Die »russische Schattenflotte«: Kriegsfinanzierung und Bedrohung maritimer Sicherheit

Von Julian Pawlak (Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin)

Zusammenfassung
Die so bezeichnete russische Schattenflotte ist seit 2022 zum zentralen Instrument der Sanktionsumgehung im russischen Ölexport und damit der Kriegsfinanzierung des Landes geworden. Zunehmend werden jedoch entsprechende Schiffe mit Sabotage- und Spionageakten in Verbindung gebracht. Besonders Schäden an maritimer kritischer Infrastruktur stehen im Fokus. Dieser Beitrag betrachtet die Entwicklung der Schattenflotte, über ihre ökonomische Bedeutung hin zu Gefahren maritimer Sicherheit.

Ein Phänomen ohne feste Konturen

Der Begriff »Schattenflotte« hat sich in der politischen und medialen Debatte etabliert, obwohl er an sich unscharf bleibt. Es handelt sich bei den damit gemeinten Schiffen, die russisches Öl exportieren, weder um eine offizielle Flotte der Russischen Föderation noch grundsätzlich um ein spezifisch russisches Phänomen, da auch andere Staaten vergleichbare Systeme der Sanktionsumgehung betreiben. Dazu zählen der Iran, Nordkorea oder Venezuela. Bezeichnet wird damit viel mehr der Einsatz von Schiffen, deren Eigentümerstrukturen, Versicherungen und Flaggenstaatszugehörigkeiten systematisch verschleiert oder gefälscht werden, um Exporte außerhalb von Sanktionsregimen ermöglichen zu können. Charakteristisch ist die laufende Veränderung des Schiffsbestands durch den Erwerb alter, häufig maroder Tanker sowie der Wechsel zwischen sogenannten Billigflaggen von Staaten mit geringen oder fehlenden Kontrollmechanismen. Zusammen mit regelmäßig zu aktualisierenden Sanktionslisten verändert sich damit die genaue Zahl eingesetzter Schiffe durchgängig. Neue Schiffe werden hinzugezogen, Namen und Flaggen werden geändert oder gefälscht. Die genaue Zahl ist somit schwer zu beziffern. Im aktuellen 20. Sanktionspaket der EU werden 632 Tanker gelistet. Diese Zahlen markieren zugleich die Grenzen des Erfassbaren: Die Schattenflotte beruht auf permanenter Verschleierung und entzieht sich damit einer präzisen und endgültigen Quantifizierung, und somit auch der zielgenauen Regulierung.

Ökonomische Funktion

Die primäre Funktion der Schattenflotte ist ökonomisch. Fast die Hälfte der russischen Ölexporte wird mittlerweile über die Ostsee abgewickelt; dafür werden jährlich etwa 1.000 Schiffe eingesetzt. Die monatlichen Verkaufserlöse liegen trotz aller Sanktionsbemühungen bei über zehn Milliarden Euro und konnten im Zuge des Konfliktes an der Straße von Hormus nochmals deutlich gesteigert werden. Das heißt, dass Russland nochmal mehr durch Ölexporte profitiert. Hauptabnehmer sind etwa China und Indien. Zusammen mit den wichtigen Ölexportinfrastrukturen und den russischen Ostseehäfen bilden die Seewege über die Ostsee hinaus in die Nordsee und damit auf die Weltmärkte die wichtigste (maritime) Exportroute der russischen Wirtschaft.

