Einleitung
Das Autonome Gebiet Berg-Badachschan (GBAO) ist die flächengrößte und zugleich am dünnsten besiedelte Provinz Tadschikistans. In der osttadschikischen Region leben offiziell über 230.000 Menschen, die vorwiegend den indigenen Ethnien des Pamirgebirges angehören und pamirische Sprachen der südostiranischen Sprachgruppe sprechen. Im Gegensatz zu den westtadschikischen Regionen, in denen die Bevölkerung mehrheitlich sunnitisch ist, sind die Pamiris Anhänger der nizari-ismailitischen Strömung des schiitischen Islam und bilden damit eine der ethnisch-religiösen Minderheiten des Landes.
Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1997 genießt die tadschikische Zentralregierung unter der ismailitischen Lokalbevölkerung Berg-Badachschans nur geringe Legitimität, da seitdem kaum staatliche Maßnahmen zur Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur oder Verbesserung der sozioökonomischen Situation umgesetzt wurden. Dennoch hat die Zentralregierung wiederholt versucht, die formal autonome Provinz durch den Einsatz von Gewalt stärker unter ihre Kontrolle zu bringen, wodurch es regelmäßig zu großen Protesten und Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Lokalbevölkerung kam, so u. a. 2012, 2014, 2018 und zuletzt 2021/22.
Im November 2021 haben Beamte des Staatlichen Komitees für Nationale Sicherheit während eines Einsatzes in Tavdem einen unbewaffneten Pamiri erschossen, was eine erneute Protestwelle gegen das Vorgehen der Sicherheitskräfte ausgelöst hat. Wie in früheren Fällen reagierten die Behörden mit massiver Gewalt gegen die Demonstranten, wobei zwischen 2021 und 2022 mindestens 40 Zivilisten erschossen und Hunderte weitere Personen festgenommen wurden. Parallel dazu wurden auf Ersuchen Duschanbes in Russland lebende Pamiris verhaftet und nach Tadschikistan ausgeliefert, oder gewaltsam zur Rückkehr gezwungen. Die staatliche Unterdrückung in GBAO seit 2021 führte schließlich zu einem massiven Exodus der pamirischen Bevölkerung aus Tadschikistan.
Da auch Russland für die pamirische Diaspora keine sichere Option mehr darstellt, sind viele Pamiris nach Europa und Nordamerika geflohen. In der Folge konnte nicht nur eine starke Zunahme der pamirischen Emigration, sondern auch ein grundlegender Wandel pamirischer Migrationsmuster beobachtet werden: zum einen war Russland nicht mehr das priorisierte Zielland, zum anderen wandelte sich die frühere, vor allem wirtschaftlich bedingte Arbeitsmigration zu einer politisch bedingten Emigration von Angehörigen einer unterdrückten Minderheit.
Nach Schätzungen von internationalen Menschenrechtsorganisationen haben rund 50.000 Menschen, und damit fast ein Viertel der Bevölkerung, GBAO zwischen 2022 und 2023 verlassen. Im Gegensatz zur früheren individuellen Arbeitsmigration von einzelnen Familienmitgliedern betraf diese neue Form der Emigration ganze Familien und war nun von langfristiger bzw. dauerhafter Natur. Mögliche Zielländer waren neuerdings vermehrt Staaten außerhalb des postsowjetischen Raums, etwa in Nordamerika oder West- und Mitteleuropa. Für die pamirischen Emigranten und ihre Aufnahmeländer ging dieser Migrationsprozess mit einer Reihe struktureller Herausforderungen einher. Gleichzeitig entstand so ein neues informelles Netzwerk pamirischer Diasporagruppen, deren transnationale horizontale Verbindungen nun weit über Russland und den postsowjetischen Raum hinausgehen.
