Einleitung
Nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 sind zwischen vier und sechs Millionen ukrainische Staatsangehörige ins Ausland geflüchtet. Aufgrund von Datenlücken, unterschiedlichen Annahmen und Beobachtungszeiträumen variieren die Zahlen. Russlands unprovozierter Angriffskrieg ist nicht nur der brutalste europäische Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern hat auch die größte Flüchtlingswelle in Europa seit 75 Jahren ausgelöst. Dieser massenhafte Exodus wurde durch die geografische Lage der Ukraine an der EU-Grenze, die Möglichkeit eines vorübergehenden Schutzes und die hohe geografische Mobilität der Flüchtenden begünstigt.
Für die Ukraine bedeutet dies, dass sich das Land einer der weltweit schlimmsten demografischen Situationen gegenübersieht (ausführlich dazu Libanowa in dieser Ausgabe). Bereits vor der Vollinvasion hatte das Land einen langfristigen demografischen Rückgang erlebt, der durch niedrige Geburtenraten, Abwanderung und eine alternde Bevölkerung bewirkt wurde. Durch den Krieg ist die Geburtenrate von 1,3 Geburten pro Frau 2013 auf 0,98 Geburten 2023 zurückgegangen, wobei 2,1 Geburten pro Frau als Reproduktionsniveau gelten. Das wird langfristige Folgen haben, da das Wirtschaftswachstum, die sozialen Sicherungssysteme und der Arbeitsmarkt stark unter Druck geraten. Für den Wiederaufbau des Landes wird somit die Rückkehr von Geflüchteten eine sehr wichtige Rolle spielen.
Europa verfügt durch diesen Zustrom nun über Millionen gut ausgebildeter und kulturell nahestehender – und somit relativ leicht zu integrierender – neuer Migrant:innen. Für europäische Länder, die selbst vor demografischen Herausforderungen stehen, stellen ukrainische Geflüchtete ein großes Potenzial dar und bieten gute Möglichkeiten, den Arbeitskräftemangel zu verringern und das Wirtschaftswachstum zu steigern. Gleichzeitig entstehen Herausforderungen hinsichtlich der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Integration wie auch für die Koordinierung der politischen Maßnahmen in Bezug auf ukrainische Migrant:innen.
Darüber hinaus ist zu erwähnen, dass eine beträchtliche Anzahl Ukrainer:innen durch den Krieg auch nach Russland gegangen sind. Schätzungen der UN zufolge gab es in Russland Mitte 2023 rund 1,3 Millionen ukrainische Flüchtlinge. Die Lage dieser Vertriebenen – auch jener, die zwangsweise nach Russland gebracht oder einer russischen »Passportisierung« unterzogen wurden, also der quasi erzwungenen Annahme der russischen Staatsangehörigkeit auf den besetzten Gebieten – geht jedoch über das Thema dieses Beitrags hinaus.
Im Folgenden geht es vor allem um die Lage von Ukrainer:innen in der EU. Die Analyse stützt sich weitgehend auf die Ergebnisse der jährlichen repräsentativen Querschnittsstudie, die vom Zentrum für Wirtschaftsstrategie (Centre for Economic Strategy, CES) vorgenommen wird. Daneben wird auch auf andere Studien und offen zugängliche Daten zu ukrainischen Geflüchteten zurückgegriffen. Die Daten der CES-Studie sind auf Discuss Data offen zugänglich. Die Analyse und ihre Schlussfolgerungen stützen sich – falls nicht anders vermerkt – auf diese Datensätze. Zunächst wird jedoch kurz auf die aktuelle rechtliche Situation für ukrainische Geflüchtete in den EU-Staaten eingegangen.
Der rechtliche Status ukrainischer Flüchtlinge in Europa
Die meisten Ukrainer:innen, die das Land nach Beginn der russischen Vollinvasion in Richtung eines anderen europäischen Landes verließen, haben vorübergehenden Schutz oder einen vergleichbaren Status erhalten. Dieser rechtliche Status ermöglicht einen Aufenthalt auf dem Gebiet des jeweiligen Landes wie auch einen Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und dem Arbeitsmarkt. Dieser Status wurde durch die Aktivierung der EU-Richtlinie über die Gewährung vorübergehenden Schutzes (Richtlinie 2001/55/EG des Rates) Anfang 2022 für ein Jahr eingerichtet, mit der Möglichkeit einer Verlängerung. Da der Krieg weiter anhält, wurde der Schutzstatus bis zum 4. März 2027 verlängert, danach ist der rechtliche Status vieler Ukrainer:innen ungewiss.
