Einleitung
Zwischen dem 27. November und dem 7. Dezember 2025 unternahm der belarusische Machthaber Aljaksandr Lukaschenka eine umfangreiche Auslandsreise. Neben Besuchen in zwei asiatischen Ländern (Kirgisistan und Myanmar) konzentrierte sich der international umstrittene Politiker vor allem auf die MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika). Vom 28. November bis zum 2. Dezember 2025 besuchte er das Sultanat Oman. Von dort reiste er weiter nach Algerien. Drei Tage später, am 5. Dezember 2025, flog Lukaschenka zurück nach Oman, von wo er nach zweitägigen Regierungskonsultationen in Maskat am 7. Dezember 2025 in seine Heimat zurückkehrte. Parallel dazu befand sich Lukaschenkas mittlerer Sohn, Dsmitry Lukaschenka, belarusischer Honorarkonsul in Äthiopien und Sonderbeauftragter seines Vaters für Asien- und Afrikaangelegenheiten, zu Regierungsgesprächen in Indonesien. Am 27. Januar 2026 berichtete die emiratische Nachrichtenagentur WAM, dass der älteste Sohn des belarusischen Machthabers, Wiktar Lukaschenka, der zugleich Präsident des belarusischen Olympischen Komitees und persönlicher Nahost-Gesandter seines Vaters ist, den emiratischen Vizepräsidenten Scheich Mansour Bin Zayid Al Nahyan in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), getroffen habe. Nach dem Ausbruch des zweiten Irankrieges erfolgten im April 2026 weitere Besuche Wiktars in der Region: Zwischen dem 3. und 5. April 2026 besuchte Wiktar die Türkei, wo er sich mit dem türkischen Geschäftsmann Bilal Erdoğan traf – einem Sohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Am 22. April 2026 erfolgte ein weiterer Besuch in Oman, gefolgt von einem erneuten Treffen mit dem emiratischen Vizepräsidenten in Abu Dhabi zwei Tage später. Emiratische und omanische Nachrichtenagenturen behaupten, Wiktar habe »private Mitteilungen« seines Vaters an die Anführer beider Golfstaaten übermittelt.
Die Motive der Reise gaben Anlass zu zahlreichen Spekulationen. Belarusische Staatsmedien stellten die Reise als Versuch dar, die angeblich florierenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Belarus und den von Lukaschenka besuchten Ländern weiter zu vertiefen. Belarusische Exilmedien wiesen jedoch auf den minimalen Handel zwischen Minsk und den Gastländern hin und untergruben damit die Argumentation der belarusischen Staatsmedien. Belarusische Oppositionelle im Exil, wie etwa Pawel Latuschka, stellvertretender Vorsitzender des belarusischen Vereinigten Übergangskabinetts, warfen dem belarusischen Autokraten vor, diese angeblichen politischen Reisen als Vorwand zu nutzen, um illegal erworbene Gelder des Lukaschenka-Clans im Ausland zu verstecken und zu waschen. Es gibt jedoch keine konkreten Beweise für diese Behauptung.
Ein weitaus realistischeres Argument, das von Belarus-Experten wie Walery Karbalewitsch vorgebracht wird, ist die Public Relation (PR)-Funktion dieser Auslandsreise: Lukaschenkas jüngste Reise in den Nahen Osten und Nordafrika solle signalisieren, dass der belarusische Staat keineswegs isoliert sei. Im Gegenteil: Er verfüge angeblich neben Europa und Russland über weitere Märkte im Ausland. Lukaschenkas eigene Wählerschaft im Inland wäre somit ebenfalls ein potenzieller Adressat dieser Botschaft.