2022 als Zäsur: Die Unterdrückung der pamirischen Minderheit in Tadschikistan und das Ende der organisierten pamirischen Diaspora in Russland
Bis heute ist Tadschikistan das remissenabhängigste Land der Welt, wobei Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten im Ausland fast 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen. 2024 haben tadschikische Staatsbürger Remissen im Gesamtwert von 5,8 Mrd. US-Dollar an ihre Familien in Tadschikistan rücküberwiesen. Bis 2022 war auch GBAO integraler Teil dieser volkswirtschaftlichen Konstellation und die Migration von Menschen aus dem Pamir daher vor allem wirtschaftlich motiviert. Da GBAO die ärmste Region Tadschikistans ist und sich die Arbeitslosigkeit in der Provinz auf schätzungsweise 80 Prozent beläuft, war der Anteil von Arbeitsmigranten an der Gesamtbevölkerung hier am höchsten. In rund 70 Prozent der Haushalte gab es mindestens eine Person, die zum Arbeiten ins Ausland gegangen war, meistens Russland. Die Rücküberweisungen von Angehörigen aus dem Ausland sicherten zum einen das Überleben der Familien und stärkten zudem die lokale Kaufkraft und damit die regionale Wirtschaft.
Aufgrund der Arbeitsmigration aus GBAO gab es bis 2022 in Russland eine große pamirische Diaspora. Allein in Moskau und dem Gebiet Moskau lebten über 40.000 Menschen aus dem Pamir. Ihre dennoch geringe Gesamtzahl und ihre religiösen und kulturellen Besonderheiten begünstigten eine hohe Mobilität und die Herausbildung relativ autonomer Diaspora-Gruppen, deren informelle Institutionen und Organisationen von lokalen Führungspersonen und Aktivisten geleitet wurden. Im Zusammenhang mit den Entwicklungen in Tadschikistan seit 2021 verwandelte sich Russland 2022 jedoch von einem für die pamirische Diaspora sicheren Land zu einer politischen Gefahrenzone. Seitdem häuften sich Medienberichte und Dokumentationen von Menschenrechtsorganisationen, die einen Anstieg an Entführungen, Abschiebungen sowie systematischen Einschüchterungen von pamirischen Aktivisten verzeichneten, einschließlich Drohungen per Telefon, »Gesprächsvorladungen« beim russischen Inlandsnachrichtendienst FSB und physische Gewalt durch unbekannte Täter. Hinter dieser Entwicklung stand schließlich die Zusammenarbeit zwischen den russischen und tadschikischen Sicherheitsbehörden seit dem Beginn der jüngsten und bis heute andauernden Repressionswelle gegen die pamirische Minderheit in Tadschikistan.
Ausgelöst wurde diese Repressionswelle durch die öffentliche Reaktion auf die Ermordung des damals 29-jährigen Pamiri Gulbiddin Sijobekow im Dorf Tavdem durch tadschikische Sicherheitskräfte im November 2021. Die Regierung erklärte, Sijobekow habe bei seiner Festnahme bewaffneten Widerstand geleistet, woraufhin ihn die Beamten erschossen hätten. Zeugen und lokale Menschenrechtler wiesen diese Darstellung als konstruiert zurück und warfen der Regierung unverhältnismäßige und letztlich tödliche Gewalt gegen einen unbewaffneten Zivilisten vor. Vor dem Hintergrund der wiederkehrenden staatlichen Gewalt gegen die Lokalbevölkerung löste Sijobekows Tod umfangreiche Proteste in der Regionalhauptstadt Khorog aus.
Die pamirische Diaspora in Russland schloss sich den Protestierenden in GBAO mit Solidaritätsaktionen an: Vor der tadschikischen Botschaft in Moskau wurden Demonstrationen abgehalten und in sozialen Netzwerken Kampagnen und Petitionen gestartet, in denen eine unabhängige Ermittlung und die strafrechtliche Verfolgung der Täter gefordert wurden. Die gemeinsamen Anstrengungen von lokalen Demonstranten und pamirischen Diaspora-Aktivisten blieben jedoch vergebens und keiner der am Mord von Sijobekow beteiligten Beamten wurde in irgendeiner Weise strafrechtlich belangt. Aus diesem Grund flammten im Mai 2022 die Proteste in Khorog mit neuer Kraft wieder auf.
Die Antwort der Regierung war ein großangelegter Einsatz von Sicherheitskräften zur gewaltsamen Unterdrückung der Proteste: Nach Schätzungen von internationalen Menschenrechtsorganisationen wurden mindestens 40 Personen getötet und Hunderte weitere festgenommen. Parallel dazu begannen die russischen Behörden auf Ersuchen der tadschikischen Regierung mit der gezielten Verfolgung von pamirischen Diaspora-Aktivisten, von denen Dutzende festgenommen und nach Tadschikistan ausgeliefert wurden, wo sie direkt in Haft kamen. Unter den festgenommenen Aktivisten befanden sich Journalisten, Menschenrechtler und einflussreiche Blogger. Ihnen wurden u. a. die Beteiligung an kriminellen Vereinigungen, Aufrufe zur gewaltsamen Änderung der Verfassungsordnung und Widerstand gegen die Staatsgewalt vorgeworfen. Die Rolle der russischen Behörden bei der Zerschlagung der organisierten pamirischen Diaspora machte deutlich, dass sich Russland mittlerweile aktiv an der transnationalen Repression beteiligt, mit der die tadschikische Regierung kritische Stimmen im Ausland unterdrückt.
Neben den gezielten Attacken durch die Sicherheitsbehörden stellte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine indirekt eine weitere existenzielle Gefahr für die pamirische Diaspora in Russland dar. So gehörten Pamiris mit russischer Staatsbürgerschaft zu jenen Minderheiten auf dem Gebiet der Russischen Föderation, die nach der Mobilmachung im September 2022 besonders stark in den Fokus der staatlichen Zwangsrekrutierung für die russische Armee gerückt sind. Darüber hinaus wurde auch auf pamirische Arbeitsmigranten ohne russische Staatsbürgerschaft durch staatliche Erpressungsmaßnahmen Druck ausgeübt, sich auf russischer Seite am Krieg in der Ukraine zu beteiligen. Dadurch stieg die Zahl der gefährdeten Personen noch einmal weit über den Kreis von Diaspora-Aktivisten hinaus und veranlasste auch viele nicht-aktivistische Pamiris zu einer möglichst schnellen Ausreise aus Russland, um sich der Zwangsrekrutierung zu entziehen.
Aus der ursprünglich wirtschaftlich motivierten Arbeitsmigration wurde so eine Flucht ums eigene Überleben, das sowohl in Tadschikistan als auch in Russland nicht mehr gewährleistet war. Bereits kurz nach den Ereignissen im Mai 2022 versuchten zunächst einige Dutzend, mehrere Monate später dann bereits Hunderte Personen aus GBAO, in Länder der EU, ins Vereinigte Königreich, die Vereinigten Staaten oder nach Kanada zu gelangen. Im Unterschied zu früheren Momenten der politischen Emigration aus Tadschikistan, die vor allem das Ergebnis des staatlichen Vorgehens gegen die organisierte Opposition war, ist diese neue Emigration aus dem Land ethnisch und religiös konnotiert, da sie in direktem Zusammenhang mit der staatlichen Unterdrückung der pamirischen Minderheit seit 2021 steht.
Neue Emigrationsrouten
In Europa entwickelte sich Deutschland innerhalb kurzer Zeit zum wichtigsten Zielland für Emigranten aus GBAO. Dies lässt sich durch eine Kombination mehrerer Faktoren erklären: Zum einen genießt Deutschland einen Ruf als Staat mit vergleichsweise hoher Sensibilität für Menschenrechtsfragen und einem stark institutionalisierten Asylsystem. Zum anderen existierte ein historischer Erfahrungshorizont, da Deutschland bereits in den 2010er Jahren in größerem Umfang Menschen aus Tadschikistan aufgenommen hatte. So wurden allein im Jahr 2016 rund 12.000 Asylanträge von tadschikischen Staatsbürgern gestellt, mehr als in jedem anderen EU-Land. Die meisten Antragsteller gehörten damals zum Umfeld der 2015 verbotenen »Islamischen Partei der Wiedergeburt Tadschikistans« und stammten überwiegend aus den westlichen Regionen des Landes. Den Daten deutscher Migrationsbehörden zufolge stieg die Zahl der Asylanträge durch Staatsangehörige Tadschikistans nach den Ereignissen in GBAO 2021/22 deutlich an. Während 2021 noch 347 Anträge gestellt wurden, erhöhte sich diese Zahl im Jahr 2022 auf 1.026.
Ein beträchtlicher Teil der Migranten überquerte die Außengrenzen der Europäischen Union irregulär, vor allem über Belarus nach Polen, von wo aus die Weiterreise nach Deutschland erfolgte. Eine zentrale Rolle spielten dabei familiäre Verbindungen und bestehende Migrationsnetzwerke, die halfen, die erheblichen Risiken dieser Route zu minimieren. Viele Antragsteller gingen davon aus, dass sie aufgrund der dokumentierten Repressionen in GBAO sowie der bekannten Fälle staatlicher Gewalt internationalen Schutz erhalten würden. Polen fungierte in diesem Kontext vor allem als Transitland. Da sich dort bereits eine vergleichsweise aktive tadschikische Exil-Opposition befand, darunter auch Aktivisten aus der Pamir-Region, stellten zahlreiche Flüchtende zunächst in Polen einen Asylantrag. Ein erheblicher Teil setzte jedoch die Reise innerhalb der EU fort, insbesondere nach Deutschland, und verstieß damit gegen die von der Dublin-Verordnung definierte Regelung, nach der möglichst immer nur ein Land für die inhaltliche Prüfung eines Asylantrages zuständig sein soll.
Eine weitere Emigrationsroute führte ins Vereinigte Königreich, das vielfach als Ausweichoption für insbesondere jene diente, deren Asylanträge in Deutschland abgelehnt worden waren. Diese Migranten reisten in der Regel irregulär nach Frankreich ein, überquerten den Ärmelkanal und stellten anschließend im Vereinigten Königreich einen Asylantrag. Ein vergleichsweise günstiger Faktor bestand darin, dass hier bereits eine größere Diaspora aus der Pamir-Region existierte, die Neuankömmlinge in einzelnen Fällen unterstützen konnte. Als Teil des transnationalen Netzwerks der nizaritischen Ismailiten unter der spirituellen Führung ihres Imams Aga Khan V. (bürgerlich Rahim al-Hussaini) ist die pamirische Diaspora im Vereinigten Königreich auch institutionell deutlich sichtbarer vertreten als in anderen Ländern. Dennoch blieben die Möglichkeiten einer umfassenden Unterstützung durch die nizari-ismailitischen Gemeinden im Vereinigten Königreich begrenzt, da auch sie den rechtlich unsicheren Status eines Großteils der pamirischen Migranten nicht kompensieren konnten.
Eine weitere wichtige Zielregion war Nordamerika und hier insbesondere die Vereinigten Staaten, in die Flüchtende aus der Pamir-Region vor allem über die Mexiko-Route einzureisen versuchten. Seit Anfang 2022 nahm die Zahl der Staatsangehörigen postsowjetischer Länder, darunter auch aus den zentralasiatischen Staaten, die über die mexikanische Grenze in die USA einzureisen versuchten, erheblich zu. Zu dieser Gruppe gehörten auch Emigranten aus GBAO, insbesondere solche mit russischer Staatsbürgerschaft. Diese hat eine visafreie Einreise nach Mexiko ermöglicht, von wo aus anschließend in den Vereinigten Staaten Asyl beantragt wurde. Ein Teil der Migranten verfügte jedoch nicht über die russische Staatsangehörigkeit und nutzte alternative Routen. Dazu gehörte unter anderem die Einreise per Flug nach Ecuador oder Nicaragua, für die tadschikische Staatsbürger kein Visum benötigen bzw. einfach bei der Ankunft erhalten können, gefolgt von einer irregulären Weiterreise durch Mittelamerika bis nach Mexiko.
In Medieninterviews haben Migranten aus postsowjetischen Staaten wiederholt von den erheblichen Gefahren dieser Route berichtet, darunter Raubüberfälle, Entführungen, willkürliche Festnahmen und physische Gewalt. Gleichwohl hielt diese Migrationsbewegung bis Januar 2025 an, als die US-Regierung an der Südgrenze den nationalen Ausnahmezustand ausrief und die mobile App CBP One sperrte, über die Asylanträge eingereicht werden konnten. Die genaue Zahl ehemaliger Bewohner Berg-Badachschans, die in den Vereinigten Staaten Asyl beantragt haben, ist nicht bekannt. Allerdings konnte beobachtet werden, dass ein Teil der pamirischen Migranten über die Vereinigten Staaten nach Kanada weiterreiste, da in vielen Fällen dort bereits familiäre Bindungen oder informelle Unterstützungsnetzwerke bestanden, welche die anfängliche Integration erleichterten.
Asylablehnungen und strukturelle Barrieren
Asylanträge, die sich auf die Annahme einer kollektiven Verfolgung von Menschen aus der Pamir-Region in Tadschikistan stützten, wurden von den deutschen Asylbehörden überwiegend abgelehnt. Die Ablehnungen erfolgten meist mit der Begründung, es lägen keine ausreichenden Belege für eine individuelle Verfolgung vor. Demgegenüber betonten die Antragsteller wiederholt, sie hätten das Land präventiv verlassen, um einer drohenden Verhaftung zuvorzukommen. Gerade dies erkläre, warum sie objektiv keine formalen Nachweise für bereits erlittene Repressionen vorlegen könnten. Menschenrechtsorganisationen wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass viele Mitarbeiter deutscher Asylbehörden nur unzureichend über die Entwicklungen in GBAO informiert seien. Entscheidungen stützten sich häufig auf wenig differenzierte Herkunftslandberichte, in denen Menschen aus der Pamir-Region lediglich randständig oder fragmentarisch Erwähnung fänden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung Tadschikistans auf internationaler Ebene teils bereits die Existenz von »Pamiris« als eigenständige Gruppe bestreitet, was die rechtliche Bewertung entsprechender Asylverfahren zusätzlich verkompliziert hat.
Die Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) spiegeln diese Praxis wider. Im Jahr 2022 erhielten lediglich 80 Antragsteller aus Tadschikistan Asyl, was rund acht Prozent der bearbeiteten Anträge entsprach. 2023 lag die Zahl bei 104, im Jahr 2024 sank sie erneut auf 86. Der überwiegende Teil der übrigen Anträge wurde abgelehnt oder aus formalen Gründen nicht zur Entscheidung angenommen. Darüber hinaus wurden nach Angaben deutscher Medien seit 2024 mindestens 88 tadschikische Staatsangehörige aus Deutschland abgeschoben.
Auch in den Vereinigten Staaten entstanden durch die Verschärfung der Migrationspolitik zusätzliche Barrieren. Seit Mai 2023 wurden die Möglichkeiten, nach einem irregulären Grenzübertritt einen Asylantrag zu stellen, durch neue Regelungen erheblich eingeschränkt. Seit Ende 2024 bzw. Anfang 2025 ist im Zuge des migrationsfeindlichen Kurses der neuen US-Administration unter Donald Trump zudem eine Zunahme von Festnahmen zu verzeichnen, u. a. bei Razzien und Kontrollen durch die U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) sowie den U.S. Citizenship and Immigration Services (USCIS). Auch Emigranten aus GBAO sind von diesen Maßnahmen betroffen, was in mehreren Fällen zur Trennung von Familien geführt und die Gefahr einer Abschiebung nach Tadschikistan deutlich erhöht hat.
Die hohe Zahl abgelehnter Asylanträge sowie die langen Bearbeitungszeiten führten dazu, dass sich unter Emigranten aus der Pamir-Region zyklische Migrationsbahnen herausbildeten. Für einen beträchtlichen Teil der Antragsteller bedeutete eine Ablehnung in Deutschland nicht die Rückkehr in das Herkunftsland, sondern wurde vielmehr erzwungenermaßen zum Ausgangspunkt einer erneuten Suche nach alternativen Zielländern. In der Praxis äußerte sich dies in wiederholten Weiterreisen entlang von Routen wie Deutschland–USA, Deutschland–Großbritannien oder USA–Kanada. Damit gingen erhebliche Verluste an finanziellen Ressourcen, rechtlicher Stabilität und Zeit einher. Die mehrfache Migration von einem Land in das nächste erfolgte dabei in der Regel nicht auf Grundlage strategischer Planung, sondern als reaktive Anpassung an institutionelle Barrieren der jeweiligen nationalen Asylsysteme.
Diese erzwungene Mobilität verstärkte die soziale Vulnerabilität der Migranten erheblich. Personen ohne gesicherten rechtlichen Status verfügten nur über einen stark eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialen Sicherungssystemen. Angesichts von Arbeitsverboten oder dem Fehlen von offiziellen Handels- und Gewerbelizenzen sahen sich viele gezwungen, informelle Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, was das Risiko von Ausbeutung, Prekarisierung und Schuldabhängigkeiten deutlich erhöhte. Neben diesen wirtschaftlichen Einschränkungen traten die psychischen Folgen von Flucht und Gewalt zunehmend in den Vordergrund. Viele Emigranten aus GBAO hatten unmittelbare Gewalterfahrungen gemacht, den Verlust von Angehörigen erlitten, eine langanhaltende Blockade der Region durch die tadschikische Regierung erlebt, oder lebten in ständiger Angst vor Verfolgung und transnationaler Repression durch den tadschikischen Staat. Dies führte in zahlreichen Fällen zu Symptomen posttraumatischer Belastungsstörungen, Depressionen und Angstzuständen.
Diese Belastungen wurden durch die anhaltende Ungewissheit über den eigenen rechtlichen Status, lange Wartezeiten auf behördliche Entscheidungen sowie die permanente Gefahr einer Abschiebung weiter verschärft. Besonders betroffen waren Familien mit Kindern sowie ältere Personen, die sich in der erzwungenen Emigration häufig ohne belastbare soziale Unterstützung wiederfanden. Die Trennung von Angehörigen, die in GBAO verblieben waren, sowie das Fehlen realistischer Perspektiven für eine sichere Rückkehr verstärkten zusätzlich das Gefühl existenzieller Unsicherheit und Instabilität.
Fazit: Eine Diaspora ohne Status?
Nach den Entwicklungen in Tadschikistan seit 2021 hat sich in Westeuropa und Nordamerika eine neue pamirische Diaspora herausgebildet, die sich grundlegend von ihren Vorläufern unterscheidet. Sie ist fragmentiert, geografisch stark verstreut und in weiten Teilen ohne institutionelle Anerkennung. Im Unterschied zur früheren Diaspora in Russland, die vor allem im Kontext von Arbeitsmigration entstanden war und sich durch eine gewisse soziale und rechtliche Stabilität auszeichnete, ist die neue Emigration durch das Fehlen nachhaltiger Sicherheiten und langfristiger Perspektiven geprägt.
Die Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft erfolgt überwiegend über informelle Netzwerke: persönliche Kontakte, digitale Kommunikationskanäle der Diaspora sowie religiöse und kulturelle Bindungen. Diese Strukturen sind zwar in der Lage, kurzfristige Hilfe zu leisten und individuelle Notlagen abzufedern, können jedoch institutionelle Schutzmechanismen, rechtliche Absicherung und langfristige Integrationsangebote nicht ersetzen. Auf diese Weise entstand eine Diaspora, die sich dauerhaft in einem Zustand des Provisorischen befindet und in der das Warten auf behördliche Entscheidungen zum prägenden Element des sozialen Alltags geworden ist. Rechtliche Unsicherheit, eingeschränkte Handlungsspielräume und eine fehlende Perspektive auf Stabilität strukturieren das Leben vieler pamirischer Migranten nun bereits seit Jahren.
Die dargestellten Entwicklungen legen nahe, dass die Emigration aus der Pamir-Region nach 2022 keine lediglich kurzfristige Reaktion auf die akute Krise in GBAO ist, sondern es sich um ein anhaltendes Migrationsphänomen mit langfristigen sozialen und politischen Folgen handelt. Die staatliche Repression in Berg-Badachschan hat eine Form politischer Emigration hervorgebracht, die auch unter verschärften migrationspolitischen Bedingungen in den Zielländern fortbestehen dürfte. Die westlichen Asylsysteme sind primär auf individuelle Verfolgungstatbestände zugeschnitten und erwiesen sich daher als strukturell begrenzt, Fälle von kollektiver Verfolgung aufgrund ethnisch-religiöser oder regionaler Zuschreibung zu erfassen. Bis 2022 galt Tadschikistan nicht als relevantes Herkunftsland politischer Emigration aufgrund ethnischer Zugehörigkeit. Außerhalb enger Expertenkreise waren (und sind) die Repressionen in GBAO kaum bekannt. Daraus ergab sich die Gefahr der Entstehung einer marginalisierten Diaspora mit dauerhaft unsicherem rechtlichem Status und jenseits stabiler Schutz- und Integrationsmechanismen – mit langfristig negativen Folgen sowohl für die Migranten selbst als auch für die aufnehmenden Gesellschaften.
Für die Autonome Provinz Berg-Badachschan bedeuten diese Prozesse den Verlust eines erheblichen Teils ihres Humankapitals, insbesondere unter jungen, mobilen und gesellschaftlich aktiven Teilen der Bevölkerung. Langfristig droht dies, bestehende soziale und wirtschaftliche Probleme weiter zu verschärfen und die strukturelle Abhängigkeit der Region von Rücküberweisungen und externen Subventionen zu verfestigen. Die Emigrationsbewegung aus der Pamir-Region seit 2022 stellt damit ein qualitativ neues Phänomen in der Migrationsgeschichte Tadschikistans und Zentralasiens dar. In ihr überlagern sich politische Flucht, die nationale und transnationale Unterdrückung einer ethnisch-religiösen Minderheit und rechtlich-institutionelle Vulnerabilität in den Aufnahmeländern auf neuartige Weise.
Für die regionalwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Zentralasien macht dieser Fall deutlich, dass etablierte Ansätze zur Analyse von Migration nur eingeschränkt greifen und für eine der Komplexität der Situation angemessene Bewertung weiterentwickelt und verfeinert werden müssen. Für Politik und Praxis der Flüchtlingsaufnahme ergibt sich andererseits die Notwendigkeit, Bewertungsmechanismen für kollektive Verfolgung zu überdenken und die Länder- und Regionalkompetenz in Bezug auf Tadschikistan und GBAO deutlich zu vertiefen. Werden diese Aspekte nicht berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass sich ein Zustand verfestigt, in dem Emigranten aus der Pamir-Region auf lange Zeit »permanent provisorisch« bleiben – ohne realistische Aussicht auf sichere Rückkehr und ebenso ohne die Möglichkeit einer vollwertigen Integration in den aufnehmenden Gesellschaften.
Aus dem Russischen von Hartmut Schröder