Józef Piłsudski. Geschichtspolitik und Erinnerungskultur 100 Jahre nach dem Mai-Umsturz

Von Peter Oliver Loew (Deutsches Polen-Institut, Darmstadt)

Zusammenfassung
Vor einhundert Jahren, am 12. Mai 1926, wagte Józef Piłsudski, Polens starker Mann, den Umsturz. Er beseitigte die parlamentarische Demokratie und führte ein zunehmend autoritäres Regime ein. Seit einhundert Jahren wird gestritten – hat der »Mai-Umsturz« den polnischen Staat gerettet, oder hat er die polnische Demokratie zerstört? Das führt zu weitergehenden Fragen, vor denen Demokratien auch heute in ganz Europa stehen: Ist es gerechtfertigt, zur Verteidigung der Stabilität des Staates oder auch der liberalen Grundordnung deren Grundsätze zu brechen, gegen die Verfassung zu verstoßen, Parteien zu verbieten oder autoritäre Regierungen zu installieren? Nach wie vor dient die Persönlichkeit Józef Piłsudskis dazu, sich in der polnischen Gegenwart politisch zu positionieren – und Geschichtspolitik zu betreiben.

Der historische Hintergrund

Józef Piłsudski (1867–1935) ist mit Sicherheit einer der wichtigsten polnischen Politiker des 20. Jahrhunderts. Aus der sozialistischen Bewegung kommend, wurde er zum Kämpfer für die Freiheit der Nation, die er – aus deutscher Festungshaft entlassen – nach dem Ersten Weltkrieg als Oberbefehlshaber und Staatsführer auch verteidigte, nicht zuletzt in der »Schlacht von Warschau« gegen die bolschewistischen Truppen: Das »Wunder an der Weichsel« verhinderte nicht nur die Besetzung Polens durch die Rote Armee, sondern auch die weitere Ausdehnung der kommunistischen Herrschaft in Mitteleuropa. Doch nach mehreren Kriegen und der Konsolidierung des Staatsgebiets entzündete sich in der jungen polnischen Republik ein vehementer innenpolitischer Streit, weshalb sich der zum »Marschall« ernannte Piłsudski zeitweise aus der Politik zurückzog.

Es waren unterschiedliche politische Kulturen in den drei einstigen Teilungsgebieten, soziale Gegensätze und wirtschaftliche Schwierigkeiten, die zu einem Gefühl von Instabilität und zu politischer Polarisierung führten. Der von Piłsudski vorgeschlagene, im Dezember 1922 gewählte erste Staatspräsident Gabriel Narutowicz fiel nach wenigen Tagen einem von nationalistischen Kräften provozierten Mord zum Opfer. Die sich verschärfenden parteipolitischen Kämpfe hatten zahlreiche Regierungskrisen und politische Instabilität zur Folge.

Piłsudski ließ die Situation am 12. Mai 1926 eskalieren. Sein Versuch, die amtierende Regierung des Bauernführers Wincenty Witos abzulösen, hatte recht spontan eine militärische Konfrontation regierungstreuer und Piłsudski ergebener Truppenteile zur Folge. Ein Treffen des Marschalls mit Staatspräsident Wojciechowski auf einer Weichselbrücke brachte keine Lösung, denn der Präsident verwahrte sich gegen den Verfassungsbruch. Kämpfe brachen aus, Präsident und Regierung traten am 14. Mai angesichts der militärischen Kräfteverhältnisse zurück, am 15. Mai endeten die Kampfhandlungen. Es wurden 379 Tote gezählt, Zivilisten und Soldaten.

Piłsudski trat als Verteidigungsminister in die neue Regierung Kazimierz Bartel ein, nahm aber die Wahl zum Staatspräsidenten zwei Wochen später nicht an. Doch kurz darauf übernahm er für anderthalb Jahre das Amt des Ministerpräsidenten, zog es in den Jahren bis zu seinem Tod dann aber vor, aus der zweiten Reihe die Macht auszuüben. Nur 1930 stand er noch einmal wenige Monate der Regierung vor; in dieser Zeit wurden führende Vertreter von Mitte-Links-Oppositionsparteien verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Rechte des Parlaments wurden eingeschränkt, doch hielt Piłsudski gleichzeitig seine schützende Hand über die nationalen Minderheiten und ließ ein überaus vielfältiges Kulturleben zu. Unter dem Stichwort der »Sanierung« (Sanacja) bemühten sich die von Piłsudski protegierten autoritären Regierungen um eine Staatsreform. Nach Piłsudskis Tod 1935 bewegte sich die Regierung weiter nach rechts, suchte die Zusammenarbeit mit einem Teil der Nationalisten und verwandelte sich zu einer unverblümten Diktatur.

