Macht das Russische Haus zum Haus der freien Völker

Von Artur Weigandt (Prag)

Nun ist die Entscheidung gefallen. Am 1. September 2026 haben Bundesaußenminister Johann Wadephul und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt das deutsch-russische Kulturabkommen von 2011 gekündigt – jenen Vertrag, auf dem der Betrieb des Russischen Hauses an der Berliner Friedrichstraße beruht. Anlass war der versuchte Anschlag mit Sprengstoffdrohnen auf den Flughafen Leipzig/Halle Anfang August, für den die Bundesregierung Moskau verantwortlich macht. Jahrelang hatte Berlin die Schließung gescheut, gebremst von juristischen Bedenken und diplomatischer Vorsicht. Jetzt, nach Beratungen im Nationalen Sicherheitsrat, ist sie beschlossene Sache. Zugleich muss das russische Generalkonsulat in Bonn schließen; die Mitarbeiter des Hauses wurden aufgefordert, das Land zu verlassen.

Doch die Kündigung beantwortet nur die erste Hälfte der Frage. Sie bedeutet nicht, dass die Türen morgen zufallen: Das Abkommen über die Kultur- und Informationszentren lässt sich nur zum Ende einer fünfjährigen Laufzeit beenden, und diese läuft erst im Juni 2027 aus. Bis dahin bleibt eine Übergangsphase. Vor allem aber: Das Gebäude selbst – rund 29.000 Quadratmeter auf sieben Etagen, in einer der zentralsten Lagen Berlins – steht im Eigentum des russischen Staates. Mit der Kündigung des Betriebsabkommens ist kein Eigentumsübergang verbunden. Was mit diesem Haus geschehen soll, ist damit vollkommen offen.

Und hier wiederholt sich das eingeübte Muster der Debatte, nur eine Stufe höher. Über Jahre standen sich zwei Lager gegenüber: Die einen forderten die sofortige Schließung, die anderen – Sahra Wagenknechts BSW an vorderster Front – warnten davor, den letzten Gesprächskanal nach Russland zu kappen. Beide Seiten beantworteten die falsche Frage. Denn beide unterstellten, dieses Haus sei Russland. Deshalb schien es nur zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder man schlägt Russland die Tür zu oder man hält sie offen.

Doch das Problem des Russischen Hauses bestand nie darin, dass es russisch ist. Das Problem besteht darin, dass es dem Kreml gehört – und damit einer Macht, die seit Jahrhunderten beansprucht, für andere Völker, Sprachen und Erinnerungen sprechen zu dürfen. Genau diese Frage bleibt auch nach der Kündigung ungelöst. Der Kreml verliert nun das Recht, das Haus zu betreiben – aber er behält die Immobilie. Berlins SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hat bereits eine Enteignung ins Gespräch gebracht; frühere Versuche eines privaten Gläubigers, auf das Gebäude zuzugreifen, scheiterten vor deutschen Gerichten an dessen zumindest teilweise hoheitlicher Nutzung und der damit verbundenen Immunität. Die eigentliche Auseinandersetzung – wem dieses Haus künftig dient – beginnt also erst jetzt.

1984 als »Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur« eröffnet und zuletzt von der Moskauer Agentur Rossotrudnitschestwo betrieben, die die Europäische Union seit Juli 2022 sanktioniert, verteidigte sich das »Haus der Wissenschaft und Kultur« gegen jeden Vorwurf mit demselben Wort: Kultur. Wie viel diese Berufung wert war, ließ sich zuletzt besichtigen. Das hauseigene Filmtheater zeigte Produktionen des abgeschalteten Propagandasenders RT, in denen Ukrainer als Nazis verunglimpft wurden; eine Ausstellung behauptete Kriegsverbrechen der ukrainischen Armee an der eigenen Bevölkerung; wiederholt stellte das Haus der iranischen Botschaft Räume zur Verfügung, und im Erdgeschoss verkaufte eine Buchhandlung russische Kriegspropaganda. Im Juni 2025 urteilte das Verwaltungsgericht München, das Haus falle unter die EU-Sanktionen und dürfe nur noch »Substanzerhalt« betreiben; das Urteil ist bis heute nicht rechtskräftig. All das rechtfertigt das Ende dieses Betriebs. Aber es sagt noch nichts darüber, was an seine Stelle treten soll.