Auf Empfehlung des Europäischen Rates hin diskutieren die Mitgliedstaaten einen koordinierten Übergang von einem vorübergehenden Schutz zu anderen Varianten eines Aufenthaltsstatus und/oder die Schaffung von Bedingungen für eine allmähliche Rückkehr in die Ukraine. Der jüngsten Studie des CES zufolge sind mit Stand von Anfang 2026 nur 21 Prozent der Flüchtlinge nicht mehr auf den vorübergehenden Schutz angewiesen, da sie zu einem anderen Aufenthaltsstatus im Aufnahmeland wechseln konnten. 20 Prozent derjenigen, die vorübergehenden Schutz genießen, tun sich mit einer Antwort schwer, wie sie nach dem Auslaufen des Schutzes 2027 vorgehen werden.
Einige Aufnahmestaaten gewähren ukrainischen Flüchtlingen zusätzliche Leistungen, etwa Sozialwohnungen, Wohngeld, Finanzhilfen, Sprach- und Integrationskurse usw. Deutschland ist dabei eines der großzügigsten Länder. Der Staat (Bund und Länder) bot hier bis vor Kurzem für die meisten ukrainischen Flüchtlinge Sprachkurse, Sozialleistungen und Wohnraum. Ähnliche Leistungen gibt es im Vereinigten Königreich.
Die Unterstützung für ukrainische Flüchtlinge verändert sich jedoch und hängt von der Bereitschaft und den Kapazitäten des jeweiligen Aufnahmelandes ab. Auch spielt eine Rolle, wie gut sich Ukrainer:innen wirtschaftlich und gesellschaftlich in dem Land integrieren konnten: Je stärker die Integration, desto geringer der Bedarf an Sozialleistungen. Dadurch unterscheidet sich die Lage der Flüchtlinge von einem Aufnahmeland zum anderen.
Darüber hinaus haben zunehmend negative Haltungen gegenüber Migrant:innen, schrumpfende Spielräume der Staatshaushalte und die verbesserte Selbstversorgung der Flüchtlinge für politischen Druck auf die Regierungen gesorgt, die Hilfsprogramme herunterzufahren und neu zu justieren.
Die EU-Staaten haben für geflüchtete Ukrainer:innen Hilfsgelder in beispiellosem Umfang bereitgestellt. Dabei ist seit 2022 der Anteil der Ukrainer:innen, die Hilfsleistungen erhalten, zurückgegangen. Das könnte einerseits auf eine erfolgreiche Integration hindeuten; andererseits könnte es auch eine Folge der Mittelkürzungen bei Hilfsleistungen für ukrainische Flüchtlinge sein. Unserer CES-Umfrage vom November 2022 zufolge erhielten damals 93 Prozent der Flüchtlinge im Aufnahmeland eine Form von Hilfsleistung. Im Januar 2024 lag dieser Anteil bei 71 Prozent und sank bis Ende 2025 auf 63 Prozent.
Laut unseren CES-Zahlen haben Deutschland und Polen die meisten ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen, nämlich 23 bzw. 20 Prozent (ca. eine Million bzw. 840.000 Personen). Die Zahlen liegen unterhalb der offiziellen Daten von Eurostat, weil dort auch Personen erfasst werden, die entweder bereits zurückgekehrt oder in ein anderes Land weitergezogen sind. Deutschland und Polen haben jüngst gesetzliche Regelungen verabschiedet, durch die Leistungen für Ukrainer:innen gekürzt werden. So gewährt Deutschland Ukrainer:innen, die nach dem 1. April 2025 eingereist sind, nicht mehr Leistungen gemäß der allgemeinen Sozialhilfe (seinerzeit: »Bürgergeld«), sondern nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG). Diese Änderung führte zur Kürzung der Hilfsleistung um 20 Prozent sowie zu Einschränkungen bei der medizinischen Versorgung und der Wohnungsoptionen. In Polen scheiterte im August 2025 ein Gesetz, das die Hilfe für Flüchtlinge ausweiten sollte, am Veto des neu gewählten Präsidenten. Danach legte das Parlament einen Kompromissentwurf vor, der den Zugang zu bestimmten Sozialleistungen für Ausländer:innen – hauptsächlich ukrainische Flüchtlinge – an die Bedingung knüpfte, dass sie »wirtschaftlich aktiv« sind oder eine Anstellung haben (ausgenommen Rentner:innen, Menschen mit Behinderungen sowie Personen in Elternzeit). Das Gesetz wurde im September 2025 verabschiedet.