Piłsudskis Putsch war übrigens nicht der einzige Versuch in Europa, schwache parlamentarische Demokratien durch Regierungen der starken Hand zu ersetzen, um Schlimmeres zu verhüten: 1934 löste in Estland Konstantin Päts das Parlament auf, um faschistischen Kräften den Weg an die Macht zu versperren, und fast zur gleichen Zeit ging Kārlis Ulmanis in Lettland ähnlich vor. In Österreich wiederum hebelte die austrofaschistische Bewegung 1933 die parlamentarische Demokratie aus und versuchte anschließend, den Aufstieg des Nationalsozialismus zu verhindern. Auch am Ende der Weimarer Republik standen Bemühungen, den Nationalsozialisten keine Machtübernahme zu ermöglichen. Mit Ausnahme von Estland hatten diese Bestrebungen letztlich keinen Erfolg – aber dort wurde die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie durch die Ereignisse von 1939/40 unterbrochen.

Piłsudski im Gedächtnis der Bevölkerung und der politischen Parteien

Bei Meinungsumfragen in Polen gilt Piłsudski als einer der bedeutendsten Polen des 20. Jahrhunderts. In einer Umfrage der Wochenzeitschrift Polityka für ein »Pantheon der Polen des 20. Jahrhunderts« lag er im Jahr 2000 hinter Karol Wojtyła (Papst Johannes Paul II.) und Marie Skłodowska-Curie auf dem dritten Platz. Und bei einer Erhebung des Instituts CBOS aus dem Jahr 2018 lag er hinter Johannes Paul II. und vor Kardinal Stefan Wyszyński auf dem zweiten Rang aller historischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts (siehe Rubrik »Umfragen«). Dabei ist die historische Weste Piłsudskis keineswegs blütenrein: Der Mai-Umsturz und die Verfolgung politischer Gegner haben schon zu Lebzeiten heftige Kritik von rechts und links provoziert.

Die Kommunisten waren Piłsudski gegenüber stets sehr negativ eingestellt, nicht nur wegen seiner antisowjetischen Politik, sondern auch, weil er ihnen zufolge die kapitalistische Wirtschaftsordnung verkörperte. In der Volksrepublik Polen wurde er deshalb von der offiziellen Geschichts- und Bildungspolitik als Faschist diskreditiert, der er mit Sicherheit nicht war, während in der öffentlichen Meinung das Bild vom Führer des Vorkriegsstaates viel positiver war. Für die entstehende liberale und konservative Opposition war er ein Held.

Und so fasste der Sejm der erst wenige Jahre alten Dritten Republik zum 60. Jahrestag von Piłsudskis Todestag in seiner Sitzung am 12. Mai 1995 einen Beschluss, in dem es heißt: »Józef Piłsudski bleibt als Urheber der Unabhängigkeit im Gedächtnis der Nation und als siegreicher Führer, der den fremden Überfall abwehrte, der ganz Europa und seine Zivilisation bedrohte. Józef Piłsudski hat sich dem Vaterland verdient gemacht und hat auf Dauer Einzug in unsere Geschichte gehalten.« Dennoch schieden und scheiden sich an Piłsudski auch weiterhin die Geister.

Eine traditionell kritische Haltung gegenüber dem Mai-Umsturz hat die Polnische Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL), weil 1926 die Regierung des Bauernpolitikers Wincenty Witos gestürzt worden war. Die Bemühungen der PSL um eine Rehabilitierung des 1930 in der Festung Brest inhaftierten Witos hatten erst 2023 Erfolg, das Urteil von 1932 wurde aufgehoben.

