Vom Kleinkriminellen zum Gotteskrieger. Zur Verflechtung von Kleinkriminalität und gewaltbereitem Extremismus in Kasachstan

Von Serik Beissembayev (Almaty)

Zusammenfassung
Zwar hat es nach diversen kleineren Anschlägen im Jahr 2011 in Kasachstan keine islamistisch motivierten Gewaltakte mehr gegeben, doch scheint die genauere Beschäftigung mit den Hintergründen dieser Taten wichtig auch in Hinblick auf zukünftige Strategien zur Verhinderung solcher Ereignisse. Der folgende Beitrag zeigt auf der Basis von Interviews unter wegen der Anschläge von 2011 verurteilten jungen Männern, dass es eine Verbindung zwischen der Zugehörigkeit Jugendlicher zur kleinkriminellen Subkultur und einer Affinität zu islamistisch-extremistischen Strömungen gibt. Der Autor arbeitet mehrere soziokulturelle Ähnlichkeiten beider Milieus heraus, die diese zunächst ungewöhnlich erscheinende Verflechtung erklären können.

Die Washington Post hat vor einigen Monaten berichtet, dass sich immer häufiger ehemalige verurteilte Straftäter und Kleinkriminelle dem Islamischen Staat (IS) anschließen. Zum Beweis wurde angeführt, dass fast alle Terroristen, die im November 2015 die Überfälle und Bombenanschläge in Paris organisierten, eine kriminelle Vergangenheit haben.

Während in westlichen Ländern die Wechselbeziehungen zwischen krimineller Unterwelt und religiösem Extremismus erst in jüngster Zeit klarer zum Vorschein gekommen sind, machte sich dieses Phänomen in Kasachstan schon ein wenig früher bemerkbar. Die Forschungen des Autors zeigen, dass die Entstehung krimineller Tendenzen in Teilen der Jugendkultur eine wichtige Rolle bei den Terrorakten der Jahre 2011–12 spielte. Auch wenn sich Angehörige verschiedenster Bevölkerungsgruppen den islamistischen Netzwerken angeschlossen hatten, besteht doch ein enger Zusammenhang zwischen kriminellem Hintergrund und der Neigung zu Gewalthandlungen auf religiöser Basis. Junge Menschen, die ihre Sozialisation vor allem »auf der Straße« erhalten haben, sind anfälliger für den radikalen politischen Islam. Genau diese Gruppe von Jugendlichen bildete den aktivsten Teil der radikalen religiösen Zellen, die vor einigen Jahren in Kasachstan existierten.

Die kasachstanischen Behörden sind bereits früh auf das Phänomen des Zusammenwachsens von kriminellem Milieu und religiösem Extremismus aufmerksam geworden. So hat beispielsweise ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft vor einigen Jahren erklärt, dass »Mitglieder krimineller Banden in der Religion die ideologische Rechtfertigung für Straftaten ganz allgemeinen Charakters finden«. Es kursieren auch schon Informationen, dass radikale Gruppierungen die Kontrolle über kriminelle Teile der Geschäftswelt übernehmen würden. Noch interessanter ist, dass die Vertreter des kasachstanischen Ablegers der terroristisch-islamistischen Vereinigung »Dschund al-Khalifat« ganz normale Diebstähle und Raubüberfälle begangen haben, um ihre extremistische Tätigkeit zu finanzieren.

Die Existenz des Problems ist offensichtlich, doch ist noch nicht klar, warum und auf welchem Weg die Gangster von gestern zu Dschihadisten werden. Denn die radikale Ideologie fordert bedingungslose Ergebenheit für die »höchsten Werte des Islam«, das erwartet man bei prinzipienlosen kriminellen Jugendlichen eigentlich nicht. Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine vertiefte Beschäftigung mit dem sozialen und religiösen Kontext, der Nährboden für ein solches Phänomen ist.

Vom übernommenen zum hausgemachten Terrorismus

Kasachstan ist ein Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2009 gaben mehr als 70 % der Bürger an, Anhänger des Islam zu sein. Doch wie in vielen postsowjetischen Staaten ist dies eher Bekenntnis zu einer bestimmten Identität und überlieferten Traditionen, als die Befolgung religiöser Vorschriften und Praktiken.

Im Vergleich mit anderen Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit sind radikale religiöse Ideen in Kasachstan nur wenig verbreitet. Nur 2 % der Muslime Kasachstans stimmen z. B. der Aussage zu, dass ein Angriff auf Mitbürger zur Verteidigung des Islam häufig/gelegentlich gerechtfertigt sein könnte (zum Vergleich: Kirgistan 10 %, Afghanistan 39 %). Ein weiterer Indikator: Nur 10 % der Muslime Kasachstans wünschen, dass die Scharia Gesetzescharakter erhält (in Kirgistan: 35 %, in Afghanistan: 99 %).