Ungeachtet der oben genannten möglichen Motive wird übersehen, dass diese Reise viele inhärente Elemente der belarusischen Außenpolitik unter Lukaschenka widerspiegelt. Werden diese Merkmale ignoriert, gehen wichtige Erkenntnisse verloren, die eine umsichtigere deutsche Außenpolitik gegenüber Belarus ermöglichen könnten. Indem diese Analyse auf Minsks bisheriges internationales Engagement verweist, nutzt sie Lukaschenkas Reise in den Nahen Osten und Nordafrika, um die Hauptmerkmale der aktuellen belarusischen Diplomatie hervorzuheben. Dazu gehören: (1) Außenpolitik als Instrument internationaler Anerkennung, (2) die Präferenz für einen personalistischen außenpolitischen Ansatz und (3) proaktive – oft disruptive – außenpolitische Initiativen, um international relevant zu bleiben.
Lukaschenkas MENA-Reise 2025/26 als Spiegelbild der außenpolitischen Ansätze Minsks
Belarusische Außenpolitik als Legitimationsinstrument
Aufgrund des staatlich gelenkten politischen Wettbewerbs im Inland (insbesondere während Wahlen) gestaltet sich der Legitimationsprozess in Autokratien deutlich komplexer als in Demokratien. Umso wichtiger ist es für Autokraten, dieses Legitimationsdefizit durch ihre Außenpolitik auszugleichen.
Im Falle von Belarus haben die manipulierten Präsidentschaftswahlen von 2020 und die darauf folgenden Repressionen dieses Legitimationsproblem verschärft. Viele westliche Staaten zogen ihre Botschafter*innen ab oder pflegen ihre Beziehungen zu Belarus nur noch über sogenannte chargés d’affaires (Geschäftsträger*innen). Aktuelle Beispiele hierfür sind Deutschland und Israel. Diese Situation ermöglicht es den jeweiligen Außenministerien, Lukaschenka nicht formell als Staatsoberhaupt von Belarus anzuerkennen, indem sie ihm kein Beglaubigungsschreiben überreichen, und gleichzeitig ihre diplomatische Präsenz in Belarus aufrechtzuerhalten.
Auch Lukaschenkas jüngste Auslandsreise mit ihren großspurigen Wirtschaftsversprechen reiht sich in das bekannte Muster ein, die belarusische Außenpolitik als Instrument der Legitimation zu nutzen. Wie in Oman, Algerien und Myanmar gab es auch während Lukaschenkas fast 32-jähriger Herrschaft nicht eingelöste Versprechungen über blühende zwischenstaatliche Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Ländern (wie Argentinien, Kuba und Libyen). Jedoch ermöglichen solche Aktionen, erstens, das bereits erwähnte innenpolitische Signal, das solche Reisen senden, beizubehalten. Zumindest bestärkt das Ausmaß, in dem die belarusische Staatspropaganda diese Reisen medial ausschlachtet, diese Annahme. Zweitens erlaubt es dem Regime, seine selbsternannte multivektorale Außenpolitik, die eine ausgewogene Außenpolitik zwischen den verschiedenen globalen Machtpolen anstrebt, zumindest formell aufrechtzuerhalten. Drittens will Minsk sowohl den Europäern als auch den Russen demonstrieren, dass es nicht vollständig von einem der beiden Märkte abhängig ist.
Beide zuletzt genannten Punkte sind auch aus völkerrechtlicher Sicht entscheidend. Sie eröffnen Belarus die Möglichkeit, sich in den Augen der Weltgemeinschaft als angeblich legitimen und autonomen »Global Player« darzustellen. Aufgrund eines sehr inflationären Sprachgebrauchs, insbesondere in der westlichen Medien- und Politiklandschaft, in dem Belarus fälschlicherweise immer wieder als »Vasall«, »Protektorat« oder fast schon als de facto »Föderationssubjekt« Russlands bezeichnet wird (wodurch unbewusst dem kremlschen politischen Narrativ zu seinem »nahen Ausland« in die Karten gespielt wird), können diese außenpolitischen Inszenierungen Minsks auch völkerrechtlich höchstrelevant sein. Im völkerrechtlichen Sinne muss ein politisches Gebilde drei Merkmale erfüllen, um als unabhängiger Staat angesehen zu werden: Es muss im Besitz eines (1) Staatsterritoriums und (2) eines Staatsvolkes sein, über das (3) eine Staatsgewalt ausgeübt wird. In vergangenen Zeiten wurde aus der Montevideo-Konvention von 1933 auch eine vierte Voraussetzung abgeleitet: die Fähigkeit, diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten zu unterhalten. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte kann Lukaschenkas MENA-Reise auch als großangelegtes Legitimationsprojekt angesehen werden, das nicht nur den eigenen Herrschaftsanspruch untermauern, sondern auch die Unabhängigkeit des belarusischen Staates hervorheben soll.