Auch die politische Linke war und ist auf Piłsudski nicht besonders gut zu sprechen, weil sich ein Teil der Linken 1926, mit Ignacy Daszyński an der Spitze, vehement gegen den Putsch aussprach. Andererseits hatte Piłsudskis Umsturz den Weg der nationalistischen Nationaldemokratie an die Macht verhindert, was ihm wiederum Sympathien und teilweise Unterstützung der Linken einbrachte, aus deren Reihen der Marschall ja ebenfalls stammte.

Die Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość – PiS) hingegen hatte stets ein positives Bild vom Führer der Zwischenkriegszeit. Jarosław Kaczyński, dessen Büro eine Piłsudski-Büste schmückt, ahmte in der Art und Weise seiner Machtausübung sogar ein wenig den Marschall nach und regierte zwischen 2005 und 2007 sowie 2015 und 2025 ebenfalls meistens aus der zweiten Reihe, teils ohne formales Staatsamt, sondern nur als Parteivorsitzender, und gab sich – ähnlich wie Piłsudski – als eine Art »moralischer Führer der Nation« aus. Er schreckte wie sein Vorbild auch vor Rechtsbrüchen nicht zurück. In einer Botschaft zum 150. Geburtstag des Marschalls sagte er 2017: »[…] die Person des Wiedererrichters des polnischen Staates war seit jeher sowohl meinem verstorbenen Bruder Präsident Lech Kaczyński als auch mir persönlich nahe«.

Der im Wahlkampf von der PiS unterstützte Staatspräsident Karol Nawrocki, der auch offen um die Sympathien der rechten Partei Konföderation Freiheit und Unabhängigkeit (Konfederacja Wolność i Niepodległość) wirbt, nannte Piłsudski 2025 »Gründervater der wiedererlangten Unabhängigkeit, hervorragender Staatsmann, einer der bedeutendsten Polen in unserer gesamten Geschichte«. Nawrocki hob hervor, dass niemand Piłsudski Größe, strategische Weitsicht und historische Wirksamkeit absprechen könne. Und auch wenn manche Aspekte seiner Politik Kontroversen hervorriefen, so habe er sich immer von dem Gedanken leiten lassen, dass Polen »von fremden Imperien unabhängig« sein müsse, weshalb ihn »das kommunistische Regime in Diensten Moskaus« nach dem Krieg so verbissen bekämpft habe. Nawrocki zog nach seiner Amtseinführung in das Schloss Belweder, in dem seit dem Mai-Umsturz bis zu seinem Tod auch Piłsudski gelebt hatte. Seine in einem Interview gefallene Bemerkung, er spreche dort jeden Tag im Geiste mit Piłsudski, kommentierte selbst Wladimir Putin mit höhnischem Unterton.

Donald Tusk und die Liberalkonservativen der Bürgerplattform (Platforma Obywatelska – PO) haben ebenfalls ein durchweg positives Bild vom Führer der Zwischenkriegszeit – Tusk schrieb sogar in den 1980er Jahren seine Magisterarbeit über die Entstehung der Piłsudski-Legende in der Zwischenkriegszeit. Zur Feier des Unabhängigkeitstags am 11. November 2025 zog Tusk bei einer Rede in Danzig (Gdańsk) folgenden Vergleich zu den Angriffen, die er selbst immer wieder erleben muss: »Zum Symbol dieser Vereinigung [Polens, P.O.L.], zum Symbol dieses Wunders wurde für alle Polinnen und Polen Józef Piłsudski. Er musste damals, als das unabhängige Polen entstand, vergessen und vermochte zu vergessen, dass er so häufig zum Gegenstand von Angriffen, Hass, Verachtung wurde. […] Er hörte von seinen politischen Gegnern, dass er ein Linker, ein Gottloser, ja sogar – ein deutscher Agent sei! Woher kennen wir das?!« Tusk erklärte außerdem, es gäbe kein Monopol auf Patriotismus: »Wir sind eine Gemeinschaft.« So wie 1926 ist aber auch die politische Landschaft des Jahres 2026 in hohem Maße polarisiert und emotionalisiert, und Gemeinschaft stiftend ist auch immer wieder die unterschiedliche Bedeutung, die Ereignissen und Personen der Geschichte zugeschrieben wird.

Ganz offensichtlich wird dies im Entwurf für einen Parlamentsbeschluss, den die rechtsextreme Partei Konfederacja am 30. April 2026 in den Sejm einbrachte: »Der von Józef Piłsudski vollzogene Mai-Umsturz war ein in der polnischen Geschichte einmaliges Beispiel für die Verachtung gegenüber der legalen, verfassungsmäßigen, rechtsstaatlichen und von der polnischen Nation gewählten Staatsmacht. Er war ein Akt des Verrats an den Idealen des Staates, der sich zu einem Bürgerkrieg hätte auswachsen können.« Im Antragstext wird darauf hingewiesen, dass sich der Putsch gegen die Nationaldemokratie richtete, als deren Nachfolger sich die Konfederacja sieht, und er schließt: »Der Sejm der Republik Polen huldigt am 100. Jahrestag des Mai-Anschlags den Opfern der brudermörderischen Kämpfe und der späteren Verfolgungen, drückt den Verteidigern der legalen polnischen Gewalt seine Dankbarkeit aus und verdammt Józef Piłsudski und sein politisches Lager, das den bewaffneten Arm gegen die Republik Polen erhob.«

Schließlich beriet der Sejm nicht über diesen Beschlussantrag, sondern in der Sitzung am 12. Mai 2026 äußerten sich Politiker verschiedener Fraktionen zum Mai-Umsturz. Der führende Konfederacja-Abgeordnete Witold Tumanowicz verlas mehr oder weniger im Wortlaut die frühere Beschlussvorlage. Ein weiterer Abgeordneter der Konfederacja, Bartłomiej Pejo, gab seinen Beitrag zu Protokoll: »Wir begeistern uns für einen Menschen, der den Präsidenten und die Demokratie attackiert hat, der einen Staat mit Zensur, Terror, Wahlfälschungen und politischen Urteilen geschaffen hat, womit er seinen oligarchischen Charakter entblößte und vor das Gericht der Geschichte stellte. […] Wenn wir heute die nationalen Tragödien unterteilen in solche, die denkmalwürdig sind, und solche, die es nicht sind, und wenn wir den Angriff auf die Demokratie für wertvoller halten als ihre Verteidigung, so zeugt das vom Niedergang unseres demokratischen Staates. Genug Demütigung für die Opfer dieser tragischen Ereignisse durch ausbleibende Erinnerung. Es ist an der Zeit, endlich ein Denkmal für die Opfer des Mai-Anschlags in der polnischen Hauptstadt zu fordern, und für ein würdiges Gedenken auch vor dem Parlament.«

In der Parlamentsdebatte vom 12. Mai 2026 trug nicht nur die Konfederacja ihre Interpretation der Geschichte vor, sondern auch die Partei Recht und Gerechtigkeit, die sich viel vorsichtiger äußerte. Die Abgeordnete Barbara Bartuś – eine der wichtigeren PiS-Abgeordneten – erklärte, Piłsudski habe sich vor allem von der polnischen Staatsräson leiten lassen. Zum Jahrestag des Mai-Umsturzes sagte sie, es habe sich »um einen der schwierigsten Momente in der Geschichte der Zweiten Republik« gehandelt, der zeige, »dass Menschen, die Verantwortung für den Staat übernehmen, manchmal mit dramatischen Entscheidungen konfrontiert werden, die im Namen des Dienstes am Vaterland getroffen werden. Ich gebe diese Erklärung ab, weil es unsere Pflicht ist, an die Helden zu erinnern«.

Bei der Durchsicht der Sejm-Protokolle fällt auf, wie häufig die Abgeordneten sich immer wieder bei allen möglichen Anlässen auf Piłsudski beziehen: Es werden Bonmots des Marschalls zitiert, historische Ereignisse in Erinnerung gerufen, die Gründerväter des modernen Polens aufgezählt, zu runden Jahrestagen Deklarationen verabschiedet, kurzum: Piłsudski ist tatsächlich immer noch Teil des politischen Denkens. Die Zahl der Feuilletons und Artikel, die zum 100. Jahrestag des Mai-Umsturzes in den führenden polnischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen, zeugt von der ungebrochenen Faszination für den Marschall.

Erinnerungskultur: zu Pferd, zu Fuß, aufrecht oder leicht gebeugt

Die Faszination für Piłsudski zeigt sich auch in der Erinnerungskultur. Die Piłsudski-Renaissance nahm in den 1980er Jahren ihren Anfang, als die Vorkriegszeit als Gegenbild zur düsteren Gegenwart in der Spätphase des kommunistischen Regimes idealisiert wurde. Der uniformierte Führer der Nation der Zwischenkriegszeit schien im Vergleich zum uniformierten Führer der 1980er Jahre – General Wojciech Jaruzelski – eine Lichtgestalt zu sein. Reproduktionen eines berühmten Gemäldes von Wojciech Kossak, das Piłsudski auf seinem Pferd Kasztanka zeigt, waren plötzlich überall zu kaufen.

Nach dem politischen Umbruch von 1989/1991 entstand in Polen eine Fülle neuer Erinnerungsorte für Piłsudski. Die statistische Datenbank TERYT weist mehr als 600 nach Piłsudski benannte Straßen und Plätze auf, während es zur kommunistischen Zeit unmöglich gewesen wäre, dem Politiker eine Straße zu widmen.

Auch die Zahl der Piłsudski-Denkmäler ist kaum zu überblicken. 1995 wurde auf dem (1990 umbenannten) Piłsudski-Platz in Warschau ein Standbild errichtet, Ergebnis der Bemühungen eines gleich 1990, kurz nach dem politischen Wandel in Polen, gegründeten Bürgerkomitees. Der Standort wurde mehrmals verändert, bis schließlich der zentral in der Innenstadt gelegene Platz festgelegt wurde. Piłsudski steht hier aufrecht auf einem hohen Sockel, die Hände auf einen Säbel gelegt – ein wenig so, wie ein anderer Staatsgründer oft als Denkmal dargestellt wurde, nämlich Otto von Bismarck mit dem Schwert. 1998 folgte ein anderes Denkmal, direkt neben dem Belweder, Piłsudskis zeitweiligem Amtssitz. Hier steht der Marschall im langen Rock ein wenig vorgebeugt und mit gesenktem Haupt, die Hände auf einen Säbel gestützt. Das Denkmal wurde von dem Schriftsteller Jerzy Waldorff 1997 angeregt und trägt neben dem Namen die Aufschrift »Seinem Verteidiger im Jahre 1920 – Warschau«. Heute gibt es in Warschau mindestens sechs Piłsudski-Denkmäler.

Egal ob Danzig oder Stettin (Szczecin), Lublin, Posen (Poznań) oder Przemyśl – kaum eine größere Stadt ohne Piłsudski-Denkmal. Mal sitzt er auf einem Pferd, mal steht er aufrecht oder leicht vorgebeugt, gelegentlich sitzt er sogar. Interessant ist die Geschichte des Piłsudski-Reiterstandbilds in Kattowitz (Katowice): Bei einem Wettbewerb war wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg der Entwurf eines kroatischen Bildhauers ausgewählt worden. Dieser beendete zwar seine Arbeiten, doch das Denkmal gelangte vor Kriegsausbruch nicht mehr nach Polen und stand jahrzehntelang in einem jugoslawischen Museum. Erst 1993 wurde es in Kattowitz aufgestellt. Das 2008 in Krakau (Kraków) enthüllte Denkmal (Standbild mit Säbel und Adler) wird ergänzt durch eine Gruppe von vier Legionären aus Piłsudskis erster Brigade während des Ersten Weltkriegs.

Piłsudski selbst übrigens wurde in der Krypta der Krakauer Wawel-Kathedrale beigesetzt, nur sein Herz fand seine letzte Ruhe auf dem Rossa-Friedhof in Wilna, denn mit Wilna war er in seiner Jugend eng verbunden gewesen. Sein Grab in Krakau ist eine Pilgerstätte für viele Polinnen und Polen, auch für Politiker, die sich zu seinem Todestag dorthin begeben, um dieser oder jener politischen Aussage Legitimation zu verleihen.

Natürlich fand Piłsudski Eingang in zahlreiche Werke der Literatur oder auch des Films. Der Spielfilm »Piłsudski« (2019), bei dem Michał Rosa Regie führte, zeigt das Leben des Titelhelden in den Jahren nach 1901. Der Film entstand im Rahmen der von der PiS betriebenen Bemühungen, patriotische Filme zu lancieren und möglichst auch international zu vermarkten, löste aber bei der Kritik gar keine Begeisterung aus. Dennoch gehörte er zu den kommerziell erfolgreicheren polnischen Filmen des Jahres. 2011 kam der von Jerzy Hoffman gedrehte Film »1920 – die letzte Schlacht« (»1920 Bitwa Warszawska«) in die Kinos, in dem Piłsudski – gespielt von der Schauspielerlegende Daniel Olbrychski – die Hauptrolle beim Sieg Polens über die bolschewistischen Armeen zukommt. Der Film wurde 2012 mit fünf Antipreisen für den schlechtesten polnischen Film ausgezeichnet – es ist offensichtlich nicht einfach, sich filmisch mit derart komplexen und von Mythen überwachsenen Persönlichkeiten der Geschichte zu beschäftigen.

Über der Erde und unter der Erde: zwei neue Museen

In den letzten Jahren sind zwei neue Museen entstanden, in denen Piłsudski eine zentrale Rolle spielt. Eines ist ihm direkt gewidmet: das Piłsudski-Museum in Sulejówek bei Warschau, wo Piłsudskis kleine Villa »Milusin« steht, in der er und seine Familie ab 1923 lebten. Unter Beteiligung der Piłsudski-Familienstiftung und des polnischen Staates entstand neben der seit 2008 museal genutzten Villa mit ihren historisch eingerichteten Räumen ein von einem Enkel Piłsudskis entworfener Neubau, der im August 2020 am Jahrestag der »Schlacht von Warschau« im Beisein des Staatspräsidenten Andrzej Duda provisorisch und Anfang 2021 dann tatsächlich eröffnet wurde, ohne Beteiligung wichtigerer Politiker der damaligen Opposition. Duda hob in seiner Ansprache zur Eröffnung hervor, dass dieses Museum »der patriotischen Erziehung« dienen werde: »Ich glaube, dass Ausflüge mit Jugendlichen aus ganz Polen herkommen werden, um unsere Geschichte kennenzulernen, damit sie erfahren, was es heißt, das Vaterland zu lieben, was es heißt, wenn es nicht mehr da ist und wenn es gelingt, es wiederzuerlangen.«

Die hier zu sehende Ausstellung befindet sich in drei unterirdischen Geschossen, in die wie in eine ägyptische Pyramide eine lange Treppe hinunterführt. Multimedial gestaltet, erzählt das Museum chronologisch die Lebensgeschichte Piłsudskis im Kontext der historischen Ereignisse, wobei die Ausstellungsmacher auf zahlreiche Originalexponate aus dem persönlichen Besitz Piłsudskis zurückgreifen konnten, die 1939 aus dem Land gebracht worden waren und sich nun wieder in Polen befinden. Besonders diese Exponate, aber auch die insgesamt facettenreiche Ausstellung werden von Experten wie Besuchern positiv hervorgehoben. Der Bau des Museums aus staatlichen Mitteln war noch in der Regierungszeit der Bürgerplattform 2011 beschlossen worden, der eigentliche Bau und die Eröffnung folgten in der Regierungszeit der PiS. Dennoch blieb dieses Museum von den heftigen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen verschont, wie sie zahlreiche andere Einrichtungen erleben mussten, mit dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig an der Spitze.

Das Museum der Schlacht von Warschau hingegen entstand als politisches Projekt: Der damalige Verteidigungsminister Antoni Macierewicz kündigte sein Entstehen 2017 an und wollte, dass es bis zum 100. Jahrestag der Schlacht im Jahr 2020 eröffnet wird. Die Frist für die Einreichung von Projekten war auf zehn Tage begrenzt; auf wundersame Weise wurde nur ein Entwurf eingereicht, jener des PiS-Politikers und Architekten Czesław Bielecki. Er sah ein Gebäude auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel nahe des Dorfes Ossów rund 20 Kilometer östlich von Warschau, einem Originalschauplatz der Schlacht, vor, der wie ein Feldherrenhügel auch als Tribüne dienen sollte, um von dort aus historische Rekonstruktionen der Schlacht verfolgen zu können. Nach zahlreichen bautechnischen Schwierigkeiten und enormen Kostensteigerungen wurde das aus Mitteln des Verteidigungsministeriums errichtete Museum als Abteilung des Polnischen Militärmuseums erst im August 2025 eröffnet – überragt von einem 70 Meter hohen Fahnenmast mit der polnischen Fahne.