Doch ungeachtet dieses relativ positiven allgemeinen Bildes ist in Kasachstan in den letzten Jahren eine beunruhigende Tendenz zu beobachten: der religiöse Extremismus wird zu einer der Hauptbedrohungen der inneren Sicherheit. Bis etwa zum Jahre 2000 hatte man es hauptsächlich mit einem importierten Radikalismus zu tun; die wegen des Verdachts terroristischer Aktivitäten Verhafteten waren Bürger anderer Staaten. Aber diese Phase war nur kurz, seit 2003–2004 waren klare Anzeichen für einen eigenständigen, in Kasachstan wurzelnden Terrorismus auszumachen. Seither sind deutlich mehr Strafverfahren wegen religiöser Terrorakte gegen Bürger Kasachstans eingeleitet worden, seit 2008–2009 mussten Spezialeinheiten immer häufiger Terroranschläge auf dem Territorium der Republik verhindern. Den entscheidenden Umschwung kann man auf das Jahr 2011 datieren, als in verschiedenen Landesteilen Selbstmordattentate verübt und Überfälle auf Vertreter der Rechtsschutzorgane organisiert wurden sowie blutige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Terroristen stattfanden. Insgesamt kam es im Zeitraum 2011–2012 zu 14 terroristischen Anschlägen (hauptsächlich Selbstmordattentate, Überfälle auf Polizisten und Vertreter des Staatsapparats sowie Bombenanschläge auf staatliche Einrichtungen), bei denen 70 Personen getötet wurden. 51 von ihnen waren Terroristen, bei den übrigen Opfern handelte es sich um Vertreter der Sicherheitsorgane und normale Bürger.

Diese Ereignisse haben nicht nur gezeigt, wie verwundbar das politische und gesellschaftliche System Kasachstans ist, sondern auch, dass es in der kasachstanischen Gesellschaft endogene Voraussetzungen für eine Radikalisierung von Bürgern auf religiöser Basis gibt. Nach offiziellen Angaben befinden sich gegenwärtig mehr als 500 Personen wegen religiös motiviertem Extremismus und Terrorismus in den Justizvollzugsanstalten. Mindestens 300 Kasachstaner sind nach Syrien und in den Irak ausgereist. Die Biografien der Mitglieder terroristischer Vereinigungen und von Menschen, die sich um des Dschihads willen in andere Länder aufgemacht haben, zeigen, dass sich die Mehrheit von ihnen im Lande selbst radikalisiert hat – sie waren nicht Mitglied internationaler terroristischer Organisationen und haben keine militärische Grundausbildung in Regionen bewaffneter Auseinandersetzungen (Afghanistan, Tschetschenien), durchlaufen.

Die Binnenperspektive

Um eine genauere Vorstellung vom Wesen und Charakter des »hausgemachten« Terrorismus zu bekommen, wurden 2013–2014 im Rahmen eines Forschungsprojekts der Generalstaatsanwaltschaft der Republik Kasachstan und des Zentrums für Sicherheitsprogramme vom Zentrum für Sozial- und Politikforschung »Strategie« empirische Untersuchungen in vier Gebieten des Landes durchgeführt.

In vier kasachstanischen Gefängnissen (in den Städten Aktobe (Gebiet Aktobe), Atbasar (Gebiet Akmolinsk), Arkalyk (Gebiet Kustanaj) und Aktau (Gebiet Mangistau) wurden insgesamt 13 Strafgefangene interviewt (Aktobe: 8, Arkalyk: 3, Atbasar: 1, Aktau: 1). Ihre Auswahl erfolgte nach dem Prinzip der Schwere der Straftaten, für die sie verurteilt worden waren. D. h., wir haben uns bemüht, diejenigen Teilnehmer der Anschläge der Jahre 2011–2012 zu befragen, die besonders breite Resonanz in Medien und Öffentlichkeit gefunden haben. Alle Studienteilnehmer saßen ihre erste Gefängnisstrafe ab, ihre Hinwendung zur radikalen Ideologie des salafistischen Dschihadismus muss also vor ihrer Verhaftung erfolgt sein.