Denn selbst die nun vollzogene Kündigung wäre, für sich genommen, nur eine Schlagzeile für einige Tage und ein Geschenk an die Kremlpropaganda für Jahre. Moskau bekäme seine liebste Rolle frei Haus geliefert: die des verfolgten Opfers. »Russophobie«, würde es heißen. Deutschland verbiete russische Kultur, verstoße Dostojewski, cancele Tschaikowski und Tschechow. Ein leergeräumtes, verkauftes oder in Büroflächen verwandeltes Haus würde diese Erzählung sogar bestätigen: Seht her, sie haben uns einfach ausradiert. Ein verriegeltes Tor an prominenter Adresse ist ein Denkmal, das Moskau sich nichts kosten lässt und jahrelang bespielen kann.

Also nehmen wir dem Kreml dieses Argument. Räumen wir das Russische Haus nicht einfach leer. Entziehen wir es seinem imperialen Anspruch – und füllen wir es neu.

Macht daraus ein Haus der freien Völker. Ein dekoloniales Zentrum für all jene, deren Geschichte vom Russischen Reich, von der Sowjetunion und vom heutigen Russland vereinnahmt, verdrängt oder ausgelöscht wurde. Einen Ort für Ukrainerinnen und Ukrainer, Belarussen, Georgier, Armenier und Kasachen. Für Tschetschenen und Tscherkessen, Krimtataren, Wolga- und Sibirientataren, Baschkiren, Burjaten, Kalmücken, Tuwiner, Sacha und die indigenen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens. Für jüdische und romani Gemeinschaften. Für Russlanddeutsche, Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche, deren Geschichte von Entrechtung, Deportation, Zwangsarbeit und erzwungener Assimilation geprägt ist.

Und auch für jene Russinnen und Russen, die den Krieg ablehnen, den imperialen Anspruch ihres Landes bekämpfen und nicht mehr frei sprechen dürfen.

Der Gedanke ist nicht neu, und er stammt nicht von deutschen Kulturpolitikern. Schon im Mai 2024 forderte die ukrainische Organisation Vitsche, die seit 2022 vor dem Haus protestiert, seine Umwandlung in ein »dekoloniales Haus« und ließ darüber abstimmen, ob seine Räume an die ukrainische Gemeinde übergehen sollten. Was damals wie eine Provokation der Protestierenden klang, ist mit der Kündigung zur praktischen Frage geworden: Die Politik muss nun ohnehin entscheiden, was aus dem Gebäude wird – warum also nicht so?

Dabei darf Russisch nicht länger die selbstverständliche Hauptsprache sein, in die sich alle anderen einzufügen haben. In diesem Haus müsste Ukrainisch ebenso zu hören sein wie Belarussisch, Georgisch und Armenisch, Kasachisch und Kirgisisch, Tschetschenisch und Tscherkessisch, Tatarisch, Baschkirisch, Burjatisch, Jakutisch und Deutsch. Nicht als folkloristische Zugabe zu einer vermeintlich großen russischen Kultur, sondern als eigenständige Sprachen eigenständiger Erfahrungen.

Denn Kolonialismus beginnt nicht erst mit der Eroberung eines Landes. Er zeigt sich auch darin, wer wen übersetzen muss, wessen Geschichte als Mittelpunkt gilt und wessen Erinnerung nur als regionale Fußnote vorkommt.