Die Vertreter der zurzeit regierenden liberalkonservativen Regierung äußerten sich bei der Eröffnung zurückhaltend, gerade auch angesichts der eigenartigen Gründungsgeschichte des Museums: Sejmmarschall Szymon Hołownia hob hervor, dass 1920 ganz Polen ohne Rücksicht auf politische Sympathien gegen die »Bolschewiken« gekämpft habe – und dass diese nationale Einheit auch die Gegenwart inspirieren möge. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz dankte den PiS-Amtsvorgängern für die Entscheidung zum Museumsbau und hob ebenfalls hervor, dass dieses Museum über allen Parteikämpfen stehen müsse: »Polen wird für alle gebaut. Dies ist ein Ort für ganz Polen.« Als Vertreter des Staatspräsidenten sprach der damalige Leiter des Nationalen Sicherheitsbüros, Sławomir Cenckiewicz. Die Ausstellung des Museums stieß hingegen nicht auf ungeteilte Zustimmung: Die großflächig verglasten Ausstellungsflächen sind relativ klein, und nach dem Eindruck vieler Besucher fehlt es an interessanten Originalexponaten. Dafür ist als eine Art Puppe in Lebensgröße Józef Piłsudski auf seinem Pferd Kasztanka zu bewundern.

Fazit

Der Herausgeber und Publizist Jerzy Giedroyc hat das Bonmot geprägt, Polen werde von den Särgen Piłsudskis und seines Widersachers Roman Dmowski regiert. Beides ist wahr, wobei das Erbe Piłsudskis stärker vereint als jenes des Nationalisten Dmowski. Doch auch die Erinnerung an Piłsudski ist bis heute keineswegs homogen, wie die Erinnerung an den Mai-Umsturz von 1926 nur zu deutlich zeigt. Zwar besteht im Grunde für alle Akteure der politischen Landschaft und auch für die professionelle Geschichtswissenschaft kein Zweifel daran, dass Piłsudski eine eminent wichtige Rolle im Kampf um die Unabhängigkeit Polens und bei der Erlangung und Wahrung dieser Unabhängigkeit nach 1918 gespielt hat, doch an seinem Eingreifen in das innenpolitische Geschehen und den dadurch ermöglichten autoritären Umbau des Staates scheiden sich bis heute die Geister. Auch wenn die »Lichtgestalt« Piłsudski nach wie vor die öffentliche Wahrnehmung prägt, so zeigt doch sein Lebensweg sehr deutlich, dass Biographien keineswegs klar vorgezeichnet sind und makellos verlaufen müssen. Gerade in einer Zeit, in der sich durch die politische und gesellschaftliche Polarisierung »Gut« und »Böse« geradezu idealtypisch gegenüberzustehen scheinen, ist es von einem großen erzieherischen Wert, dass sich am Beispiel von Józef Piłsudski die vielen Facetten einer Persönlichkeit aufzeigen lassen. Zwar verhindert das nicht die geschichtspolitische Instrumentalisierung, wohl aber trägt es zu einer pluralen Geschichtskultur bei.

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Artikel

Der Umbau der polnischen Justiz

Von Marta Bucholc, Maciej Komornik
Die seit Ende 2015 in Polen amtierende nationalkonservative Regierungspartei PiS hat faktisch die Gewaltenteilung aufgehoben. Mit einer Welle neuer Gesetze hat sie erst das Verfassungsgericht ausgeschaltet und dann wider die Verfassung nahezu die gesamte Justiz unter die Kontrolle der Exekutive gestellt. Sie hat die Institutionen des Rechtsstaats diskreditiert, ihr nicht genehme Richter aller Instanzen und Gerichtszweige als Mitglieder eines post-kommunistischen Klüngels diffamiert und auf der Basis der neuen Gesetze die Unfolgsamen entlassen. Bei der Berufung der Nachfolger spielt die Regierungspartei erstmals seit 1989 wieder eine zentrale Rolle. Ganz im Sinne der Ideologie der PiS ist an die Stelle pluralistischer Machtverteilung ein starker Staat getreten, der vorgibt, im Namen des Volks zu handeln.
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