Ebenfalls im September legte der Rat der Europäischen Union Empfehlungen vor, die einen »gemeinsamen Rahmen für geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer« skizzierten, um eine »nachhaltige Rückkehr und Wiedereingliederung in die Ukraine zu gewährleisten, sofern dies die Umstände zulassen, sowie einen schrittweisen Übergang zu einem anderen Aufenthaltsstatus für jene, die darauf Anrecht haben«. Die Empfehlungen sehen Folgendes vor:
- Ausstellung eines nationalen Aufenthaltstitels, etwa im Zusammenhang mit Beschäftigung, Ausbildung oder aus familiären Gründen;
- Unterstützung einer freiwilligen Rückkehr in die Ukraine mit Hilfe von Informations- und Koordinierungsprogrammen sowie der Einrichtung von »Unity Hubs«, die mit Dokumenten und Beschäftigungsberatung helfen sollen;
- Bereitstellung von Informationen für Flüchtlinge über ihre Rechte und die Möglichkeiten zum Wechsel des Rechtsstatus bzw. der Rückkehr in ihre Heimat.
Die Empfehlungen sollen den EU-Mitgliedstaaten als Leitfaden dienen, damit diese ihre Politik in dieser Frage ausarbeiten.
Diese Maßnahmen stehen zugleich im Zusammenhang mit breiteren Reformen der EU-Migrations- und Rückkehrpolitik. Vor dem Hintergrund des möglichen Auslaufens des vorübergehenden Schutzes gewinnen insbesondere jene EU-Regulierungen an Bedeutung, die den Übergang zu anderen Aufenthaltstiteln, freiwillige Rückkehrprogramme und die Koordinierung zwischen Mitgliedstaaten betreffen.
Eine wichtige Grundlage bildet die EU-Strategie für freiwillige Rückkehr und Wiedereingliederung von 2021. Sie schafft einen Rahmen für eine bessere Zusammenarbeit, um wirkungsvoll eine Rückkehr und Wiedereingliederung von Flüchtlingen zu fördern. Zu den Maßnahmen gehören die Bereitstellung erforderlicher Informationen, Wiedereingliederungspakete und eine Zusammenarbeit mit der ukrainischen Regierung in Bezug auf eine Rückkehr von Vertriebenen. Die Maßnahmen könnten für ukrainische Staatsangehörige gelten, nachdem der Status des vorübergehenden Schutzes wie gegenwärtig vorgesehen 2027 ausläuft. Die Strategie ist Teil breiter angelegter Bemühungen der EU, im Rahmen des neuen Migrations- und Asylpaketes ein allgemeines System zur Rückkehr von Flüchtlingen zu schaffen.
Hinzu kommt das 2024 verabschiedete Migrations- und Asylpaket, das eine Reihe von EU-Reformen enthält, um mehr Solidarität zu schaffen, die Verantwortung unter den Mitgliedstaaten besser zu verteilen und eine effektivere Rückkehrpolitik zu erreichen. Unter anderem sollen Solidaritätsmechanismen EU-Staaten mit höherem Migrationsdruck ermöglichen, dass andere Mitgliedstaaten die Rückführung von Migrant:innen unterstützen.
Darüber hinaus legte die Europäische Kommission 2025 einen Vorschlag für eine neue Rückkehrverordnung vor, die die Rückkehr-Richtlinie von 2008 ersetzen soll. Ziel ist eine Modernisierung der europäischen Rückkehrpolitik, unter anderem durch die wechselseitige Anerkennung von Rückführungsbeschlüssen in einer gemeinsamen Datenbank. Dadurch soll verhindert werden, dass aus einem EU-Staat abgeschobene Personen in einem anderen Mitgliedstaat erneut Aufenthalt beantragen. Zudem sieht die Verordnung eine stärkere Koordinierung mit Herkunftsländern vor, darunter ausdrücklich mit der Ukraine. Rückkehrzentren und ukrainische Behörden sollen Rückkehrende etwa bei Arbeits- und Wohnungssuche sowie beim Zugang zu Bildung unterstützen.