Wie zentral die Schattenflotte für dieses Exportsystem inzwischen ist, lässt sich an den Daten der Kyiv School of Economics oder des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) ablesen, welche die russischen Energieexporte monatlich auswerten. CREA zufolge wurden im Mai 2026 48 Prozent des seegehenden russischen Ölexports von sanktionierten Tankern der Schattenflotte transportiert. Die Schattenflotte ist damit Kern des russischen Ölexporthandels. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die vergleichsweise geringe Wirksamkeit des bisherigen Sanktionsregimes auf den Ölexport selbst. Obwohl mittlerweile nahezu jeder zweite im russischen Ölexport eingesetzte Tanker sanktioniert ist, tut dies dem Verkauf kaum Abbruch und die Erlöse bleiben entsprechend stabil. CREA beziffert Russlands Einnahmen aus dem Export fossiler Energieträger im Mai 2026 auf 726 Millionen Euro pro Tag, davon rund 360 Millionen Euro allein aus Rohöl, die in den föderalen Haushalt und damit in die Kriegsfinanzierung fließen. Zugleich machen die CREA-Daten die Verwundbarkeit des Systems sichtbar: Die Sanktionierung von Rosneft und Lukoil Ende 2025 ließ die direkt von beiden Konzernen verkauften, seegehenden Rohölmengen binnen drei Monaten um über 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr einbrechen. Zusätzlich führen ukrainische Drohnenangriffe auf die Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk sowie die Raffinerie Tuapse (Rosneft) wiederholt zu Ausfällen. Dass die Einnahmen dennoch grundsätzlich stabil bleiben, verdankt Moskau weniger der eigenen Anpassungsfähigkeit als der Nachfrage und Marktlage. Zudem hat der Preisschub im Zuge der Einschränkungen der Straße von Hormus nicht nur die Erlöse erhöht, sondern auch die westliche Sanktionspolitik gebremst. Die temporäre Aufhebung gewisser Sanktionsteile stärkt das erklärte Ziel Einnahmenbeschränkung Russlands nicht. Hier zeigt sich ein grundlegendes Koordinationsproblem westlicher Sanktionspolitik: Marktregulierung und Eindämmung stehen in einem Zielkonflikt, der durch weltpolitische Entwicklungen beeinträchtig und bislang nicht aufgelöst ist.

Parallel dazu wird auch die Sanktionierung einzelner Schiffe nach wie vor umgangen oder hat schlicht kaum unmittelbare Auswirkungen. Gelistete Tanker werden zum Teil ersetzt, Eigentümerstrukturen wiederum neu verschachtelt, oder Flaggen und Namen gewechselt. Dies geht soweit, dass Flaggen von Staaten eingesetzt werden, welche überhaupt gar kein Flaggenregister für die internationale Schifffahrt zur Verfügung stellen. Darüber hinaus ignorieren die Schiffe Häfen der sanktionierenden Staatengemeinschaft und nehmen lange Stehzeiten zur See in Kauf. Auf diese Weise werden auch potenziell problematische Hafenstaatkontrollen umgangen.

Die Schattenflotte als Instrument hybrider Kriegführung?

Bedeutsam ist neben der ökonomischen Dimension die nahgelegte Funktionsverschiebung oder zumindest -anpassung, die sich seit der russischen Vollinvasion der Ukraine abzeichnet. Vermehrt und in allmählicher Regelmäßigkeit standen und stehen Schiffe der Schattenflotte in Verbindung mit einer Vielzahl an Schädigungen an maritimen kritischen Infrastrukturen. Insbesondere handelt es sich dabei um Unterseekabel, die für Energie-, Kommunikations- und Datenströme verwendet werden. Damit ergibt sich der begründete Verdacht, dass Russland die Schattenflotte nicht mehr bloß in einem System der Sanktionsumgehung einsetzt, sondern ebenfalls als Mittel hybrider Kriegführung.

Unter hybrider Kriegführung in der sogenannten Grauzone werden Aktivitäten bezeichnet, die aktiv schädigen, verunsichern oder destabilisieren sollen, dabei aber unterhalb der Schwelle zum offenen bewaffneten Konflikt bleiben. In der maritimen Dimension ist dies insbesondere aufgrund von fragmentierten Zuständigkeiten von Sicherheitsbehörden sowie schwer zu realisierender Überwachung aller Aktivitäten auf See ein Mittel der Wahl. Gleichzeitig sind Russlands Fähigkeiten in der maritimen Dimension, nebst seiner strategischen Komponente der nuklearen Zweitschlagfähigkeit, limitiert. Mit dem Einsatz von zivilen Schiffen der Schattenflotte für nicht unmittelbar nachvollziehbare Sabotageakte wird ein Weg gefunden, ohne großen sowie nachweisbaren Mitteleinsatz und entsprechendes Risiko Schäden und Unsicherheiten in europäischen Gesellschaften herbeizuführen.