Ein wirklich dekoloniales Haus dürfte deshalb nicht bloß die Fahnen austauschen. Es müsste seine Ordnung verändern. Nicht Moskau dürfte weiterhin das Zentrum bilden, um das sich alle anderen gruppieren. Die Menschen und Gemeinschaften, über die das Imperium gesprochen hat, müssten selbst entscheiden, welche Geschichten erzählt, welche Archive geöffnet, welche Ausstellungen gezeigt und welche Sprachen gesprochen werden.

Ein solcher Ort könnte sich mit den Deportationen der Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren und Russlanddeutschen beschäftigen; mit der russischen Eroberung des Kaukasus und der Vertreibung der Tscherkessen; mit der Kolonisierung Sibiriens; mit dem Holodomor und dem stalinistischen Terror; mit der Unterdrückung nationaler Sprachen; mit den Spuren deutscher Siedler am Schwarzen Meer und an der Wolga; mit den Familiengeschichten jener Menschen, die über Generationen verschoben, umbenannt und gezwungen wurden, ihre Herkunft zu verschweigen.

Er könnte zugleich zeigen, dass diese Menschen nicht nur Opfergeschichten besitzen. Ihre Literatur, Musik und Kunst, ihre religiösen Traditionen, politischen Bewegungen und Vorstellungen von Zukunft gehören nicht in die ethnografische Vitrine eines russischen Imperiums. Sie gehören ihnen selbst.

Und das Haus böte den Raum dafür. Wo das Filmtheater zuletzt RT-Propaganda abspielte, könnte ukrainisches, georgisches, kasachisches Kino laufen. Die Säle, in denen der Krieg gefeiert wurde, stünden den Redaktionen der aus Russland vertriebenen Medien offen, den Verlagen im Exil, den Bühnen einer Diaspora, die in Berlin ohnehin längst lebt und arbeitet. Zum Komplex gehören 64 Wohnungen – sie könnten verfolgten Autorinnen, Journalisten und Künstlern als Residenz dienen. Ein solches Haus wäre kein Mausoleum, sondern eine Werkstatt.

Das Gebäude selbst trägt diese Geschichte in sich. Errichtet zwischen 1981 und 1984 nach Plänen des DDR-Architekten Karl-Ernst Swora, war es als Schaufenster der sowjetischen Weltmacht im Herzen Ost-Berlins gedacht; im Foyer grüßte lange eine Lenin-Statue, heute eine überlebensgroße Büste Juri Gagarins. Kaum ein Ort verkörpert den Anspruch, im Namen aller Völker zu sprechen, deutlicher. Ihn ausgerechnet jenen zu übergeben, über die dieser Anspruch verhängt wurde, wäre kein Bruch mit der Geschichte des Hauses, sondern ihre Umkehrung.

Man wird einwenden, dies sei schöne Theorie, während die Immobilie juristisch dem russischen Staat gehört und die Kündigung des Betriebs eben kein Eigentumsübergang ist. Das stimmt. Doch gerade deshalb ist jetzt der Moment, die richtige Frage zu stellen. Solange das Haus als »Kulturinstitut« eines fremden Staates betrieben wurde, konnte sich Moskau auf hoheitliche Nutzung und Immunität berufen. Mit dem Ende dieses Betriebs verliert dieses Argument seinen Boden. Ob Enteignung, treuhänderische Verwaltung oder eine andere Konstruktion – der Streit über das Eigentum wird ohnehin geführt werden. Die Politik sollte ihn nicht dem Immobilienmarkt überlassen, sondern mit einer Idee führen: Nicht »Wer bekommt die Fläche?«, sondern »Wofür ist dieser Ort da?« Eine Antwort auf die zweite Frage macht die erste leichter, nicht schwerer. Und die Trägerschaft läge nicht bei einem neuen Amt, sondern bei denen, um die es geht: bei den Exilinstitutionen und Diasporaorganisationen, die sich die Kuratierung teilen, statt dass wieder eine Hauptstadt für alle spricht.