Sozialstruktur der ukrainischen Flüchtlinge
Die unterschiedlichen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen prägen zugleich die soziale Zusammensetzung und Integrationsdynamik der ukrainischen Geflüchteten. Unseren Schätzungen zufolge gab es Anfang 2026 rund 5,6 Millionen ukrainische Staatsangehörige im Ausland, die das Land nach der russischen Vollinvasion verlassen haben. Nach dem Beginn der Vollinvasion war in der Ukraine das Kriegsrecht ausgerufen worden, wodurch den meisten Männern zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise verboten wurde (im August 2025 wurden 18- bis 22-jährige davon ausgenommen).
Daher sind die meisten ukrainischen Flüchtlinge im Ausland junge Frauen und Kinder. Mit Stand von Anfang 2026 waren rund 40 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge erwachsene Frauen, während erwachsene Männer nur 29 Prozent der Ukrainer:innen ausmachten und Kinder etwa 30 Prozent. Da die erste Welle der Vertriebenen von 2022 überwiegend aus Frauen und Kindern bestand, lag der Anteil der erwachsenen Frauen Anfang 2024 sogar noch bei 50 Prozent, ist aber kontinuierlich zurückgegangen. Auch neigen Frauen unseren Daten zufolge eher dazu, in die Ukraine zurückzukehren, was ebenfalls den rückläufigen Anteil von Frauen erklärt.
Nach dem Höhepunkt der Fluchtbewegung in den ersten Monaten nach Beginn der Vollinvasion nahm der Anteil der Männer zu. Viele überquerten die Grenze illegal oder hatten Ausnahmegenehmigungen für Auslandsaufenthalte und blieben dann. Ausnahmen gibt es zum Beispiel für Väter von drei oder mehr minderjährigen Kindern oder für jene, die wegen mangelnder Tauglichkeit von einer Einberufung befreit sind.
Was die ukrainischen Geflüchteten von vielen anderen Fluchtbewegungen nach Europa unterscheidet, ist, dass die meisten der Vertriebenen hochqualifizierte Fachkräfte, geografisch mobil und finanziell tendenziell eher abgesichert sind. Das unterscheidet die Betreffenden auch von jenen, die in der Ukraine blieben oder etwa Binnenflüchtlinge wurden. Dieser Umstand stützt das Argument, dass bei den Flüchtlingen eine gewisse Eigenselektion erfolgt. Rund 70 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge haben einen Hochschulabschluss (Bachelor oder höher). Der Anteil der Hochqualifizierten unter den ukrainischen Flüchtlingen im Ausland ist sehr viel höher als in der Gesamtbevölkerung der Ukraine, der vor der Vollinvasion bei 29 Prozent der Ukrainer:innen über 25 Jahren lag.
Rund 22 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge hatten zuvor Erfahrungen mit einem Aufenthalt oder einer Arbeit im Ausland. Auch dies ist fast doppelt so viel wie bei der Durchschnittsbevölkerung vor der Vollinvasion, als der Wert 12,6 Prozent betrug. Ein ähnliches Verhältnis ist bei der finanziellen Absicherung zu beobachten. Da die Daten zum Wohlstand und dem tatsächlichen Einkommen in der Ukraine bestenfalls fragmentarisch sind, stützt sich die Forschung üblicherweise auf Umfragen, die die Selbsteinschätzung der finanziellen Situation erfassen: Ob sich jemand Lebensmittel nur schwerlich leisten kann, Geld für Nahrungsmittel hat, aber bei Kleidung genau abwägen muss usw. Im Juli 2021, als die letzte Umfrage vor der Vollinvasion vom Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) durchgeführt wurde, gaben 57,2 Prozent der Ukrainer:innen an, beim Kauf von Lebensmitteln oder Kleidung sparsam zu sein. Unter den Geflüchteten waren es 2024 allerdings nur 11 Prozent. Die Flüchtlinge verloren zwar einen Teil ihres materiellen Wohlstands, doch hatte sich das bis Ende 2024 für vertriebene Ukrainer:innen wieder auf das Niveau von vor der Invasion »erholt«. Bei Ukrainer:innen in der Ukraine lag dieser Wert während der Invasion hingegen bei 40 Prozent, was gegenüber 2021 einen Rückgang bedeutete. Das ist vermutlich aber auch auf eine gesunkene Wahrnehmungsschwelle in Bezug auf die finanzielle Sicherheit und die wegen des Krieges gesunkene Konsumlaune insgesamt zurückzuführen.