Wie dem auch sei, die erste analytische Schlussfolgerung aus Lukaschenkas MENA-Reise lautet, dass das Lukaschenka-Regime weiterhin nach politischer Legitimität strebt und hierfür auf außenpolitische Initiativen setzt (Element 1).
Die belarusische Außenpolitik als Ausdruck von Lukaschenkas Misstrauen gegenüber dem diplomatischen Berufsstand
Zwei zentrale Entwicklungen der belarusischen Außenpolitik seit Lukaschenkas Machtantritt 1994 sind die zunehmende Personalisierung der Außenpolitik durch Lukaschenka und die Beschneidung der Zuständigkeiten des belarusischen Außenministeriums. In den letzten Jahrzehnten hat sich das belarusische Außenministerium zunehmend zu einem Ministerium für Außenwirtschaft entwickelt. Dies erschwert die Erhebung qualitativer Forschungsdaten zur belarusischen Außenpolitik erheblich. Daher müssen Analysten und politische Akteure Aussagen belarusischer Diplomaten mit äußerster Vorsicht begegnen. Nicht selten handelte Lukaschenka absichtlich im Widerspruch zu den öffentlichen Verlautbarungen seiner Diplomat*innen.
Diese Entwicklung wurzelt in Lukaschenkas ausgeprägtem Misstrauen gegenüber dem diplomatischen Berufsstand und seinem selbstinszenierten Image als »Mann des Volkes« (das mit dem angeblichen bourgeoisen Lebensstil des Diplomatentums kontrastiert). Ein Paradebeispiel ist der sogenannte »Drasdy-Konflikt« von 1998, in dem Lukaschenka die europäischen und amerikanischen Botschaften aus ihren Residenzen im Minsker Vorort Drasdy »vertrieb« und dort seine neue Präsidentenresidenz errichtete. Laut dem belarusischen Machthaber betrieben die Botschaften von diesem Standort aus Spionage gegen Belarus. Diese Haltung ist auch heute noch deutlich erkennbar. Bei einem Treffen mit den Leiter*innen der belarusischen Auslandsvertretungen am 31. Juli 2025 erklärte Lukaschenka offen:
»Verrat und Vetternwirtschaft, unter denen unser Außenministerium seit jeher leidet, haben hier keinen Platz. […] Ich fürchte, sie existieren noch immer irgendwo. […] Ich will ehrlich sein. Ich habe unsere Strafverfolgungsbehörden angewiesen: Jeder Verrat eines Mitarbeiters des Außenministeriums … [kurzes Schweigen Lukaschenkas] … ich will gar nicht erst laut aussprechen [welche Konsequenzen solche ›Verräter‹ zu erwarten haben] (Übersetzung des Verfassers).«
Lukaschenkas jüngste Reise in den Nahen Osten unterstreicht dies zusätzlich. Er machte kein Geheimnis daraus, dass sein ältester Sohn, Wiktar Lukaschenka, und sein jüngster Sohn, Mikalaj Lukaschenka, an den Gesprächen mit dem omanischen Sultan Haitham bin Tariq al-Sa'id teilnahmen. Abgesehen von ihnen nahm kein belarusischer Diplomat an diesem Treffen teil, mit Ausnahme von Lukaschenkas persönlichem Übersetzer, Sjarhej Seljankewitsch – einem engen Vertrauten von Lukaschenkas ältestem Sohn Wiktar.