Eine solche Umwidmung träfe Moskau an einer Stelle, die keine Sanktion erreicht: bei seiner Deutungshoheit. Das russische Imperium lebt von dem Anspruch, für all diese Menschen sprechen zu dürfen, das sowjetische Erbe allein zu besitzen und zu bestimmen, was zu Russland gehört. Es erklärt ukrainische Städte zu russischen Städten, eigenständige Völker zu Bestandteilen einer »russischen Welt« und jede Kritik an seiner Herrschaft zu einem Angriff auf Russland selbst. Übergibt man das Haus denen, die der Kreml zum Schweigen bringt, fällt dieser Anspruch in sich zusammen.

Die russische Kultur würde dadurch nicht ausgelöscht, sondern aus den Händen des Staates befreit – und aus der Rolle erlöst, alle anderen Kulturen überschatten zu müssen. Dostojewski braucht Rossotrudnitschestwo nicht. Tschechow braucht keinen Geheimdienst. Zur russischen Kultur gehören auch die Dichter, die Russland einsperrt, die Filmemacher, die es ins Exil treibt, und die Menschen, die sich weigern, ihre Sprache dem Krieg zur Verfügung zu stellen.

Aber russische Kultur ist eben nur eine Kultur unter vielen. Sie ist nicht das Dach, unter dem Ukrainer, Tataren, Burjaten oder Russlanddeutsche ihren Platz erhalten. Das neue Haus müsste allen gehören, ohne dass eine Sprache, eine Hauptstadt oder eine historische Erzählung wieder den Mittelpunkt besetzt.

Ich selbst bin in Kasachstan geboren, in Deutschland aufgewachsen und mit mehreren kulturellen Zugehörigkeiten groß geworden. Gerade solche Biografien zeigen, wie wenig die Geschichte der ehemaligen Sowjetunion in nationale Schubladen passt. Menschen können Russisch sprechen, ohne dem Kreml zu gehören. Sie können Deutsch sprechen und zugleich eine sowjetische Familiengeschichte besitzen. Sie können aus Kasachstan, der Ukraine oder Russland kommen, ohne sich von Moskau erklären lassen zu müssen, wer sie sind.

Das Abkommen mit Moskau war real. Aber die Gegenseitigkeit, auf die es sich berief, war längst zur Fiktion geworden: Die Arbeit der Goethe-Institute in Russland wurde über Jahre eingeschränkt und erstickt, während immer mehr deutsche Einrichtungen zu »unerwünschten« Organisationen erklärt wurden. Insofern hat die Bundesregierung nur nachvollzogen, was Moskau längst vollzogen hatte. Die entscheidende Wahl aber steht noch aus. Sie lautet nicht mehr, ob das Russische Haus schließt, sondern was an seine Stelle tritt.

Berlin sollte die Monate bis Juni 2027 nutzen – nicht, um einen kulturellen Ort verschwinden zu lassen, sondern um ihn neu zu bestimmen: dieselben Mauern, aber andere Menschen, denen sie Schutz geben. Dieselbe Adresse, aber nicht mehr dieselbe Macht. Kein Ersatzministerium für ein anderes Nationalprojekt, sondern ein gemeinsames Haus, das seine Vielfalt aushält.

Die bloße Schließung des Russischen Hauses ist ein Vorgang, den Moskau mühelos in eine weitere Erzählung von Demütigung und Verfolgung verwandeln kann. Ein dekoloniales Haus der freien Völker wäre dagegen ein Satz, auf den der Kreml keine Antwort hat.

Man muss diese Tür nicht verriegeln. Man muss sie denen öffnen, vor denen das Imperium sie verschlossen hat.

Dieser Kommentar ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung des Autors. Er erschien zuvor am 15.08.2026 unter dem Titel »Noch vier Monate. Macht das Russische Haus zum Haus der freien Völker!« online auf n-tv.de, https://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Macht-das-Russische-Haus-zum-Haus-der-freien-Voelker-id31193971.html.

Zum Weiterlesen


Logo FSO
Logo DGO
Logo ZOIS
Logo DPI
Logo IAMO
Logo IOS