1. Ansprache von Ministerpräsident Donald Tusk am Nationalfeiertag der Unabhängigkeit
Danzig (Gdańsk), 11. November 2025
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Der Jahrestag der Unabhängigkeit, der 11. November, ist ein Wunder der Vereinigung. Damals, im Jahr 1918, fielen durch ein Wunder und erbetet von unseren Dichterpropheten die drei Imperien der polnischen Teilungen. Wir besiegten in der Verteidigung unserer jungen Unabhängigkeit das bolschewistische Russland in einer Schlacht, die die Welt »das Wunder an der Weichsel« nannte. Aber das größte Wunder war, dass die Polen es vermochten, sich zu vereinigen. Sie bauten einen Staat auf, der aus drei Teilungsgebieten zusammengefügt werden musste. Sie bauten die polnische siegreiche Armee auf, mit Soldaten, die jahrelang in den Armeen der drei Teilungsmächte dienen mussten.
Zum Symbol dieser Vereinigung, zum Symbol dieses Wunders wurde für alle Polinnen und Polen Józef Piłsudski. Er musste damals, als das unabhängige Polen entstand, vergessen und vermochte zu vergessen, dass er so häufig zum Gegenstand von Angriffen, Hass, Verachtung wurde.
So erging es Józef Piłsudski, dessen Denkmale heute in jeder polnischen Stadt stehen und an denen sich unsere Landsleute heute versammeln. Eben dieser hörte von seinen politischen Gegnern, dass er ein Linker, ein Gottloser, ja sogar – ein deutscher Agent sei! Woher kennen wir das?!
Aber für ihn war damals das Wichtigste – und das sollte es für uns heute auch sein – das auf den Staat orientierte Denken. Es bestand Sorge um die junge Unabhängigkeit, um das unabhängige Vaterland. Und für ihn war sehr wichtig, dass die Unabhängigkeit allen zuteil wurde, dass niemand von ihr ausgeschlossen wurde.
[…]
Übersetzung aus dem Polnischen: Peter Oliver Löw, Silke Plate
Quelle: Polak z drugim Polakiem. Gdański apel premiera Donalda Tuska [Der Pole ist dem Polen ein Nächster. Der Danziger Appell von Ministerpräsident Donald Tusk]. 11.11.2025. https://www.gdansk.pl/wiadomosci/Gdanski-apel-premiera-Donalda-Tuska-Parada-Niepodleglosci-2025-11-Listopada-Narodowe-Swieto-Niepodleglosci,a,299796 (abgerufen am 11.06.2026).
2. Brief von Staatspräsident Karol Nawrocki an die Organisatoren und Teilnehmer der Feierlichkeiten zum 158. Geburtstag von Marschall Józef Piłsudski in Krakau
7. Dezember 2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
Marschall Józef Piłsudski hat sich in die Chronik unserer Nation als Gründervater der wiedererlangten Unabhängigkeit eingeschrieben, als hervorragender Staatsmann, als einer der bedeutendsten Polen in unserer gesamten Geschichte. Sein konsequentes Handeln, das immer der Idee der Wiedergeburt der souveränen Staatlichkeit und der Entwicklung Polens zu einer beständigen Macht in diesem Teil Europas untergeordnet war, sein politisches Denken, sein militärisches Talent und das Charisma seiner Führerpersönlichkeit haben eine große, unauslöschliche Spur im Schicksal unseres Vaterlandes im 20. Jahrhundert hinterlassen. Sie sind auch eine Inspiration für die kommenden Generationen polnischer Patrioten. Der Anblick Józef Piłsudskis in der grauen Uniform der Legionen mit dem Großkreuz des Ordens Virtuti Militari am Schulterband, das Bild des siegreichen Führers im Krieg gegen die Bolschewiken, dessen Ausgang das Schicksal unserer Nation bestimmte, wurde geradezu zu einem ikonischen Symbol der polnischen Freiheit, Unerschütterlichkeit und des Stolzes.
Sie versammeln sich heute auf dem Wawel – dem Sitz der polnischen Herrscher, wo das Herz unserer Nationalgeschichte schlägt –, um den 158. Geburtstag des Marschalls zu begehen. Hier, in der Krypta unter dem Silberglockenturm, ruht er für immer. Es ist ein majestätischer Ort, der gleichzeitig zur Reflexion über den von Piłsudski beschrittenen und von seinen Nachfolgern fortgesetzten Weg anregt. Unabhängig davon, welches politische Bekenntnis man abgibt und welche politischen Sympathien man hegt, gibt es wahrscheinlich niemanden, der den Angelegenheiten des Vaterlandes ergeben ist und der dem Marschall seine Größe, strategische Weitsicht und historische Wirksamkeit absprechen würde. Gerade weil er sich unbeirrbar von der Idee der polnischen Unabhängigkeit, der Stärke der Republik und ihrer Eigenständigkeit gegenüber fremdem Imperien leiten ließ, wurde Józef Piłsudski in der Nachkriegszeit vom kommunistischen Regime in Diensten Moskaus so stark angegriffen und verächtlich gemacht. Wir sind uns mancher kontroverser Motive in der Politik des Marschalls bewusst, doch ohne Zweifel erkennen wir heute an und werden auch in der Zukunft anerkennen, dass seine Verdienste für Polen epochale Bedeutung haben. Sie sind ein hervorragendes, unerschöpfliches Erbe, bedeutend auch für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Gemeinsam mit Ihnen verneige ich mich vor der ehrenvollen Biographie und den großen Leistungen Józef Piłsudskis. Es lohnt sich, aufmerksam die bekannten und doch unverändert lehrreichen Worte des Marschalls zu hören: »Besiegt, aber nicht unterlegen zu sein, das ist ein Sieg; siegen und sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist eine Niederlage.« Heute, da wir sowohl an großen historischen Triumphen als auch an ernsten Gefahrenlagen teilhaben, bleibt diese Botschaft geistiger Stärke und Unbeugsamkeit aktuell und mobilisiert uns. Der Staatsführer, einer der wichtigsten Urheber der wiedergeborenen Republik, ist keine Figur einer musealen Vergangenheit, sondern er bestimmt immer noch die Art und Weise des polnischen Denkens über die wichtigsten Fragen unseres Vaterlandes.