Interessanterweise zeigen insbesondere die Beziehungen von Belarus zu Oman, dass der belarusische Machthaber selbst anfällig für eine personalisierte Außenpolitik anderer Staaten ist. Dies wird besonders deutlich im fortgesetzten Einsatz des sogenannten »belarusischen Omanis«, Jamal Al Moosawi, durch Maskat. Der omanische Scheich Al Moosawi wurde in Russland als Sohn eines omanischen Vaters und einer belarusischen Mutter aus Retschyza, Belarus, geboren. Er studierte Kulturwissenschaften im Vereinigten Königreich und ist derzeit Generaldirektor des Nationalmuseums in Oman. Maskat nutzt den »belarusischen Omani« wiederholt als wichtigen Verbindungsmann zwischen dem Sultanat und Lukaschenka. Am 6. Oktober 2025, während eines früheren Besuchs Lukaschenkas im Oman, vereinbarte er mit den Omanis, dass Al Moosawi den Bau des neuen Nationalmuseums für belarusische Geschichte in Minsk unterstützen sollte. Am 20. Dezember 2025 erschien Al Moosawi tatsächlich in Minsk, um die Projektplanung zu überwachen.
Dieses Unterkapitel liefert somit drei weitere wichtige Erkenntnisse zur Außenpolitik des Lukaschenka-Regimes: Die belarusische Diplomatie verfolgt einen personalisierten Außenpolitikansatz (Element 2). Insofern bevorzugt sie es, offizielle Kanäle zu umgehen, die üblicherweise über Institutionen wie das Außenministerium geführt werden (Element 3). Darüber hinaus ist Lukaschenka selbst anfällig für einen solchen außenpolitischen Ansatz seiner Partnerstaaten, da er dem diplomatischen Berufsstand zutiefst misstraut (Element 4).
Die belarusische Außenpolitik als Eindringling
Der Autor dieser Analyse hebt häufig den Vorteil hervor, sich bei der Analyse der Autokratien der postsowjetischen Region auf die Forschung zur (post-)sowjetischen organisierten Kriminalität (OK) und deren Funktionsweise zu stützen. Ähnlich wie Autokratien operieren auch OK-Gruppierungen innerhalb hochgradig hierarchischer Strukturen, in denen Informationsasymmetrien zwischen dem Anführer und seinem engsten Kreis fortbestehen. Diese analytische Linse ist hilfreich, um auf ein fünftes Element von Lukaschenkas Außenpolitik hinzuweisen:
Bereits seit der Zarenzeit pflegten die Mitglieder der russischsprachigen OKs nicht nur einen quasi-religiösen Kult um ihren Lebensstil, sondern entwickelten auch eine eigene Sprache, einen Jargon: die sogenannte »Fenja« («феня»). Innerhalb des reichen Vokabulars der »Fenja« könnte ein Jargonbegriff für die weitere Analyse hilfreich sein: »Raswodjaschtschij« («разводящий»). Es gibt keine direkte deutsche Übersetzung für dieses Wort. Der Begriff leitet sich jedoch vom russischen Wort »raswod« («развод») ab, das »Scheidung« oder »Trennung« bedeuten kann. Umgangsprachlich steht er auch für »Betrug«. Ein Raswodjaschtschij ist demnach jemand, der in Konfliktzeiten solche Trennungsakte vollzieht. Der betrügerische Aspekt sollte hierbei jedoch nicht unterschätzt werden, wie unten gezeigt wird.