Unsere Studie ermöglicht genauere Aufschlüsse über die sozialen und kulturellen Voraussetzungen der Radikalisierung der jungen Generation Kasachstans. Schon bei den ersten Kontakten mit den Interviewten zeigte sich ein interessantes Detail: Die Mehrzahl der Befragten gehörte zuvor zur sozialen Kategorie der »bösen Jungs« bzw. Hooligans. Einige sagten gleich zu Beginn der Befragung, dass sie sich in ihrer Kindheit oft geprügelt, nach den sozialen Normen der Straße gelebt und einen hemmungslosen Lebensstil (Alkohol, Zigaretten, Gelage) gepflegt haben. Andere stammen aus Problemfamilien, die in armen und marginalisierten Bezirken lebten. Es ist offensichtlich, dass beide Gruppen stark von einer kriminellen Subkultur beeinflusst wurden, mit all ihren charakteristischen Elementen, wie den ungeschriebenen Gesetzen des kriminellen Milieus (Schwarze Kassen, kriminelle Anführer, Unterstützung verhafteter Gruppenmitglieder etc.), Gaunerjargon, sozialer Spaltung der Gruppen (nach Bezirken und Schulen), Verherrlichung von Gewalt bis hin zur Beteiligung an Aktivitäten der Schattenwirtschaft, Schmuggel u. ä.. Dieses soziale Phänomen, dessen Wurzeln in die sowjetische Vergangenheit reichen, hat sich auch im heutigen Kasachstan ausgebreitet, insbesondere in weit vom Zentrum entfernten Gebieten, die problematische sozioökonomische Entwicklungsmerkmale aufweisen (Migration, wachsende soziale Ungleichheit, Urbanisierung).

Die Datenanalyse zeigt, dass die Rekrutierung für die salafistisch-dschihadistische Ideologie vor allem in Wohngebieten erfolgreich war, in denen halblegale und gesetzwidrige Aktivitäten konzentriert sind: Basare, Vorstädte mit Datschenbebauung und Neubaugebiete. An solchen Orten bildet sich eine besondere Subkultur mit eigenen Moralbegriffen, Autoritäten und Lebenseinstellungen heraus. Der Einfluss staatlicher Strukturen beschränkt sich auf ein Minimum, und in den Beziehungen zwischen den Menschen und den Institutionen dominieren informelle bzw. nichtlegale Praktiken, wie Korruption, Erpressung und Schwarzarbeit.

Typisch ist Salamats Geschichte (die Namen aller Studienteilnehmer sind geändert), des jüngsten Befragten. Als er straffällig wurde, war er gerade einmal 17 Jahre alt. Gemeinsam mit zwei Freunden verübte er einen Raubüberfall auf einen Taxifahrer, dann ermordeten sie einen Polizisten und versuchten, einen Volksheiler zu berauben. Nach offizieller Darstellung haben sie diese Taten unter dem Einfluss radikaler religiöser Überzeugungen begangen.

Salamat wuchs in einer 100 km vom Gebietszentrum gelegenen Kleinstadt auf, die ein Eisenbahnknotenpunkt ist – in Kasachstan ein Synonym für hohe Kriminalitätsrate, hohe Arbeitslosigkeit und einen niedrigen Lebensstandard. Als einziges Kind einer alleinerziehenden Mutter verbrachte Salamat viel Zeit auf der Straße, dementsprechend hatte die kriminelle Subkultur einen starken Einfluss auf ihn. Später, als er eine Berufsschule besuchte, interessierte er sich für Religion und radikalisierte sich unter dem Einfluss eines Freundes sowie von Internetvideos.

Als ein weiteres Beispiel kann Askar (26) dienen, der wegen Beihilfe zu extremistischen Taten verurteilt wurde. Seit seiner Kindheit trainierte er Sambo [eine Spielart des Judo, Anm. d. Übers.], gewann Sportmeisterschaften und trat in Faustkampfturnieren auf. Auf die Frage, ob er sich als Kind oft mit anderen prügeln musste, antwortete er: »Als ich hierher umzog, war die Bevölkerung hier so sozial … arm. Hier standen Wohnheime … Nun ja, der Ehrenkodex ist hier stark entwickelt … Im Prinzip musste man reagieren. Bei uns ist die Schule gleich nebenan und dann die Universität, ein Ausbildungs- und Produktionskombinat, es gibt viele Zugereiste aus den kleinen Siedlungen, mit ihnen gab es Zusammenstöße, eine große Gruppe gegen eine andere, Schule gegen Schule …« Wegen seiner Beteiligung an Schlägereien musste Aksar einige Male aufs Polizeirevier.