Die geflüchteten ukrainischen Kinder stehen wie ihre Eltern bei der Integration vor vielfältigen Herausforderungen. Dabei geht es um fehlende Freundschaften, Kontrollverlust nach der Migration, Mobbing, Sprachbarrieren, stressbedingte mentale Probleme usw. Werden diese Probleme nicht angegangen, kann das zu mangelnden Leistungen in der Schule und gar dem Schulabbruch führen. Diese Herausforderungen sind insbesondere für Jugendliche markant, die sich nicht so leicht wie jüngere Kinder eine neue Sprache aneignen können und sich oft nicht so einfach in ein neues Bildungssystem integrieren.
Aussichten für eine Rückkehr
Die großen Herausforderungen bei der Integration in den Bereichen Gesellschaft und Bildung, die insbesondere für die jüngere Generation bestehen, wirken sich unmittelbar auf familiärer Ebene auf die Entscheidung aus, ob jemand in die Ukraine zurückkehrt oder nicht. Es bleibt eine zentrale Frage, ob und in welchem Umfang ukrainische Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren werden. Für die Ukraine – mit ihrer schwierigen demografischen Situation und dem angespannten Arbeitsmarkt – würde eine Rückkehr dieser Bevölkerungsteile ein stärkeres Wirtschaftswachstum und eine Erholung nach dem Krieg bedeuten. Für viele Länder, die ukrainische Flüchtlinge aufgenommen haben, bedeutet es hingegen den Verlust von potenziell gewinnbringendem Humankapital.
Polen, das rund ein Fünftel der vertriebenen Ukrainer:innen beherbergt, ist hierfür ein markantes Beispiel. Laut Schätzungen einer polnischen Bank haben ukrainische Flüchtlinge fast fünfeinhalb Mal so viel Steuern bezahlt wie finanzielle Hilfsleistungen erhalten. In einer jüngeren Studie des UNHCR und Deloitte von 2025 schätzen diese, dass die ukrainischen Flüchtlinge das polnische BIP 2022 um 0,5 bis 0,8 Prozent sowie 2023 um 0,7 bis 1,1 Prozent wachsen ließen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass das polnische BIP-Wachstum durch die ukrainischen Migrant:innen auf lange Sicht um 0,9 bis 1,3 Prozentpunkte höher ausfallen dürfte. Neben den höheren Steuereinnahmen ist klar, dass die ukrainischen Flüchtlinge ein beträchtliches Potenzial für langfristiges Wirtschaftswachstum in den Aufnahmeländern darstellen.
Vor einer weiteren Erörterung der Aussichten für eine Rückkehr ukrainischer Flüchtlinge ist anzumerken, dass Umfragen zu den Absichten zwar ein nützliches Mittel sind, allerdings keine konkreten Voraussagen für zukünftiges Handeln darstellen. Die endgültige Entscheidung ist eine komplexe Angelegenheit, bei der Push- und Pull-Faktoren zum Tragen kommen, etwa die Sicherheitslage in der Ukraine, die Politik der Aufnahmeländer, finanzielle Einschränkungen, soziale Netzwerke, familiäre Fragen usw. Diese Faktoren sind ständig im Wandel und letztendlich wird der Umfang und die Zusammensetzung der Rückkehrer:innen in hohem Maße von den Bedingungen vor Ort nach einem Kriegsende abhängen.
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass mit Stand vom Oktober 2025 rund 1,17 Millionen Ukrainer:innen aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Im Großen und Ganzen lassen sich die Geflüchteten im Ausland laut CES-Daten in zwei Gruppen teilen: in jene, die glauben, in der Ukraine sei es besser als im gegenwärtigen Aufnahmeland, und solche, die für sich im neuen Aufenthaltsland bessere Aussichten sehen. Mit der Zeit hat sich die Haltung der Flüchtlinge in Richtung eines Verbleibs im Aufnahmeland verschoben, was auf eine bessere Integration und Anpassung zurückzuführen ist. Ebenso spielt eine Rolle, dass jene, die die Ukraine bevorzugen, zum Teil bereits zurückgekehrt sind. Dadurch verringert sich der Anteil der Geflüchteten, die von einer geplanten Rückkehr sprechen. Planten 2022 noch über 70 Prozent der Ukrainer:innen im Ausland in die Ukraine zurückzukehren, lag dieser Wert 2025 und 2026 nur noch bei rund 40 Prozent. Etwa ein Fünftel ist unentschlossen.