Hochrangige Mitglieder oder der Anführer selbst übernehmen oft dieses »Amt«. Dieses Phänomen existiert bis heute inner- und außerhalb des postsowjetischen Straflagersystems. Die Hauptaufgabe dieses »Trenners« besteht darin, zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb einer OK-Gruppe zu vermitteln. Die Rolle und die Logik dieses »Quasi-Richters« können jedoch weitaus komplexer sein als oft angenommen wird. Ein Raswodjaschtschij kann diese Rolle nutzen, um seine Position innerhalb seiner OK-Gruppe zu stärken. Da rivalisierende Fraktionen das offizielle Rechtssystem nicht in Anspruch nehmen können (weil die »Traditionalisten« im Gegensatz zu den »Reformisten« der russischsprachigen OK staatliche Autoritäten nicht anerkennen), stützen sie sich verstärkt auf ihren eigenen Kodex (die sogenannten »Ponjatija« («понятия»)). Folglich sind sie auf den Raswodjaschtschij angewiesen, um ihre internen Konflikte beizulegen. Diese Abhängigkeit verleiht dem »Schlichter« oft die Machtposition, im Konflikt das letzte Wort zu haben. Gleichzeitig genießt er im Hintergrund die Gunst beider Konfliktparteien, die häufig versuchen, den Raswodjaschtschij für sich zu gewinnen.
Ein Raswodjaschtschij mit ausgeprägter Machtaffinität beschränkt sich jedoch nicht nur auf laufende Konflikte. Er findet Wege – idealerweise unauffällig –, künstlich Konflikte zwischen den Fraktionen zu schüren und so die Abhängigkeit der rivalisierenden Flügel von ihm zu vertiefen. Anders ausgedrückt: Er schafft Probleme, um zu deren Lösung gebraucht zu werden. Dieselbe Vorgehensweise lässt sich auch auf autokratische Führer im Verhältnis zu ihren Eliten anwenden. Lukaschenka hat mehrfach bewiesen, dass er die Logik des Raswodjaschtschij auch auf internationaler Ebene anwenden kann:
Einerseits scheut Lukaschenka nicht davor zurück, in einem Konflikt auf beiden Seiten zu spielen und die Abhängigkeiten der Streitparteien von sich selbst in bestehenden Konflikten zu vertiefen. Nicht einmal Belarus’ wichtigster Partner, Russland, ist vor Lukaschenkas Doppelspiel sicher. Neben der Unterstützung des ehemaligen Assad-Regimes mit Rüstungstechnologie während des syrischen Bürgerkriegs bestätigten veröffentlichte Recherchen des »Belarusian Investigative Centers« Ende 2024 die seit 2017 bestehenden Annahmen, dass Minsk auch syrische Rebellengruppen mit Waffen versorgte, die nicht nur gegen Assad, sondern auch gegen seine russischen Verbündeten kämpften.
Andererseits hat sich Lukaschenka nie verpflichtet gefühlt, auf eine formelle Einladung zur Mitwirkung an der Lösung aktueller internationaler Konflikte zu warten. Wie ein erfahrener Raswodjaschtschij lebt er nach einem anderen Mantra: Verspricht eine bestimmte politische Konstellation seinem Regime politische Vorteile, erscheint Minsk auch ohne Einladung bei der »Hochzeit«. Dadurch wird Lukaschenka zum Akteur in diversen politischen Geschehnissen und sichert sich einen Platz am Verhandlungstisch bei laufenden oder zukünftigen Konfliktlösungsprozessen. Lukaschenkas 32-jährige Herrschaft liefert zahlreiche Beispiele dieser Art. Diese Analyse beschränkt sich auf die jüngsten, aber immer noch am häufigsten vergessenen Beispiele:
Am 29. Juli 2020, wenige Tage vor der am 9. August 2020 in Belarus manipulierten Präsidentschaftswahl, wurden von belarusischen Sicherheitskräften 33 Söldner der russischen Söldnergruppe »Wagner« in Minsk festgenommen. Laut Lukaschenka bestand ihre Aufgabe darin, im Auftrag des Kremls die innenpolitische Lage in Belarus zu destabilisieren. Der Vorwand war vermutlich erfunden, was auf das tatsächlich sehr angespannte Verhältnis zwischen Lukaschenka und Putin hindeutet. Dem niederländischen Recherchenetzwerk »Bellingcat« zufolge habe Lukaschenka in eine laufende geheimdienstliche Operation der Ukrainer eingegriffen. Angeblich versuchte Kyjiw, die Söldner, denen es Kriegsverbrechen im Donbass vorwirft, nach ihrem Zwischenstopp in Belarus in die Ukraine zu überführen und dort vor Gericht zu stellen. Kyjiw bemühte sich vergeblich, Minsk zur Auslieferung der Söldner zu bewegen. »Wagner-Gate« – wie dieser Vorfall oft im ukrainischen Diskurs bezeichnet wird – verschaffte Lukaschenka letztendlich Verhandlungsmasse gegenüber Kyjiw und Moskau.