Ein Schlüssel zur Erklärung

In Anlehnung an die Beobachtung anderer Wissenschaftler, dass bestimmte Personenkreise (bestimmte Sportler, militärische Spezialberufe), die eine »Kultur des Gewaltverherrlichung« pflegen, empfänglicher als andere für die Ideen eines militanten Islam sind und dass die Rekrutierung für eine radikale Ideologie erfolgreicher in Milieus ist, in denen die Menschen die Realitäten ihres Alltags bereits ähnlich radikal wahrnehmen, hat unser Forschungsprojekt eine Reihe von sozialen Parametern herausgearbeitet, die erklären können, warum die »bösen Jungs« von gestern zu Anhängern der religiös extremen Ideologie des salafistischen Dschihadismus wurden. Die wichtigsten sind:

Die Idee eines konflikthaften Gegensatzes zwischen der islamischen Welt und dem Westen passt zu den Vorstellungen der ins kriminelle Milieu abgeglittenen Jugendlichen, die ihre Umgebung in »die Unsrigen« und »die Anderen« einteilen. Die »leidenden und gedemütigten Muslime« und der »feindliche, gottlose Westen« sind der zentrale Interpretationsrahmen, der von den Ideologen des salafistischen Dschihadismus zur Erklärung der Welt herangezogen wird. Praktisch jeder Studienteilnehmer ist mit diesem Narrativ indoktriniert worden. Die größte Resonanz hat es bei jungen Leuten gefunden, die aus einem Milieu stammen, in dem Menschen auch real in konflikthaften Spannungsverhältnissen miteinander leben. Das Beispiel Askars (26), veranschaulicht dies. Er ist in einer Gegend groß geworden, in der es immer eine Spaltung nach Schulen, Bezirken etc. gab. Er selbst trieb Sport und beteiligte sich aktiv an allen Auseinandersetzungen, um für die eigenen Leute »seinen Mann zu stehen«. Er ist der Meinung, dass jeder Staat eine starke Regierung haben sollte, damit er in der Welt ernst genommen wird. Kasachstan gehört nach seiner Ansicht nicht dazu: »Solange es Naturressourcen hat, bedient man sich Kasachstans, aber wenn sie aufgebraucht sind, wird man es fallenlassen.« Askar vertritt außerdem der Meinung, dass Muslime ihre eigene Armee haben sollten: »Wenn man die Muslime angreift – die Muslime müssen sich gegen Überfälle verteidigen können, in der Lage sein, ihre Familien zu verteidigen.« Auf die Frage des Interviewers, warum Bürger Kasachstans mit Afghanistan ein anderes Land verteidigen sollten, antwortete Askar: »Das ist egal, sie sind Gläubige, und die Amerikaner sind dort … einmarschiert …«Die »bösen Jungs« von gestern sind sehr empfänglich für die Idee des salafistischen Dschihadismus, dass es auch innere Feinde des Islam in Gestalt der Vertreter der Sicherheitsorgane gibt, die Muslime diskriminieren, ihre Rechte einschränken und sie demütigen. In fünf von sieben Fällen waren die extremistischen Gewalttaten der Befragten gegen die bestehenden Machtstrukturen gerichtet, dies entspricht dem Gesamtbild der Terroranschläge der letzten Jahre in Kasachstan. Die Analyse zeigt, dass in einigen Fällen gerade die Vorstellung einer eingebildeten Ungerechtigkeit von Seiten der Polizei Auslöser für Gewalttaten war.

So entschloss sich beispielsweise Dschalgas (24) dazu, mit Freunden eine Polizeiwache in die Luft zu jagen, nachdem in seiner Stadt das wage Gerücht kursierte, Polizeibeamte hätten die Frau eines seiner (ihm nicht persönlich bekannten) Glaubensbrüder vergewaltigt. Dschalgas sagt, dass er unter dem Eindruck seiner Gefühle einfach seinen Glaubensbruder rächen wollte. Hinzuzufügen ist, dass auch Dschalgas, in der Schule aktiv Sport getrieben und an Wettkämpfen teilgenommen hat.