Ehre seinem Angedenken!
Hochachtungsvoll
Karol Nawrocki
Präsident der Republik Polen
Übersetzung aus dem Polnischen: Silke Plate
Quelle: Prezydent.pl [Der Präsident der Republik Polen]: List z okazji obchodów 158. rocznicy urodzin Marszałka Józefa Piłsudskiego [Brief aus Anlass der Feierlichkeiten zum 158. Geburtstag des Marschalls Józef Piłsudski] https://t.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/listy/list-z-okazji-obchodow-158-rocznicy-urodzin-marszalka-jozefa-pilsudskiego,111450 (abgerufen am 27.05.2026).
3. Zum Gedenken der Opfer des Mai-Umsturzes aus Anlass des 100. Jahrestages. Entwurf eines Parlamentsbeschlusses, eingereicht von der Fraktion Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit*
Warschau, 30. April 2026
Am 12. Mai 1926 begann Józef Piłsudski an der Spitze ihm ergebener Truppen einen bewaffneten Putsch mit dem Ziel, die kaum zwei Tage zuvor gebildete neue Regierung von Wincenty Witos, die von einer Koalition aus Nationaldemokraten, Bauernparteien, Christdemokraten und Konservativen getragen wurde, zu stürzen. Im Ergebnis der bis zum 15. Mai anhaltenden brudermörderischen Kämpfe auf den Straßen Warschaus kamen 379 Menschen ums Leben und wurden 921 verletzt. Um das Land vor einem Bürgerkrieg zu retten, trat die Regierung zurück.
Der von Józef Piłsudski vollzogene Umsturz war ein in der polnischen Geschichte einmaliges Beispiel für die Verachtung gegenüber der legalen, verfassungsmäßigen, rechtsstaatlichen und von der polnischen Nation gewählten Staatsmacht. Er war ein Akt des Verrats an den Idealen des Staates, der sich zu einem Bürgerkrieg hätte auswachsen und zum Zusammenbruch der polnischen Staatlichkeit und in der Folge zu Gebietsabtretungen oder dem Verlust der Unabhängigkeit zugunsten eines benachbarten Staates hätte führen können.
Der militärische Putsch ebnete den Weg für den Aufbau einer autoritären Diktatur in Polen, die sich auf die Person Józef Piłsudskis und die treuesten Untergebenen in seiner Umgebung stützte. Nach dem Mai-Umsturz wurden in Polen alle Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der Gesetzgebung missachtet und die Rolle des Parlaments und der verfassungsmäßig bevollmächtigten Organe herabgesetzt. Es wurde eine Säuberung in der polnischen Armee unter den Offizieren, die der legalen Regierung treu waren, durchgeführt.
Die Opposition gegen die Regierung der sog. »Sanierung« (Sanacja) – sowohl die nationaldemokratische als auch die aus dem Lager des Zentrums und der Linken – wurde bekämpft. Zu den eingesetzten Mitteln gehörten die Zensur der Presse, die Schließung von Redaktionen, die Auflösung von Treffen oppositioneller Strukturen und Wählerkundgebungen, der missbräuchliche Einsatz von Inhaftierungen, das Verbot oppositioneller Organisationen, Behinderungen bei der Durchführung von Wahlkampfveranstaltungen und die Fälschung von Wahlergebnissen. Angewendet wurden auch Schikanen und Gewalt gegenüber politischen Gegnern. Es kam zu zahlreichen Körperverletzungen und illegalen Festnahmen, die in einigen Fällen zum Tod der Opfer führten. Besondere Beispiele für die diktatorischen Regierungsmethoden waren die gefälschten sog. Brester Wahlen [Parlamentswahlen 1930; Anm. d. Übers.], die blutige Niederschlagung des Bauernstreiks und die Einrichtung eines Lagers [für politische Gefangene; Anm. d. Übers.] in Bereza Kartuska, wo Vertreter der Opposition gefangen gehalten und gefoltert wurden.
Der Sejm der Republik Polen huldigt am 100. Jahrestag des Mai-Anschlags den Opfern der brudermörderischen Kämpfe und der späteren Verfolgungen, drückt den Verteidigern der legalen polnischen Regierung seine Dankbarkeit aus und verdammt Józef Piłsudski und sein politisches Lager, das den bewaffneten Arm gegen die Republik Polen erhob.
Übersetzung aus dem Polnischen: Peter Oliver Löw, Silke Plate
*Der Entwurf des Parlamentsbeschlusses wurde unterzeichnet von der Abgeordneten der Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit (Konfederacja Wolność i Niepodległość): Konrad Berkowicz, Karina Anna Bosak, Krzysztof Bosak, Bronisław Foltyn, Krzysztof Mulawa, Bartłomiej Pejo, Grzegorz Płaczek, Michał Połuboczek, Krzysztof Szymański, Krzysztof Tuduj, Witold Tumanowicz, Michał Wawer, Przemysław Wipler, Andrzej Tomasz Zapałowski sowie von Marek Jakubiak (parteilos).
Quelle: Sejm Rzeczypospolitej Polskiej [Der Sejm der Republik Polen]. https://orka.sejm.gov.pl/Druki10ka.nsf/0/6DD2A176A30562A5C1258DEF0036D53D/%24File/2502.pdf (abgerufen am 11.06.2026).