Kinder und Jugendliche sind hinsichtlich der Aussichten auf eine Rückkehr und eine (Wieder)Eingliederung von besonderem Interesse. Als Minderjährige haben sie weniger Handlungsspielraum, wenn es um die Wahl des Wohnorts oder die Entscheidung zur Rückkehr geht. Diese liegt schließlich oft in der Hand der Sorgeberechtigten. Ungeachtet der erwähnten Schwierigkeiten bei der Integration in ein anderes Bildungssystem, fällt es minderjährigen Flüchtlingen leichter, eine neue Sprache zu lernen, neue Freundschaften zu schließen und alte soziale Bindungen zur Ukraine aufzugeben. Das fällt den älteren Flüchtlingen schwerer, da diese stärker in der Ukraine verwurzelt waren. Daher ist anzunehmen, dass die Jüngeren am wenigsten zu einer Rückkehr in die Ukraine neigen, selbst dann, wenn der Krieg beendet sein sollte.
Die Studien des CES untersuchen auch die Bereitschaft von Kindern in die Ukraine zurückzukehren. Nach Aussagen der Eltern (die zum Teil die Erwartungen der Eltern widerspiegeln könnten), ergibt sich ein Anteil von ca. 30 Prozent rückkehrwilliger minderjähriger Flüchtlinge aus der Ukraine. Das sind rund zehn Prozentpunkte weniger als bei erwachsenen Flüchtlingen. Ältere Kinder sind geringfügig weniger an einer Rückkehr in die Ukraine interessiert als jüngere. Aus einer anderen kürzlich erschienenen Studie geht jedoch hervor, dass Kinder im Vergleich zu ihren Eltern seltener die Absicht haben, zu bleiben und eher unentschlossen sind.
Gleichzeitig besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Rückkehrwilligkeit von Kindern und der Möglichkeit, eine ukrainische Online-Schule zu besuchen. Für gewöhnlich sind vertriebene ukrainische Kinder verpflichtet, eine Schule im Aufnahmeland zu besuchen. Allerdings erhalten viele weiterhin auch ukrainischen Online-Unterricht, unter anderem in Fächern, die im Ausland nicht angeboten werden (z.B. Ukrainisch, ukrainische Literatur und Geschichte). Nach Angaben des ukrainischen Bildungsministeriums erhalten rund 360.000 Kinder im Ausland online Schulunterricht aus der Ukraine – das entspricht ca. 40 Prozent der vertriebenen Ukrainer:innen im schulpflichtigen Alter. In Deutschland waren es 2024 rund 33 Prozent der Schüler:innen zwischen 11 und 17 Jahren, die am ukrainischen Online-Schulunterricht teilnahmen.
Es ist wenig überraschend, dass die Frage der Sicherheit den wichtigsten Faktor für eine Entscheidung zur Rückkehr darstellt. Laut einer Studie der IOM nannten 28 Prozent der Befragten, die kurzfristig eine Rückkehr in die Ukraine anstrebten, die verbesserte Sicherheitslage in ihrer Herkunftsregion als wichtigsten Faktor. Laut einer anderen Studie des Thinktanks CEDOS und des ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten nannten 71 Prozent der befragten vertriebenen Ukrainer:innen das »vollständige Ende der Feindseligkeiten in der gesamten Ukraine« als den wichtigsten Faktor bei ihrer möglichen Entscheidung für eine Rückkehr.
