischen Partnerschaft festhalten. Gleichzeitig plädieren sie für mehr gemeinsame europäische Verteidigungsanstrengungen. Im Vorfeld der Parlamentswahlen 2027 ist insbesondere im rechten Spektrum der polnischen Parteienlandschaft ein offener Streit über die Bewertung der Politik Trumps ausgebrochen. Zugleich ruft das militärische Vorgehen der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran in Polen starke öffentliche Reaktionen hervor. (…)
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Der Umbau der polnischen Justiz

Von Marta Bucholc, Maciej Komornik
Die seit Ende 2015 in Polen amtierende nationalkonservative Regierungspartei PiS hat faktisch die Gewaltenteilung aufgehoben. Mit einer Welle neuer Gesetze hat sie erst das Verfassungsgericht ausgeschaltet und dann wider die Verfassung nahezu die gesamte Justiz unter die Kontrolle der Exekutive gestellt. Sie hat die Institutionen des Rechtsstaats diskreditiert, ihr nicht genehme Richter aller Instanzen und Gerichtszweige als Mitglieder eines post-kommunistischen Klüngels diffamiert und auf der Basis der neuen Gesetze die Unfolgsamen entlassen. Bei der Berufung der Nachfolger spielt die Regierungspartei erstmals seit 1989 wieder eine zentrale Rolle. Ganz im Sinne der Ideologie der PiS ist an die Stelle pluralistischer Machtverteilung ein starker Staat getreten, der vorgibt, im Namen des Volks zu handeln.
Zum Artikel auf zeitschrift-osteuropa.de

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