Die empirische Basis dieser Diagnose basiert auf einer Vielzahl an Fällen, die nach Beginn der russischen Vollinvasion zuvorderst im Ostseeraum identifiziert worden sind. Belegt sind damit konkrete Schadensfälle, wie etwa der Tanker Eagle S. Dieses der Schattenflotte zugerechnete Schiff beschädigte am ersten Weihnachtstag 2024 durch das Schleppen seines Ankers über den Meeresboden das Unterseestromkabel Estlink 2 zwischen Finnland und Estland sowie vier weitere Kabel. Während einzelne Unfälle und Disruptionen von Kabel durchaus vorkommen können, führte die vergleichsweise unnatürliche Häufung von Kabelschäden in der Ostsee Ende 2024 im Januar 2025 zu einer Reaktion der NATO. Die Mission Baltic Sentry wurde eingerichtet, um, bis zum jetzigen Zeitpunkt weitestgehend erfolgreich, ähnliche Aktivitäten abzuschrecken und die Region besser überwachen zu können.

Darüber hinaus dokumentieren Behördenkontrollen von entsprechenden Schiffen zunehmend überdurchschnittlich große Besatzungen mit Verbindungen zu russischem Militär oder Söldnergruppen, die dazu häufig auch noch bewaffnet sind. Auch korrelieren gesichtete Drohnenüberflüge innerhalb Europas und an den europäischen Küsten und kritischen Infrastrukturen mit Schiffsbewegungen der Schattenflotte. Allerdings ist die zweifelsfreie Zuordnung einzelner Schädigungen zu mutwilligen Akten nicht immer zweifelsfrei nachweisbar. Beschuldigte berufen sich regelmäßig auf Versehen, wie den Verlust des Schiffsankers. Genau diese Zurechnungsproblematik ist aber konstitutiv für die genannten hybriden Aktivitäten in der Grauzone und Kern des Problems der Vielzahl an nachgewiesenen und vermuteten Sabotageaktionen.

Bedrohungen maritimer Sicherheit

Grundsätzlich lasen sich Sabotage- und Spionageakte dieser Art durchaus auch als vorbereitende Maßnahmen potenzieller militärischer Aktionen lesen. Durch das »Testen« von Sicherheitsbehörden sowie Abwehr- und Reaktionsmaßnahmen liefern sie der Gegenseite Informationen über Verfahrensabläufe und Reaktionszeiten bei Schäden und Unterbrechungen an kritischer Infrastruktur. Dass die Beschädigung von Estlink 2 an einem in Europa gesellschaftlichen bedeutenden Feiertag erfolgte, fügt sich in diese Logik. Hier kann es von großem Interesse sein, Reaktionsmuster und -fähigkeiten zu beobachten und von diesen für spätere, potenziell disruptive Akte zu lernen.

Dabei ist die Schattenflotte nicht das einzige Beispiel ziviler Schifffahrt, das im Verdacht steht, für hybride Operationen eingesetzt worden zu sein. Auch anderweitig wurden zivile Schiffe, die Verbindungen nach Russland haben, mit Schädigungen maritimer kritischer Infrastruktur in Verbindung gebracht, und das bereits vor dem Jahr 2022. Im Frühjahr 2021 wurde das norwegische Unterseekabelsystem LoVe Ocean, eine nationale Forschungsinfrastruktureinrichtung vor den Lofoten, beschädigt; kilometerlange Kabelabschnitte verschwanden vom Meeresboden. Anfang 2022 wurde eines der beiden Glasfaserkabel durchtrennt, die Spitzbergen, und damit unter anderem die für die Satellitenkommunikation zentrale Bodenstation SvalSat, mit dem norwegischen Festland verbinden. In beiden Fällen zeigte die Auswertung von Schiffsbewegungsdaten (AIS), dass russische Fischereiboote die betroffenen Stellen zuvor wiederholt passiert hatten. Das Muster, Korrelation ziviler Schiffe als Plattformen für Aufklärung und mutmaßliche Sabotage einzusetzen, ist also durchaus breiter als die Schattenflotte selbst. Diese fügt dem bestehenden Instrumentarium vor allem Quantität hinzu: Hunderte ziviler Schiffe, deren bloße Präsenz Überwachungskapazitäten bindet und Zurechnungsfragen vervielfacht, ohne unmittelbar unter russischer Flagge zu stehen.