Ein weiteres Beispiel im Zusammenhang mit der Wagner-Gruppe ist Lukaschenkas Vermittlerrolle während ihres Aufstands gegen den Kreml im Juni 2023. Ein Teil der Söldnergruppe wurde anschließend in belarusischen Wäldern stationiert und soll an der Ausbildung der belarusischen Streitkräfte beteiligt sein. Gleichzeitig demonstrierte Lukaschenka dem Kreml seine Schlüsselrolle bei der Problemlösung von hochsensiblen Sachverhalten in der russischen Innen- und Außenpolitik.
Erwähnenswert ist auch die künstlich herbeigeführte Migrationskrise an der belarusisch-polnischen Grenze im Winter 2021/22. Schließlich schuf Lukaschenka die politischen Umstände, unter denen die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gezwungen war, zwei Telefongespräche mit dem international in Ungnade gefallenen belarusischen Autokraten zu führen, den die Europäische Union seit den manipulierten Wahlen von 2020 nicht als Präsidenten von Belarus anerkennt.
Demnach lässt sich auch die jüngste MENA-Reise des Lukaschenka-Regimes unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Oman war und ist ein wichtiger Vermittler im andauernden Konflikt zwischen dem belarusischen Verbündeten Iran einerseits und den USA (und Israel) andererseits. Nach der erfolgreichen Tötung des iranischen Obersten Führers Ali Hosseini Khamenei durch Israel am 28. Februar 2026 empfing Lukaschenka am 4. März 2026 den iranischen Botschafter in Belarus, Alireza Sanei, in seiner Residenz. Während seiner Beileidsbekundung bezeichnete Lukaschenka Khamenei-Senior als »Humanisten«. Diese Sentimentalitäten in Richtung Teheran hielten Lukaschenka während des Besuchs des amerikanischen Sondergesandten für Belarus, John Cole, in Minsk am 19. März 2026 nicht davon ab, den Amerikanern seine »Vermittlungsdienste« im wieder entfachtem Iran-Krieg anzubieten. Zugleich betonte er am darauffolgenden Tag die Vermittlungsrolle seines jüngsten Gastlandes, des Oman, was erneut den proaktiven Charakter von Lukaschenkas letzter MENA-Reise hervorhebt. Bemerkenswert ist zudem, dass die Regierungskonsultationen von Lukaschenkas ältestem Sohn Wiktar am 27. Januar 2026 in Abu Dhabi nur einen Tag nach dem Ende der von den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten vermittelten »Friedensgespräche« zwischen der Ukraine und Russland stattfanden (24.–26. Januar 2026), die ebenfalls in Abu Dhabi abgehalten wurden. Seit der zweiten russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 – bei der Minsk dem Kreml logistische Unterstützung leistete – hat Lukaschenka wiederholt betont, dass jede Neuverhandlung über eine europäische Sicherheitsordnung die aktive Beteiligung Belarus’ erfordern müsse. Für Minsk ist es von entscheidender Bedeutung, Sicherheitsgarantien zu erhalten – nicht nur von der NATO und einer kampferprobten Ukraine, sondern auch vor jeglichen zukünftigen Expansionsbestrebungen des Kremls, die sich auch gegen Belarus richten könnten.
In diesem Zusammenhang identifiziert die Analyse ein fünftes Element der belarusischen Außenpolitik unter Lukaschenka: Das Lukaschenka-Regime wartet nicht auf eine formelle Einladung, um sich in globale politische Angelegenheiten einzumischen. Falls nötig, verschafft es sich selbst Zugang zu laufenden internationalen Verfahren, um politisch relevant und involviert zu bleiben – oft zum Nachteil der eigentlichen Konfliktparteien wie es beispielsweise »Wagner-Gate« gezeigt hatte (Element 5). Es wäre jedoch voreilig anzunehmen, dass diese Strategie immer zum Erfolg führt: Ein Raswodjaschtschij vergisst leicht, dass unvorhergesehene Ereignisse (sogenannte »Black Swans«) die eigenen Pläne durchkreuzen können, oder dass das strategische »Wegschauen« von den scheinbar verdeckten Machenschaften des Raswodjaschtschij durch andere involvierte Akteure nicht grenzenlos ist. In diesem Lichte können die Äußerungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 23. Februar 2026 für das belarusische Exilmedium »Zerkalo« gedeutet werden. Nach mehrjähriger diplomatischer Zurückhaltung gegenüber dem Koaggressor Belarus deutete Selenskyj dort nun immer wieder indirekt an, dass das belarusische Regime mit seinem erneuten antiukrainischen Verhalten in den letzten Monaten (Stationierung russischer Oreschnik-Raketensysteme auf belarusischem Territorium) ganz Belarus einem »großen Risiko« aussetze.
Fazit
Diese Analyse untersuchte die jüngste Nahostreise des Lukaschenka-Regimes im Winter 2025/26. Anhand von Beispielen aus vergangenen Interaktionen zwischen Minsk und der internationalen Gemeinschaft wurde aufgezeigt, wie Lukaschenkas MENA-Reise dem bekannten Muster seiner außenpolitischen Ansätze folgt. Die Analyse identifizierte fünf Hauptmerkmale (Elemente) der Außenpolitik des Lukaschenka-Regimes, die als Anlaufpunkt für eine zielgerichtetere deutsche Außenpolitik gegenüber Belarus dienen können:
- Element 1: Das Lukaschenka-Regime setzt auf Außenpolitik, um seine Defizite an politischer Legitimität auszugleichen.
- Element 2: Die belarusische Diplomatie verfolgt einen personalisierten außenpolitischen Ansatz, der auf den belarusischen Machthaber zugeschnitten ist und vorzugsweise von ihm oder seinen Familienmitgliedern eigenständig umgesetzt wird.
- Element 3: Lukaschenka bevorzugt es, offizielle Kanäle zu umgehen, die normalerweise über Institutionen wie das Außenministerium geführt würden.
- Element 4: Gleichzeitig ist Lukaschenka selbst anfällig für einen solchen außenpolitischen Ansatz seiner Partnerstaaten, da er dem diplomatischen Berufsstand zutiefst misstraut.
- Element 5: Das Lukaschenka-Regime wartet nicht auf eine formelle Einladung, sich in globale politische Angelegenheiten einzumischen. Wenn nötig, schafft es sich selbst einen »Zugang«, um international präsent und relevant zu bleiben – oft auf Kosten der eigentlichen Konfliktparteien.
Diese Analyse ist eine gekürzte und aktualisierte Version von: Ginzburg, Boris (2026): How to Attend a Wedding Even Without an Invitation: Lukashenka’s Middle East Tour And Its Meaning for Israel (and Europe). In PSCRP-BESA Reports (Begin-Sadat Center for Strategic Studies). Online: https://besacenter.org/how-to-attend-a-wedding-even-without-an-invitation-lukashenkas-middle-east-tour-and-its-meaning-for-israel-and-europe/