Die Ideologie des salafistischen Dschihadismus betont, dass ein wahrer Muslim seinen Brüdern in jedem Fall helfen muss. Dies hat seine Parallele im Ehrenkodex der Straße, dass ein Bruder den anderen niemals im Stich lässt. Dscharas (28), ebenfalls ein typischer jugendlicher Hooligan, hat nach seiner Wandlung zum aktiven Gläubigen Bekanntschaft mit Anhängern eines radikalen Islam geschlossen. Der Kontakt war aber nicht eng, denn Dscharas lebte in der Hauptstadt des Gebiets, während die radikale Gruppierung ihre Basis in einem 200 km entfernten Dorf hatte. Das hinderte ihn jedoch nicht daran zu seinen Mitbrüdern zu fahren, als diese eine Zusammenkunft aller Mitglieder der Gemeinschaft einberiefen, um einen Heiligen Krieg gegen die örtlichen Polizeibeamten zu führen. Auf die Frage, warum er sich trotz der Entfernung dorthin begeben hatte, kam die Antwort: »Es gibt ja doch Hadithe, dass man den Seinigen helfen muss, wir sind doch Muslime, wir haben Verpflichtungen gegenüber unseren Glaubensbrüdern, es steht doch in den Hadithen geschrieben, dass man einander helfen und sich unterstützen soll, das ist eine Aufforderung an uns, wir sind doch Gläubige.«

Gruppensolidarität ist ein Schlüsselfaktor nicht nur bei der Beteiligung an gewalttätigen Handlungen, sondern auch bei der finanziellen Unterstützung von Extremisten im Ausland. Einige Befragte, die wegen dieses Delikts verhaftet worden waren, erklärten es ebenfalls mit ihrer heiligen Pflicht ihren Brüdern zu helfen. Die »Kollekten« im Namen der leidenden Muslime im Netzwerk des salafistischen Dschihadismus erinnern sehr stark an das System der Geldsammlungen für den Bedarf von Kriminellen. In beiden Systemen erfolgt das Spendensammeln von unten nach oben, d. h., das bei einfachen Mitgliedern bzw. Anhängern der Gemeinschaft gesammelte Geld wird an die auf der obersten Stufe der Hierarchie stehende Person weitergeleitet. Und in beiden Fällen kommt es vor, dass die einfachen Spender bezüglich der wahren Bestimmung ihrer Gaben getäuscht werden, diese z. B. nicht für Not leidende Muslime in Afghanistan, sondern für den persönlichen Bedarf des Anführers der radikalen Gruppe verwendet werden. Eine weitere Parallele besteht darin, dass bei Spendenverweigerung, Gewalt angewendet werden kann.

Im kriminellen Milieu fiel die Idee des Taqfirismus (einer äußerst radikalen Richtung der salafistischen Bewegung, die alle des Abfalls vom Glauben beschuldigt, die ihre Ideen eines reinen Islam nicht teilen) auf fruchtbaren Boden: Muslime dürfen Ungläubige berauben (als Ungläubige werden alle angesehen, die nicht beten), wenn ein Teil der Beute der Unterstützung der Brüder oder dem Dschihad zugutekommt. Eben dies meinte der Vertreter der Staatsanwaltschaft mit der Äußerung, dass Mitglieder der organisierten Kriminalität in der Religion die ideologische Rechtfertigung für ihre profanen Straftaten finden.

Fazit

Die Gruppe der Anhänger eines radikalen salafistischen Dschihadismus spielte eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung des gewaltbereiten Extremismus in Kasachstan ab 2011. Deutungsmuster und Gedankenkonstrukte, die die Ideologen des salafistischen Dschihadismus in Predigten, Internetvideos und Spezialliteratur propagieren, sind offensichtlich besonders für sozioökonomisch marginalisierte Angehörige der kriminellen Subkultur wesensverwandt und einsichtig. Die üblicherweise als Ursache einer Radikalisierung genannten sozioökonomischen und geographischen Faktoren müssen unbedingt durch den mit dem kriminellen Hintergrund von Menschen verbundenen soziokulturellen Aspekt ergänzt werden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass marginalisierte und mit den Moralvorstellungen der Straße aufgewachsene Jugendliche besonders empfänglich für die Lehren einer radikalen Ideologie sind. Es zeigten sich mindestens vier Schnittstellen zwischen der Ideologie des Dschihadismus und der kriminellen Subkultur: eine feindselige Einstellung gegenüber der übrigen Welt; Opposition zu den Rechtsschutz- und Sicherheitsorganen; unverbrüchliche Treue zur Idee der Gemeinschaft und die Überzeugung, dass Gewalt gerechtfertigt ist, wenn sie zum Wohle der eigenen Gemeinschaft ausgeübt wird. Diese Schnittmengen lassen eine Art von Brücke entstehen, auf der die Vertreter der Straßenkriminalität in die Reihen der Dschihadisten wechseln. Wie stabil diese Brücke ist und was zu tun ist, damit sie einstürzt – das sind bereits Forschungsfragen für ein weiteres Projekt.

Aus dem Russischen von Brigitte Heuer

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