Ein zusätzliches Problem maritimer Sicherheit ergibt sich schließlich daraus, dass Umweltrisiken ganz offensichtlich fahrlässig, teils mutwillig im Rahmen der Schattenflotte in Kauf genommen werden. Die eingesetzten Tanker sind in der Regel überaltert und damit deutlich über dem sichereren Altersdurchschnitt vergleichbarer Schiffe. Sie werden schlecht gewartet und sind ohne anerkannten Versicherungsschutz unterwegs. Die langen Stehzeiten auf See und entsprechenden Arbeitsbedingungen der Besatzungen verschärfen das Risiko von Unfällen zusätzlich. Die Folgen zeigen sich in einer Kette von Zwischenfällen: Im Dezember 2024 zerbrach der Tanker Volgoneft-212 im Sturm in der Straße von Kertsch, ein Schwesterschiff lief auf Grund und tausende Tonnen Schweröl verschmutzten die Schwarzmeerküste. Im Januar 2025 trieb die manövrierunfähige Eventin vor Rügen und musste vor die Küste geschleppt werden, die Gefahr einer Ölkatastrophe stand im Raum. Dies sind nur zwei Beispiele von mehreren Fällen, die im globalen Netz der Schattenflotte verzeichnet und in Kauf genommen werden. Da die Schiffe nicht regulär versichert sind, sind im Havariefall die Anrainerstaaten mit der Schadensbeseitigung konfrontiert. In der nahezu geschlossenen Ostsee würde dies über Jahre, möglicherweise Jahrzehnte dauern. Die Umweltgefährdung ist damit nicht bloß Begleitschaden der Sanktionsumgehung, sondern Teil des Drohpotenzials für die maritime Sicherheit und Umwelt.

Die Distanz schwindet

Zuletzt scheint auf den ersten Blick nunmehr ein Paradoxon zu entstehen. Galt das Prinzip Schattenflotte ursprünglich der Verschleierung und Distanzierung, ändert sich dies zunehmend. Verschachtelte Eigentümerstrukturen, wechselnde Billigflaggen und Schiffsnamen, sowie abgeschaltete Transponder sollten gerade die Zusammengehörigkeit der Schiffe und ihre Verbindung zum russischen Staat unkenntlich machen. Nun lässt sich vermehrt das Gegenteil beobachten: eine zunehmend offene staatliche Anbindung, die über die Beflaggung durch Russland selbst hinaus geht. Denn Russland setzt aktiv Streitkräfte ein, um legitime Zugriffe auf Schattenflottenschiffe zu verhindern. Als estnische Behörden im Mai 2025 den wegen falscher Flagge gestoppten Tanker Jaguar festsetzen wollten, unterbrach ein Kampfjet vom Typ SU-35 den Festsetzungsversuch mit Drohgebärden aus der Luft, der Zugriff unterblieb. Auch eskortiert die russische Marine in einzelnen Fällen Tanker teilweise durch die Ostsee und angrenzende Gewässer. Das zusätzlich eingesetzte, zuweilen bewaffnete Personal mit Verbindungen zu russischen Sicherheitsbehörden und Söldnergruppen soll in ihrer Funktion offenkundig weniger im Schiffsbetrieb als in der Begleitung, Absicherung und gegebenenfalls Abschirmung der Schiffe und ihrer Besatzungen liegen. In der Summe verschiebt sich die Schutzlogik der Schiffe und des Ölexports von der Verschleierung zur Abschreckung und zum unmittelbaren Schutz. Was an plausibler Bestreitbarkeit verloren geht, soll nunmehr durch die Drohung mit Eskalation kompensiert werden.

Russisches Vorgehen eröffnet Möglichkeiten, gegen die Schattenflotte vorzugehen

Dieses scheinbare Paradoxon schneidet allerdings in beide Richtungen. Indem Russland die Verbindung zwischen Staat und Schattenflotte zunehmend offenlegt, untergräbt es die Grundlage des eigenen Modells, die »plausible deniability«, und liefert Anknüpfungspunkte und Zusammenhänge. Marineeskorten und militärische Schutzmaßnahmen machen aus nominell privaten Handelsschiffen staatlich protegierte Akteure. Die Ausflaggung unter russische Flagge bedeutet zugleich, dass Moskau förmlich die Flaggenstaatsverantwortung übernimmt. Russland kann sich dann nicht mehr auf Distanz zu Schiffen berufen, für deren Konformität mit internationalen Standards es selbst einzustehen hat. Schiffe ohne gültige oder mit gefälschter Flagge wiederum unterliegen ohnehin weitreichenden Zugriffsrechten aller Staaten. Und das Recht der friedlichen Durchfahrt durch Hoheitsgewässer gilt nur für Schiffe, von denen keine Gefahr ausgeht. Ein Schiff, welches Aufklärung betreibt, Kabel beschädigt oder sich grundsätzlich nicht-friedlich verhält, kann dies nicht beanspruchen. Auch die dokumentierte Inkaufnahme von Umweltrisiken eröffnet Handlungsraum. Nord- und Ostsee sind durch die International Maritime Organisation (IMO) als Particularly Sensitive Sea Areas klassifiziert. Dies zieht Verantwortung mit sich und erlaubt zusätzliche Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich gegebener Umweltrisiken. Der Zustand vieler Schiffe rechtfertigt damit häufigere Kontrollen und gegebenenfalls die Verweigerung der Weiterfahrt. Dies geschieht unabhängig von der Sanktionsfrage, sofern solche Maßnahmen nicht-diskriminierend alle in Frage kommenden, maroden Schiffe erfassen.

