Politikberatung und Osteuropaforschung

Von Hans-Henning Schröder (Bremen)

Zusammenfassung
Wissenschaftliche Politikberatung erfüllt eine wichtige Aufgabe, und Wissenschaft muss sich dieser stellen. Das gilt auch für die Osteuropaforschung, die ihre Entstehung der politischen Nachfrage nach Osteuropakompetenz verdankt und seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Dienst der Politik steht, wobei sie in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus eine durchaus problematische Rolle gespielt hat. Wurde sie in der Zeit des Ost-West-Konflikts durch die Bundesregierung stark gefördert, erfuhr sie in den Folgejahren deutliche Beschränkungen, die zu einer Aushöhlung des Arbeitsfeldes führten.
Unter diesen Umständen war es schwierig, der Politik im ausreichenden Maße Osteuropakompetenz zur Verfügung zu stellen. Doch der Beratungsprozess selber war und ist mit grundsätzlichen Problemen behaftet. Wissenschaftliche Analyse kann einen Beitrag in der politischen Entscheidungsfindung leisten, doch sie steht in einem Spannungsverhältnis zur Politik, die ihre Ziele immer wieder neu formuliert. In diesem Prozess nimmt wissenschaftliche Beratung durchaus widersprüchliche Aufgaben wahr, indem sie Entscheidungsprozesse unterstützt und begleitet, sie aber zugleich legitimiert.

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Lesetipps

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Leitlinien Politikberatung, Berlin 2008, http://www.bbaw.de/bbaw/Akademie/dateien_bilder/LeitlinienPolitikberatungFinal.pdf.

Beyme, Klaus von (1988): Politik und wissenschaftliche Information der Politiker in modernen Industriegesellschaften, in: ders. (Hrsg.): Der Vergleich in der Politikwissenschaft, München: Piper, S. 347–368.

Bonß, Wolfgang (2004): Zwischen Verwendung und Verwissenschaftlichung. Oder: Gibt es eine ›Lerngeschichte‹ der Politikberatung?, in: Zeitschrift für Sozialreform, 50, Heft 1–2, S. 32–45.

Gärtner, Heinz (2007): Wissenschaftliche Politikberatung in der internationalen Politik: Ein Mythos, in: Fröschl, Erich; Kramer, Helmut; Kreisky, Eva (Hrsg.): Politikberatung zwischen Affirmation und Kritik, Wien: Braumüller, S. 197–208.

Messner, Dirk (2003): Wissenschaftliche Politikberatung: einige Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis, in: Hirscher, Gerhard; Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Information und Entscheidung: Kommunikationsmanagement der politischen Führung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 163–183.

Sapper, Manfred (2012): Niedergang und Neuanfang. Die Krise der deutschen Russlandexpertise, in: Osteuropa, 62, Nr. 6–8, S. 505–520.

Streeck, Wolfgang (2009): Man weiß es nicht genau: Vom Nutzen der Sozialwissenschaften für die Politik. Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln. MPIfG Working Paper 09/11, http://www.mpifg.de/pu/workpap/wp09-11.pdf.

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Weber, Max (1917/1919): Wissenschaft als Beruf 1917/1919 – Politik als Beruf 1919, Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1994 (= Studienausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe Band I/17 hrsg. von Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Birgitt Morgenbrod), 151 S.

Weingart, Peter; Lentsch, Justus (2008): Wissen – Beraten – Entscheiden. Form und Funktion wissenschaftlicher Politikberatung in Deutschland. Eine Publikation der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Wissenschaftliche Politikberatung in der Demokratie Interdisziplinäre Arbeitsgruppen Forschungsberichte. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Band 22, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 336 S.

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Replik

»Politikberatung und Osteuropaforschung« – eine Replik

In der letzten Ausgabe der Russland-Analysen (Nr. 372 vom 14.6.2019) erschien ein Beitrag von Hans-Henning Schröder zum Thema »Politikberatung und Osteuropaforschung«. Er schrieb darin u. a. Folgendes: »Allerdings ist der Ansatz zum Aufbau eines neuen bundesgeförderten Osteuropa-Instituts in Berlin vorläufig gescheitert. (…)
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Analyse

Russlands Mittelschichten im Umbruch

Von Rafael Mrowczynski
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