Die Akzentuierung der Sicherheit wird durch die Bedeutung unterstrichen, die die Flüchtlinge der territorialen Integrität und internationalen Garantien beimessen. Einer experimentellen Studie von 2025 zufolge stellt die Wiederherstellung der ukrainischen Grenzen von 1991 den wichtigsten Einzelfaktor dar, der subjektiv die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr erhöht, gefolgt von Sicherheitsgarantien durch die NATO. Zu den weiteren Faktoren, die die Flüchtlinge nannten, gehören Beschäftigungsmöglichkeiten in der Ukraine, der Wunsch, ins Heimatland zurückzukehren, eine Wiedervereinigung mit Angehörigen, die euro-atlantische Integration und Fortschritte bei der Umsetzung von Reformen.
Ebenso könnte eine veränderte Flüchtlingspolitik in den Aufnahmeländern einen Einfluss auf die Rückkehrwilligkeit in die Ukraine haben. Laut der CEDOS-Studie verwiesen 14 Prozent der Geflüchteten darauf, dass ein Ende des vorübergehenden Schutzes und der finanziellen Unterstützung hier ein wichtiger Faktor seien.
Finanzielle Absicherung ist ein interessanter Faktor. Wie erwähnt sind jene, die die Ukraine nach Beginn der Vollinvasion verließen, im Schnitt finanziell bessergestellt und gebildeter als der Bevölkerungsdurchschnitt in der Ukraine. Das lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass ein Zusammenhang zwischen Wohlstand und Bildung und der geografischen Mobilität besteht. Gleichzeitig äußerten Flüchtlinge, die vor der Vollinvasion zu den finanziell am besten abgesicherten Gruppen gehörten, sehr viel stärker den Wunsch nach einer Rückkehr: Ihr Anteil ist um zwei bis drei Mal höher als derjenige der finanziell am wenigsten abgesicherten. Das legt nahe, dass sie Schwierigkeiten haben, ihren bisherigen Lebensstandard auch im Ausland zu erreichen. Auch jene, die weiterhin für ukrainische Unternehmen arbeiten – und sei es im Homeoffice – äußern zu rund 70 Prozent eine Rückkehrabsicht.
Darüber hinaus spielen demografische Merkmale eine Rolle bei der Untersuchung der Rückkehrabsichten ukrainischer Flüchtlinge. Männer sind sehr viel weniger geneigt zurückzukehren, was wohl auf eine drohende Einberufung in das Militär und das dortige Ausreiseverbot für die meisten erwachsenen Männer zurückzuführen ist. Ältere Flüchtlinge sind eher geneigt zurückzukehren, da sie längere soziale Bindungen zur Heimat und mehr Anpassungsschwierigkeiten im Ausland haben.
Langfristig könnten auch die EU-Beitrittsperspektiven der Ukraine die Migrationsdynamik verändern, da ukrainische Staatsangehörige im Falle eines Beitritts volle Freizügigkeit innerhalb der EU genießen würden.
Fazit
Die Vertreibung von Millionen Ukrainer:innen – die größte Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg – bedeutet für die wirtschaftliche und demografische Zukunft der Ukraine eine äußerst schwere Belastung. Gleichzeitig ergeben sich daraus – ungeachtet anhaltender Herausforderungen bei der Integration – für die europäischen Länder langfristig wirtschaftliche Möglichkeiten, um den eigenen Arbeitsmarkt und die demografische Situation durch die Integration überwiegend hochqualifizierter ukrainischer Flüchtlinge zu entlasten.
Während die Aufnahmeländer für viele ukrainische Geflüchtete die finanzielle Unterstützung kürzen und Wege für neue Aufenthaltstitel vorbereiten, sind die geflüchteten Ukrainer:innen hinsichtlich ihrer Zukunftspläne gespalten. Es besteht weiterhin eine beträchtliche Rückkehrwilligkeit, die jedoch stetig abnimmt, da die Integration mit der Zeit voranschreitet und die Aussicht auf einen stabilen Frieden in der Ukraine immer noch ungewiss ist.
Folglich hängt die Entscheidung für eine Rückkehr in die Ukraine weitestgehend von einem übergeordneten Faktor ab, nämlich der nachhaltigen Herstellung stabiler Sicherheit in der Ukraine. Der Ausgang des Krieges wird sich unmittelbar auf das Sicherheitsempfinden auswirken und die Bedingungen für wirtschaftliche Erholung und Entwicklung bestimmen und im Zusammenspiel mit der Politik in den Aufnahmeländern entscheiden, wie viele Menschen zurück in die Ukraine kehren. Das wird die Entwicklung in der Nachkriegsukraine entscheidend prägen.
Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder