Belarus-Analysen

Ausgabe 83 (08.05.2026), S. 2–4

Der Iran-Krieg: Lukaschenko zwischen Loyalität und Kalkül

Von Alexander Friedman (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)

Seit dem Frühjahr 2026 richten die USA ihren Fokus verstärkt auf ein von China und Russland geprägtes Netzwerk autoritärer, antiwestlicher Staaten, das die amerikanische Historikerin und Autorin Anne Applebaum pointiert als »Achse der Autokraten« bezeichnet. Während in Venezuela der langjährige Staatschef Nicolás Maduro Anfang Januar gestürzt und entführt wurde, gerät das ohnehin geschwächte kommunistische Regime auf Kuba unter dem wirtschaftlichen wie politischen Druck der USA zunehmend ins Wanken. Das iranische Mullah-Regime, das im Januar die Proteste brutal niedergeschlagen hatte, wird von den USA und ihrem wichtigsten Partner Israel militärisch angegriffen. Bestrebt, ihren zentralen Rivalen, die Volksrepublik China, zu schwächen, betreiben die USA zudem gleichzeitig eine aufwendige Charmeoffensive auf dem belarusisch-russischen Abschnitt der »Achse«, die gerade im Fall Belarus gefruchtet hat, zur Annäherung zwischen Minsk und Washington geführt und unter anderem zur Freilassung von Hunderten belarusischen politischen Gefangenen beigetragen hat.

Wie wurde unter diesen Umständen der Iran-Krieg vom Regime in Minsk und von der belarusischen demokratischen Bewegung wahrgenommen? Kann der Angriff auf einen weiteren »Achsenpartner« Auswirkungen auf das belarusisch-amerikanische Verhältnis haben? Wenn Wladimir Putin im Westen derzeit als zentraler Nutznießer des Konflikts im Nahen Osten gilt, stellt sich die Frage nach der Rolle von Alexander Lukaschenko. Dieser bezeichnet sich selbst als »jüngeren Bruder Russlands« und wird in der EU häufig als »russische Marionette« bzw. »Vasall« charakterisiert, dem in außen- und sicherheitspolitischen Fragen nur ein äußerst begrenzter Handlungsspielraum zugeschrieben wird.

Belarus und der Iran-Krieg

Interessiert sich die belarusische Gesellschaft überhaupt für die Situation im Iran und für den Krieg? Obschon einschlägige Umfragen fehlen, deuten die Berichterstattung in der offiziellen Propaganda und in regimekritischen Exilmedien sowie Reaktionen in sozialen Netzwerken auf ein vorhandenes Interesse hin. Ausschlaggebend für die Einschätzung der Proteste im Iran im Januar 2026 und des aktuellen Krieges scheint dabei vor allem das Verhältnis zum Lukaschenko-Regime, zu den belarusischen Protesten von 2020 und zur Trump-Administration zu sein. Während unter Regimegegnern klare Sympathien für die demokratische Bewegung im Iran – die auch von der seit 2020 im Exil lebenden Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja zum Ausdruck gebracht werden – sowie Hoffnungen auf den Untergang des iranischen Partners der belarusischen Diktatur zu beobachten sind, solidarisieren sich häufig antiamerikanisch, antiisraelisch und prorussisch gesinnte Sympathisanten des Lukaschenko-Regimes eher mit der Islamischen Republik.

Die belarusische Staatspropaganda, die längst Teil einer verzweigten Propagandainfrastruktur der Russischen Föderation ist, befeuert diese Tendenzen zusätzlich, indem sie – meistens Thesen russischer Medien wiederholend und wie bereits im Zwölftagekrieg 2025 – die offizielle iranische Sicht sowie antiamerikanische und insbesondere antiisraelische Narrative verbreitet und dabei nicht vor offenen antisemitischen Verschwörungstheorien zurückschreckt. So ist ein in Russland konstruiertes antisemitisches Feindbild einer israelisch-amerikanischen »Epstein-Koalition«, die angeblich den Iran und seine Bevölkerung zerstören wolle, ist auch in Belarus im Umlauf: Als US-Amerikaner jüdischer Herkunft und vermeintlicher Mossad-Informant fungiert der Sexualstraftäter Jeffrey Epstein dabei als Bindeglied zwischen Israel und den USA. Ähnlich wie in Russland geht man mit Washington und vor allem mit dem von Putin und Lukaschenko vor kurzem noch hochgelobten, impulsiven und launischen Präsidenten Trump jedoch deutlich vorsichtiger um als mit seinem israelischen Partner Benjamin Netanjahu: Netanjahus Israel wird im Sinne althergebrachter antisemitischer Stereotype zu einem brutalen Kriegstreiber stilisiert, der Trump auf einen Irrweg gebracht haben soll; die USA hingegen werden weiterhin als bedeutende Supermacht wahrgenommen, mit der Russland künftig Einflusszonen aufteilen und Belarus seine Beziehungen normalisieren möchte.

Obwohl diese Berichterstattung wohl Lukaschenkos eigene Ansichten widerspiegelt – insbesondere die These von Israels Schlüsselrolle wird von ihm hervorgehoben –, agieren der Autokrat und sein Außenministerium bewusst vorsichtig und zögerlich. Minsk stellte sich auf die Seite Teherans, verurteilte die amerikanisch-israelische Militäroperation und insbesondere die Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei sowie weiterer iranischer Spitzenfunktionäre. Der iranische Botschafter in Minsk, Alireza Sanei, wurde am 4. März zu Lukaschenko eingeladen und erhielt in den folgenden Tagen zahlreiche Gelegenheiten, seine Narrative und Drohungen gegen Israel und die USA in den belarusischen Staatsmedien zu verbreiten. Ansonsten blenden Lukaschenko – der sich sonst gerne zu außenpolitischen Themen äußert – und sein Umfeld das kontroverse Thema Iran, ähnlich wie bereits während des Zwölftagekrieges, weitgehend aus und warten die Reaktionen in Moskau und Peking ab.

Wie bereits im Zusammenhang mit Venezuela und auch mit Blick auf die Situation in Kuba bleibt Lukaschenkos demonstrative Solidarität mit den Partnern der »Achse der Autokraten« auch im Fall Iran weitgehend auf Lippenbekenntnisse begrenzt. Er beschränkt sich bewusst auf das symbolisch Notwendigste oder, wie er selbst betont, auf das, was »auf menschliche Weise« erforderlich gewesen sei: Nach der Tötung Ali Chameneis wurde ein Kondolenzschreiben nach Teheran geschickt, und Modschtaba Chamenei wurde zu seiner Wahl als Oberster Führer gratuliert. Die Ausschaltung der »grauen Eminenz« des iranischen Regimes, des Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrates Ali Laridschani am 17. März, der Lukaschenko übrigens persönlich gut bekannt war, wurde in Minsk – im Gegensatz zu Moskau – ignoriert. Die Festgrüße zum Nowruz-Fest und zum iranischen Neujahr wurden zwar übermittelt, jedoch verspätet: Während Putin in seinem Schreiben Modschtaba Chamenei ausdrücklich erwähnte, richtete Lukaschenko seine Glückwünsche lediglich an Irans Präsidenten Massud Peseschkian und an das iranische Volk.

In der Frage der Unterstützung der Islamischen Republik hält sich Putin bislang eher bedeckt: Für Waffenlieferungen aus Moskau gibt es bisher keine Belege; die Qualität der laut westlichen und ukrainischen Presseberichten gelieferten nachrichtendienstlichen Informationen lässt sich indes nicht verlässlich einschätzen. Lukaschenko geht mit diesem Thema hingegen deutlich offener um: Am 20. März ließ er über ihm nahestehende Journalisten verlauten, dass die Lieferung von Waffen, etwa Raketen, angesichts des aktuellen Krieges für ihn nicht infrage komme, da er einen Konflikt mit den USA nicht riskieren wolle. Von der Lieferung humanitärer Hilfsgüter ist bislang allerdings ebenfalls keine Rede.

Obwohl Lukaschenko das iranische Regime als »Freunde« bezeichnet und Moskau sogar eine »strategische Partnerschaft« mit Teheran verbindet, verfolgen beide in erster Linie eigene Interessen, die jedoch weitgehend übereinstimmen. Für Putin wäre ein militärischer Erfolg der USA und Israels, der in einer raschen Schwächung der Islamischen Republik, einer außenpolitischen Neuausrichtung oder sogar einem graduellen bzw. abrupten Regimewechsel in Teheran resultieren könnte, insgesamt ein ungünstiges Szenario, da er den strategischen und wirtschaftlichen Interessen des Kremls in der Region zuwiderliefe. Gleichzeitig könnten jedoch kurzfristig und mittelfristig die unter erheblichem Druck stehende russische Kriegswirtschaft erheblich von steigenden Öl- und Gaspreisen profitieren. Zudem verschiebt der Konflikt im Iran die internationale Aufmerksamkeit weg vom Krieg in der Ukraine, während Moskau angesichts zunehmender Spannungen zwischen Washington und europäischen Partnerstaaten auf eine abnehmende westliche Unterstützung für Kyjiw sowie auf eine erfolgreiche Fortsetzung seiner eigenen »speziellen Militäroperation« setzen kann. Wenngleich diese Entwicklungen für Lukaschenko gewisse Risiken bergen, insbesondere bei einer weiteren Zuspitzung des Krieges in der Ukraine, sind sie insgesamt für ihn günstig, nicht zuletzt angesichts der rasanten wirtschaftlichen Abhängigkeit Belarus’ von Russland.

Zwischen Teheran, Moskau und Washington: Lukaschenko im Spagat

Lukaschenkos Haltung zum Iran-Krieg wird auch von weiteren Faktoren beeinflusst: von den Beziehungen zu den Golfstaaten, insbesondere zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, die unter iranischen Angriffen leiden, sowie von dem Bestreben, die Beziehungen zu den USA aus wirtschaftlichen und politischen Gründen zu verbessern und sein autoritäres Regime zu konsolidieren bzw. zusätzlich abzusichern.

So sieht Minsk derzeit keinen Anlass, den von Trump initiierten »Friedensrat« zu verlassen. Vielmehr ist Lukaschenko bestrebt, sich aktiv an dessen Arbeit zu beteiligen. Die ungünstige außenpolitische Lage stellt dabei kein Hindernis für eine Zusammenarbeit mit den USA dar, die längst zu den außenpolitischen Prioritäten zählt. Das Treffen Lukaschenkos mit einer US-Delegation unter Leitung von Trumps Sondergesandtem John Cole fand wie geplant am 19. März statt. Dabei wurde ein »Deal« ausgehandelt, der zur Freilassung von 250 politischen Gefangenen sowie zur Aufhebung von Sanktionen gegen das belarusische Finanzministerium, einzelne Banken und die Kaliumindustrie, die für die USA angesichts des aktuellen Krieges und seiner Folgen wirtschaftlich bedeutsam ist. Dieser Deal könnte zudem den Weg für weitergehende Vereinbarungen und eine vollständige Normalisierung der bilateralen Beziehungen bis hin zu einem Staatsbesuch von Lukaschenko in den USA ebnen.

Neben wirtschaftlichen und politischen Interessen sowie dem Ziel der Schwächung der »Achse der Autokraten« fungiert Putins und Xi Jinpings Vertrauter Lukaschenko aus Sicht der USA weiterhin als Informationskanal innerhalb der »Achse«, insbesondere von und nach Moskau, was auch im Zusammenhang mit einer möglichen Beendigung des Krieges in der Ukraine von Nutzen sein könnte. Die Freilassung politischer Gefangener wird von den USA zwar stets als Erfolg dargestellt, doch scheinen Demokratisierung und innenpolitische Veränderungen in Belarus nicht auf der Tagesordnung der belarusisch-amerikanischen Verhandlungen zu stehen. Obwohl manche russische Autoren die Annäherung zwischen Minsk und Washington kritisch als »antirussische Aktion« bewerten, erscheinen diese Befürchtungen übertrieben. Die unter demokratischen Aktivisten verbreitete Annahme, die USA wollen die Verbindung zwischen Minsk und Moskau zumindest schwächen, erscheint angesichts der aktuellen russischen Dominanz über Belarus eher unrealistisch. Russland hat daher wenig Anlass zur Sorge: Lukaschenko sitzt am kürzeren Hebel gegenüber Russland, und Moskau ist in der Lage, die Grenzen einer belarusisch-amerikanischen Annäherung zu bestimmen.

Im Zusammenhang mit dem Iran lässt Lukaschenko immer wieder seinen antieuropäischen und antiisraelischen Ressentiments freien Lauf. Diese sollen ihm helfen, zusätzliche Sympathien in Russland, in muslimischen Staaten und auch in den USA (etwa bei Trump und MAGA-Anhängern) zu gewinnen. Bereitwillig greift er Trumps Narrativ auf, wonach die »feigen« Europäer jahrzehntelang von den USA profitiert hätten und Washington im Iran-Krieg »verraten« hätten. In seinen mehr als 30 Jahren an der Macht wurde Lukaschenko von israelischer Seite wiederholt des Antisemitismus beschuldigt. Durch seine ungeschickten, klischeehaften und antisemitisch anmutenden Äußerungen sicherte er sich einen festen Platz in Berichten des israelischen Diaspora-Ministeriums zum Thema Antisemitismus. Weitere Konsequenzen hatte er bislang jedoch kaum zu befürchten und wird daher wohl auch künftig nicht auf gelegentliche Bemerkungen über »die Juden«, die Trump in den Krieg hineingezogen hätten, verzichten.

Der Iran-Krieg stellt somit eine Chance für Lukaschenko dar. Obwohl er in hohem Maße von Russland abhängig bleibt, versucht er dennoch, seinen begrenzten außenpolitischen Spielraum für eigene Ziele zu nutzen. Angesichts der Fortschritte in den Verhandlungen mit den USA und neuer Möglichkeiten für die belarusische Wirtschaft kann man inzwischen von einem gewissen Erfolg sprechen: Russlands »kleiner Bruder« wird zum »kleinen Nutznießer« des Iran-Krieges.


Text aktualisiert am 29. März 2026.

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