Potenzielle Eskalationsdynamiken

Jede konsequentere Gangart gegenüber der Schattenflotte wird tendenziell weitere russische Gegenreaktionen hervorbringen. Das zeigen bisherige Aktivitäten Russlands, von haltlosen Piraterievorwürfen bis zum besagten Einsatz militärischer Machtmittel zu Abschreckung und Eskorte. Daher sind weitere Eskalationsdynamiken einzukalkulieren, auch wenn bloß geltendes Recht umgesetzt wird, etwa um die Umwelt vor einer Katastrophe zu schützen oder Schiffe aufgrund von falscher Flagge zu kontrollieren. Zu erwarten wäre etwa eine vertikale Eskalation in Form militärischer Drohgebärden, von weiteren Überflügen über demonstrative Marinemanöver bis zur regelmäßig eingesetzten nuklearen Rhetorik, mit der Moskau westliche Entscheidungsprozesse seit 2022 systematisch zu beeinflussen versucht. Wahrscheinlicher und schwerer zu beantworten ist jedoch der Ansatz der horizontalen Eskalation: mehrere parallel herbeigeführte Schadensereignisse finden zeitgleich oder in kurzer Abfolge statt. Dazu könnten Beschädigungen kritischer Infrastrukturen, blockierte Hafenzufahrten, und absichtlich ausgelöste Havarien mit Umweltfolgen zählen. Daneben kann auch über die maritime Dimension hinaus gewirkt werden, indem Behörden gebunden und die Öffentlichkeit überfordert wird. Problematisch ist dabei weniger das einzelne Ereignis als die kumulative Dynamik, die, flankiert von Drohungen, die Belastbarkeit politischer Entscheidungsketten testet.

Fazit und offene Fragen

Die Schattenflotte ist ein Lehrstück über die Funktionsweise von hybrider Konfliktgangart in der Grauzone unterhalb der Schwelle zum bewaffneten Konflikt. Ein Akteur kompensiert seine Handlungsschwäche durch die systematische Ausnutzung von Zurechnungsproblemen, Rechtsambiguitäten und westlicher Risikoaversion. Bemerkenswert ist diese Entwicklung gerade deshalb, weil Russland diese Logik nunmehr partiell verlässt: Der Einsatz von Marineschiffen zur Eskorte, die Ausflaggungen hin zur russischen Flaggenstaatzugehörigkeit und militärische Drohungen opfern Bestreitbarkeit und Distanz zugunsten von Abschreckung. Damit verschiebt Russland die Auseinandersetzung von der Attributions- und Zuordnungsfrage zur Frage westlicher Eskalationsbereitschaft. Bisher wird darauf gepocht, dass in dieser Frage von westlicher Seite eher nachgegeben als standgehalten wird. Denn bislang lähmen juristische Vorsicht und vor allem die Furcht vor militärischer Eskalation die westliche Reaktion. Der Fall Jaguar ist beispielhaft für das Muster: Moskaus Drohgebärden sind kostengünstig und effektiv, weil der Westen sie wirken lässt. Diese Selbstabschreckung überlässt Russland Initiative und Handlungsraum in einem Feld, in dem es grundsätzlich der schwächere Akteur ist.

Lesetipps / Bibliographie

  • Pawlak, Julian: Maßnahmen gegen die »russische Schattenflotte«. Nur ein systematischer Ansatz kann für Effektivität und Sicherheit sorgen, SWP-Aktuell 2026/A 24, Mai 2026, https://www.swp-berlin.org/10.18449/2026A24/.

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